Ich kann nicht mehr

Lange Zeit hab ich es verdrängt, aber jetzt muss ich mich der Wahrheit stellen.

Es ist so weit. Es ist der Punkt erreicht, an dem die flagrante Selbsttäuschung, an dem das feige Sich-was-Vormachen keinen Sinn mehr haben.

Es gilt leider, allen und vor allem mir selbst, einzugestehen, was ich seit Tagen wie einen Klumpen im Magen verspüre: Ich kann nicht mehr.

Es muss Schluss sein damit. Es war wohl zuletzt schon zu viel für mich. Ich meine, ich bin das Ganze seit Jahren gewohnt, aber noch nie hat dieser Druck so übermäßig auf mir gelastet wie jetzt. Ich bin fix und fertig.

Schon die letzten Tage waren eine einzige Qual. Ich wusste einfach nicht, ob ich noch die Kraft haben würde, mich zu diesem Bekenntnis aufzuraffen – denn wer mag schon zugeben, dass ihn eben jene äußeren Zustände, die er selber verursacht hat, letztlich überwältigt haben?

Ich habe seit wenigstens fünfzig Stunden nur noch in winzigen Phasen geschlafen, hab mich ruhelos im Bett herumgewälzt, bin schweißgebadet und zittrig aufgewacht und hab mir immer wieder dieselben erbarmungslosen Fragen gestellt: Warum hältst du das nicht aus? Warum bist du sensibler als andere, warum hast du an etwas zerbrechen müssen, was dir selbst immer wie ein herrlicher Traum vorgekommen ist?

Ich bin nicht sicher, ob ich jetzt, nach solchen Nächten, diese Fragen beantworten kann. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich auf die Antworten darauf überhaupt noch neugierig bin.

Aber die letzte Fairness den anderen und auch mir selbst gegenüber gebietet wohl, meine Situation zu analysieren.

Vielleicht ist es die Monotonie gewesen, die mich in diese Lage gebracht hat: eine Monotonie der, per saldo, immer wiederkehrenden Inhalte und der, mit geringen Abweichungen, doch ständig gleich bleibenden Art der Ausübung. Mir kommt vor, dass sich im Wesentlichen seit Jahren nichts geändert hat, dass alles gleich geblieben ist – bis auf mein schlummerndes, nun ausgebrochenes Verlangen nach grundlegender Veränderung.

Jahrelang hab ich eben diese Monotonie genossen; was mich heute fast bis zur Panik, bis zum Entsetzen vor meinen laxen Reaktionen darauf aufregt, hat mich allzu lang beruhigt.

Im Grund, hab ich mir gedacht, ist es ja immer dasselbe, abgesehen von winzigen Nuancen, die aber auch nicht so schockierend fremdartig sind, dass sie dir das Gefühl der heimeligen Vertrautheit wirklich rauben könnten. Im Grund ist es jener Déjà-vu-Effekt, der dich dazu befähigt hat, jahrelang immer wieder dasselbe zu tun, jahrelang verhindert hat, dass du dir etwas suchst, dem du vielleicht schon beim ersten Ausprobieren nicht gewachsen bist.

Jetzt allerdings empfinde ich diese Gleichförmigkeit als absolut mörderisch, und als ebenso mörderisch die heraufdämmernde tägliche Belastung, die schon nach dem Aufwachen auf einen zuwächst, die einen festschraubt in einem unendlich langen, unendlich gewohnten Vormittag in einer unendlich unveränderbaren Umgebung.
Mittags beginnen die Nerven zu flattern. Ich mag den anderen kaum noch begegnen, schon gar nicht ins Gesicht schauen. Ich weiß schließlich, dass ich’s nicht mehr so schaffe, dass ich den Anforderungen – obwohl sie eigentlich nicht zugenommen haben – nicht mehr gewachsen bin; und ich hab nicht die Courage, den anderen, die ihren Tagesablauf anscheinend mühelos bewältigen, zu sagen, dass ich nichts mehr so verabscheue und fürchte wie den nächsten Tag.

Sicher hat die Belastung Jahr um Jahr zugenommen. Was ich noch vor vielleicht fünf Jahren, und wenn’s sein musste, bis in die Nacht, gemacht hab, ist Mühe geworden: Immer das Nämliche unter den beinah immer nämlichen Augen tun zu müssen. Gewiss, das Müssen ist relativ. Ich könnte mich dem Trott zur Not widersetzen – aber das würde sehr auffallen. Und wer will schon auffallen heutzutage? Wer will anderen die Gelegenheit geben, sich über einen Gedanken zu machen?

Die Gedanken könnten ja immerhin zu Schlussfolgerungen führen: Er hat sich aber schon verändert; er ist nicht mehr der Alte; es kostet ihn sichtliche Anstrengung, dasselbe zu machen wie wir. Also mach ich weiter. Also hüte ich mich, zu zeigen, dass es mich anwidert. Schlimmer noch: Dass es mich zermürbt.

Es zermürbt, die Handgriffe des ganzen nächsten Tages bis ins Kleinste im Voraus zu wissen; die eigenen kommenden Gedanken zu kennen und schon zu ahnen, wie ich mich beim Gedankenmachen wieder unsäglich langweilen werde; die eigene immer handgreiflicher werdende Unzulänglichkeit immer häufiger vor anderen kaschieren zu müssen.

Niederschmetternd ist vor allem die Erkenntnis, dass ich mit meinem Problem allein bin. Hab ich mich zu sehr verausgabt? Sind meine Fähigkeiten begrenzter als die anderer? Soll ich noch auf morgen hoffen?

Nein, denn morgen geht’s mir noch schlechter als heute, wenn ich nicht augenblicklich die Konsequenz ziehe. Drum schreibe ich mit der letzten mir noch verbliebenen Willenskraft: Ich werde aufhören damit. Ich werde nie mehr Skifahren. Das Hotel „Schneerose“ wird mich nie wiedersehen. Ich halte diesen Freizeitstress nicht mehr aus.

Ich bin jetzt endgültig arbeitsreif.