„Ich war nie Teil dieses Geschäfts“

Ungarns Regie-Extremist Béla Tarr über Widerstand und Depression. Diese Woche stellt er im Wiener Blicke-Kino persönlich seinen neuen Film vor.

Interview: Stefan Grissemann

profil: „Das Turiner Pferd“ sei Ihr unwiderruflich letzter Film, haben Sie erklärt. Wieso hören Sie auf?
Tarr: Ich will keine Kamera mehr berühren.

profil: Wieso denn? War Ihre jüngste Arbeit keine gute Erfahrung?
Tarr: Im Gegenteil: eine der besten meines Lebens. Denn ich wusste, dass der Film mein letzter sein würde. So hatte ich richtig Freude daran. Ich drehe seit 35 Jahren Filme, mit denen ich mich tiefer und tiefer in die menschliche Existenz gegraben habe, und ich konnte eine ganz eigene Filmsprache und Ausdrucksweise entwickeln. Nun ist die Arbeit getan. Sie ist zu Ende. Ich bin kein Kopist, wiederhole weder mich noch andere. Ich war nie Teil dieses Geschäfts.

profil: Woran werden Sie in Zukunft arbeiten? Nur noch unterrichten?
Tarr: Ich versuche, Produzent zu sein, habe ein Produktionsbüro in Budapest. Zudem baue ich eine internationale Filmschule in Split mit auf.
profil: Das Pferd, nach dem Ihr Film benannt ist, verweigert seinen Dienst als Nutztier. Ein Sinnbild für Ihren ästhetischen Widerstand?

Tarr: Es geht nicht um mich, sondern ums Leben. Und das Leben ist leider nicht unbegrenzt. Die Welt wird sich weiterdrehen. Aber es ist fürchterlich, wenn man bemerkt, wie die eigenen Kräfte schwinden. Am Ende dieser Entwicklung verschwindet das Leben selbst, in aller Stille.

profil: Sie wurden im kommunistischen Ungarn groß und meinten, das Leben damals sei auch nicht schlechter gewesen als das in der Demokratie.
Tarr: Als ich mit dem Filmemachen begann, gab es die staatliche Zensur; nun haben wir jene des Marktes. Schwer zu sagen, welche Zensur schlimmer war.

profil: Die kommunistische Zensur war wohl gefährlicher.
Tarr: Nein. Man konnte immerhin etwas tun, wofür man anschließend bestraft wurde. Die Zensur des Marktes sorgt dafür, dass man von vornherein nichts mehr machen kann.

profil: Ihre Filme werden oft als deprimierend bezeichnet. Sie sehen das anders?
Tarr: Allerdings. Man wird sich nach einer Vorführung des „Turiner Pferds“ stärker fühlen als zuvor. Ich kann da kein Zeichen von Depression erkennen. Wären mein Team und ich denn in der Kälte jeden Tag um vier Uhr Früh aufgestanden, um zu drehen und auf das Licht zu warten, wenn wir deprimiert gewesen wären? Nein, wir waren alle extrem optimistisch: Wir glaubten daran, dass unsere Arbeit jeden Zuschauer bewegen und bereichern würde.

Zur Person
Béla Tarr, 57, der Regisseur des legendären „Satantango“ (1994), hat mit „The Turin Horse“ sein Kino unwiderruflich an ­einen Endpunkt geführt – mit einer bombastisch orchestrierten, schwarzweißen Hymne an den Untergang der bäuerlichen Welt. Die äußerste Kompromisslosigkeit ist hier Programm: Eine Arbeit wie „The Turin Horse“, so viel lässt sich gefahrlos behaupten, hat die Welt noch nicht gesehen.
„The Turin Horse“ ist im Rahmen der „profil series“ am 15.12. um 18 Uhr im 21er Haus zu sehen – in Anwesenheit des Regisseurs. Karten sind über hier äußerst günstig zu beziehen.