„Ich bin kein Illusionist“: Wissenschafts- minister Hahn im Interview mit profil

Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) über Studiengebühren, Hochschülerproteste und wie Menschlichkeit Deutsche vom Studium in Österreich abhalten soll.

profil: Die Studenten protestieren seit zwei Wochen. Lange war von Ihnen vor allem die Forderung nach Studiengebühren zu hören, die mit der SPÖ sicher nicht einzuführen sind. Ist das nicht ein bisschen wenig?
Hahn: Mein Ansatz umfasst drei Schritte, faire Beiträge für faire Bedingungen bei gleichzeitigem Ausbau der Stipendien ist einer davon. Studienbeiträge für die umfassenden Themen, die nun am Tisch liegen, auch nicht die alleinige Antwort. Das ändert aber nichts daran, dass Beiträge meiner Meinung nach sinnvoll sind. Aber ich bin kein Illusionist. Ich weiß, dass ihre Wiedereinführung derzeit unwahrscheinlich ist.

profil: Ausgangspunkt der Studentenproteste war der Bologna-Prozess. Es heißt, die Unis würden verschult.
Hahn: Bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses orte ich bei den Studienplänen auch gewisse Defizite: Manche Fakultäten haben einfach das Diplomstudium genommen, irgendwo in der Mitte „durchschnitten“ und den ersten Teil zum Bachelor-, den zweiten zum Masterstudium gemacht. Das ist der falsche Weg.

profil: Was wollen Sie tun, um das zu verhindern?
Hahn: Wir haben stichprobenartig evaluiert, ob dieser Verdacht, der immer wieder geäußert wurde, stimmt. Teilweise hat er sich bestätigt. Da sind nun die Rektoren gefordert. Ich würde mir wünschen, dass Bologna dazu genutzt wird, den Bachelor breiter aufzustellen. Auch fakultätsübergreifend, um dann aus einer Reihe von spezialisierten Master-Studien wählen zu können, die man anschließt.

profil: Die Universitäten sind chronisch unterfinanziert. Die 34 Millionen sind wohl eher ein Tropfen auf dem heißen Stein. War bei Ihrem Parteifreund Finanzminister Pröll wirklich nicht mehr rauszuholen?
Hahn: Die 34 Millionen Euro stammen aus meinem Budget, und zwar aus jenem Topf, der für Ausnahmesituationen bestimmt ist. Wir haben durch die hohen Studierendenzahlen in einigen Fächern eine außergewöhnliche Situation, daher aktiviere ich diese Reserve. Insgesamt entwickelt sich das Uni-Budget aber gut. Das Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für den tertiären Bereich (eine Empfehlung der EU, Anm.) wollen wir 2020 erreichen. Dass das nicht von heute auf morgen geht, war klar. Außerdem muss man diese Prozentsätze relativieren: Wenn sich das BIP gut entwickelt, so wie in den vergangenen Jahren, sieht ein Ausgabenplus auf den ersten Blick verhältnismäßig mager aus. Umgekehrt könnte es jetzt in der Krise sein, dass das BIP fällt und die Steigerung des Uni-Budgets um 17 Prozent überproportional wirkt. Entscheidend ist also, wie sich der Budget-Pfad intern entwickeln. Da sind wir auf einem guten Weg.

profil: Kritiker meinen, von niedrigem Niveau zu steigern, sei keine Kunst. Warum stellt man die Finanzierung nicht – wie bei den Fachhochschulen (FH) üblich – auf eine Studienplatzfinanzierung um?
Hahn: Bei den Fachhochschulen werden Studiengänge nicht nur genehmigt, wenn sie fachlich solide sind, sondern wenn es in der Arbeitswelt einen Bedarf gibt. Und die FH nehmen nur eine bestimmte Anzahl von Studierenden. Das sind ganz andere Bedingungen. Interessanter Weise ist dort aber auch die soziale Symmetrie besser, die Absolventen finden leichter einen Job, die Drop-Out-Quote ist gering. Das sollte der SPÖ zu denken geben.

profil: Das hört sich wie ein Plädoyer für Zugangsbeschränkungen an. Halten Sie nichts vom freien Zugang zu Bildung?
Hahn: Ich halte es hier mit Bildungspsychologin Christiane Spiel. Sie hat gemeint, wenn man da und dort Zugangsbeschränkungen einführt, ist es kein Wunder, wenn die Studierenden woanders hindrängen. Wir haben in Österreich die Skurrilität, dass sich im tertiären Sektor, der neben Unis ja auch FH, Pädagogische Hochschulen (PH), Lehrgänge mit universitärem Charakter, Akademien etc. umfasst, jeder die Studierenden aussuchen kann, nur die Unis in der Regel nicht. Von der Anmutung her ist die Universität in der Hierarchie ganz oben – das ist bei uns auf den Kopf gestellt: Studierende, die die Aufnahmeprüfung an der PH zum Pflichtschullehrer nicht schaffen, gehen an die Uni und inskribieren für das AHS-Lehramt. Wer die Aufnahmeprüfung zur Journalismus-FH nicht schafft, geht an die Publizistik.

profil: Kanzler Faymann hat sich – zumindest zwei Tage lang – für Zugangsbeschränkungen ausgesprochen. Gibt es schon Gespräche, wie diese aussehen könnten?
Hahn: Ich freue mich über diesen spürbaren Richtungswechsel der SPÖ. Die Frage der Zugangsregelungen wird auch beim „Dialog Hochschulpartnerschaft“ am 25. November thematisiert werden, zu dem ich sämtliche Hochschulpartner eingeladen habe. Zunächst geht es aber um einen Grundkonsens, wie die Hochschulen funktionieren sollen. Mein Ziel ist jedenfalls, dass mehr junge Mensch in guter Zeit ihr Studium abschließen können. Der Maßstab für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes ist die Zahl der Absolventinnen und Absolventen.

profil: Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen werden diese wohl nicht steigern.
Hahn: Das ist ein Irrtum. Die Zahl der Absolventen ist in der Zeit der Studienbeiträge um 60% gestiegen, bei sinkenden Inskribiertenzahlen.

profil: .. weil sich plötzlich viele – auch Langzeitstudenten – bemüht haben, rasch ihr Studium zu beenden. Ein klassischer Einmaleffekt..
Hahn: Es braucht noch mehr. Darum haben wir jetzt – als Pilotprojekt – den Studienchecker: Geschulte Berater gehen zu den Maturanten an die Schulen, informieren über die 400 verschiedenen Studienmöglichkeiten. Derzeit verteilen sich 60 Prozent der Neuinskribienten auf nur zehn Prozent der Studienfächer – da muss es Engpässe geben

profil: Hätten Sie, sagen wir, technische Chemie studiert, wenn Ihnen jemand gesagt hätte, Jus und Philosophie sind schon so überlaufen, der Arbeitsmarkt braucht Chemiker?
Hahn: Nein. Aber ich bin überzeugt, dass es für viele Studierende andere Möglichkeiten in benachbarten Fächern gibt – etwa im Bereich Kommunikationswissenschaft: Da werden neben der klassischen Publizistik viele weitere verwandte Studienmöglichkeiten angeboten. Wer sich vorher überlegt, was er studieren möchte, kann einen Studienwechsel vermeiden.

profil: Hat – unter anderem – dieses Hineinschnuppern nicht die Universität ausgemacht?
Hahn: Ja, ich habe das auch getan. Aber ich habe vor 30 Jahren studiert. Zu unserer Zeit war es normal, mit 28 den ersten Job anzunehmen - heute wir jemand scheel angeschaut. Der Druck auf die Studierenden, früher fertig zu werden, hat zugenommen. Und meine Aufgabe als Minister ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die ihren Bedürfnissen gerecht werden: Studieneingangsphasen und Aufnahmetests helfen bei der frühzeitigen Orientierung.

profil: Das solle ja, meinen Sie, auch den Andrang deutscher Studenten eindämmen. Daran, dass es statistisch gesehen zehn mal mehr Deutsche als Österreicher gibt und sie entsprechend bessere Chancen haben, Aufnahmetests zu bestehen, ändert das aber nichts.
Hahn: Das stimmt. Aber Tests haben eine abschreckende Wirkung: Wenn man für einen Aufnahmetest lernen muss, überlegt man genauer, ob das Studium wirklich das ist, was man will.

profil: Sie hoffen also auf die Faulheit der Studenten.
Hahn: Das ist nicht Faulheit, das ist menschlich. In Graz sind hunderte Studenten ausgeblieben, als der Medizintest eingeführt wurde. Wenn man nicht sicher weiß, ob man einen Studienplatz bekommt – etwa wegen eines Aufnahmetests –, dann überlegt man, ob sich die Mühen des Umsiedelns lohnen.

profil: War auf EU-Ebene nichts zu erreichen?
Hahn: Das ist kein Problem der EU. Deutschland hat ein sehr restriktives Regime bei der Studienplatzvergabe – weil sie sich nach ihrem Bedarf richten. Darum lehnen sie auch Ausgleichszahlungen ab: Sie wollen nicht für Studienplätze zahlen, die sie gar nicht brauchen. Außerdem würden die deutschen Studierenden weiterhin Studienplätze besetzen.

profil: Was soll für Sie die Universität bieten: Punktgenaue Ausbildung oder umfassende Bildung?
Hahn: Beides. Zum Vorwurf der Ökonomisierung: Eine europaweite Umfrage unter Studierenden hat ergeben, dass sich europaweit 95 Prozent und in Österreich 90 Prozent der Studierenden von der Universität vor allem eine ordentliche Berufsausbildung wünschen.

profil: Das bieten die Fachhochschulen. Das ist aber eine Ausbildung, keine Bildung.
Hahn: Was wollen wir? Wir haben diese grundsätzlichen Dinge nie wirklich ausdebattiert. Darum habe ich im Sommer einen Diskussionsprozess für den Hochschulraum begonnen und wollte uns zwei Jahre Zeit geben. Jetzt wird es wohl etwas schneller gehen.

profil: Die ÖH bezeichnete den aktuell angestrebten Hochschul-Dialog als heiße Luft. Darf man trotzdem vor Ihrer Abreise nach Brüssel eine Einigung mit den Studenten erwarten?
Hahn: Ich habe mich bewegt, die SPÖ hat sich bewegt – ich würde es begrüßen, wenn sich auch die Studierenden bewegen. Sie sind jedenfalls herzlich zum „Dialog Hochschulpartnerschaft“ eingeladen.

profil: Vielen Dank für das Gespräch.