Hummer und Sorgen

Die ÖVP hat ein Problem. Es heißt Wilhelm Molterer. Der Mann, der die Neuwahlen vom Zaun brach, hat beste Aussichten, sie zu verlieren.

Was hat Wilhelm Molterer eigentlich dagegen, dass Kaviar in Zukunft neun Euro weniger kosten soll? Wäre das nicht ein nachhaltig vertrauensbildendes Signal an den Mittelstand, dessen galoppierende Verarmung inzwischen allenthalben beschworen wird? Gänsestopfleber, Hummer und Jahrgangschampagner zu mehrwertsteuerbereinigten Diskontpreisen – ein gefundenes Fressen wohl doch für all jene, die sich im Würgegriff der Inflation zumindest nach einem kleinen finanziellen Upgrading sehnen! Ist die ÖVP am Ende eine unsoziale Partei, gönnt sie ihrer Klientel, geschweige denn jener der wahlkämpfenden Mitbewerber, kein bisschen Lebensfreude, mag diese fiskalpolitisch noch so abenteuerlich erscheinen? Man muss kein Anhänger von Wilhelm Molterer sein, um ihn in diesen turbulenten Tagen nicht zu beneiden. Die Neuwahlen, die er Anfang Juli im trügerischen Bewusstsein ausrief, eine ohnehin schon heillos schlingernde SPÖ vollends aus dem Konzept zu bringen, dürfte er inzwischen mehr als einmal verwünscht haben. Die Dynamik des Handelns ist ihm längst entglitten, sichtlich ohnmächtig versucht er, den teilweise schwindelerregenden Populismus von Werner Faymann mit hölzernen Appellen an bodenständige Vernunft zu parieren. Ein wenig staatsmännische Souveränität würde ihm dabei sicher nicht schaden, doch wenn Molterer so etwas wie Charisma beschieden sein sollte, dann schottet er es von der Öffentlichkeit nicht minder rigoros ab als sein Privatleben.

Mitgefühl ist keine politische Kategorie, und die ÖVP kann schon aufgrund ihrer nicht nur latent ausländerfeindlichen Plakatkampagne keinen Anspruch darauf erheben. Andererseits hat es etwas nahezu Erschütterndes, eine traditionell mit allen Wassern machiavellistischer Ranküne gewaschene Partei so hilflos strudeln zu sehen. Mit der nicht nur latent schwarzenfeindlichen „Kronen Zeitung“ wird inzwischen ein offener Krieg ausgetragen, und auch wenn die Empörung über ein abgelehntes ÖVP-Inserat nachvollziehbar erscheint, so bleibt davon beim breiten Publikum am Ende nur der Hautgout einer Weinerlichkeit hängen, die auf der Gegenseite wiederum – im Lager Dichand/Faymann – für weidlich triumphale Erheiterung sorgen dürfte.

Mittlerweile steht Molterer der Schrecken über so viel geharnischte Unbill buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Bei der TV-Konfrontation mit Jörg Haider vergangenen Donnerstag riss er abwechselnd die Augen weit auf, als sähe er in einen bodenlosen Abgrund, und lächelte gequält oder zur Unzeit – und wenn er einmal kurz in Fahrt zu kommen schien, variierte er ausgerechnet das Wahlkampf-Mantra von Alexander Van der Bellen: „Mit mir nicht!“ Mit ihm nicht – diese, pathosfrei formuliert, Befürchtung treibt inzwischen wohl auch das ÖVP-Wahlkampfteam um. Zwar bringt Molterer nun seinerseits reichlich populistisches Kleingeld in Umlauf, doch entweder handelt es sich dabei um halbherzige Konter auf neue Zuckerl-Offensiven von Faymann, oder dieser steht nicht an, eine Fremdidee, die ihm gerade in den Kram passt, aufzugreifen und ungeniert mit seinem eigenen Spin zu versehen.

Alle, die Molterer im April 2007 zum neuen Parteichef wählten, hätten genau gewusst, „was er kann und was er nicht kann“, sagt der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer gegenüber profil (siehe Story ab Seite 20): „Er ist kein Showman.“ Vor dem Hintergrund flagranter Panik in der ÖVP liest sich das wie ein Nachsatz des Bedauerns. Der Tiroler Arbeiterkammer-Präsident Erwin Zangerl gibt sich weit weniger diplomatisch: „Mit Wilhelm Molterer steuern wir auf eine Niederlage zu.“
Was der ÖVP bleibt, ist die Hoffnung auf das Gesetz politischer Symmetrie. Vor zwei Jahren, im Strudel des Bawag-Skandals, rechnete niemand mit einem Wahlsieg der SPÖ, und massive Zweifel an der Eignung des Spitzenkandidaten Gusenbauer wurden selbst parteiintern keinesfalls nur vereinzelt geäußert. Warum sollte sich also nicht auch 2008 im Finish noch der Wind zugunsten der Volkspartei drehen? Andererseits: Warum sollte er? Nichts deutet derzeit darauf hin, und der lonely rider Molterer wird gegen das alles planierende Doppelgespann Faymann/Dichand nicht mehr viel ausrichten können. Möglicherweise besiegelt die unselige große Koalition der Jahre 2007/2008 nicht nur das Ende der politischen Karriere von Alfred Gusenbauer, sondern, mit ein paar Monaten Verspätung, auch jener von Wilhelm Molterer. Sollte es dazu kommen, werden beide sich wohl wünschen, sie hätten ihr gemeinsames Lebensprojekt mit etwas mehr Weitsicht verwaltet. Vielleicht gönnen sie sich zum Trost das eine oder andere Löffelchen Kaviar – vorausgesetzt, er wird tatsächlich um neun Euro billiger.