Hypo-Skandal: Geheimgutachten findet hohe Risken

Karawanken-Sirtaki Banken. Die Regierung hat die Kärntner Hypo Alpe-Adria 2009 im Schnellverfahren verstaatlicht. Die Sanierung dürfte noch teurer werden. Laut internem Gutachten sitzt die Bank auf nicht kalkulierbaren Risiken. Warum wurde es vom Finanzministerium ignoriert?

Vom Wiener Finanzministerium aus gesehen liegen Klagenfurt und Athen im Süden. Vom Schreibtisch des Ministers aus betrachtet ist die geografische Distanz zwar beträchtlich, die finanzielle dagegen vernachlässigbar. Knapp mehr als zwei Milliarden Euro wird allein Österreich nach Griechenland pumpen, um das Land und damit wohl auch die europäische Gemeinschaftswährung vor dem Kollaps zu bewahren. Seit Tagen müht sich Josef Pröll, das insgesamt 110 Milliarden Euro schwere Hellas-Engagement von EU und Internationalem Währungsfonds als „alternativlos“ zu vermarkten. Sosehr der Finanzminister beteuert, die Griechenland-Hilfe werde ein „gutes Geschäft“ für die Republik, so weiß er doch: Es kann nur noch teurer werden.

Vor dem Dilemma stand Pröll bereits vor sechs Monaten. Ende des Vorjahrs musste die strauchelnde Klagenfurter Hypo Alpe-Adria Bank International AG mittels Notverstaatlichung vor der Pleite gerettet werden. Auch damals war die Lage „alternativlos“. Mittlerweile ist sie eher aussichtslos.

Seit Dezember 2006 hat die Hypo Alpe-Adria zum Überleben insgesamt 3,35 Milliarden Euro Kapital benötigt. Die früheren Aktionäre Bayerische Landesbank (BayernLB), Land Kärnten und Grazer Wechselseitige Versicherung mussten zusammen 2,45 Milliarden in die Hand nehmen, weitere 900 Millionen Euro stellte die Republik Österreich bereits Ende 2008 in Form von so genanntem Partizipationskapital zur Verfügung. Bis 30. Juni dieses Jahres müssen vereinbarungsgemäß noch einmal 600 Millionen Euro zugeschossen werden: 450 Millionen vom Bund und 150 Millionen Euro vom Land Kärnten. Macht unterm Strich 3,95 Milliarden Euro. Vorerst.

Das Geschäftsjahr 2010 ist erst wenige Monate alt – und es verdichten sich die Hinweise, wonach die Regierung bei der Übernahme der Kärntner Landesbank von viel zu optimistischen Annahmen ausgegangen ist. Die Sanierung der Bank könnte das Budget in weit größerem Ausmaß belasten als bisher angenommen. Der amtierende Hypo-Vorstandschef Gottwald Kranebitter, ein ­gelernter Wirtschaftsprüfer, bleibt, darauf angesprochen, wohlweislich vage: „Wir werden im Zuge der Erstellung unserer Halbjahresbilanz das Kreditrisiko neu bewerten. Erst danach können wir seriös sagen, ob die Gruppe zusätzliches Kapital benötigt.“ Das mag die Regierung staunen machen – überraschen darf es sie nicht.

Gutachten fehlte.
Wie sich jetzt herausstellt, wurden dem Finanzministerium in den ­Verhandlungen über die Verstaatlichung ­entscheidende bankinterne Unterlagen vorenthalten. Zwischen 1. August und 6. November des Vorjahrs hatten 60 Experten des international tätigen Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers, kurz PwC, im Auftrag der Hypo die Kreditportfolios der Klagenfurter Konzernmutter und ihrer wichtigsten Tochtergesellschaften unter die Lupe genommen. Zu diesem Zeitpunkt stand die Bank noch im Einflussbereich der BayernLB, den Vorstandsvorsitz hatte Kranebitters Vorgänger Franz Pinkl inne.

Die Erkenntnisse der PwC-Prüfer ­mündeten in einem 218 Seiten starken Dossier, das der Bank am 13. November 2009 übermittelt wurde. Einen Monat später liefen die Unterredungen mit der Regierung an, die schließlich zur Verstaatlichung am 30. Dezember führten. Aus unerfindlichen Gründen lag das PwC-Gutachten der Regierung zu keinem Zeitpunkt vor – und wurde von dieser auch gar nicht eingefordert. Sie begnügte sich vielmehr mit einer von Franz Pinkl selbst veranlassten „Zusammenfassung“. „In den Verhandlungen wurde ein Umstrukturierungsplan auf Basis des PwC-Papiers vorgelegt“, präzisiert Ministersprecher Harald Waiglein. „Das eigentliche Gutachten hatten wir aber nicht.“

Mit anderen Worten: Die Regierung hat dem Steuerzahler Ende 2009 eine Bank aufgebürdet, ohne die Risken und den Kapitalbedarf in vollem Umfang gekannt und ­geprüft zu haben. Man verließ sich auf die resümierenden Angaben eines Franz Pinkl, der bereits kurz nach der Verstaatlichung in Ungnade fiel und ins Ausgedinge geschickt wurde.
profil liegt das PwC-Gutachten, das bisher streng unter Verschluss gehalten wurde, nun vor. Und es wirft die Frage auf, ob die Regierung nicht einer Schimäre aufgesessen ist. Die PwC-Prüfer haben ihre Arbeit mit zahlreichen Einschränkungen versehen, in vielen Fällen waren sie überhaupt nur auf Schätzungen angewiesen. Einen plausiblen Restrukturierungsplan konnte das frühere Management daraus also kaum ableiten.

So heißt es in dem PwC-Papier gleich einleitend: „Wir weisen darauf hin, dass die von uns durchgeführten Arbeiten nach Art und Umfang weder den Grundsätzen ordnungs­mäßiger Durchführung von Abschlussprüfungen … noch den Anforderungen an eine prüferische Durchsicht entsprechen.“ Und weiter: „Bei unseren Analysen haben wir auf die von der HGAA (Hypo Group Alpe-Adria, Anm.) zur Verfügung gestellten Unterlagen und Informationen abgestellt. Wir gehen davon aus, dass diese verlässlich und in allen wesentlichen Aspekten materiell richtig und vollständig sind.“ Mit anderen Worten: Wenn das Management falsche oder lückenhafte Dokumente vorgelegt hat, übernimmt PwC dafür keine Verantwortung.

Worst Case ausgeblendet.
Schwerer wiegt, dass die Experten in ihren Analysen und Prognosen bewusst kein so genanntes Worst-Case-Szenario, also den schlechtestmöglichen Fall, skizziert haben. Und das, obwohl die Risikopositionen der Hypo, verglichen mit anderen Banken, exorbitant hoch waren – und sind: „Die Qualität des Kreditportfolios der HGAA hat sich in der Zeit vom 30. Juni 2008 bis 30. Juni 2009 signifikant verschlechtert …16 Prozent bzw. EUR 5,9 Mrd. des Gesamtkreditportfolios weisen Zahlungsrückstände von mehr als 90 Tagen auf … Ein starker Anstieg … war bei den Konzerngesellschaften HBM, HLM (Bank- und Leasinggeschäft Montenegro, Anm.), HLA (Leasing Österreich), HLBG (Leasing Bulgarien), HLMK (Leasing Mazedonien) und HLUA (Leasing Ukraine) zu verzeichnen … Obwohl ein Zahlungsrückstand von mehr als 90 Tagen vorliegt, wird ein Teil dieser Engagements weiterhin im Performing Portfolio geführt.“

Soll heißen: Obwohl fast zwei von zehn Krediten in diesen Ländern im Rückstand waren oder gar nicht mehr bedient wurden, schienen sie in den Büchern weiterhin als werthaltig auf. Dessen ungeachtet wollten die PwC-­Prüfer keine Untergangsstimmung heraufbeschwören – aus welchen Gründen auch immer: „Insgesamt ergaben unsere Analysen … ein zusätzliches Risikovorsorgepotenzial von EUR 908 Mio. (Szenario I) bis EUR 1.293 Mio. (Szenario II). Wir weisen darauf hin, dass Szenario I ein eher optimistisches und Szenario II ein eher vorsichtiges Szenario II wiedergibt. In beiden Szenarien wird jedoch kein Stress- oder Worst-Case-Szenario unterstellt.“

Die Wahrheit ist: Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2009 hat der Hypo-Konzern unter dem Eindruck massiv gestiegener Risikovorsorgen (1,67 Milliarden Euro nach 533 Millionen 2008) rund 1,6 Milliarden Euro versenkt. Für das laufende Jahr ­hatte das alte Management – basierend auf den unverbindlich luftigen Angaben von PricewaterhouseCoopers – dem Staat zusätzliche Risikovorsorgen in der Höhe von rund 500 Millionen Euro und einen Netto-Verlust von 109 Millionen Euro prophezeit, für 2011 wurde zumindest eine rote Null in Aussicht gestellt.

Stichproben.
Die PwC-Prüfer hatten in den knapp drei Monaten auch gar nicht die Zeit, jede Kundenverbindung zwischen Klagenfurt, Zagreb, Belgrad und Skopje zu durchleuchten. Genau genommen haben sie nur Stichproben vorgenommen: 1411 Kreditnehmer oder 28 Prozent des gesamten Finanzierungsvolumens Ende 2009 wurden genauer analysiert: „Wir weisen darauf hin, dass die Risikoengagements durch unsere risiko­orientierte Stichprobenauswahl geprägt und insoferne nicht repräsentativ für das gesamte Kreditgeschäft der HGAA sind.“

Dazu kommt, dass fast jede zweite Forderung brustschwachen südosteuropäischen Ländern zuzuordnen ist; laut PwC sind das Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Bulgarien. Die Prüfer formulierten es so: „Danach entfallen rund 45 Prozent des Bruttoexposures auf Kreditnehmer mit Sitz in einem Land, in dem der Staat erhöhte, latente oder akute Ausfallsrisiken aufweist. Soweit einer dieser Staaten tatsächlich zahlungsunfähig werden sollte, besteht das Risiko, dass in dem jeweiligen Land ein Konvertierungsverbot der Landeswährung in die den jeweiligen Forderungen zugrunde liegenden Fremdwährungen (überwiegend Euro und Schweizer Franken) erlassen wird. Dieses stellt somit unabhängig von der Bonität des jeweiligen Kreditnehmers ein latentes Risiko dar.“

Auch in der detaillierten Analyse einzelner Märkte stieß PwC an natürliche Grenzen. So etwa bei der Bewertung der Bank- und Leasingaktivitäten in Montenegro: „Ein Großteil des Portfolios der HBM und HLM entfällt auf Grundstücks- und Immobilienfinanzierungen, für welche derzeit eine valide Bestimmung der Sicherheitenwerte aufgrund der ­Illiquidität des Marktes nur als ­Indikation möglich ist.“

Oder in Slowenien: „Eine nachvollziehbare Dokumentation der Ermittlung des Risikovorsorgepotenzials war nicht in allen Fällen gegeben. Darüber hinaus entsprachen die Bewertungsgutachten in einer Vielzahl von Fällen nicht den üblichen Standards.“

Oder in Bulgarien: „Die HLBG hat in ihrem Portfolio 347 Kreditengagements mit betrügerischen Handlungen zu Lasten der Gesellschaft identifiziert … Gemäß Aussagen der Gesellschaft wurden in den letzten Jahren von verschiedenen Firmen überhöhte Rechnungen an die HLBG ausgestellt. Die HLBG kann derzeit weder die Anzahl noch den Gesamtbetrag der überhöhten Rechnungen abschließend quantifizieren, so dass hier eventuell weiterer Risikovorsor­gebedarf entstehen kann … ins­besondere sind wir davon ausge­gangen, dass die Forderungen und die uns genannten Sicherheiten tatsächlich vorhanden und auch nicht mit Rechten Dritter behaftet sind.“

Schwachstelle.
Es ist also eine Tatsache, dass die im Zuge der Verstaatlichung beschlossene Sanierung auf einer Expertise aufsetzte, die Schwachstellen hatte. Und es ist ebenso eine Tatsache, dass das Finanzministerium das Vorhaben im Schnellverfahren billigte, ohne das eigentliche Gutachten überhaupt gesehen zu haben. Eine mögliche Erklärung für das Versäumnis lieferte Finanzminister Josef Pröll seinerzeit gleich mit – indem er die ­Rettung der Hypo Alpe-Adria „alternativlos“ nannte.