Hypo-Chef Kranebitter: „Zug um Zug zu Geld machen“

Hypo-Chef Gottwald Kranebitter mit profil-Redakteuren Michael Nikbakhsh und Ulla Schmid

Warum Hypo-Vorstand Gottwald Kranebitter den Ausdauersport bevorzugt, auf ein „Abenteuer“ beim Verkaufsprozess ­verzichten kann und nicht sicher ist, ob das bei der Verstaatlichung eingesetzte Steuergeld zurückkommt.

Interview: Michael Nikbakhsh, Ulla Schmid

profil: Herr Kranebitter, Sie haben am 1. April 2010 den Vorstandsvorsitz der Hypo Alpe-Adria übernommen. Sie stehen damit seit einem Jahr einer Bank vor, die fast ausnahmslos negative Schlagzeilen produziert. Schon daran gewöhnt?
Kranebitter: Ich habe ein paar graue Haare mehr bekommen, aber ich bin motivierter als vor einem Jahr. Das hat auch damit zu tun, dass ich das Jahr genutzt habe, um die Bank und deren Mitarbeiter intensiv kennen zu lernen. Ich würde mal sagen: Die Heraus-forderung ist eine ähnliche wie im Sport, ich war nie ein Sprinter, sondern immer Ausdauersportler, und das hilft. Ich glaube, ganz nach Fontane: Mut ist gut, Ausdauer ist besser.

profil: Im Jahr 2008 hat die Bank 518 Millionen Euro versenkt, 2009 waren es 1,55 Milliarden und 2010 immer noch 1,05 Milliarden Euro. Ergibt in Summe 3,1 Milliarden Euro in nur drei Jahren. Wie viel Geld muss eine Bank eigentlich verbrennen, ehe nichts mehr davon übrig ist?
Kranebitter: Das ist eine berechtigte Frage. Der neue Vorstand ist 2010 angetreten, um das Haus auf neue Gleise zu stellen. Das ist auch größtenteils gelungen. Es war allen Beteiligten klar, dass es die Hypo in ihrer Struktur vor der Notverstaatlichung nach der Restrukturierung nicht mehr geben würde. Die Bank musste völlig neu ausgerichtet werden. Das ist -passiert. Wir haben jetzt diese klare Ausrichtung. Die notwendigen Aufräumarbeiten 2010 und die daraus entstehenden Verluste waren eine -Bereinigung der Vergangenheit und Grundlage für die geplante teilweise Reprivatisierung. Jetzt muss es gelingen, auch in Fahrt zu kommen.

profil: Wahr ist aber doch, dass die Bank seit 2008 nicht nur nicht mehr gewachsen, sondern vielmehr stark geschrumpft ist. Auch im vergangenen Jahr hat sich daran wenig geändert. Ihr Eifer in Ehren, aber wir haben das Gefühl, dass hier seit Monaten wenig mehr geschieht als die stete Ankündigung: Wir sind bald so weit.
Kranebitter: Das müssen Sie differenzierter sehen. Wichtig ist zunächst, dass die Bank vollkommen neu ausgerichtet wurde. Wir haben heute vier sauber voneinander abgegrenzte Teile. Da wäre zunächst einmal die österreichische Bank, ein auf dem Kärntner Heimmarkt großes und wichtiges Geldinstitut. Wir rechnen damit, diesen Bereich ehestmöglich reprivatisieren zu können. Der zweite Teil ist die italienische Tochterbank, die historisch profitabel war und ist. Ich gehe davon aus, dass auch dieser Teil in den kommenden 24 Monaten unter ein neues Dach kommt. Der dritte Teil ist das Südosteuropa-Netzwerk, bereinigt um die problembehafteten Leasinggesellschaften. Ehe wir hier von Verkauf reden, müssen wir dieses Geschäft profitabler machen, als es heute ist. Österreich hat ja gemäß den EU-Auflagen maximal fünf Jahre Zeit, um zu reprivatisieren, also bis Ende 2014. Der vierte Bereich schließlich umfasst das, was wir den Abbauteil nennen. Darin wurden all jene Assets zusammengefasst, die der Bank so große Probleme beschert haben. Das reicht von den Immobilien- und Projektfinanzierungen bis zu Industrie- und Tourismusbeteiligungen. Die wollen wir Zug um Zug zu Geld machen. Wir haben das ehrgeizige Ziel, das in etwa vier Jahren zu schaffen.

profil: Wir rekapitulieren: Sie wollen nach Möglichkeit das gesamte Geschäft in Österreich, Italien und Südosteuropa verkaufen und unabhängig davon die Altlasten bereinigen …
Kranebitter: Wir werden nicht um jeden Preis verkaufen, aber wir treiben die Veräußerungsprozesse voran.

profil: Das heißt, die Bank wird zerschlagen?
Kranebitter: Die Bank wird in gut abgrenzbare, auch heute schon selbstständig agierende Einheiten aufgeteilt, die anschließend verkauft werden sollen.

profil: Das heißt, die Bank wird also zerschlagen.
Kranebitter: Dass die Bank neu aufgeteilt werden muss, ist weder überraschend noch neu.

profil: Für uns schon.
Kranebitter: Das entspricht den Vorgaben der EU und der Republik an den Vorstand und Aufsichtsrat. Die Hypo Alpe-Adria zu ihrem größenmäßigen Höhepunkt am 31. Dezember 2008 wird es in Zukunft nicht mehr geben.

profil: Sie haben das Österreich-Geschäft bereits mehreren inländischen Mitbewerbern informell angedient. Das Interesse sei, wie man so hört, noch enden wollend.
Kranebitter: Das ist eine Frage des Wettbewerbs und der Preisbildung. Wir wollen den Verkauf zwar zügig umsetzen, andererseits aber eine Wettbewerbssituation schaffen. Das tut dem Preis gut. Die Vorsondierung erfolgt, um sicherzugehen, dass wir einen Verkauf auch tatsächlich über die Bühne bringen können. Wir stürzen uns da nicht in ein Abenteuer. Wir gehen erst in einen offiziellen Verkaufsprozess, wenn wir uns sicher sind, dass ein Verkauf auch gelingen kann.

profil: Wie viel Geld wollen Sie denn für den Österreich-Teil sehen?
Kranebitter: Ein potenzieller Bieter müsste bereit sein, den Buchwert des Eigenkapitals abzugelten.

profil: Und wie hoch ist der Buchwert des Eigenkapitals in der Hypo Österreich?
Kranebitter: 140 Millionen Euro.

profil: Die Republik Österreich hat 2008 erstmals 900 Millionen Euro an Staatshilfen in die Hypo Alpe-Adria eingestellt, die eigentlich mit acht Prozent im Jahr zu verzinsen gewesen wären. Da die Bank dieses so genannte Partizipationskapital seither nicht bedient hat, sind dem Budget bereits 180 Millionen Euro entgangen. Im Zuge der Notverstaatlichung Ende 2009 musste der Bund weitere 450 Millionen Euro zuschießen, das Land Kärnten 200 Millionen Euro. In Summe hat die Bank also direkt und indirekt 1,7 Milliarden Euro an Steuergeldern in Anspruch genommen. profil hat in diesem Zusammenhang bereits vor Monaten Zweifel geäußert, dass das Geld jemals wieder hereinkommt. Was sagen Sie dazu?
Kranebitter: Ich glaube, man muss in dieser Frage auf dem Boden bleiben. Vordringlich ist, die Haftungen des Landes Kärnten und des Bundes nicht schlagend werden zu lassen. Die Bank muss bis 2017 öffentlich garantierte Finanzierungen von insgesamt 20 Milliarden Euro zurückzahlen. Erst -danach stellt sich die Frage, wie viel die -öffentliche Hand von ihren eingesetzten Geldern zurückbekommt. Unser Ziel ist es, möglichst viel davon wieder hereinzuspielen. Wir wollen ja, wie gesagt, die drei -guten Einheiten Österreich, Italien und Südost-europa in den nächsten Jahren ver-äußern und gleichzeitig den Abbau der Altlasten vorantreiben. Das setzt allerdings Rückenwind in den Märkten voraus. In einer Situation einer nachhaltigen Depression wäre das kaum möglich. Wir gehen jedenfalls davon aus, dass wir 2012 bis 2014 auch in Südosteuropa wieder ein ordentliches Wachstum haben werden.

profil: Sie kalkulieren da aber mit einer Menge Unwägbarkeiten. Wir fragen noch einmal: Wird der Bund das eingesetzte -Kapital jemals wiedersehen?
Kranebitter: Das kann man seriös zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten.

profil: Sie wirken nicht wirklich überzeugt.
Kranebitter: Die Frage ist immer: Tun Sie das Richtige? Eine Bank dieser Größenordnung ist ein Hochseedampfer und kein Schnellboot. Entscheidungen, die Sie heute treffen, haben langfristige Auswirkungen. Ich bin überzeugt, dass die Strategie richtig ist und eine sorgfältige Veräußerung den Rückfluss für die Republik maximieren wird.

profil: War die Verstaatlichung zu diesen Bedingungen ein Fehler?
Kranebitter: Mit der Weisheit des Rückblicks kann man alles hinterfragen. Ich denke, man muss die Alternativen sehen, die es zu dem Zeitpunkt gegeben hat. Die Hypo Alpe-Adria war akut insolvenzgefährdet und die Alteigentümer (die Hypo Alpe-Adria gehörte bis Ende 2009 mehrheitlich der Bayerischen Landesbank, Anm.) wollten zur Rettung nichts mehr beitragen. Ich glaube, dass es vor diesem Hintergrund richtig war, die Bank aufzufangen.

Foto: Monika Saulich für profil