„Ich sehe keine Geiselhaft“

VA-Tech-Aufsichtsratschef Peter Michaelis erklärt, wie er nach dem Zwist mit Großaktionär Kovats den Konzern aus der verfahrenen Situation herausführen will.

profil: Spätestens seit der Hauptversammlung der VA Tech ist jedem Beobachter klar: Die ÖIAG möchte verhindern, dass die Finanzgruppe des Mirko Kovats dort zum bestimmenden Aktionär wird. Dabei wollten Sie ihm vor einem Jahr noch den Weg zur Beherrschung des Unternehmens ebnen …
Michaelis: Woraus wollen Sie denn das schließen?
profil: Zum Beispiel daraus, dass sich die ÖIAG nach dem Einstieg der Kovats-Gruppe in die Position des zweitgrößten Aktionärs zurückgezogen und ihren 24-Prozent-Anteil markant reduziert hat.
Michaelis: Der Rückzug der ÖIAG im Sommer des Vorjahrs war keineswegs ein Zeichen dafür, dass die ÖIAG bereits entschlossen war, Herrn Kovats das Ruder in die Hand zu geben. Ob Kovats der richtige künftige Großaktionär in dem Unternehmen sein würde, haben wir damals als eine völlig offene Frage betrachtet. Um uns darüber klar zu werden, wollten wir erst ein Jahr lang beobachten, welche vertrauensbildenden Maßnahmen Herr Kovats selbst als VA-Tech-Aktionär setzt, um uns von seiner Eignung als künftig bestimmender Privataktionär zu überzeugen. Im Laufe dieses Jahres mussten wir aber erkennen, dass er sich – bisher jedenfalls – nicht seinen eigenen Ansagen gemäß verhält. Deswegen hat die ÖIAG jetzt auch den Beschluss gefasst, dass wir uns aus der VA-Tech nicht völlig zurückziehen, bevor dort nicht eine solide neue Aktionärsstruktur aufgebaut ist.
profil: Im Spätsommer des Vorjahrs bereitete sich Kovats darauf vor, bei der VA-Tech-Hauptversammlung im September den Aufsichtsrat so umzubesetzen, dass seine Gruppe darin bis zu fünfzig Prozent der Mandate stellt. Stimmt der Eindruck, dass die ÖIAG bis kurz vor der Hauptversammlung durchaus bemüht war, Kovats darin zu unterstützen?
Michaelis: Sehen Sie sich doch unser Stimmverhalten in dieser damaligen Hauptversammlung an. Dann werden Sie erkennen, dass wir uns keineswegs mit Herrn Kovats abgestimmt haben. Hätten wir das nämlich getan, dann wäre der so genannte Übernahme-Fall ausgelöst worden. Das bedeutet, wir hätten dann gemeinsam mit der Gruppe Kovats allen anderen VA-Tech-Aktionären ein Angebot für ihre Anteile machen müssen – was für die ÖIAG undenkbar ist.
profil: In gut informierten Kreisen konnte man damals hören, dass Sie Ihre Haltung zunächst sehr wohl mit jener von Kovats zu akkordieren suchten. Stimmt das?
Michaelis: Sie sprechen von Eindrücken, die man damals in der Vorphase der Hauptversammlung gehabt hätte. Das ist eine künstliche Debatte. Messen Sie uns an dem, was wir getan haben. Und was die übernahmerechtliche Seite betrifft, so dürfen Sie nicht vergessen, dass es das österreichische Übernahmegesetz erst seit wenigen Jahren gibt und dass wir diesbezüglich bei einigen Privatisierungen Neuland betreten. In einer solchen Situation halte ich es für verantwortungsvoll, wenn man die entsprechenden Rechtsfragen im Vorfeld abklärt.
profil: Ist es nicht vielmehr so, dass Sie nach ausdrücklicher, schriftlicher Warnung der Übernahmekommission bloß kein persönliches Risiko eingehen wollten?
Michaelis: Den Aspekt des persönlichen Risikos hier einzubringen halte ich für etwas untergriffig. Unser Bemühen war es, sehr sauber und nachvollziehbar zu agieren, und ich finde, das ist absolut gelungen. Wenn ein neuer Großinvestor in ein Unternehmen kommt, liegt uns daran, auch nach außen zu dokumentieren, dass das ein willkommener Investor ist und dass es keinen wie immer gearteten Macht- oder Konkurrenzkampf zwischen der ÖIAG und diesem Investor gibt.
profil: Ist das Unternehmen jetzt in der Geiselhaft von Mirko Kovats?
Michaelis: Ich sehe keine Geiselhaft. Wir haben uns absolut korrekt verhalten, wir haben jeden Schritt ausführlich geprüft. Und vergessen Sie nicht: Es gab einen Privatisierungsauftrag, der auch die VA Tech inkludiert hat.
profil: Warum wurde der dann gestoppt?
Michaelis: Hinterher ist es leicht zu kritisieren. Kritik vonseiten derer, die den wahren Hergang nur bruchstückhaft kennen, halte ich allerdings für billig.
profil: Könnte die Situation in der VA Tech noch verfahrener sein?
Michaelis: Die VA Tech ist heute ein leistungsfähiges Unternehmen, das sich im Aufwärtstrend befindet. Der neue Vorstand, dem die Aufsichtsräte einstimmig – auch mit der Stimme des Herr Kovats – ihr Vertrauen gegeben haben, wird gemeinsam mit uns stabilisierend für das Unternehmen arbeiten. Was mir nun wünschenswert erscheint, ist ein gewisser Wandel im Verhalten jener Aktionäre, die sich in den Hauptversammlungen bisher nicht per Stimmrecht artikuliert haben. Der schweigenden Masse sozusagen. Von diesen Aktionären ist künftig mehr Engagement einzufordern. Und zwar sowohl bei Themen wie etwa einer Kapitalerhöhung wie auch bei Fragen der Aufsichtsratsbesetzung.
profil: Wie soll das gehen? Sobald sich die ÖIAG mit anderen Aktionären bezüglich Aufsichtsratsbesetzung abstimmt, löst das den Übernahme-Fall aus.
Michaelis: Nein. Nicht wir als VA-Tech-Aktionär sind es, die das Gespräch mit diesen Aktionären zu suchen haben. Hier kommt vielmehr eine Aufgabe auf den neuen VA-Tech-Vorstand zu. Die Vorstände sollten im Vorfeld von Hauptversammlungen allen größeren Aktionären die Strategie transparent machen, die das Unternehmen verfolgt, sie sollten auf Road Shows und dergleichen ausführlich darüber informieren, was man vorhat und was in der nächsten Hauptversammlung passieren soll. Sie sollten einfach auch jenen Aktionären, die bisher von ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch gemacht haben, die Möglichkeit geben, über das Geschehen so gut informiert zu sein, dass sie dann in der Hauptversammlung ihre Stimme in die vom Vorstand empfohlene Richtung abgeben.
profil: Wie soll der Vorstand das bewerkstelligen?
Michaelis: Er kann zum Beispiel mit dem Streubesitz sprechen und erreichen, dass dieser seinen Interessen gemäß einen Aufsichtsrat nominiert. Er kann mit Banken sprechen, die Stimmrechte vertreten. Also wenn ich in der VA Tech im Vorstand säße – ich würde das für die kommenden Monate zu meiner Kernaufgabe machen, zu vermitteln: Wir sind auf gutem Weg. Wir haben einen guten Vorstand, und nächstes Jahr laufen die Aufsichtsratsmandate ab, da wollen wir sicherstellen, dass unser Kontrollgremium richtig besetzt wird. Wir bitten, die richtigen Leute in den Aufsichtsrat zu entsenden.