„Ich bin zu wenig egoman“

Peter Weibel, Künstler, Kurator und Theoretiker, stellt in Graz frühe Arbeiten aus und spricht über den Wiener Aktionismus, Revivals in der Kunst und Bier ohne Alkohol.

profil: Sie gelten als Hansdampf in allen Gassen: Sie sind Künstler, Theoretiker, Hochschullehrer und Kurator, waren Rockmusiker, haben Werbung und Filme gemacht. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?
Weibel: Ich bin interdisziplinär, aber kein Hansdampf. Erstens habe ich die Logik der Souveränität, die die Moderne beansprucht, zu Ende gedacht. Der Künstler will souverän sein, beschränkt sich dabei aber üblicherweise auf das Spielfeld des Tafelbildes. Den Kontext, in dem dieses Bild rezipiert wird, gibt allerdings nicht der Künstler, sondern die Galerie vor. Ich aber will die Bedingungen selbst bestimmen, unter denen das stattfindet: Ich möchte entscheiden, wer im Katalog schreibt, möchte Symposien organisieren und die Teilnehmer selbst einladen. Dazu muss man freilich die Kompetenz haben, und diese haben die meisten Künstler nicht. So sind sie dazu verdammt, ihr Spielfeld auf das Geviert der Leinwand zu reduzieren. Dort kann sich der Künstler ein Bild von der Welt machen, wie Jörg Immendorf mit seinem „Café Deutschland“: So schaut für ihn Deutschland aus. Auf diesem sehr kleinen Feld ist der Künstler souverän und kann sich einer Illusion hingeben. Ich möchte diese Souveränität erweitern und begebe mich auf ein viel größeres Kampffeld. Es geht, nach Michel Houellebecq, um die „Ausweitung der Kampfzone“. Ein zweiter Grund für meine unterschiedlichen Tätigkeiten: Ich passe nicht in das herrschende Kunstsystem des Marktes. Mir ist es einfach moralisch zuwider, ein Bild oder ein Objekt um sehr viel Geld zu verkaufen. Das heißt: Ich bin zu wenig egoman für diesen Betrieb. Ich bin nur ein Arbeiter im kulturellen Feld.
profil: Sie sind aber in diesem Betrieb inzwischen recht etabliert: Sie sind Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, Chefkurator der Neuen Galerie in Graz, waren Österreich-Kommissär der Biennale von Venedig und Leiter der Ars Electronica in Linz.
Weibel: Ich bin wirklich sehr froh, dass die Leute glauben, dass ich mächtig bin: Das stützt mich. Es ist aber eine Illusion. Etabliert ist doch nur ein Künstler, der im Handel ist; dass man also Werte schafft, die man verkaufen kann – wie etwa Franz West, dessen Werke unglaubliche Preise erzielen. Das gilt heute mehr denn je. Ein Beispiel dafür ist die extrem schludrig zusammengekaufte so genannte Flick-Collection in Berlin: Das ist keine Sammlung, das ist ein Abbild des Marktes. Das Ganze ist eigentlich ein pathologisches System.
profil: Verachten Sie Künstler, die in diesem System reüssieren?
Weibel: Ich verachte keine Künstler, aber ich mache mir von der Sache ein Bild: Der eine geht einen leichteren Weg, der andere einen schwereren.
profil: Anfangs sind Sie vor allem im Zusammenhang mit dem Wiener Aktionismus wahrgenommen worden.
Weibel: Der Wiener Aktionismus war, als ich 1964 nach Wien gekommen bin, in seinen Anfängen erkennbar. Ich habe gesehen, dass das eine Fortführung dessen war, was Yves Klein und andere begonnen hatten. Es gab gemeinsame Aktionen bis hin zur berüchtigten Uni-Hörsaal-Aktion. Meine Rolle war damals auch die theoretische Begleitung. Ich habe 1969 den Begriff „Aktionismus“ aufgebracht, habe versucht, Überzeugungsarbeit zu leisten im Dienste dieser Leute. Gleichzeitig hat es Differenzen gegeben. Brus, Nitsch und Mühl sind ja von der Malerei zu den Körperaktionen gekommen, ich hingegen von der Literatur, von den Medien. Diesen Ansatz des Multimedialen konnte ich ausbauen, die anderen nicht.
profil: Ein Gegensatz hat offensichtlich zwischen Ihnen und Otto Mühl bestanden. Sie galten als der Intellektuelle, Mühl hingegen als der Expressive.
Weibel: Das ist im Nachhinein konstruiert worden, vor allem vom Kunsttheoretiker Robert Fleck. In Wirklichkeit war ich anfangs Mühl am nächsten: Wir haben beide den gleichen anarchistischen Humor.
profil: Und später?
Weibel: Bei der Mühl-Kommune habe ich nicht mitgemacht, das hat mir zu sehr gerochen nach Heim, nach Autorität – ich bin ein Heimkind gewesen, ich rieche so was sofort. Und das Glück, das der Mühl versprochen hat, sei es durch Sex, sei es durch Besitzlosigkeit, damit konnte ich nichts anfangen.
profil: Ihre Ausstellung in Graz steht in Zusammenhang mit einem verstärkten Interesse an der Kunst der sechziger und siebziger Jahre. Ist dies einfach ein zyklisches Phänomen, oder hat das spezifisch mit der heutigen Situation in der Kunst zu tun?
Weibel: Es gibt natürlich das Zyklische, aber man muss, wie auch in der Mode, fragen: Warum kommt etwas wann zurück? Es gibt Gründe in der Kunst, aber es gibt auch Gründe außerhalb, die das beeinflussen. Im Moment geht es darum, wie weit die europäisch-nordamerikanische Achse, die bisher definiert hat, was Kunst ist, weiter halten wird. In westlichen Sammlungen sind ja immer noch kaum asiatische oder afrikanische Künstler vertreten, außer sie leben, wie Mona Hatoum, im Westen und haben hier ihre Beziehungen. Aber das wird sich ändern. Die Kunstproduktion wird von einer Globalisierung, ähnlich der wirtschaftlichen, erfasst. Was in der Wirtschaft passiert, dass die Produktion in Billigländer ausgelagert wird, das wird auch die Kunst ereilen. Das Monopol der westlichen Kunstproduktion bröckelt und soll deshalb einzementiert werden.
profil: Was hat das mit der Rückwendung zur Kunst der Sixties und Seventies zu tun?
Weibel: Sie dient dazu, heutige Deregulierungen zu legitimieren. Jeder Skandal, der früher ästhetisch und politisch motiviert war, ist heute herzlich willkommen. Wir haben es gewissermaßen leicht gehabt, wir konnten mit unseren Aktionen Entrüstung hervorrufen und Strafen bekommen. Früher kam ein Künstler nach zwei, drei Skandalen ins Gefängnis, heute landet er in Bayreuth. Auch in der Wirtschaft gibt es keine Schranken mehr, man muss sich nicht mehr an nationale Verpflichtungen oder Gewerkschaftsverträge halten. In der Kunst wird eine Generation – von Maurizio Cattelan bis Santiago Sierra – für Skandale mit Preisen belohnt. Sie macht Ähnliches wie wir damals, allerdings schon viel harmloser, denn es ist alles abgesichert. Es ist wie Bier ohne Alkohol, Zigaretten ohne Nikotin. Risiko und Gefahr sind Teil einer Unterhaltungskultur geworden. Das heißt: Der Rückgriff auf die sechziger Jahre hat etwas Konservatives. Die „Gesellschaft des Spektakels“ ist so schlau geworden, dass sogar die Angriffe als Spektakel verwertet werden.
profil: Was geben Sie als Kunstlehrer Ihren Studenten mit?
Weibel: Wichtig war für mich immer, den angehenden Künstlern beizubringen, wie sie von ihrer Kunst leben können, ohne, wie viele junge Maler, als Taxifahrer zu jobben. Das haben viele sehr gut geschafft. Ich bin aber genauso stolz auf die, die mit dem Instrumentarium, das sie gelernt haben, in Bereichen außerhalb der Kunst arbeiten können, im Fernsehen oder in der Industrie. In der MedienAusbildung geht es nicht darum, Lösungen anzubieten, sondern Problemfelder möglichst genau zu beschreiben und damit den Schüler in die Lage zu versetzen, selbst Probleme zu lösen. Es zahlt sich aus, könnte man der Regierung sagen, die das nicht wahrhaben will, in Ausbildung zu investieren.
profil: Kommen Sie bei Ihren vielen Jobs eigentlich auch manchmal zum Schlafen?
Weibel: Schlafen werde ich, wenn ich in Pension bin, mit 65.