Humor: Das Spiel der Ohnmächtigen

Spott als Frustventil: Wenn die Villacher Faschingsnarren Politikern sanfte Grobheiten an den Kopf werfen, wollen das auch diesen Dienstag wieder zweieinhalb Millionen Österreicher sehen.

Der Faschingsdienstag ist ihnen heilig: Am frühen Abend setzen sie sich im Klubhaus zusammen, machen den Schampus auf, naschen vom Heringssalat und drehen um 20.15 Uhr den Fernsehapparat an.

In den folgenden zwei Stunden begutachten die Faschingsnarren von Villach ihr Werk: die Aufzeichnung der Sitzung der Faschingsgilde – auch nördlich des Alpenhauptkamms ein Straßenfeger.

Deftiges und Doofes, Zotiges und Zungenbrecher, Frivolitäten und Fadessen, manchmal neckische und oft dumpfe Anwürfe gegen Politiker und Politik an sich – das ist in Österreich seit Jahrzehnten der Höhepunkt des Faschings, jener in der Draustadt Villach.

Tiefe historische Wurzeln hat der Event nicht. 1955 war der Villacher Drogist Rudolf Horn auf die Idee gekommen, den trüben Nachkriegsalltag durch einen Faschingsumzug zu unterbrechen. Fünf Jahre später, 1960, wurde dem Corso eine Narrensitzung angeschlossen, wie sie damals schon aus Mainz übertragen wurde.

Jauchzten die Mainzer „Helau“, dodelte man sich ab nun in Villach mit „Lei Lei“ an, was sich einer Übersetzung ins Restösterreichische verwehrt: „Lei“ sagt der Kärntner (und mancher Tiroler), wenn er „nur“ meint.
Nur nur?

Längst ist das Fernsehen auch in Villach zu Gast. An drei der insgesamt 16 Narren-Abende im Kongresshaus dreht der ORF seit 1963 seinen Zusammenschnitt. Schon zwei Jahre zuvor hatte die „Kärntner Volkszeitung“ ungeduldig Kameras eingefordert: „Unverständlich, dass das Fernsehen von dieser gelungenen Veranstaltung keine Notiz genommen hat.“

Nachdem das Fernsehen einmal Notiz genommen hatte, wollte es vom Treiben im Süden gar nicht mehr ablassen: Im Rekordjahr 1977, Kabel- und Sat-TV gab es damals noch nicht, saßen 3,8 Millionen Österreich über 14 vor dem Fernsehapparat – bis auf Kranke und Dienstverhinderte also fast alle.

Mit zuletzt 2,1 Millionen Zusehern ist der Villacher Fasching in Nicht-Olympia-Jahren in der Regel die meistgesehene Sendung des Jahres (siehe Kasten Seite 30). Gibt es Olympische Spiele, siegt die Herren-Abfahrt.

Stolz hatte die Lokalpresse im letzten TV-freien Jahr 1962 vermeldet, diesmal habe auch der Herr Landeshauptmannstellvertreter an der Faschingssitzung teilgenommen. Zehn Jahre später reiste fast die gesamte Regierung Kreisky – ausgenommen der Kanzler selbst – an, um sich vor laufender Kamera verspotten zu lassen.

Keckheiten. Denn das hatte sich ja bald herausgestellt: Nicht wegen lahmer Schlüpfrigkeiten oder öder Spitzen gegen Klagenfurt schätzte das Publikum die Schau. Die frechen Anwürfe gegen die Politiker waren es, die das Fernsehvolk liebte, die Keckheiten gegen die da oben, das Anrotzen der Minister, das Verspotten des Parlaments. In den vergangenen Jahren kam noch das Anbellen Richtung Brüssel dazu.

Ganz vorne im Saal werden die Verspotteten platziert, gleich gegenüber der Kamera. Sind sie dran, haben sie sich gefälligst vor Lachen und Schenkelklopfen nicht mehr einzukriegen.

Lei Lei!

„Das ist der Kern des Ganzen“, bestätigt Peter Scheuermann, „Medienminister“ der Faschingsgilde: „Der Narr auf der Bühne darf einmal im Jahr sagen, was sich das Volk denkt.“

Der Ursprung des Karnevals war ein anderer: Im frühmittelalterlichen Rom fand er am Sonntag vor der Fastenzeit statt und zeichnete sich durch vorbeugende kulinarische und sexuelle Exzesse aus.

Den trockenen Lutheranern passte das gar nicht. Die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin erließen ein Karnevals-Verbot, die deutschen Protestanten schlossen sich an. Noch heute wird der Karneval nur in den katholischen Gebieten Deutschlands, wie etwa Köln und Mainz, groß gefeiert.

Seit dem Erwachen des Bürgertums im 16. und 17. Jahrhundert wurde nicht mehr nur gefressen und gehurt, sondern auch Politik nachgeäfft: Für einige Tage übernahmen die Narren die Herrschaft und parodierten die reale Gesellschaft. Weil die Massen das so liebten, waren fürstlichen Finsterlingen aller Epochen selbst bei frecher Kritik die Hände gebunden.

In Villach ist der Fasching heute noch Sache der Bürger und Honoratioren: Der „Apotheker“ Alexander Telesko ist tatsächlich einer, der „Nachzipfer“ Hannes Höbinger Deutschprofessor, „Noste“ Manfred Obernosterer Hauptschullehrer. „Bühnenarbeiter“ Helmut Binter ist in Wahrheit der Chef des Kongresshauses.

Der Villacher Jokus geht von einigen Grundannahmen aus: Frauen keifen, Männer sind entweder Testosteronkübel oder impotent; Bauern sind subventionsgeil, Handwerker teuer und faul, Politiker habgierig und blöd. Blöder noch sind manche Ansichten über Politiker: „I weiß net, wie da Fischler in der EU glänzen soll, wo er keinen Schimmer hat“, wird im heurigen Programm mattes Wortspiel über sachlichen Gehalt gestellt.

Witzige Kalauer. Die meisten Scherze sind aber von anrührender Harmlosigkeit. Manchmal wie aus dem Reimebuch für Vorschüler („Es sterben bald alle Käfer/ aber für die Grünen kandidiert die Glawischnig Eva“); bisweilen uncharmant („Von hinten schaut die Lisl Gehrer/ aus wia a dicker Briefbeschwerer“); oft ein wenig dünn („Vorarlberg hat die interessantesten Gewässer: den Bodensee und den Gorbach“).

Freilich sind auch nicht unwitzige Kalauer dabei. „Der Schüssel mag das Internet nicht, weil so viele Links drauf sind“, konstatiert etwa der „EU-Bauer“. „Der Haider wurde von einem blendenden Redner zum redenden Blender“, ätzt der „Apotheker“. „Ja der Jörgi. Früher war er gut“, seufzt der „Noste“ und landet damit den wirksamsten Schwinger des Abends.

Ölig wird es, wenn die Moderatorin Anleitungen zum Klatschen gibt: „Die Hände eine auf die andere legen und nicht auf den Schenkel der Dame daneben.“

Kreisky kam nie. War’s früher wilder? Hat der Villacher Fasching mit seiner Etablierung an Biss verloren?

„Der Kreisky hat mehr Nazi in seiner Regierung wie damals der Seyss-Inquart“, hieß es bei der Faschingssitzung 1971, und die Kamera zoomte auf den jungen, heftig zwangslachenden Hannes Androsch.

Kreisky selbst kam nie. Auch Fred Sinowatz war nicht da (der „Apotheker“ 1983: „Ein burgenländischer Pfadfinder, der seinen Rucksack verkehrt umg’schnallt hat“). Franz Vranitzky kam Anfang der siebziger Jahre als Androsch-Sekretär, Anfang der achtziger Jahre als Bankdirektor und 1998 als Ex-Bundeskanzler nach Villach.

In seiner Amtszeit machte er einen Bogen um die Kärntner Scherzkübel. Dabei gingen die ohnehin schonend mit ihm um: „Unsern Herrn Bundeskanzler ham s’ am Golfarm operiert“, hieß es etwa 1993.

Andere wurden im selben Jahr grober angefasst: Ein „Scherz“, in dem die damalige Frauenministerin in Verbindung mit einem „Sextest“ vorkam, sorgte für größeren Wirbel. „Das war mir damals auch zu tief, das habe ich bedauert“, erinnert sich Villachs Bürgermeister Helmut Manzenreiter an die Beleidigung seiner Genossin Johanna Dohnal. Der Sozialdemokrat ist seit 1987 im Amt. Im Vorjahr wurde er bei der Bürgermeister-Direktwahl mit 66 Prozent wiedergewählt.

Manzenreiters Popularität fußt nicht im Faschingstreiben: In seiner Amtszeit wurde die 57.000-Einwohner-Stadt von einem Eisenbahnknoten zu einem interessanten Industriezentrum. Beim Siemens-Abschössling Infineon gibt es heute 2500 hochwertige Arbeitsplätze. Beim Infineon-Spin-off SEZ – börsenotiert in Zürich – werken weitere 370 Villacher. In einem Mikroelektronik-Cluster mit den Zielmärkten Italien und Slowenien kooperieren steirische und Kärntner Unternehmen.

Entsprechend wählten Manager den Bürgermeister in einer vom „Kärntner Monat“ durchgeführten Umfrage zum wirtschaftskundigsten Politiker Kärntens. Wirtschaftslandesrat Karl Pfeiffenberger (FPÖ) landete an 15. und letzter Stelle. Gastronomie und Hotellerie Villachs profitieren am meisten vom Fasching, dessen Reingewinn Vereinen zwecks Finanzierung des Umzugs zufließt.

Politisch rein. Die Aktivisten der Villacher Faschingsgilde dürfen zwar über Politik und Politiker witzeln, politische Ämter dürfen sie nicht ausüben. Die Russwurm- und Kiesbauer-Imitatorin Tanja Karl wurde vergangenes Jahr am ÖVP-Ticket in den Gemeinderat gewählt und darf seither nicht mehr mitspielen.

Just im cleanen Vorarlberg sind die Sitten nicht so streng. Vizekanzler Hubert Gorbach etwa trat zuletzt vor zwei Wochen beim „Ehrenzunftrat Altenstadt“ als Büttenredner auf. Bei der „Närrischen Riebelzunft Frastanz“ nahm er jahrelang den Posten des „Burggrafen“ ein, der nach der faschingsgemäßen Absetzung des Bürgermeisters für einen Tag die Macht übernahm.

Ähnliches soll es auch schon in der FPÖ gegeben haben.

Das Büttenreden habe er immer geliebt, sagt Gorbach: „Man ist in einer Rolle, das macht es leichter, gewisse Wahrheiten zu transportieren.“

Darin sieht der Psychologe Andreas Kienzl, Österreichs erster „Humortherapeut“, auch die Wellness-Funktion des Faschings: „Er ist die Auszeit, in der der kleine Mann unter dem Schutz einer Maske alles darf. Das Auslachen eines Mächtigen findet von der Gesellschaft autorisiert statt.“

Der habe sogar etwas davon, meint Kärntens „Faschingsprinz“ Reinhard Eberhart, der divese Faschingszeitungen gestaltet und 1994 mit seiner „Besten Partei“ bei den Landtagswahlen antrat: „Ein Politiker, über den im Fasching nicht hergezogen wird, der muss eh nachdenken.“

Heuer wurde der Villacher Fasching sogar selbst zum (medien)politischen Thema. Die „Kleine Zeitung“ hatte angefragt, ob sie zur Feier ihres 100. Geburtstags 500 Karten kaufen könne. Die Gilde entsprach dem Wunsch, obwohl das Maximalkontingent normalerweise bei 80 Stück liegt.

Die Rache des Lokalrivalen „Kronen Zeitung“ folgte auf dem Fuß. „Fad, fader, am fadesten“, hieß es in der „Krone“-Kritik über die Faschingssitzung: „Ohne Biss, kreuzbrav mit verstaubtem Schmäh.“

Ein noch schwererer Gegner wartet am kommenden Dienstag. Während in ORF 2 die Villacher Faschingssitzung übertragen wird, läuft im Einser das Champions-League-Match Bayern-München gegen Real Madrid.

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