Hunde: Herrlmenschen & Trümmerlfrauen

Kindersatz, Konsumfaktor und Hassobjekt: Kein Haustier polarisiert die Gesellschaft so sehr wie der Hund. Das Psychogramm einer nicht ganz neurosenfreien Beziehung.

Wenn der Herr im Feinripp seine kalbsgroße Dogge ganz lieb hat, tollen die beiden innig umschlungen und wild schnaufend auf dem Matratzenlager herum. Die ältere Dame mit dem beruhigenden Blick liest ihren putzigen Fellknäueln am liebsten erbauliche Prosa mit moralischem Mehrwert vor. Die zwei Herren aus der desolaten Männer-WG sparen sich den Tierarztbesuch für den Liebling derweil von der Gasrechnung ab.

Vielfältig ist des Österreichers „Tierische Liebe“, von Ulrich Seidl in seinem gleichnamigen Film schon vor zehn Jahren mit verschärftem Blick porträtiert. Erbarmungslos wird da das durchaus neurotisch durchsetzte Beziehungsgeflecht zwischen Hund und Mensch entwirrt. Denn zu keinem Haustier pflegt der Mensch eine derart innige Beziehung wie zum Hund. Und kein Haustier hasst er mit einer solchen Inbrunst.

Rund 640.000 Hunde werden in Österreich gehalten, fast eine Million Menschen leben gemeinsam mit Hunden. Das Wiener Institut für die interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung schätzt, dass jährlich 680 Millionen Euro in die Hundehaltung und -pflege fließen. Nicht jeder Hundehalter beschränkt sich dabei aufs Notwendigste. Im Gegenteil. Der Hundekult treibt die seltsamsten Blüten.

Otto Lichtenberger, Hundecoiffeur in der Wiener Innenstadt mit prominentem Kundenstamm, zu dem auch ein saudischer Prinz zählt, berichtet von Kundinnen, die ihre Lieblinge vorzugsweise mit edlen Torten füttern. Es gebe aber auch solche, die gleich mehrere Gouvernanten beschäftigten, um das hündische Wohlergehen nur ja sicherzustellen. Auch Gerda Rogers, Astrologin und begeisterte Hundenärrin, lässt sich die Liebe zu ihrem Haustier einiges kosten. Die Herzschwäche ihrer Liesi lässt sie vom renommierten Kardiologen behandeln, jeden zweiten Tag kommt der Tierarzt zur Behandlung vorbei, mehrmals pro Nacht muss das altersschwache, gehbehinderte Tier an die frische Luft gebracht werden – eine Strapaze, die Rogers gern auf sich nimmt: „Mit dem Hund habe ich mein Lebensglück gefunden. Er ist Teil der Familie.“

Die Zeiten, in denen Hunde noch gewöhnliche Nutztiere waren, sind nämlich längst vorbei: Ob Hundehotels, Hunde-Yoga (im Fachjargon: Doga), Felltattoos oder Bachblütentherapien – mit der fortgesetzten Ausweitung des kaninen Freizeit- und Konsumangebots werden sich der Mensch und sein sprichwörtlich bester Freund immer ähnlicher. Aber warum gerade der Hund? Warum kommt niemand auf die Idee, seinen Wellensittich zum Psychologen zu schicken, wie es für Hunde bald schon zum guten Ton gehört? Warum wurde ausgerechnet der Hund zum bevorzugten Familienmitglied in Tierform?

Menschwerdung. Eine mögliche Erklärung liefert die Verhaltensforschung. Schon Konrad Lorenz stellte einst das Diktum auf, dass es „Tiere, Menschen und Hunde“ gäbe, dass der Hund im Tierreich also eine gewisse Sonderstellung innehabe. Begründet sei diese Sonderstellung in der langen gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund: Neueren archäologischen Erkenntnissen zufolge bilden beide schon seit bald 100.000 Jahren eine nachhaltige Lebensgemeinschaft und haben in dieser Zeit eine Art von gemeinsamer Evolution durchgemacht. Nicht unähnlich dem Menschen ist ja auch der Hund so etwas wie ein kultivierteres Wildtier.

Der Wiener Wissenschaftstheoretiker Erhard Oeser kommt in seinem Buch „Hund und Mensch“ in diesem Zusammenhang gar zu dem Schluss, dass der Hund eine wesentliche Rolle gespielt habe „bei der Menschwerdung des Affen“: Frühmenschen und die Vorfahren des heutigen Haushundes hätten Jagdgemeinschaften gebildet, und erst durch die Erfahrungen mit den sozial beschlagenen Rudeltieren hätte der Mensch gelernt, dass es Sinn macht, nicht nur an den eigenen Vorteil zu denken, sondern sich gemeinschaftlich zu organisieren. Seine soziale Intelligenz – und damit die Vorbedingung für die Bildung von Stämmen, Gemeinden und Nationen – hätte der Mensch gewissermaßen vom Hund erworben.

Martin Rütter, „der Star unter den deutschen Hundetrainern“ („Welt am Sonntag“), erklärt die Beliebtheit des Hundes damit, „dass er es von seiner Natur her gewohnt ist, in ganz ähnlichen sozialen Verhältnissen zu leben wie wir Menschen. Hundegruppen sind hierarchisch strukturiert, es gibt klare Rollenverteilungen.“ Kurz: Der Hund ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Familientier, das obendrein, wie Rütter betont, „dem Menschen ein klares Feedback gibt, dass es sich bei ihm wohl fühlt“.

Diese angeborene Neigung zum Sozialen hat den Hund zu dem werden lassen, was er heute ist: Spielgefährte, Kuschelpartner, Kindersatz. „Ich bin jetzt 37, berufstätig und habe keine Kinder“, sagt Sabine Baar-Baarenfels, Wiener PR-Unternehmerin. „Da ist der Hund sicher so was wie ein Ersatz.“ Vor einem Jahr hat sie ihre Gina in Süditalien entdeckt („Sie hat mich angeraunzt, und das war’s auch schon“), seitdem ist der Jagdhundmischling praktisch rund um die Uhr bei ihr „und bringt mein Herzchen zum Strahlen. Ich rede ja auch mit ihr wie mit einem Menschen. Ein bisserl absurd ist das schon.“

Nicht, wenn es nach Reinhard Mut geht. Seit knapp zwei Jahren darf sich der 48-Jährige als erster „staatlich anerkannter Tierverhaltensenergetiker“ bezeichnen. Soll heißen: Mut ist Hundeflüsterer. „Ich habe eine wirkliche seelische Verbindung zu Hunden“, erklärt der gelernte Heilmasseur, der schon in seiner Kindheit immer wieder in der heimatlichen Hundehütte übernachtet hat und heute in seiner Praxis im neunten Wiener Gemeindebezirk verhaltensgestörte Hunde behandelt – durch gutes Zureden, beruhigende Musik (besonders wirksam: Mozart) und Bachblütentherapien. Die Reizüberflutung in der Stadt mache seinen Patienten besonders zu schaffen, meint Mut, viele hätten aber auch ganz alltägliche Familienprobleme: „Die sind eifersüchtig, weil das Frauli einen neuen Partner hat oder ein Baby in die Familie kommt.“ Daneben gebe es aber natürlich, wie beim Menschen eben auch, Hunde, „die ganz einfach einen Vogel haben“.

Charakterfragen. Ob es sinnvoll ist, Haustiere auf diese Weise zu vermenschlichen, mag bezweifelt werden. Zwar hat Samuel Gosling, Psychologe an der Universität von Texas in Austin, in einer groß angelegten Studie Hinweise darauf vorgelegt, dass Hunde tatsächlich empirisch messbare Persönlichkeiten haben. Trotzdem bleibt die Frage, ob man der tierischen Psyche mit menschlichen Begriffen beikommen könne. In der alltäglichen Praxis sind die meisten Hundehalter über solche Bedenken freilich schon lange hinweg: Klar hat so ein Tier einen ganz eigenen Charakter, fühlt Freud und Leid wie ein richtiger Mensch. Darum wird er auch verhätschelt und behandelt wie ein Kind, darf mit Frauchen und Herrchen im Bett schlafen und bekommt das gleiche Essen wie die Restfamilie. Ein Konzept, das durchaus auch Gefahren birgt.

Denn wird der Hund nicht wie ein Hund behandelt, verliert er schnell den Überblick über seinen Platz in der Rangordnung, wird unruhig und – im Extremfall – verhaltensgestört. Das erklärt auch, warum der Großteil der rund 6000 Hundebisswunden, die in Österreich alljährlich behandelt werden müssen, keineswegs von den viel zitierten „Kampfhunden“ verursacht wird. Statistisch betrachtet sind Labradors und Dackel nämlich gefährlicher als Bullterrier und Dobermänner. Dass nur einige wenige Hunderassen zur Aggressivität neigen, ist nicht viel mehr als eine fromme Mär. „Kampfhunde“ in dem Sinn gibt es nicht. Auch ein Golden Retriever kann, bei entsprechender Behandlung, zum Killer werden. Und nicht jeder Pitbull frisst Kinder.

Die periodisch auftretenden Versuche, bestimmte Hunderassen zu verbieten, hält Hundetrainer Martin Rütter für dementsprechend sinnlos. Das Problem liege bei den Haltern: „Es kann sich ja wirklich jeder, völlig unkontrolliert, einen Hund anschaffen. Wer angeln will, muss einen Angelschein machen, Prüfungen ablegen und Gebühren zahlen. Ich finde es ja schön, dass Fische artgerecht gefangen werden. Aber Angler sind nicht unbedingt eine Bedrohung für die Gesellschaft. Manche Hundehalter aber sehr wohl.“

Hundeführerschein. In Wien wurde, um diesem Problem beizukommen, mit Jahresbeginn ein so genannter Hundeführerschein eingeführt. Wer sich und seinen Hund einer theoretischen und praktischen Prüfung unterzieht, spart sich im Folgejahr die Hundeabgabe. Wird ein Hund auffällig, können die Amtstierärzte eine verpflichtende Prüfung vorschreiben.

Dass seine Mimi jemals in diesem Sinne „auffällig“ werden könnte, kann sich Wolfgang Rieder nicht vorstellen: „Sie benimmt sich wahnsinnig gut. Weil sie gut erzogen ist. Streng, aber mit den notwendigen Freiheiten.“ An die Leine nimmt der Architekt die französische Bulldogge deshalb auch nur sehr sporadisch: „Das Bisschen ziviler Ungehorsam muss drin sein.“ Ausgesprochen konsequent wiederum geht er das zweite große Thema der urbanen Hundehaltung an: „Was mich wirklich maßlos ärgert, ist die Scheiße auf der Straße.“ Womit Rieder alles andere als allein ist. Seit Jahrzehnten tobt der lokalpolitische Kampf ums Hundstrümmerl, eine Lösung ist – trotz der rührigen Bemühungen der legendären „Hundstrümmerlkommission“ im Rathaus – nicht in Sicht. Bis zu 23 Tonnen Hundekot fallen in der Bundeshauptstadt täglich an, die, fragt man Hundegegner, so gut wie ausnahmslos auf Gehwegen und in Parkanlagen landen und es vielerorts verunmöglichen, erhobenen Hauptes durch die Stadt zu gehen.

Dass es sich dabei aber, wie gern gemutmaßt wird, um ein spezifisch wienerisches Problem handeln würde, stimmt nicht. Zwar haben sogar Großstädte wie New York (das Mekka der Hunde-Neurotiker) die Trümmerlfrage dank drakonischer Strafen und rigider Kontrollen in den Griff bekommen. In Berlin hingegen wird die entsprechende Verordnung ebenso wenig exekutiert wie in Wien – hier wie da mit dem Hinweis auf die Unverhältnismäßigkeit des Vergehens. So wird das Gassigehen eben weiterhin wörtlich ausgelegt. Schließlich sind Hundebesitzer, nach einem berühmten Diktum Kurt Tucholskys, ja auch „die rücksichtslosesten Menschen auf der Welt“. Für ihre vierbeinigen Freunde hatte der Schriftsteller übrigens auch ein entsprechendes Urteil in petto: „Der Hund ist ein anachronistisches Wesen. Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn als barbarisch abschaffen.“

Von Sebastian Hofer