"Ich beobachte den Wahl kampf genau"

Skistar Hermann Maier über seinen Zugang zu Politik, den schmerzhaften Verlust von Anonymität und seine Zeit als Maurer.

profil: Herr Maier, Sie üben Ihren Beruf bei 30 bis 40 Grad weniger aus, als es jetzt hat. Mögen Sie eigentlich den Sommer?
Maier: Wenn man sich im Winter so viel bei so kalten Temperaturen bewegen muss wie ich, mag man den Sommer sehr gern. Wir sind in Österreich ja in der glücklichen Lage, dass wir alle Jahreszeiten durchleben, das schätze ich sehr.
profil: Wie teilt sich Ihre Zeit im Sommer ungefähr auf? Wie viel macht das Training aus und wie viel die „Begleitmusik“ wie etwa Werbung, Sponsorenbetreuung und Medienkontakte?
Maier: Früher, als mein Bekanntheitsgrad noch nicht so groß war, dominierte natürlich der Sport. Das hat sich dramatisch geändert, als ich in meiner ersten echten Saison 1997/98 den Gesamtweltcup gewonnen habe. Dann haben die anderen Verpflichtungen überhand genommen: Manchmal habe ich das Mittagessen auslassen müssen, meine Mutter hat mir das Essen in einem Tupper-Geschirr hergerichtet, aus dem ich dann im Auto gegessen habe – das war eigentlich ein Irrsinn. Aber darauf kommt man erst, wenn man älter wird.
profil: Tut Ihnen eigentlich ständig etwas weh?
Maier: Nein, normalerweise nicht. Aber wenn man trainiert und dabei zum Beispiel ein angeschlagenes Bein entlasten will, belastet man sofort andere Teile des Körpers falsch. Dann verspannt man sich, und es beginnt zu zwicken.
profil: Wie lange trainieren Sie täglich?
Maier: Üblicherweise sieben Stunden. Dazwischen gibt es natürlich auch Erholungsphasen. Mein einziger echter Ferienmonat ist der April.
profil: Muss ein Sportler einkalkulieren, dass er auch das Unterhaltungsbedürfnis seiner Zuschauer befriedigen soll? Muss er einfach auch Show machen, wie etwa Ihr Kollege Rainer Schönfelder?
Maier: Man sollte so sein, wie man ist. Ich bin so, wie ich bin, meistens jedenfalls. Manchmal ist man halt einmal schlecht drauf, das zeige ich genauso. Künstlich etwas darzustellen, habe ich nicht nötig gehabt. Ich habe auch die Sponsoren durch Leistungen überzeugt und nicht durch eine gute Show.
profil: Der Sport hat Sie zu einem wohlhabenden Mann gemacht, dafür haben Sie Ihre Anonymität verloren. Ist das ein Preis, von dem Sie sich manchmal denken, er sei zu hoch?
Maier: Der Verlust der Anonymität ist eigentlich der höchste Preis, den man bezahlt. Darum denke ich mir auch oft meinen Teil, wenn ich von jungen Leuten höre, die am liebsten berühmt werden und immer im Vordergrund stehen wollen. Da gibt es auch eine Schattenseite. Die Anonymität zu verlieren ist ein großes Problem. Damit leben zu lernen braucht seine Zeit. Aber das wird vorbeigehen. Ich freue mich auch auf die Tage, in denen es ruhiger werden wird.
profil: Sie können ja wie Harun al Raschid verkleidet herumgehen.
Maier: Das funktioniert nicht. Man kennt mein Gesicht mit Kappe, man kennt es mit Helm, und man kennt es ohne Helm, ich hab fast keine Möglichkeit mehr. Ich habe einmal bei einer Pizzeria angerufen und eine Pizza bestellt, aber nicht meinen Namen gesagt. Es hat sie dann wer anderer abgeholt, und die Leute beim Pizza-Service haben gesagt: Warum holt sie nicht der Herr Maier ab? Man kennt also sogar schon meine Stimme – es ist manchmal schwierig.
profil: Markus Rogan hat in einem Interview gesagt: Früher habe ich einen Kaugummi einfach ausgespuckt, jetzt suche ich eine Viertelstunde einen Mistkübel, weil ich Angst habe, dass mich jemand sieht. Denken Sie auch mitunter: Das kann ich jetzt nicht machen, weil ich der Hermann Maier bin?
Maier: Man wird natürlich mehr beobachtet als andere Menschen, aber deswegen lasse ich mich nicht wirklich einschränken.
profil: Aber Sie sind, etwa was Ihr Privatleben betrifft, zuletzt deutlich zurückhaltender geworden.
Maier: Früher hab ich auf private Fragen vielleicht mehr geantwortet. Das ist jetzt nicht mehr so, weil es einfach das Letzte ist, was einem noch geblieben ist: die eigene Privatsphäre. Und da probiert man eben doch immer noch, das herauszuhalten …
profil: … was auch Ihnen nicht immer gelungen ist.
Maier: Am Anfang will man es eben allen Journalisten recht machen. Dazu kommt, dass ich ein freundlicher Mensch bin, der dazu erzogen worden ist, immer nett zu sein. Bis man dann halt einmal draufkommt, dass man anders reagieren muss. Das zu sehen hat bei mir eine Zeit lang gebraucht.
profil: Der Sportwissenschafter Gunter Gebauer schrieb kürzlich sinngemäß: Der Sturz und die späteren Siege in Nagano, der schwere Unfall und zwei Jahre später der Weltcupsieg – das gehöre bereits zur nationalen Gedächtniskultur, vergleichbar mit der Schnurre, dass Leopold Figl die Russen beim Staatsvertrag unter den Tisch gesoffen hat. Schreckt Sie manchmal die Bedeutung, die Sie durch das Skifahren bekommen haben?
Maier: Ja, ich hätte nie gedacht, dass das solche Dimensionen annimmt, dass man Anlass für solche Überlegungen werden kann. Aber es stimmt schon, dass es im Sport dramatische Ereignisse gibt, die für sehr lange Zeit hängen bleiben. Der Kopfstoß von Zinédine Zidane beim WM-Finale zum Beispiel – oder Lance Armstrong, der nach seiner Krebserkrankung Seriensieger der Tour de France wurde. Das ist es ja, was den Sport so interessant macht: diese großen Momente.
profil: In einem kleinen Land wie Österreich nimmt das rasch übermenschliche Dimensionen an.
Maier: So ist es wohl. Persönlich will man ja eigentlich nur Erfolg haben. Dass das nebenbei noch solche Ausmaße annimmt, merkt man selbst nicht wirklich, das wird einem zugetragen. Ich bin dann immer wieder überrascht.
profil: Apropos Patriotismus. Die frühere Läuferin Steffi Graf hat vor zwei Jahren in dieser Interviewserie gesagt, sie sei nicht „für Österreich“, sondern nur für sich selbst gelaufen, weil das Training eine derartige Tortur sei, dass man sich sonst nie dafür hätte motivieren können. Sehen Sie das auch so?
Maier: Mir gefällt es schon, dass man die Chance hat, sein Land zu vertreten. Es ist einfach etwas Schönes, wenn man am Siegespodest die Nationalhymne hört. Aber natürlich fährt man in sehr hohem Ausmaß für sich selbst, da hat Steffi Graf schon Recht.
profil: Die Erwartungen des Publikums sind bei Spitzensportlern so hoch geschraubt, dass das „Hosianna“ und das „Kreuzigt ihn“ oft sehr knapp beieinan-der liegen. Fürchten Sie solche Wechselbäder?
Maier: Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich schon sehr, sehr viel erreicht habe und alles, was jetzt noch kommt, nur eine Zugabe ist. Ein Fehler ist es, wenn man selbst die Erwartungen zu hoch schraubt und es funktioniert dann nicht – dann gibt es wohl diese nicht sehr angenehmen Reaktionen des Publikums und natürlich auch der Medien.
profil: Sie waren früher Maurer. Waren Sie damals Mitglied der Gewerkschaft?
Maier: Nein.
profil: Warum nicht?
Maier: Es war eine kleine Firma, und da sind wir schon einmal darauf aufmerksam gemacht worden, dass es eine Gewerkschaft gibt. Aber wir haben uns das alles untereinander ausgemacht, es hat auch nie große Probleme gegeben. Mir hat der Beruf gut gefallen, weil es mich einfach interessiert hat, wenn ich etwas aufbauen konnte. Ich war stolz, wenn ich gesehen habe: Ich habe etwas gemacht, über das sich andere Leute freuen.
profil: Beim Bundesheer waren Sie 1992 einen Monat lang im Burgenland im Grenzeinsatz. Was haben Sie sich gedacht, wenn Sie die Flüchtlinge gesehen haben, die nach vielen Strapazen gefasst und zurückgeschickt wurden?
Maier: Mir haben die Menschen sehr, sehr leid getan. Als Sportler muss man sehr hart arbeiten, um es zu schaffen. Auch die, die damals herübergekommen sind, haben darum gekämpft, dass sie es schaffen, und sind gescheitert. Wenn man unter allen Umständen wohin kommen will, dann macht man alles dafür. Der Einsatz war wahrscheinlich gar nicht so ungefährlich. Aber mit 19 denkt man sich nicht viel dabei.
profil: Ihr Hauptsponsor Raiffeisen, aber auch viele andere österreichische Unternehmen sind sehr erfolgreich in den Ländern, die zuletzt der EU beigetreten sind. Dennoch gibt es in der Bevölkerung relativ große Skepsis gegenüber der Europäischen Union. Warum, glauben Sie, ist das so?
Maier: Wahrscheinlich wissen gar nicht so viele die neuen Möglichkeiten zu schätzen, die es jetzt gibt. Und viele machen sich wohl auch keine großen Gedanken darüber. Und wenn man nicht wirklich die Vorteile kennt, dann wird in Österreich erst einmal geschimpft. Der Österreicher tendiert ja zur Meinung: Wir haben eh alles daheim, das Ausland brauch ich nicht.
profil: Sie sind wesentlich mehr als der Durchschnittsösterreicher im Ausland unterwegs. Sieht man da die Vorteile eher als jemand, der nie rauskommt?
Maier: Natürlich. Die gemeinsame Währung zum Beispiel. Das ist für uns ein großer Vorteil, man braucht nicht mehr ständig zu wechseln. Oder auch die Grenzen, über die man nun einfach drüberfährt. Aber in der Bevölkerung wird wohl eher gesehen, wenn die Bananen teurer werden. Das ist ja ganz natürlich: Eine Hausfrau geht einkaufen und sieht nur das und nicht die anderen Sachen. Man sieht ja überhaupt eher das Schlechte als das Positive.
profil: Ihrer Meinung nach überwiegen die Vorteile?
Maier: Meiner Meinung nach überwiegen schon die Vorteile, wenn man weiß, wie man sie nützen kann. Es stehen einem einfach mehr Möglichkeiten offen als früher. Österreich hat seit dem Beitritt in die Europäische Union auch eine relativ gute Performance. Verglichen mit Deutschland zum Beispiel, stehen wir heute viel besser da als früher.
profil: Haben Sie die zweite Karriere Ihres ehemaligen Kollegen Patrick Ortlieb verfolgt, jene als FPÖ-Abgeordneter?
Maier: Nein, die habe ich kaum verfolgt.
profil: Sie war auch nur kurz.
Maier: Ich weiß nur: Es wurde immer wieder gelästert, dass er nicht so oft bei den Sitzungen war. Ob das stimmt, kann ich natürlich nicht sagen.
profil: Hat Sie je einmal ein Politiker gefragt, ob Sie in die Politik gehen wollen?
Maier: Ich bin nicht direkt angeredet worden, aber es kommen immer wieder Briefe und Anfragen, ob ich nicht ein bisschen da und ein wenig dort machen könnte.
profil: Haben Sie je in Erwägung gezogen, für eine Partei aufzutreten?
Maier: Nein, das habe ich nie in Erwägung gezogen, das würde ich auch nicht machen. Aber ich freue mich über die Gratulationsschreiben des Bundespräsidenten oder des Bundeskanzlers, wenn ich etwas geschafft habe bei Weltmeisterschaften oder bei Olympischen Spielen. Das les ich mir sehr gerne durch.
profil: Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, dass sich ein Politiker an Sie heranschmiegt, weil er ein Foto für den Wahlkampf braucht?
Maier: Möglicherweise ist das passiert, und es ist mir nicht aufgefallen. Sie machen es ja vielleicht ganz geschickt. Und die höheren Politiker sind sowieso geschickter – oder sie sind zurückhaltender. Die haben es auch nicht so notwendig. In den kleinen Gemeinden kann es schon vorkommen, dass dich ein Gemeindepolitiker beim Handgeben sehr auffällig zu sich herzieht, wenn ein Fotograf in der Nähe ist. Das merkt man natürlich.
profil: Gehen Sie immer zu Wahlen?
Maier: Wenn ich die Möglichkeit habe schon, wenn ich nicht gerade im Ausland bin. Wenn ich am Wahltag nicht zu Hause, aber irgendwo in Österreich bin, dann löse ich mir eine Wahlkarte.
profil: Wählen Sie immer die gleiche Partei, oder wechseln Sie?
Maier: Ich beobachte den Wahlkampf schon relativ genau. In der Regel favorisiere ich eher eine bestimmte Partei – welche, will ich jetzt nicht sagen. Aber das kann sich ändern. Es passiert ja sehr viel, und durch den EU-Beitritt hat sich ja auch viel getan.
profil: Ski fahren können Sie jetzt natürlich noch einige Jahre, aber irgendwann ist es aus. Was machen Sie dann?
Maier: Das weiß ich selbst noch nicht.
profil: Toni Sailer hat nach seiner Karriere Filme gemacht wie „Zwölf Mädchen und ein Schilehrer“. Wäre das nichts für Sie?
Maier: Da hat sich seither die Filmlandschaft ein bisschen geändert. Ich lass mir vorerst einfach alles offen.
profil: Viele Sportler zieht es zum Singen. Hans Krankl hat sogar mehrere Platten aufgenommen.
Maier: Ich hab eh schon gesungen: „Volare“ in der Raiffeisen-Werbung. Aber für die ganz große Karriere wird es wohl nicht reichen.

Interview: Herbert Lackner