„Ich bin ein perfekter Gentleman“

US-Regiestar Quentin Tarantino über Gewalt im Kino, Kurt Russells Coolness und kindliche Kinoprägungen.

profil: „Death Proof“ ist Ihre Hommage an das so genannte Grindhouse-Kino, das für billige und obskure Genrestreifen steht. Wann haben Sie begonnen, sich für Grindhouse-Filme zu interessieren?

Tarantino: Als ich etwa 15 war, zog meine Familie für ein Jahr von Los Angeles nach Tennessee. Dort gab’s am Wochenende nichts Besseres zu tun, als über den Zaun des Southland-Drive-in zu klettern und sich dabei nicht erwischen zu lassen. Ich habe da vieles gesehen, was mich bis heute als Regisseur prägt: unter anderem den einzigen Horrorfilm meines Lebens, den ich vor Angst nicht bis zum Ende aushielt – Wes Cravens „Last House on the Left“. Noch interessanter wurde es, als ich wieder zurück in der Großstadt war und das Grindhouse-Erlebnis in kaputten Filmpalästen ungefiltert genießen konnte: ein fabelhaftes Rezept für einen schönen Abend, wenn Sie mich fragen.

profil: Hat Ihren Kinokonsum als Kind niemand kontrolliert?

Tarantino: Nein, das hätte auch nichts genutzt. Kino ist ein Virus. Du fängst ihn dir früh ein oder nie. Die Leute denken immer, dass in meiner Jugend etwas mit mir nicht gestimmt habe. Aber ich war kein Außenseiter. Ich habe auch keine Zuflucht in Fantasiewelten gesucht. Ich war einfach der Junge in der Klasse, der auf Kino stand. Andere haben sich auf Comics, Sport oder Cheerleader spezialisiert.

profil: Grindhouse-Filme leben von ihrer oft grotesken Gewalt. Wie stehen Sie zur Debatte über die Brutalität im gegenwärtigen Horrorkino?

Tarantino: Ich käme gut ohne all die verdammten Remakes zurecht, aber grundsätzlich entzückt mich die Explosion des Ultrabrutalen im Kino. In Japan oder Südkorea gibt es diesen Trend seit Jahren. Irgendwann hat er eben auch den Westen erreicht. Eli Roth, der „Hostel“-Regisseur, ist einer meiner besten Freunde. Er hat einen fiesen Trailer zu einem fiktiven Film gedreht, der nun (in der Double-Feature-Version, Anm.) vor „Death Proof“ läuft – was uns mehr Ärger mit den Zensoren eingebracht hat als alles in „Death Proof“ selbst.

profil: Ist Ihnen die Formulierung „zu brutal“ schon einmal über die Lippen gekommen?

Tarantino: Warum? Kino ist konzentrierte Energie. Ich habe früher schon gesagt: Es ist interessanter, einem explodierenden Auto zuzuschauen als einem parkenden Auto. Mit „Death Proof“ habe ich endlich einen Slasherfilm gedreht, in dem ein Auto als Mordwaffe benutzt wird. Außer Politikern, die ihren Namen in der Zeitung lesen wollen, gibt es meines Wissens sowieso niemanden, der über Gewalt im Kino debattiert.

profil: Woher stammt eigentlich der Begriff „Death Proof“?

Tarantino: Ich habe ihn erstmals am Set von „Kill Bill“ gehört, als ich mich mit Stunt-Leuten unterhielt und sagte, dass ich niemals mit ihnen tauschen und mein Leben bei einer Fahrt mit 200 Sachen riskieren wollte. Die sahen mich nur mitleidig an und erklärten mir, dass gute Stuntmen für 10.000 Dollar jedes Auto so umbauen können, dass der Fahrer bei jedem noch so üblen Crash überlebt. Was Kurt Russell als Stuntman Mike in „Death Proof“ macht, wäre in der Realität also tatsächlich möglich. Ich überlege schon, den Pussy Wagon aus „Kill Bill“, mit dem ich in L. A. manchmal privat fahre, „death proof“ machen zu lassen.

profil: Ursprünglich war Mickey Rourke für die Hauptrolle vorgesehen. Warum haben Sie sich letztlich für Kurt Russell entschieden?

Tarantino: Weil er einer der coolsten Motherfucker ist, die man überhaupt vor der Kamera haben kann. Ich kenne alles, was Kurt je gedreht hat, aber wenn ich ihn vor mir sehe, ist er immer Snake Plissken aus „Die Klapperschlange“. Diese zynische, harte Ikone wollte ich wiedersehen, weil Kurt zuletzt einfach zu viele fade Familienfilme gemacht hat. Mit Mickey hatte es zeitlich leider nicht geklappt, aber ich liebe ihn genauso innig. Ich werde ihm garantiert noch eine Rolle auf den Leib schreiben, die seine Figur in „Sin City“ wie einen Disney-Charakter wirken lassen wird.

profil: Warum startet „Death Proof“ außerhalb der USA nicht als Teil des „Grindhouse“-Doppelpacks?

Tarantino: Weil das Grindhouse-Genre nur in den USA bekannt ist. Hier in Amerika konnten wir das Risiko einer Doppelvorstellung eingehen. Grindhouse-Filme sind früher in allerlei Versionen durch die Lande getourt, weil die Vorführer versehentlich Akte vertauscht oder ihre Lieblingssequenzen einfach herausgeschnitten haben. Ich wollte diesem anarchischen Geist treu bleiben. Ich habe in der US-Fassung absichtlich Lücken in der Story gelassen, die die Fantasie des Publikums beschäftigen sollten. Narrativ war das eine bis auf die Knochen und an meine persönliche Schmerzgrenze reduzierte Version. Die europäische Schnittfassung wird meinem ursprünglichen Drehbuch ungleich gerechter.

profil: Stimmt es, dass Ihre Schauspielerinnen zum Casting in Hot Pants und Flip-Flops anzutreten hatten?

Tarantino: Allerdings, denn genau das sollten sie im Film tragen. Wer da nicht den nötigen Sinn für Humor und den Stil des Genres hatte, kam für die Besetzung nicht infrage. Trotzdem bin ich ein perfekter Gentleman. Ich habe von niemandem verlangt, sich auszuziehen, wie es die alten Grindhouse-Regisseure garantiert gemacht hätten.

profil: Starke Frauen bestimmen Ihre Filme seit „Pulp Fiction“, doch noch nie haben Sie so viele Dialoge für Frauen geschrieben wie in „Death Proof“.

Tarantino: Ich bin ohne Vater aufgewachsen und habe mich immer wohl gefühlt in der Gesellschaft von Frauen, ohne dass es dabei um intime Beziehungen gegangen wäre. Bis heute habe ich kleine Gangs von Freundinnen, während meine Männerfreundschaften alle one on one sind. Das heißt: Drei Frauen hier, vier Frauen da – und mit der Zeit bekommt man als Autor auch ein Ohr dafür, wie sie miteinander sprechen. Ich bin sicher stolz auf die Inszenierung der Autoverfolgungsjagden in „Death Proof“. Aber noch stolzer bin ich, wenn mir meine Girls bestätigen, dass ich im Film ihren Ton getroffen habe.

profil: Ihr nächstes Projekt ist der Kriegsfilm „Inglorious Bastards“. Kommen für Sie grundsätzlich nur Genrefilme infrage?

Tarantino: Aus meiner Sicht ist alles Genrekino. Ich könnte die Filmgeschichte in endlose Subgenres unterteilen. Ich differenziere zum Beispiel sehr penibel zwischen Zombiefilmen, in denen Menschen entweder durch Bisse oder durch Viren zu Untoten werden. Jeder Regisseur ist ein Genrefilmer. John Cassavetes etwa hat eigenhändig das John-Cassavetes-Genre gegründet.

Interview: Roland Huschke

Quentin Tarantino, 44
Der in Knoxville, Tennessee, geborene Regisseur und Drehbuchautor avancierte mit Arbeiten wie „Reservoir Dogs“ (1992) und „Pulp Fiction“ (1994) zu einem der bekanntesten Filmemacher seiner Generation. 1997 brachte der Filmfanatiker Tarantino die Gangsterfilm-Hommage „Jackie Brown“ in die Kinos. Schauspielerin Uma Thurman, eine langjährige Tarantino-Vertraute, beging unter der Oberaufsicht des Regiemanikers 2003/2004 in dem in zwei Teilen veröffentlichten Western- und Kampfkunstfilm „Kill Bill“ ein großes, gnadenloses Gemetzel.