„Ich wünsche mir Gusenbauer zurück“:
Robert Palfrader im Sommergespräch

„Kaiser“ Robert Palfrader über Monarchisten, sein Verhältnis zur Kirche und seine Probleme mit der gegenwärtigen Politik.

profil: Herr Palfrader, fast verdächtig, wie sehr Sie in Ihrer Rolle als Robert Heinrich I. aufgehen. Wären Sie gerne Kaiser?
Palfrader: Nein, ich genieße es einfach, ein präpotenter verbaler Berserker sein zu dürfen. Ich kann ja machen, was ich will. Ich kann gescheit sein, ich kann blöd sein, ich kann was wissen, ich kann etwas nicht wissen, ich kann missverstehen …

profil: Ist das alles abgesprochen oder improvisieren Sie?
Palfrader: Das ist von Gast zu Gast verschieden. Bei manchen schmeiße ich 95 Prozent der Sachen, die wir vorbereitet haben, in den geistigen Mistkübel, manchmal 100 Prozent. Und manchmal ist das Gegenüber so fad, dass wir alles Vorbereitete einfach der Reihe nach runterklopfen. Die interessanteren Gespräche sind natürlich die, wenn mir einer Kontra gibt.

profil: Die meisten sind devot. Das macht offenbar die Uniform.
Palfrader: Jemand, der gut ausgestiegen ist, obgleich ich ihm wirklich bösartige Dinge gesagt habe, war Peter Westenthaler. Auch Franz Fischler und Andreas Khol haben sich großartig geschlagen.

profil: Peter Westenthaler haben Sie einmal „ein fehlgeschlagenes Experiment amerikanischer Genforscher“ genannt.
Palfrader: Und ein Freiluftexperiment mit Beliebtheitswerten eines tschechischen Atomreaktors.

profil: Es gibt zwar eine Habsburg-Nostalgie, aber nicht wirklich Monarchisten. Warum ist das so?
Palfrader: Das freut mich, weil es auf die ­Gesundheit der Bevölkerung hinweist. Gäbe es mehr Monarchisten, würde ich sagen, wir haben ein Problem.

profil: Vielleicht hat Ihre Sendung deshalb so viel Zuspruch, weil ein Kaiser in Österreich immer noch ein kleiner Nervenkitzel ist.
Palfrader: Ich glaube, dass es in einem gewissen Maß die Lust an der freiwilligen Kurzzeitunterwerfung ist. Und ich rede jetzt nicht nur von den Gästen oder vom Saal­publikum. Ich bin jetzt ein paar Meter hierher in das Café Engländer gegangen und zehnmal als Exzellenz, Herr Kaiser, Majestät, Hochwohlgeboren und Durchlaucht ­angesprochen worden.

profil: Kennen Sie Otto Habsburg? Ein zurückhaltender Mensch mit einer gewissen Selbstironie.
Palfrader: Gehört und gelesen habe ich schon einiges von ihm. Ich habe auch großen Respekt vor seiner Arbeit im Europä­ischen Parlament. Mir ist es ja wurscht, wenn jemand ein Habsburger ist, er kann ja nichts dafür.

profil: Haben Sie sich mit Ihrer Rolle und mit den Habsburgern beschäftigt?
Palfrader: Nein, nicht wirklich. Der Rudi Roubinek (er spielt Seyffenstein; Anm. d. Red.) hat ein bisschen Vorarbeit geleistet und hat sich ein paar Dinge zum Protokoll angesehen. Mich hat das weniger inter­essiert. Es reicht vollkommen, dass ich ­genauso präpotent bin wie in meinem Privat­leben.

profil: Haben Sie so etwas wie einen Lieblingskaiser?
Palfrader: Josef II. Der hat versucht, die Aufklärung von oben zu diktieren. Ich habe seine Biografie gelesen und fand es wahnsinnig schmerzvoll für ihn, dass er in seiner eigenen Familie für seine Bemühungen dermaßen missachtet worden ist. Er hat ja auch nur ganz kurz regiert.

profil: Als Solo-Kaiser ohne Mama zehn ­Jahre.
Palfrader: Lange genug, um unseren ladinischen Südtiroler Familiennamen von Peraforada in Palfrader zu ändern. Das wurde in dieser Zeit eingedeutscht.

profil: Und unter Mussolini wieder italianisiert?
Palfrader: Nein, die Familie ist nach der so genannten „Option“ nach Österreich gegangen.

profil: Sie waren im Kalksburger Jesuitenkolleg. André Heller, der auch dort war, hat später öffentlich traumatische Erlebnisse aufgearbeitet. Ist es dort wirklich so schlimm?
Palfrader: Ich war zum Glück nur fünf Jahre dort, weil ich schon nach der vierten Klasse gegangen bin. Es hat mich schon geprägt, es hat mir Narben in die Seele geschlagen, die teilweise heute noch nicht verheilt sind.

profil: In welcher Weise?
Palfrader: Es war unfassbar autoritär, unfassbar streng, und was immer so mitgeschwungen ist, war: Von euch muss man mehr verlangen können.

profil: Es ging um Elitenbewusstsein?
Palfrader: Das einzig Elitäre an dieser Schule ist der Preis. Man sortiert dort Menschen nach ihrer Herkunft, nach den finanziellen Möglichkeiten des Elternhauses. Alles andere ist irrelevant. Ich war überdies ein furchtbarer Schüler. In der zweiten Klasse hatte ich noch einen Vorzug, in der dritten musste ich wiederholen. Es hat mich dann auch nicht mehr interessiert. Ich habe erst nach meiner Schullaufbahn zu lernen begonnen.

profil: Hat Sie das Katholische geprägt?
Palfrader: Ja, insofern, als ich nur mehr mit der Absicht in Kirchen gehe, sie mit meiner Anwesenheit zu entweihen. Ich bin aus der Kirche ausgetreten, obwohl ich einen Heiligen unter meinen Vorfahren habe, den Heiligen Freinadametz1). Ich habe auch eine unglaublich konservative Großtante, die es mir bis heute nicht verziehen hat, dass ich meine Kinder noch nicht getauft habe.

profil: Nach Ihrer ersten Sendung als Kaiser schrieb Sven Gächter in profil, Sie seien eine „klassisch-komische Rampensau mit subversiver Intelligenz“.
Palfrader: Das unterschreibe ich alles bis auf die Intelligenz.

profil: Wenn einer öffentlich eine Rampensau ist, besteht der Verdacht, er sei es auch privat. Sie haben da vorhin so etwas angedeutet. Sind Sie schwierig und mühsam?
Palfrader: Mühsam ja, schwierig nicht. Ich bin ein schlichter Mensch, ein sehr einfacher, gemütlicher, aber ich kann anstrengend sein, sehr anstrengend.

profil: Haben Ihnen das schon viele Leute gesagt?
Palfrader: Ja. Aber seit ich das beruflich ein bisschen ausleben kann, bin ich privat viel ruhiger geworden.

profil: Zur Schauspielerei gehört ohnehin eine Portion Exhibitionismus.
Palfrader: Seh ich nicht ganz so, aber ich bin mir auch noch nicht sicher: Ist es eine Profilierungsneurose oder einfach nur ein Minderwertigkeitskomplex?

profil: Exhibitionismus schließen Sie aus?
Palfrader: Ja, ich glaube, es ist eine Profi­lierungsneurose, und zwar eine kräftig ausgeprägte.

profil: Furchtsam sind Sie nicht. Sie haben im Volkstheater den Oskar in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ gespielt – eine Rolle, bei der jeder den Qualtinger vor Augen hat. Im Premierenpublikum ist Klaus Maria Brandauer gesessen, und Sie waren vorher noch nie auf einer großen Bühne.
Palfrader: Ich hab von Freunden die DVD mit Helmut Qualtinger bekommen. Sie war schon drin im DVD-Player. Beim Vorspann habe ich auf Stopp gedrückt und gesagt: Nein, das schaue ich mir an, wenn ich es 30-mal gespielt habe. Ich wollte meinen ­eigenen Oskar finden.

profil: Haben Sie vor der Premiere stark ­vibriert?
Palfrader: Nein, ich liebe diese Arbeit. Ich bin kein Schauspieler. Schauspieler sind ­Nicholas Ofczarek oder Michael Maertens oder Klaus Maria Brandauer. Vielleicht werde ich einmal ein Schauspieler sein, vielleicht werde ich einmal diese Berufsbezeichnung wirklich verdienen.

profil: Im Frühjahr spielen Sie den Liliom, wieder so ein Grober.
Palfrader: Ja, wer weiß, was mir zu dem ­alles einfällt.

profil: An welchem Politiker arbeiten Sie sich denn besonders gern ab?
Palfrader: Besonders gern eigentlich an keinem. Am notwendigsten erachte ich es beim Herrn Strache. Ich habe einmal als die von mir dargestellte Kunstfigur, also als „Kaiser“, über ihn gesagt: „Was redt der Strache ständig von Integration, der ist ja selber nicht Teil der Gesellschaft.“ In diesem Fall überschneidet sich meine private Meinung mit jener der von mir dargestellten Kunstfigur.

profil: Ist auch der Sager „Mit Werner Faymann scheint die rote Gefahr gebannt“ von Ihnen?
Palfrader: Der ist nicht von mir. Er klingt nach Florian Scheuba.

profil: Was halten Sie von Werner Faymann?
Palfrader: Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mir Alfred Gusenbauer jemals zurückwünschen würde. Ich sehe Alfred Gusenbauer nach wie vor als einen hoch qualifizierten Menschen. Vielleicht stehe ich da allein auf weiter Flur, aber ich halte ihn für einen ­fähigen Kopf.

profil: War er unterschätzt?
Palfrader: Kann ich nicht sagen. Ich hab ihn nur einmal im Rabenhof getroffen, über ein Hallo ging das nicht hinaus. Aber was man mir von ihm erzählt hat, muss er ein verdammt gescheiter Mensch sein. Ich weiß nicht, warum das nicht funktioniert hat.

profil: Vielen Leuten tut es weh, dass die SPÖ so zerbröselt. Gehören Sie da auch dazu?
Palfrader: Mir tut es weit mehr weh, wenn ich lese, dass sich 20 Prozent der Österreicher einen starken Mann an der Staatsspitze wünschen. Die sollten einmal schauen, wie das im Iran ist, wenn ein starker Mann an der Spitze Demonstrationen auflöst und mit Eisenstangen bewaffnete Polizisten auf Motorrädern durch die Menge fahren lässt. Wenn der starke Mann bei uns Strache heißt, können wir uns anschnallen. Ich finde es erschreckend, wie viele Leute glauben, was dieser Mensch sagt.

profil: Warum ist das so?
Palfrader: Vielleicht ist es einfach nur ein Ventil. Der Österreicher frisst seinen Zorn vier Jahre in sich hinein und bricht dann am Wahltag den Bleistift fast ab, wenn er sein Kreuzl bei der FPÖ macht. Vielleicht laufen bei uns deswegen so wenige Menschen Amok. Die reagieren sich ab, indem sie die FPÖ wählen.

profil: Möglicherweise treten in Zukunft gar keine Parteien mehr an, sondern jede Zeitung hält sich einen Kandidaten. Jetzt hat eine Zeitung ihren Mann auf fast 18 Prozent gebracht.
Palfrader: Hans Dichand hat es nicht ­geschafft, sich einen eigenen Fernsehsender aufzubauen, jetzt hat er halt eine politische Partei namens „Kronen Zeitung“. Ich glaube, dass deren Macht ein bisserl überschätzt wird. Aber natürlich gibt es genug Politiker, die nach Dichands Pfeife tanzen und in ­vorauseilendem Gehorsam lächerliche Dinge tun.

profil: Gibt es für Sie einen Politiker, den Sie wirklich schätzen oder geschätzt haben?
Palfrader: Ja, Fred Sinowatz.

profil: Warum Sinowatz?
Palfrader: Der hat zwei wunderbare Sätze gesagt, und ich bin nicht müde geworden, das jedem immer wieder zu sagen. Der erste Satz lautete: Es ist alles sehr kompliziert. Und es stimmt: Es ist alles sehr kompliziert.

profil: Und der zweite Satz?
Palfrader: Der zweite Satz war: „Nehmen wir zur Kenntnis, dass nicht Waldheim bei der SA war, sondern nur sein Pferd.“ Das ist eine grenzgeniale Meldung, eine wunderschöne Breitseite.

profil: Sinowatz sitzt jetzt auf einer Wolke und freut sich.
Palfrader: Ich weiß nicht, ob es einen Himmel im heilsgeschichtlichen Sinn gibt, da habe ich meine Zweifel. Ich habe ja mit der katholischen Heilslehre gebrochen.

profil: So weit bringt es die Jesuitenschule.
Palfrader: Ja. Ich glaube, dass es kaum Jesuiten gibt, die wirklich an Gott glauben. Das kann ich mir nicht vorstellen. Dann würden sie sich anders verhalten.

profil: Sie machen jetzt die vierte „Kaiser“-Staffel. Besteht da nicht die Gefahr, dass Sie festgenagelt werden?
Palfrader: Deswegen höre ich ja auf. Ich hab wahnsinniges Glück gehabt. Es gibt viele Menschen, denen ich wahnsinnig viel zu verdanken habe. Ich habe meinen Lottosechser gemacht und eine Sendung, die super funktioniert. Aber wie Sie richtigerweise gesagt haben: Ich habe natürlich Angst davor, ­festgenagelt zu werden. Ich bin jetzt über
40 und denke mir, ein bissel was muss noch gehen.

profil: Johannes Heesters macht es bis 105.
Palfrader: Ich weiß nicht, wie glücklich er damit ist. Wenn ja, freut es mich für ihn. Ich kann es mir nicht vorstellen. Dafür bin ich ein viel zu unruhiger Geist. Ich möchte schon noch wachsen.

profil: Glauben Sie eigentlich an ein Leben nach dem Tod?
Palfrader: Ich beneide Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben können. Ich kriege das intellektuell nicht auf die Reihe. Es wäre natürlich schon wunderbar, all die Verstorbenen, die mir nahegestanden sind, wiederzusehen, allen voran meinen Vater. ­Allein mir fehlt der Glaube.

profil: Apropos Tod: Der „Jedermann“ wurde leider gerade vergeben.
Palfrader: Ich kenn den Nicholas Ofczarek nur vom Händeschütteln, aber ich freue mich so wahnsinnig für ihn. Er ist eine perfekte Wahl.

profil: Jetzt gab es beim „Jedermann“ acht Jahre Peter Simonischek. Dann gibt es acht Jahre Nicholas Ofczarek, kommen dann acht Palfrader-Jahre?
Palfrader: Dafür fehlt mir das Handwerk. Das kann ich nicht, muss ich auch nicht können. Aber ich mache etwas anderes. Und den Leuten gefällt das offenbar.

profil: Herr Palfrader, danke für das Gespräch.