„Hunde lernen die Regeln“

Der Budapester Verhaltensforscher Ádam Miklósi über die besondere Intelligenz des Hundes.

profil: Sie befassen sich mit der Erforschung der Intelligenz von Hunden. Was haben Sie zuletzt herausgefunden?
Miklósi: Wir publizieren drei bis vier Studien pro Jahr. Wir wissen, dass Hunde lernen können, menschlichen Gesten und Fingerzeigen zu folgen, oder dass sie Kommandos auf Videobildern befolgen, auf denen ihr Besitzer zu sehen ist.
profil: Was macht die Intelligenz des Hundes einzigartig?
Miklósi: Zunächst muss man sagen, dass Intelligenz die Fähigkeit eines Individuums ist und das Ergebnis seiner Gene sowie der Umgebung, in der es sich entwickelt hat. Man darf nur die Intelligenz von Individuen derselben Spezies vergleichen. Der Grund ist, dass jede Art sich ihrer Lebensumgebung anpasst. Verschiedene Umgebungen prägen verschiedene Fähigkeiten aus. Deshalb ist es nicht korrekt zu fragen, ob Hunde klüger als Schimpansen sind. Sie sind einfach verschieden, weil sie sich an verschiedene Umgebungen angepasst haben, und das schließt die Fähigkeit ein, in der Nähe des Menschen zu leben.
profil: Und dies haben vor allem Hunde?
Miklósi: Wir denken, dass Hunde ganz spezielle Fähigkeiten haben, die sich in einem Verhaltenswechsel widerspiegeln, als die frühen Hunde von wilden Tieren zu Gefährten des Menschen wurden. Das zeigt sich unter anderem darin, dass Hunde dafür prädestiniert sind, vorzugsweise ins menschliche Gesicht zu sehen und dieses in komplexen sozialen Situationen als potenzielle Informationsquelle zu nutzen. Wir erforschen auch soziales Lernen zwischen Menschen und Hunden.
profil: Ähnelt sich die Intelligenz von Menschen und Hunden?
Miklósi: Die Intelligenz von Hunden hat einige ähnliche Merkmale wie die des Menschen, besonders in sozialer Hinsicht. Beispielsweise sind Hunde gut darin, Gesten oder Blicke zu deuten. Ebenso können sie ihre Absichten gut ausdrücken, und sie verwenden recht differenzierte Signale der Kommunikation. Wenn ein Problem gelöst werden soll, bevorzugen es Hunde, wenn der Mensch es löst. Es ist eine durchaus kluge Verhaltensweise, andere etwas für sich tun zu lassen. Hunde zeigen das, indem sie uns anstarren, berühren oder bellen.
profil: Wie erforschen Sie solche Verhaltensmuster?
Miklósi: Eine Aufgabe war, verstecktes Futter in einem von zwei Behältern zu finden, wobei die Hunde nicht riechen konnten, in welchem es war. Bei dem Versuch haben wir durch Gesten angezeigt, in welchem Behälter sich das Futter befindet.
profil: Welche Situationen bewältigen Hunde schlechter als andere Tiere?
Miklósi: Schimpansen sind zum Beispiel sehr gut bei der Handhabung von Gegenständen. Hunde können das kaum. Dagegen lernen Hunde relativ leicht die Regeln des alltäglichen Zusammenlebens mit Menschen. Für andere Tiere wie Katzen ist das weitaus schwieriger.
profil: Was sind die Ursachen für diese Besonderheiten?
Miklósi: Die heutige Annahme ist, dass die Hunde vor 30.000 bis 15.000 Jahren domestiziert worden sind. Der heutige Hund entstand als Resultat einer Interaktion zwischen Menschen und Wölfen. Es ist wahrscheinlich, dass die beste Erfindung dieser Tiere war, vom Menschen zurückgelassene Nahrung zu nutzen. Um vom Menschen toleriert zu werden, mussten sie Aggressionspotenzial abgeben. Und die Tiere mussten Sensibilität gegenüber vielen Aspekten menschlichen Verhaltens entwickeln.
profil: Auf welche Schwerpunkte konzentrieren Sie sich derzeit?
Miklósi: Wir arbeiten am Verständnis vokaler Aspekte der Kommunikation zwischen Hunden und Menschen. Und wir sind an der Entwicklung der Anhänglichkeit von Hunden interessiert, insbesondere im Vergleich zu sozialisierten Wölfen.