„Ich arbeite wie eine Verkehrspolizistin“

Die Leiterin der im Sommer 2012 startenden documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, über ihre Pläne für das Kasseler Kunstfestival, über Agenten, Zeitschleifen, Powershopping und die Frage, was Sarah Palin und Giorgio Agamben gemeinsam haben.

Interview: Nina Schedlmayer

profil: Sie lassen sich für die documenta von einem „Honorary Advisory Committee“ beraten. In diesem Komitee sitzen vor allem Wissenschafter aus völlig anderen Bereichen als der Kunst. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Christov-Bakargiev: Ich arbeite vor allem mit „Agenten“, einer Gruppe von Personen aus der Kunstwelt. Doch es stimmt, dass es auch dieses -Komitee gibt. Diese Wissenschafter, die in sehr verschiedenen Disziplinen zu Hause sind, bilden den Mikrokosmos der documenta 13. Mich interessiert, dass mithilfe der Forscher ein möglichst komplexer Prozess in Gang gesetzt wird, an dessen Ende signifikante Ergebnisse stehen sollen – ähnlich wie in naturwissenschaftlichen Laboratorien, wo alle experimentellen Messungen auf wenige Erkenntnisse reduziert werden. Wir führen übrigens auch selbst Experimente durch – deren Ausgang ist freilich völlig ungewiss.

profil: Zum Beispiel?
Christov-Bakargiev: Jüngst näherten wir uns etwa dem Nordpol: Mit einer meiner „Agentinnen“, der Kuratorin Marta Kuzma, und zwei Künstlern – Mark Dion und Amar Kanwar – reiste ich zum Svalbard Global Seed Vault, dem weltweiten Saatgut-Gewölbe auf Spitzbergen. Dorthin schicken viele Regierungen Samen, die dann in einem Bunker verwahrt werden; sollte der Strom ausfallen, sind sie in der extremen Kälte noch immer sicher konserviert. Aus dieser Reise mit Dion und Kanwar kann eine Installation in Kassel entstehen – oder es bleibt ein Workshop, der nur im Katalog Erwähnung findet. Wer weiß, das Spiel ist noch offen.

profil: Wieso luden Sie ausgerechnet diese beiden Künstler ein, Sie an jenen entlegenen Ort zu begleiten?
Christov-Bakargiev: Dion und Kanwar stammen aus verschiedenen Teilen der Welt – aus den USA und aus Indien –, und sie hegen ein dringendes Interesse an Ökologie und Agrarpolitik. Heute gibt es in diesen Bereichen große Probleme, etwa die Ausbeutung indischer Baumwollpflücker. Mit solchen Fragen setzt sich auch die feministische Aktivistin Vandana Shiva auseinander; sie konnte verhindern, dass Saatgut von Auberginen an Konzerne verkauft und patentiert wird. Auch an sie bin ich herangetreten – sie schreibt für die documenta nun ein Buch, eines unserer hundert Notebooks, über die Kontrolle, die Konzerne über das Leben Einzelner ausüben. Eine Verbindung zwischen Shiva und der Reise nach Spitzbergen gibt es zwar derzeit nicht, aber die kann noch entstehen.

profil: Fragen Sie Künstler auch, ob sie an der documenta teilnehmen wollen, ohne an einem derartigen Projekt beteiligt zu sein?
Christov-Bakargiev: Ja, auch. Manche Künstler sind sehr solitäre Charaktere, und mein Vorgehen ist nicht ideologisch motiviert. Aber ich finde es spannend, wenn ich zwei oder drei Künstler zu einer Kooperation einlade: Man kann nicht vorhersehen, was geschehen wird – genauso wenig, wie man sich nach Plan verlieben kann. Als ich 2008 die Biennale in Sydney machte, brachte ich die Künstler Sam Durant und Ana Prvacki zusammen. Jetzt haben sie ein gemeinsames Baby. Wichtig an solchen Begegnungen ist jedoch, dass dabei Wissen ausgetauscht wird.

profil: Dieser Austausch muss freilich ein konkretes Ergebnis haben – nämlich eine Ausstellung.
Christov-Bakargiev: Ich fühle mich in dieser Hinsicht Harald Szeemann, einem meiner Vorgänger, sehr verbunden – er war nie besonders auf Resultate fixiert. Ihn interessierte am meisten das Gespräch, und er glaubte an das revolutionäre Potenzial eines anarchischen Netzwerks. Szeemann begriff Ausstellungen nicht so, dass dort in erster Linie Kunst einem Publikum gezeigt werden müsse. Er sah sie eher als Nebenprodukt einer Konversation. Natürlich wäre es effizienter, gemeinsam mit meinen „Agenten“ eine Liste möglicher Teilnehmer zu erstellen, mit diesen Interviews zu führen und auf dieser Grundlage die documenta zusammenzustellen. Doch das ist wie hektisches Powershopping am Flughafen: Es macht nicht viel Spaß.

profil: Was bedeutet es, die wichtigste Kunstausstellung der Welt zu kuratieren?
Christov-Bakargiev: Die documenta ist mit ihrem Rhythmus, dem Zeitabstand von jeweils fünf Jahren, etwas Anachronistisches und Langsames, sie ist wie ein Dinosaurier. Das hat einen großen Vorteil: Man hat viel Zeit. Ich kann ausführlich recherchieren und viel reisen, fahre beispielsweise dreimal nach Afghanistan. Letztlich geht es mir darum, zu zeigen, dass es auf der ganzen Welt beeindruckende Kunst gibt. Mit ihrer Hilfe können wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen.

profil: In welchem Jahr haben Sie die documenta erstmals selbst erlebt?
Christov-Bakargiev: 1987. Das war die documenta 8, die von Manfred Schneckenburger kuratiert wurde.

profil: Wie erinnern Sie sich daran?
Christov-Bakargiev: Ich mochte sie, da waren viele großartige Kunstwerke dabei, und die Teilnehmer kamen aus aller Welt. Mir gefiel zehn Jahre später aber auch die documenta 10 von Catherine David. Sie zeigte, dass die Avantgarde so etwas wie Kontinuität und Tradition besitzt. Und sie widmete sich verstärkt dem Diskurs. Auf Davids documenta folgten weltweit unzählige Kunstprojekte, die einen theoretischen Hintergrund hatten. Doch heute, in einer Zeit des kognitiven Kapitalismus, muss man diese Diskurslastigkeit hinterfragen. Auch wenn Theorie wirklich wichtig ist! In Italien, wo ich lebe, gibt es viele bedeutende Denker, etwa Paolo Virno, Maurizio Lazzarato, Mario Tronti oder Giorgio Agamben. Ihre Werke werden in alle möglichen Sprachen übersetzt, sie sind wie Popstars. Das Giorgio-Agamben-Syndrom ist aber dasselbe wie der Sarah-Palin-Effekt.

profil: Was meinen Sie damit?
Christov-Bakargiev: Für Michael Jackson oder Madonna war es früher viel schwieriger, berühmt zu werden. Heute sitzt jemand wie Palin mitten in Alaska, hat wenig Erfahrung und null Ahnung – und ist nur deswegen in aller Welt bekannt, weil online alle möglichen Informationen über sie kursieren. Ebenso ist das Internet, wo rasant Namen und Ideen verbreitet werden, ein Grund für den Erfolg der italienischen Theoretiker. Zwar war es bereits in den neunziger Jahren in Mode, sie zu lesen, allerdings erweiterte sich im Netz ihr Bekanntheitsgrad mit unglaublicher Geschwindigkeit. Mittlerweile gibt es im Internet so viele Fakten und Fotos, dass sich vor allem die Frage stellt, wie wir Wahrheit konstruieren. Im Grunde wird die Erzählung jener als wahrhaftiger empfunden, die besser, aber auch aufrichtiger und ernsthafter erzählen können.

profil: Sie beschäftigen sich nicht nur mit zeitgenössischer Kunst, sondern auch mit Vergangenem, etwa der Arte povera der sechziger Jahre. Wird Ihre documenta also auch historische Kunst zeigen?
Christov-Bakargiev: Nur wenn eine bestimmte künstlerische Position von einst noch relevant ist. Ich bemühe mich nicht auf akademische Art darum. Doch wenn etwas aus der Vergangenheit in unseren Gesprächen auftaucht und für uns wichtig erscheint, zeigen wir es auf jeden Fall. Der Künstler Mario García Torres etwa befasste sich mit Ali-ghiero Boetti, also werden dessen Arbeiten auf der documenta zu sehen sein. Vielleicht auch welche von García Torres. Ich will jedenfalls, dass nicht nur meine Stimme spricht, sondern die Stimmen vieler Personen.

profil: Die Begegnungen und Reisen mit unzähligen Menschen, die in die documenta involviert sind, beschreiben Sie in einem langen „Brief“, der auf der Website publiziert wurde.
Christov-Bakargiev: Der Brief wurde von mir unkommentiert als PDF an eine Presseaussendung gehängt. Dieses Vorgehen erinnert an Edgar Allan Poes Erzählung „Der entwendete Brief“. Wenn ich auf den Text hingewiesen hätte, hätte ihn jeder gelesen – die Art, wie er tatsächlich verschickt wurde, machte ihn fast unsichtbar. Wenige lasen ihn sofort und sprachen -darüber, erst viel später entdeckten ihn auch andere in ihren Mails: Er hat sich wie ein kleiner Virus am Computer eingenistet. Wenn man weiß, dass man seit Oktober einen Brief besitzt, ihn aber erst im Juni liest, verändert das die Sichtweise darauf. So etwas kann einen ziemlich irritieren, das ist, als fände man altes Zeug im Kühlschrank. In Turin, wo ich das Museum zeitgenössischer Kunst im Castello di Rivoli leitete, veranstaltete ich eine Konferenz mit den ehemaligen documenta-Leitern. Wenn man sich jetzt das Video davon anschaut, sieht man, dass bei diesem Treffen das gegenwärtige documenta-Team, also die „Agenten“, vollständig versammelt war. Ich habe das damals aber nicht gesagt, erst viel später. Es waren also alle Informationen vorhanden, die erst ein Jahr danach verlautbart wurden. Genauso war es voriges Jahr in Kassel: Da eröffnete ich im Auepark eine Installation von Giuseppe Penone – und es waren bereits ein Fünftel meiner documenta-Künstler vor Ort.

profil: Auf einem Video sieht man den bulgarischen Künstler Nedko Solakov. Er wird also Teil der documenta 13 sein?
Christov-Bakargiev: Möglich. Aber auch abgesehen davon läuft momentan einiges, dessen Sinn sich erst später erweisen wird. Diese Zeitschleifen sind natürlich nicht gegen die Kommunikation gerichtet, im Gegenteil: Sie dienen dazu, ihr einen Wert zu verleihen, sie sollen die Leute zum Schauen und Denken motivieren.

profil: Sie sagten einmal, dass Sie Ihre Energie aus der Wut beziehen. Was macht Sie so zornig?
Christov-Bakargiev: Verschwendung. Sinnloses Leiden. Angst. Leute, die Kunst für ihre Zwecke ausnützen. Fehlendes Verständnis. Aber in Zusammenhang mit der documenta ist das wenig relevant, denn ich selbst bin ja nicht wichtig; ich arbeite eher wie eine Verkehrspolizistin, die Ideen und Fähigkeiten einer bestimmten Anzahl von Menschen ordnet.

profil: Immerhin wählen Sie alle Beteiligten selbst aus.
Christov-Bakargiev: Doch es ergibt sich ein Schneeballeffekt: Am Anfang sind da zehn Leute, und es kommen immer mehr dazu. Einige der „Agenten“ werden selbst Kunst zeigen; bei der Berlinale, aber auch in Kassel wurde etwa bereits Pierre Huyghes neuer Film präsentiert.

profil: Sie laden schon auch Künstler ein, die Sie noch nicht kennen, oder?
Christov-Bakargiev: Natürlich! Das ist ganz wichtig. Ich arbeite aber auch gern mit Künstlern, die ich seit 20 Jahren kenne. Doch es sollte eine Balance zwischen neuen und alten Beziehungen geben. Marc Aurel schrieb darüber. Ich halte seine Werke für wichtige Lektüre.

profil: In Silvio Berlusconi hat er einen nicht gerade würdigen Nachfolger.
Christov-Bakargiev: Berlusconi erlebt einen langsamen Zusammenbruch, der mit seinen vielen Interessenkonflikten begann und nun in völliger Unfähigkeit endet. Berlusconi ist zerstört, eine Karikatur seiner selbst. Er erinnert mich an Alfred Jarrys Bühnenfigur des König Ubu, der sein Volk tyrannisiert, weil er sich selbst bereichern will. Berlusconi scheint sich vor dem Alter zu fürchten, vor dem Aufgeben. Er hängt verzweifelt an seiner Position und missbraucht die Medien zum Machterhalt.