Humor als Angstbewältigung: Wie Michael Niavarani zum Kultkabarettisten aufstieg

Der Halbperser Michael Niavarani ist Österreichs Kabarett-Lipizzaner. Jetzt legte er sein Roman-debüt „Vater Morgana“ vor und beutelt damit noch ein enormes Erzähltalent aus dem Ärmel.

Perser sind eigentlich keine Ausländer. Ausländer, das sind seinetwegen die Türken oder Ex-Jugoslawen. Aber Perser sind Perser. Ein Kulturvolk, eine Zivilisationsmacht. Die mit den siebentausend Jahren Geschichte, das sind die Perser. Und die, die im Jahr 1979, also deutlich nach dem Mittelalter, den Gottesstaat ausgerufen haben und Menschen steinigen, das sind – bitteschön„e-sischer“ – Iraner. Aus unerfindlichen Gründen setzen deutschsprachige Diaspora-Perser nämlich vor nahezu ­jedes Wort ein „e“ und mittendrinnen ein „sch“. Vor Persern muss sich niemand fürchten. Perser zeichnen sich allein schon durch die Grundstruktur ihrer Psyche durch terroristische Talentlosigkeit aus. Hätten Perser mit vier Flugzeugen in Hochhäuser fliegen wollen, wäre ein Happy End nahezu unausweichlich gewesen. Erstens: Sie hätten sich im Vorfeld nie darüber einig werden können, in welches Hochhaus man fliegen soll. Zweitens: Sie hätten ihre Flüge sowieso versäumt. Und jeder Zweite hätte, bevor er nicht mehr in den Flieger gekommen wäre, seine Mutter angerufen – mit zirka folgendem Text: „Hallo, Maman! Wir werden mit Flugzeug in Hochhaus fliegen! Ja, wir werden alle berühmt! Ja, natürlich bin ich der Chef!“

Und das Misslingen der ganzen Aktion wäre natürlich wieder ein Grund gewesen, ausufernd zu essen: Kalle Pahtsche zum Beispiel, ein Gericht aus Lammkopf und Lammfüßen, eingelegtes saures Gemüse, nach Safran und Rosenwasser duftenden Reispudding. Perser müssen nämlich ständig essen. Sie haben ein nahezu erotisches Verhältnis zum Essen. Auch Halbperser. Und solche, die eine österreichische Mutter und einen persischen Vater haben, der als Teppichhändler immer wieder seinen eigenen PR-Kamikaze-Strategien („Trinken Sie einen Tee mit mir, und Sie bekommen drei Seidenteppiche gratis!“) finanziell zum Opfer fiel, ganz besonders.
Michael Niavarani springt auf, das Catering seines Stammpersers „Pars“ aus Wien VIII. ist endlich eingetroffen. Er köpfelt in sein Reisarrangement.

Gestern – Achtung – war er aber auch ganz knapp davor, sich in Innsbruck so eine „Lederhos’n“ zu kaufen, was mit der Tiroler Herkunft seiner Freundin Nina Hartmann noch zu entschuldigen wäre. Familiäre Gelage-Atmosphäre kommt in der kühlen Sachlichkeit eines Sitzungssaals im Wiener Hilton auf, in dem er die PR-Maschinerie für das bizarr-poetische Völkerverständigungsmärchen „Salami Aleikum“ am Rotieren hält. Dort spielt er einen sechzigjährigen persischen Fleischermeister in Köln, dessen bestürzend empfindsamer Sohn das Stricken dem Schlachten vorzieht und ihn damit an den Rand des Wahnsinns treibt. Wie Niavaranis eigener Vater steht auch der Film-Papa Taheri vor dem Ruin seiner Existenz („E-scheische, wigli!“ – „Scheiße wirklich“ auf Dias­pora-Persisch). Und hängt mit der verbissenen Sentimentalität des unfreiwillig entwurzelten Emigranten am Glanz des untergegangenen Schah-Reichs. Eine Eigenschaft, die auch der Vater von Niavaranis Alter Ego Martin Ansari, ­Erzähler des Romans „Vater Morgana“, besitzt, der das Herzstück der todkomischen wie brülltraurigen Familien-Saga darstellt. „Vater Morgana“ (bei Amalthea) ist eine „comédie humaine“ von erzählerischer Wucht, die aus einer Gruppenarbeit von Isaac B. Singer, Groucho Marx und Woody Allen entstanden sein könnte. Wie so oft in Niavaranis 41-jährigem Leben basiert auch die ­Entstehung des Romans auf einem Miss­verständnis.

Ursprünglich wollte der Verlag seine Kabaretttexte abdrucken. „E-scheische, wigli“, dachte sich der Mann, dessen aktuelles Programm mit Viktor Gernot, „2 Musterknaben“, bereits vor der Herbst-Premiere im „Simpl“ restlos ausverkauft war. „Von diesem Ansinnen habe ich natürlich sofort Abstand genommen, denn dann wäre wahrscheinlich aufgeflogen, dass die Texte Scheiße sind, und wir sie halt jeden Abend mit unserer Darstellung vergolden.“ Für den Vorschlag, dann besser eine Autobiografie zu verfassen, hielt er sich mit seinen 41 dann doch für zu jung. Später verwandelte er die Trauer um den 2006 plötzlich verstorbenen Vater in literarische Produktivität. Denn die Tragödie des Verlusts hatte im Leben wie im Roman einen todkomischen Sidekick zur Folge: Die in der gesamten Welt verstreute persische Sippe war sich nämlich einig, dass man die in Boston lebende Großmutter unter keinen Umständen mit dem Tod ihres Kindes konfrontieren dürfe. So wurde über Monate ein fintenreiches Ausredensystem entwickelt, warum der Vater gerade einmal wieder nicht zum Telefon kommen konnte. Irgendwann reichte Niavarani das interkontinentale Camouflagespiel, und er setzte sich in den Flieger. Als er vor der Tür seiner Großmutter stand, war die bereits von Schmerzen gebeutelt. Seine Mutter hatte sie nach seiner Abreise telefonisch vom Tod ihres Sohnes verständigt: „Sie wollte es mir nicht zumuten, die Bürde, diese Nachricht zu überbringen, ganz allein zu tragen.“ Nur ein Jahr sollte die „Oma“, die in dieser Zeit noch einen weiteren Sohn durch Krebs verlor, überleben. Im Roman ist das Leben weitaus großzügiger: In einem Werbespot für Hämorrhoidensalbe im englischen Fernsehen stößt die panische Sippe auf den indisch-jüdischen Doppelgänger des Toten Vikram Rosenblatt, der der Großmutter den verlorenen Sohn vorgaukeln soll. Die Lektüre des Buchs ist ein wunderbares ­Beispiel für die alte Chaplin-Formel ­„Komödie = Tragödie + Zeit“ und hat abgesehen davon zur Folge, dass man sich in der Sekunde ein persisches Kochbuch kaufen möchte. Wenn man nicht schon Mitglied einer solchen chaotischen, hedonistischen und emotional hochtourigen Mischpoche sein kann. „Jaja“, sagt Niavarani mit diesem grundmelancholischen Nougatschmelzblick, der quasi bereits die Viertelmiete seiner Bühnenpräsenz ist, „die Familie ist für uns Perser was sehr Wichtiges. Das sagt sich natürlich auch sehr leicht, wenn man sich aufgrund der Verstreutheit nur alle paar Jahre sieht.“

Midas-Touch.
Die Angst, die ihm beim Verfassen der ersten Seiten im Nacken saß, hat sich ausgezahlt. „Vater Morgana“ landete kurz nach dem Erscheinen auf Platz eins der österreichischen Bestsellerlisten. Der künstlerische Midas-Touch, den Niavarani seit der Übernahme des „Simpl“ 1993 nicht mehr abzuschütteln vermag, lässt ihn so gar keine Salti der Selbstzufriedenheit schlagen: „Ich habe mir in den letzten zwanzig Jahren einen Bonus erarbeitet, den ich auch genieße. Aber man ist natürlich auch ein Gefangener dieses Systems: Alles, was ich tue und sage, ist automatisch für die Leute lustig. Auch wenn ich einmal versuche, ernst und ehrlich zu sein, wird genauso gelacht. Selbst wenn ich bei der ORF-Ratesendung „Was gibt es Neues“ zum Oliver Baier so was sag wie: ,Oida, was war eigentlich genau die Frage?‘, kommt Gelächter.“ „Hearst, Lustiger!“, rufen ihm manchmal Passanten hinterher, oder er hört hinter sich zwei Damen bedrohlich raunen: „Sag, is er des?“ – „Na, der is doch so schiarch!“ – „I sag da, des is er!“ So ist das bei „den Lustigen“: „Die Menschen erliegen der irrigen Annahme, dass man als Berufskomiker nach dem ersten Erwachen bereits zur launigen Doppel-Conférence mit seiner Morgenlatte schreitet.“ Dass das „Simpl“, im Gegensatz zum Rest der Kabarettszene, einer Gelddruckmaschine gleichkommt, ist – bitte nicht – sein Verdienst: „Das war schon immer so. Als ordentlicher Österreicher ist man einmal im Jahr ins ,Simpl‘ gegangen – so wie man eben auch zu den Lipizzanern oder ins Musical fahrt.“„Ich liebe mein Publikum, aber die Leut mag ich nicht“, bringt er das Dilemma eines grundmisanthropischen Publikumslieblings im Doppelprogramm „Gefühlsecht“ mit Viktor Gernot auf den Punkt. Klingt fast ein bisschen tragisch für einen, der nichts lieber wollte als eine Maxi-Böhm-Karriere: „Ich hab immer davon geträumt, auf die Bühne zu gehen, und die Leut schiffen sich bereits an vor Lachen, wenn ich nur auftrete.“ Erreichte Ziele nützen sich eben schnell ab.

Das „Golden Couple“ Viktor Gernot und Niavarani kennen sich seit Mitte der Achtziger aus der legendären Gaukler-Gehschule, dem „Graumanntheater“, einem Wiener Kellertheater mit 30 Plätzen im 15. Bezirk, in dem schauspielerische Nahkampfausbildung, Improvisationsirrsinn und künstlerische Leidenschaft ineinanderflossen. „Er war dort mit Abstand der Begabteste“, erinnert sich der damalige Kollege Christoph Wagner-Trenkwitz, „das war ganz deutlich.“ „Wir haben dort wirklich manchmal das Klischee erfüllt, dass auf der Bühne mehr Leute als im Publikum waren“, erzählt Gernot, der seine über 25-jährige Beziehung mit „Nia“ „wie die eines alten Ehepaars beschreibt – er ist der etwas chaotische Bauchmensch, ich bin der Organisierte, und manchmal wird gestritten, dass die Fetzen fliegen.“ Im Gegensatz zu „Gefühlsecht“, wo die Beziehungskiste das thematische ­Epizentrum stellte, hat sich das Duo bei
„2 Musterknaben“ wieder mehr politisch positioniert. „Was wahrscheinlich mit der Tatsache zusammenhängt, dass wir zwei gerade in sehr schönen Beziehungen stehen“, so Gernot, „und auch in Panik sind, dass die wieder einmal zu Ende sein könnten.“ Gernot musste auch damit leben lernen, „dass der Nia, wenn wir uns einmal privat sehen wollen, zehnmal nicht zum Telefon geht und sich beim elften Mal über meinen Telefonterror beschwert“.

Dass so ein Publikumsliebling im häuslichen Backstage-Bereich durchaus in der Lage ist, die jeweiligen Damen scharf an den Rand des Nervenkollapses zu manövrieren, konnte man im „Seitenblicke“-Magazin nachlesen, wo die Mutter seiner elfjährigen Tochter Hannah Bettina Soriat und diverse andere „Exe“ das Beziehungskästchen öffneten. Nia­varani hat das Stressmanagement, das eine Ex-Hauptfrau, eine klammernde Geliebte und eine hysterische Neben-Maitresse in so einem Männerleben zur Folge hat, in der ORF-Sitcom „Ex“ therapeutisch verarbeitet. Er spricht gerne von diesem „Flop“, paradoxerweise viel lieber als von seinen Erfolgen: „Eine Mega-Brez’n, und ich kann mich nicht einmal auf einen schlechten Regisseur oder Drehbuchschreiber ausreden, weil ich mir eingebildet hab, alles selber machen zu müssen. Das war zu nah am Leben dran, und dort gibt’s einfach kein Happy End.“„Hinter seiner Blödelei schimmert eine Schwermut durch“, kommentiert der Kabarettist Werner Schneyder, „es gibt keinen in Österreich, der menschliche Verhaltensweisen so gnadenlos komisch glossieren kann und dabei auch so offensichtlich unter diesen Verhaltensweisen leidet.“ Die beste Betriebsanleitung für Hobbypsychologen liefert Niavarani selbst in „Gefühlsecht“: „Humor ist die einzige Strategie zur Angstbewältigung, jede Pointe rettet mein Leben.“