„Ich bin nicht mehr 35, also was soll’s?“

Clint Eastwood über Frauenboxen und Sterbehilfe, über die Bedeutung von gutem Essen am Set und den selbstironischen Umgang mit dem eigenen Alter.

profil: „Million Dollar Baby“ ist nicht nur einer Ihrer stärksten Filme, sondern auch einer Ihrer schmerzhaftesten. Welche Reaktionen wollen Sie beim Zuschauer damit provozieren?
Eastwood: Schwer zu sagen. Der Film berichtet von den Lebensenttäuschungen und der Desillusionierung eines Mannes – und von einem Mädchen, die zu seiner Ersatztochter wird. In ihrem Kampf um sozialen Aufstieg spiegelt sich Hilary Swank übrigens ganz persönlich: Sie, die ja aus sehr armen Verhältnissen stammt, wollte um alles in der Welt Schauspielerin werden; daher verstand Hilary dieses Mädchen perfekt. Sie kämpft für etwas ganz Unrealistisches, sie will Boxerin werden, um einen Platz in der Welt für sich zu erringen. Und dann geschieht etwas Tragisches; damit steht auch ihr Trainer vor dem härtesten Kampf seines Lebens. Wohin er führt, dazu gibt es keine Antwort. Niemand weiß, was er in einer solchen Situation täte. Sie können mich nun fragen, ob ich an Euthanasie glaube. Nicht unbedingt. Aber wer weiß? Das ist, wenn man nicht selbst in diese Position kommt, bloße Spekulation.
profil: Wie arbeiten Sie als Schauspieler an einer Rolle wie dieser, an einer Figur, die ihre Impulse, ihr Begehren so tief in sich vergraben hat?
Eastwood: Das ist immer derselbe Prozess. Nur die Hindernisse und Ziele sind jedes Mal andere. Es bereitet mir keine Mühe, mir vorzustellen, wie eine bestimmte Person empfindet. Man kann sich in jeden und alles versetzen, daran glaube ich fest. Die menschliche Einbildungskraft ist enorm. Mit fast 75 habe ich genug an Höhe- und Tiefpunkten erlebt, um diese Rolle und zehn weitere dieser Art zu spielen. Man muss solche Dinge organisch spielen, sie buchstäblich aus sich herausholen. Als ich angefangen habe, war es üblich herumzusitzen, über die Rollen zu sprechen, sie zu intellektualisieren. Die meisten meiner Entscheidungen treffe ich aber nicht auf einer intellektuellen Ebene; es ist mehr, als würde ich sie einfach nur ergreifen.
profil: Halten Sie das Schauspielen denn noch für eine Herausforderung?
Eastwood: Ja, schon. Ich habe zwar oft damit gedroht aufzuhören, aber vielleicht ist das nur so etwas wie ein Verteidigungsmechanismus, weil es einfach nicht genug gute Rollen für jemanden in meinem Alter gibt. Das ist wahrscheinlich wahr, deshalb fühle ich mich auch hinter der Kamera so wohl. Ich habe vor 35 Jahren genau deshalb zu inszenieren begonnen: Ich dachte, eines Tages würde ich oder mein Publikum auf die Leinwand blicken und sagen: „Langsam reicht’s.“ Ich fand es großartig, „Mystic River“ zu inszenieren, ohne vor der Kamera zu spielen. Ich trete nur selbst auf, wenn mein Interesse an einer Figur zu groß wird – und ich davon ausgehen muss, dass ich sie ebenso gut spielen kann wie jeder andere.
profil: Ihre physische Präsenz ist eine Basis Ihres Erfolgs. Spielt die Frage des Alterns als Kinoheld für Sie eine Rolle? Es muss doch ungeheuren Mut erfordern, sich so darzustellen, wie Sie das tun.
Eastwood: Entweder Dummheit oder Mut. Nein, ich denke über diese Fragen nicht nach. Ich bin wohl Realist genug, um zu wissen, wo im Leben ich stehe. Ich fand immer, dass sich Menschen weiterentwickeln müssen. Wenn das Altern einen Vorteil hat, dann ist es die Erfahrung, die man gewinnt. Und bis zu dem Tag, an dem eine Art von Senilität bei mir einsetzt, werde ich einfach weitermachen, weiterforschen. Das geht aber nicht, wenn man nicht gewillt ist, sein Alter zu akzeptieren. Ich kann sagen, dass ich vor vierzig Jahren ein Typ war, der angerannt kam und mit dem Revolver fuchtelte. Nicht, dass ich das heute nicht mehr könnte, aber es passt einfach nicht mehr. Ich spiele nur noch, was in meinem Bereich liegt. Ich habe mich schon vor zwölf Jahren in dem Film „In the Line of Fire“ über das Altern lustig gemacht, aber es ist Zeit zu akzeptieren, wo man steht. Ich könnte mir auch die Haare färben und so tun, als wär’ ich wieder 35. Aber das bin ich nicht, also was soll’s?
profil: Was halten Sie persönlich denn vom Boxen? Und insbesondere vom Frauenboxen?
Eastwood: Als ich aufwuchs, war Joe Louis gerade der Champion. Ihn bewunderte ich maßlos. Als ich dann anfing, Filme zu drehen, trainierte ich auch selbst. Einer meiner Freunde, Al Silvani, war ein berühmter Boxtrainer. Das ist ein interessanter Sport. Ich mag ihn, wenn gute Leute ihn ausüben. Was Frauenboxen betrifft, weiß ich nicht so genau: Ich habe da nicht wirklich Vorurteile, aber ich dachte lange Zeit schon, dass Frauen vielleicht nicht unbedingt Faustkämpfe austragen sollten. Aber klar: Jeder sollte tun, was er selbst für richtig hält.
profil: „Million Dollar Baby“ ist visuell prachtvoll, dabei aber auch ein sehr dunkler, fast undurchdringlicher Film geworden. Es gibt kaum amerikanische Filme, die es wagen, sich selbst so entschieden Licht zu entziehen.
Eastwood: Das Spiel von Licht und Dunkelheit im Kino ist mir sehr wichtig. Ich wollte, dass „Million Dollar Baby“ zeitlos aussieht, dass er auch in den dreißiger oder vierziger Jahren spielen könnte – und dass nur die Autos oder das Radioprogramm Rückschlüsse auf die Zeit zulassen würden. Dazu arbeite ich stark mit Licht und Farbe. Oft mache ich das genau wie einst John Ford: Ich laufe, bevor wir anfangen, am Drehort herum und drehe ein Licht nach dem anderen ab. Ich bin da ziemlich mutig geworden, denn ich mag diesen Noir-Look, der besonders gut zu diesem Film passt.
profil: Welche Anforderungen stellen Sie an die Leute, mit denen Sie arbeiten?
Eastwood: Ich brauche Mitarbeiter, die schnell, ruhig und effizient sind. Sie müssen immer bereit sein. Das ist für mich entscheidend. Bei mir am Set ist es meist sehr ruhig, daher geht auch das Drehen schnell. Da gibt es niemanden, der ständig „Ruhe!“ brüllt. Ich erinnere mich, als ich vor Jahren nach langer Zeit wieder in dem Film eines Kollegen spielte, schrillten am Drehort plötzlich Glocken. Ich fragte, was das für ein Signal sei, es sei doch kein Feuer ausgebrochen. Und der Regieassistent brüllte, bis ich ihn bat, sich kurz zu beruhigen. „Wenn du brüllst“, sagte ich ihm, „werden alle anderen versuchen, noch lauter zu brüllen als du. Sprich einfach leise, dann werden das die anderen auch tun.“ Das sind kleine Tricks, die man sich mit den Jahren aneignet. Bei mir wissen alle, dass das nicht bloß ein Spiel ist. Bei mir gibt es keine Überstunden, weil wir einfach schon zu den vereinbarten Zeiten arbeiten. Und ich sorge für gutes Catering: Qualität geht schließlich durch den Magen. Das ist eine Art, Filme zu machen. Es ist nicht die Art zu arbeiten, aber es ist eine Art.
profil: Sie greifen mit dem Thema Euthanasie in „Million Dollar Baby“ ein ziemlich heißes Thema auf – gerade in einer Zeit, da die amerikanische Regierung sich anmaßt, auch über das Privatleben ihrer Bürger zu entscheiden. Wollten Sie damit Aufsehen erregen?
Eastwood: Wenn der Film zu Kontroversen führt, stört mich das nicht. Ich glaube, er fordert dazu auf nachzudenken, aber ganz unabhängig von Zeitgeist und politischer Haltung. Er handelt von Fragen über Leben und Tod. Da spielt es keine Rolle, ob Sie aus einem red state oder einem blue state stammen.

Interview: Amy Taubin
Amy Taubin ist Redakteurin des amerikanischen Magazins „Film Comment“.