"Ich war der billigste Mitarbeiter":
Heinz Prüller im Interview mit profil

Heinz Prüller über seine Zwangspensionierung als ORF-Kommentator, eckige Kurven und einäugige Skirennläufer, seinen persönlichen Weltrekord und eine verloren gegangene Ehefrau.

Interview: Rosemarie Schwaiger

profil: Wo werden Sie den Grand Prix von Melbourne diesmal verfolgen? Vor dem Fernseher?
Prüller: Ich bin natürlich in Melbourne. Ich habe vom Bernie (Ecclestone, Anm.) schon seit Jahren einen Boxen- und Fahrerlagerausweis, der lebenslang gilt. Und ich habe auch viele Freunde, Verbindungen, Connections in der Formel 1. Das werde ich mir selbstverständlich bewahren.

profil: Müssen Sie sich den Flug nach Aus­tralien jetzt selbst bezahlen, oder werden Sie eingeladen?
Prüller: Ich lasse mich nicht einladen. Selber zahlen ist auch nicht notwendig. Ich gehöre ja seit 40 Jahren zur Redaktion der „Kronen Zeitung“, die bisher schon die Hälfte meiner Reisespesen bezahlt hat, ob das Skirennen waren oder Olympische Spiele oder Formel-1-Rennen. Das ärgert mich am meisten: Der ORF redet von Einsparungen. Aber ich war der billigste Formel-1-Mitarbeiter, den sie gehabt haben, weil ich ja nur die Hälfte kostete.

profil: Der ORF hat angekündigt, dass er Ihnen irgendein Angebot machen wird. Gibt es schon eines?
Prüller: Nein, ich habe nur gehört, dass sie versuchen wollen, mich in die Berichterstattung einzubinden. Nur: Warum haben sie mich dann zuerst ausgebunden? Bis jetzt hat sich niemand bei mir gemeldet. Was irgendwie schade ist. Nicht wegen mir, ganz ehrlich, sondern weil ich dem Sender ein Standing in der Formel 1 verschafft habe. Der ORF war jahrelang in der Pole Position der Formel 1. Sogar Siegerehrungen haben zu Rindts und Laudas Zeiten erst stattgefunden, wenn mein Interview beendet war.

profil: Sie haben kürzlich in einem Interview erzählt, dass „ein bestimmter Herr vom ORF“ bei jeder Live-Übertragung angerufen und gedroht habe, Sie demnächst rauszuwerfen. War das Sportchef Hans Huber oder Info-Direktor Elmar Oberhauser?
Prüller: Dreimal dürfen Sie raten.

profil: Ich würde eher auf Oberhauser tippen. … Sie lachen, kann ich das zu Protokoll nehmen?
Prüller: Also, der Chef hat das Recht, seine Kommentare einzubringen, oder seine Wünsche oder seine Beschwerden. Darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren. Aber er hat mir schon vor Jahren einen Brief geschrieben: „Sie haben sich gigantische Verdienste in der Formel 1 erworben, aber die Zeiten haben sich geändert.“

profil: Sie sind 67 Jahre alt. Wie lange wollten Sie noch weitermachen?
Prüller: Weiß ich nicht. Der Schumacher hat 91 Grand Prix gewonnen, und dem war es wirklich egal, ob er jetzt 93 oder 94 gewinnt, der Lauda war dreimal Weltmeister …

profil: Sie würden sich da einreihen?
Prüller: Überhaupt nicht. Es ist nur letztlich egal, ob jemand 700 oder 800 Rennen überträgt. Ich halte als Kommentator sowieso den Weltrekord, wahrscheinlich auf ewige Zeiten.

profil: Was halten Sie von Ernst Hausleitner, Ihrem Nachfolger beim ORF? Kann er das?
Prüller: Ja, natürlich.

profil: Das klingt, als könnte es jeder. So haben Sie es nicht gemeint, nehme ich an.
Prüller: Ich kann das schwer beurteilen. Vielleicht hab ich die Formel-1-Berichterstattung in einem gewissen Sinn geprägt. Früher hat es Rennen gegeben mit Action wie in einem Sylvester-Stallone-Film. Es gab jedes Jahr zwei bis drei Tote in der Formel 1, das war natürlich fürchterlich. Dazu weitere Unfälle, Kollisionen, Dreher. Heute jammern viele, es wird zu wenig überholt und nichts passiert. Wenn ein Rennen fad ist, muss man mehr über die Piloten erzählen. Menschen und Schicksale sind immer ­interessant.

profil: Sie meinen Geschichten wie zum Beispiel die über Mika Häkkinens Schildkröte Caroline, die vom Balkon gefallen ist.
Prüller: Häkkinen hat mir erzählt, das Faszinierende für ihn sei, dass die Schildkröte so langsam ist, das langsamste Tier überhaupt. Und irgendwann hab ich ihn gefragt, „Du, wie geht’s deiner Dings …?“ Sagt er: „Die ist leider tot, sie ist vom Balkon gestürzt.“

profil: Hat immer alles gestimmt, was Sie erzählt haben?
Prüller: Ja freilich, warum sollte ich die Zuschauer anlügen?

profil: In all den Jahren gab es keinen peinlichen Irrtum, keine Verwechslung?
Prüller: Ich hab mich hin und wieder versprochen, das passiert jedem. Einmal hab ich gesagt: Jetzt sind von den 17 Runden noch 70 zu fahren. Fehler kann man immer machen. Dass man zum Beispiel Autos verwechselt, konnte früher mit den Schwarz-Weiß-Monitoren in der TV-Kabine passieren. Darauf hab ich mir einen Farb-Transistorfernseher gekauft und zu den Rennen mitgeschleppt.

profil: Ein Zitat von Ihnen: „Massa ist der Schnellste in der Formel 1, aber nur wenn er alleine fahren kann.“
Prüller: Das stimmt ja auch. Im Kampf Rad an Rad ist er nicht so souverän. Ich versuche halt, den Leuten etwas zu erklären, es schauen ja nicht nur Ingenieure zu. Da gibt es zum Beispiel eine Kurve in Istanbul, die kann man so fahren, so, so und so (Prüller fuchtelt mit der rechten Hand). Manche fahren sie in einem Zug durch, andere setzen viermal an. Da habe ich den Ausdruck von der eckigen Kurve erfunden.

profil: War Ihnen in solchen Momenten klar, dass Sie am nächsten Tag auf Ö3 durch den Kakao gezogen werden würden?
Prüller: Also, das ist mir egal. Da ist mir jede Eitelkeit fremd. Wenn man überlegt, wie der Kreisky imitiert und von Karikaturisten gezeichnet wurde, brauche ich mich wirklich nicht zu beklagen. Ich meine, ich rede ja nicht nur von den Schildkröten der Fahrer. Es gab viele Geschichten, die wichtig waren. Im Skisport hatten wir früher den Italiener Fausto Radici. Der war sehr gut im Slalom, immer unter den ersten Drei. Und im Riesenslalom war er Fünfzigster. Ich hab mir gedacht, das gibt’s doch nicht. Wie ich mit ihm rede, komm ich drauf, dass er nur ein Auge hat. Das störte beim Slalom nicht, aber im Riesenslalom konnte er die Abstände nicht einschätzen. Bei der nächsten Übertragung hab ich das gesagt und bin dann zitiert worden mit „Der einäugige Schnitzer aus dem Grödnertal“. Wenn mich etwas interessiert, kann ich annehmen, dass es auch die Zuseher interessiert.

profil: Es gibt das Gerücht, Sie hätten einmal Ihre Frau bei einem Grand Prix vergessen. Stimmt das?
Prüller: Ich wollte, ich hätte.

profil: Also stimmt es nicht?
Prüller: …

profil: Denken Sie scharf nach.
Prüller: Tu ich ja. Kann schon sein. Aber wenn, dann meine Ex-Frau. Meine jetzige Freundin würde ich niemals vergessen, nicht einmal in der Ferrari-Box in Monza.

profil: Niki Lauda jammert häufig darüber, dass die Fahrer in der Formel 1 heute so fad sind und als Typen nichts mehr hergeben. Sehen Sie das auch so?
Prüller: Würde ich nicht sagen. Die Leute sind anders. Jochen Rindt konnte schon mit zwölf, dreizehn Jahren Auto fahren, hat den Führerschein mit 18 Jahren gemacht und ist dann Rennen gefahren. Heute sitzen die Buben seit ihrem zweiten oder dritten Lebensjahr in einem Go-Kart, mit dem Benzintank zwischen den Füßen. Aber die Typen haben sich natürlich verändert. Ich denk jetzt nur an die berühmten Fotos von Jochen Rindt, wie er in der Box sitzt und raucht …

profil: Das wär heute wahrscheinlich ein Kündigungsgrund.
Prüller: Der Niki hat auch geraucht, wenn seine Vertragsverhandlungen mit Marlboro angestanden sind. Da gab’s dann die Fotos vom Niki, wie er ein bisserl gepafft hat.

profil: Wann war die beste Zeit der For-
mel 1?
Prüller: Das war sicher die Ära von Jochen Rindt, Jacky Stewart und Jim Clark. Das war eine irrsinnig abenteuerliche Phase. Ich kann mich erinnern, wir sind einmal zu sechst in einem Leihauto in Indianapolis auf die Rennstrecke gefahren. Die Fahrer wurden immer stiller, und Jochen sagte mir: „In Indianapolis kommt sich jeder Rennfahrer vor wie auf dem Weg zum eigenen Begräbnis.“ Die dauernde Gefahr hat die Fahrer natürlich zusammengeschweißt und auch ein paar Journalisten, die zum engsten Kreis gehörten. Und ich darf sagen, da war ich auch dabei.

profil: Angeblich haben Sie schon mit dreizehn als Sportreporter gearbeitet.
Prüller: Ich hab Schule und Matura schon auch gemacht. Aber mir war klar, dass mein Beruf irgendwie mit Radio, Zeitung, Fernsehen oder Film zu tun haben muss. Ich hab zum Beispiel den Enzo Ferrari zu einer Zeit interviewt, als noch kein österreichischer Berufsjournalist mit ihm geredet hatte.

profil: Und wieso hat er mit Ihnen geredet?
Prüller: Ich war wie so oft Autostopp in Italien und habe genau gewusst, wo die Fabrik von Ferrari ist. Da bin ich reinspaziert um sechs, halb sieben am Abend, als die Arbeiter gerade gegangen sind. Werkschutz im heutigen Sinne hat es nicht gegeben. Und plötzlich stand ich in der Rennabteilung, und da hingen die Lorbeerkränze, Plakate, Ölkanister, Reifen und Motoren. Auf einmal brüllt jemand, wie ich noch nie einen brüllen gehört habe. Das war Enzo Ferrari. Ich habe mich entschuldigt, und irgendwie hat’s ihm imponiert, dass da einer einfach reinmarschiert. Er hat gesagt: Okay, setz dich hin, dieci minuti intervista.

profil: Angeblich arbeiten Sie seit Jahren an diversen Musicals. Wann wird endlich eines fertig?
Prüller: Das wird noch etwas dauern.

profil: Woran scheitert es?
Prüller: Das Musical über Ayrton Senna ist wegen finanzieller Probleme leider eingeschlafen, obwohl ich da sehr viel Vorarbeiten geleistet hatte. Und dann hatte ich einen sehr lieben Hund, den Grimaldi, über den ich auch gern eines machen würde. Das Hunde-Musical wird vielleicht etwas, wenn ich ein bisschen mehr Zeit habe.

Fotos: Peter M. Mayr