<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Herz IV mit Bonus-Distel

Huhn und Artischocke: Zwei Herzen und ein Viertel Rot

Na, da treffen sich ja zwei: die Artischocke, Königin der Gemüse, an dieser Stelle schon öfters gepriesen, anschließend ihres üppigen Blätterkostüms entkleidet, bis aufs Herz nämlich, und in einem erfrischenden Zitronenbad (die mit der Milch war, glaub ich, die Kleopatra) auf ihre Bestimmung vorbereitet; in diesem Zitronenbad wird die Distelknospe nämlich nicht schwarz vor Trauer, diese Weichherzige. So sagen zumindest die Franzosen, wenn jemand nicht zu menschlicher Härte fähig ist, man hat dann ein cœur d’artichaut – also ein Artischockenherz.

Ja, und ihr Partner diese Woche: das Hühnerherz, Sinnbild für Feigheit, oftmals Ladenhüterware in Supermärkten, gepriesen wohl auch, aber nur wegen des Preises. Rezepte mit Hühnerherzen kursieren im Internet als Hartz-IV-Küche; ich habe zum Beispiel für meine 400 Gramm 2,38 Euro bezahlt.

Dennoch halte ich Hühnerherzen für schwer unterschätzt, sogar solche aus ­herkömmlicher, also nicht unbedingt sympathischer Produktion. Sie legen, dicht gedrängt in ihren Styropor-Särgen, zwar ein wenig den Blick frei auf die unglaublichen Stückzahlen der Hühnerproduktion – hat ja nur ein Herz, jedes Hendl –, aber man kann eh Bio-Herzerln nehmen. Oder Sulmtaler Herzen einfrieren und sammeln, bis sich so ein Ragout ausgeht.
Andere Kulturen haben ein offeneres Herz für den kleinen Muskel: Man steckt ihn in Brasilien auf Spieße, in Indonesien ebenso (und serviert Erdnuss-Sauce dazu), man wirft die Herzen in Currys, und in Italien kriegt man, wenn man Glück hat, noch eine Pasta di finanziera, ein Nudelgericht mit Hühnerinnereien, also Herz, Magen und Leber. Am ehesten wahrscheinlich in den römischen Außenbezirken.

Ich empfehle also Hühnerherzen. Und in Anbetracht des heuer womöglich gar nicht mehr erscheinenden Sommers dürfen sie auch ­etwas wärmer im Sinne der traditionellen chinesischen Ernährungsphilosophie gewürzt werden.

Und jetzt dürfen Sie noch einmal raten, wer als Kind sofort zur Stelle war, wenn der Vater das Sonntagshendl tranchiert hat, damit er es kriegt und niemand sonst. Das einzige. Weil so ein Landhendl der 1970er-Jahre trug es nämlich sogar beim Braten noch am rechten Fleck und nicht im Plastiksackerl zum gleich Wegschmeißen.

klaus.kamolz@profil.at