„Ich habe keine Traumrolle“

Schauspieler Karl Markovics über seine Mimik, Angebote aus Hollywood und seine bevorstehende Premiere mit George Taboris „Mein Kampf“ am Theater in der Josefstadt.

profil: Was halten Sie von Ihrem Gesicht?
Markovics: Ich kann mittlerweile mit meinem Gesicht gut umgehen, was nicht immer so war. Mit sechzehn, siebzehn Jahren wünscht man sich ein idealeres Gesicht: keine schiefe Nase, keine höckrige Stirn, keine abstehenden Ohren. Das setzt einem eine Zeit lang zu. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich mich genau damit von anderen abhebe.

profil: Als Schauspieler ist genau das Ihr Kapital?
Markovics: Was ich vom Theater will, deckt sich zumindest sehr gut mit meinem Gesicht, das von vornherein nicht die Illusion zulässt, dass man es hier mit einem Menschen zu tun hat, dem schon allein aufgrund seines Äußeren alles leichtfällt. Wenn man ein Gespür fürs Leben bekommt, merkt man, dass alles miteinander zusammenhängt. So wie die Schrift sehr viel über den Charakter eines Menschen aussagen kann, sind auch die Gesichtszüge bedeutungsvoll.

profil: Was sagen die Ihren über Sie aus?
Markovics: Darüber denke ich nicht nach. Was mein Gesicht tut, sieht man in den Rollen, die ich spiele. Eines bloß wird mein Gesicht nie sein: oberflächlich.

profil: Legen Sie sich für jede Ihrer Bühnen- oder TV-Figuren ein anderes Gesicht zurecht?
Markovics: Ich denke schon, wobei ich immer nach dem kleinstmöglichen Ausdruck suche. Das ist mir wesensverwandt. Ich weiß, dass sich die Gefühle eines Menschen in seinem Inneren abspielen. Tiefer Schmerz äußert sich nicht in konvulsivischen Zuckungen. Menschen, die vom Tod eines Kindes erfahren, legen oft die merkwürdigsten Alltäglichkeiten an den Tag.

profil: Welches Gesicht haben Sie in dem Film „Die Fälscher“ Ihrer Figur Solomon Sorowitsch gegeben?
Markovics: Ein Pokerface. Sorowitsch ist als Geldfälscher schon von Berufs wegen ein Mann, der nichts von sich zeigen und alles von anderen erfahren will und muss. Er ist ein Spieler, der die anderen Karten kennen muss, sich selbst aber nicht in die Karten schauen lassen darf.

profil: Das führt zu diesem ausdruckslosen, verhärteten, lauernden Blick?
Markovics: Ja, wobei ich „ausdruckslos“ absolut ablehne. Diese Rolle hat deswegen eine so große Wirkung, weil sie eben nicht ausdruckslos ist, sondern ausdruckslos scheint. Wenn man als Schauspieler wirklich mutig genug ist, nur zu empfinden, ohne dass man parallel dazu an der Mimik arbeitet, dann wird das Gefühl auf den Zuschauer abfärben. Ich liefere eine Skizze, die der Zuschauer zum fertigen Bild machen muss.

profil: Der Hollywood-Komiker Jim Carrey trainierte seine verschiedenen Grimassen jahrelang vor dem Spiegel.
Markovics: Das sieht man auch, kann ich da nur sagen, und es ist nichts, was mich interessiert. Ich habe in meinem Leben nie vor einem Spiegel geübt.

profil: Warum tragen Sie zurzeit diesen massiven Bart?
Markovics: Ich werde im Herbst Sigmund Freud spielen, eine Rolle also, für die es ganz günstig wäre, auch einen natürlichen Vollbart zu haben.

profil: Verwandeln Sie sich immer so weit wie möglich in eine Figur?
Markovics: Zumindest lege ich mir ein Bild von ihr zurecht. Ich war seit Jahren nicht mehr bei einem normalen Friseur, denn wenn ich nicht arbeite, lasse ich meine Haare einfach überall wachsen. Jeder Maskenbildner freut sich, wenn ich dann sagen kann: Mach damit, was du willst. Bei Franz Fuchs war das Äußere sehr wichtig, denn man kann eine Figur, die derart deutlich in den Köpfen der Menschen verankert ist, nicht komplett verändern. Aber von vornherein zu sagen, man müsse bei jeder Rolle anders aussehen, erschiene mir lächerlich.

profil: Welche Rollen interessieren Sie?
Markovics: Meist entscheide ich mich für extreme Figuren, weil mich selbst beim größten Ungeheuer, beim coolsten Spieler der dunkle Punkt seiner Seele interessiert, jener Punkt, an dem ein Mensch verletzlich und somit wahrhaftig ist. Wenn ich diesen Punkt gefunden habe, verstehe ich die ganze Figur.

profil: Wie extrem sind Sie persönlich?
Markovics: Als Mensch bin ich schon fast das Gegenteil. Man kann sich in meinem Beruf sehr leicht verzetteln, wenn man die Arbeit zum Alltag erhebt und die Schauspielerei 24 Stunden am Tag durchzieht, sich sein Publikum im Kaffeehaus holt, bei Interviews oder auf irgendwelchen Empfängen. Das ist gefährlich. Einen Menschen zu verkörpern kostet mich ungeheuer viel Kraft und Kreativität. Um dieses Reservoir wieder aufzufüllen, brauche ich Pausen.

profil: Daran hat auch der Oscar für „Die Fälscher“ nichts geändert?
Markovics: Nein. Glücklicherweise gilt in Österreich noch ein journalistischer Ehrenkodex, dass man nur so weit geht, wie es die Person zulässt. Die Ankunft am Wiener Flughafen nach der Oscar-Verleihung war ein Zirkus. Die Kameraschar lief mir bis zum Auto in die Garage nach. Ich habe mich umgedreht und gemeint: „Bis ins Auto folgt ihr uns jetzt aber bitte nicht.“ Das wurde anstandslos akzeptiert.

profil: Sie haben Ihre Karriere im Wiener Off-Theater begonnen und sind über den Umweg des Fernsehens berühmt geworden: Stört Sie das als einstiger Theatermensch?
Markovics: Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und war erst mit 14 Jahren zum ers­ten Mal in einer Vorstellung. Ich war kein Theaterkind, bin nicht früh von etwas infiziert worden, aber ich wusste schon immer, dass ich Schauspieler bin. Das Medium, ob nun Theater oder Film, war mir immer egal. Für mich haben die Bretter nie die Welt bedeutet.

profil: Auf Ihrer Rollenliste fehlen die Klassiker von Schiller, Goethe oder Kleist.
Markovics: Ich bin keiner, der sein Leben für vertan hält, wenn er nie als Faust auf der Bühne gestanden ist. Ich trage keinen Qualitätskanon in mir herum, genauso ­wenig habe ich eine Traumrolle.

profil: Haben sich Ihre Karrierestrategien nach der Oscar-Nacht verändert?
Markovics: Ich hatte nie eine Strategie, und insofern hat sich nichts verändert. Ich nehme eine Rolle nur an, wenn ich das Gefühl habe, dass sie im Moment richtig für mich ist. Egal, woher das Angebot kommt.

profil: Sie hatten die Kaltschnäuzigkeit, Angebote aus Hollywood abzulehnen?
Markovics: Natürlich, wenn man die nicht mehr hat, hat man verloren. Die wichtigste Regel im Leben ist, nicht korrumpierbar zu sein und sich selbst nicht zu belügen – nicht zu sagen: Die Rolle ist toll, während man in Wirklichkeit nur die 500.000 Dollar Gage im Kopf hat.

profil: In dem Film „Annas Heimkehr“ spielten Sie einen Nazi-Schergen, nun verkörpern Sie in George Taboris Theaterstück „Mein Kampf“ den Juden Schlomo Herzl. Wen mögen Sie als Schauspieler lieber: die Guten oder die Bösen?
Markovics: Da gibt es für mich keinen Unterschied. Für mich geht es ausschließlich darum, eine Figur zwingend darzustellen.

profil: Herzl pflegt den hypochondrischen Adolf Hitler, „kocht Essen für das Mons­ter“, „singt das Arschloch in den Schlaf“. Warum wendet sich der Jude dem bekennenden Antisemiten zu?
Markovics: Es geht in dem Stück um das Lebensthema George Taboris: um den Fluch, den Feind zu verstehen. Schlomo Herzl ist ein frühes Waisenkind, das seine Mutter in einem Pogrom verloren hat und dessen Vater von der Polizei erschlagen worden ist. Er sucht sein Leben lang nach einem Vater und einer Mutter. Er sucht sie bei Gott, aber da tut er sich schwer, weil Gott nicht als Gestalt existiert, an deren Schulter er sich ausweinen kann. Schlomo braucht andere Menschen wie einen Bissen Brot, denn jeder Mensch ist ein möglicher Vater, eine mögliche Mutter.

profil: Versucht das Stück zu erklären, wie es zum Holocaust kommen konnte?
Markovics: Darüber sagt es nichts aus, auch wenn es in manchen Szenen so tut, etwa wenn Schlomo den Hitlerbart erfindet. Da könnte man platter- und skandalöserweise sagen: Die Juden haben Hitler gemacht. Schlomo versucht nur, das Unaufhaltsame zu stoppen. Er sucht nach dem Menschen in dem Monster. Wenn er etwa für Hitler eine jüdische Ahnenreihe erdichtet, so tut er dies nicht, um Hitler zu provozieren. Er sucht nach Gemeinsamkeiten.

profil: Dennoch scheitert der Humanist Schlomo Herzl.
Markovics: Ja, ganz am Ende sagt er einen Satz, der das ganze Stück mehr oder weniger zusammenfasst: „Ich war zu dumm zu erkennen, dass manche Menschen Liebe nicht ertragen können.“ Er glaubt, dass Liebe und Empathie irgendwann dazu führen müssten, dass der andere einem etwas davon zurückgibt.

profil: Halten Sie das für naiv?
Markovics: Nein, wenn es eine ungestellte Aufgabe im Menschsein gibt, dann ist es diese.

Interview: Peter Schneeberger