„Ich lasse mich gern als Zirkusdirektor titulieren“

Der neue Chef der Salzburger Festspiele, Alexander Pereira, über Geld, Adel, seinen polternden Amtsantritt, Österreichs Harmoniesucht und seine Lust an der Expansion.

Interview: Manuel Brug

profil: Sie haben unlängst aus Budgetgründen eine Rücktrittsdrohung ausgesprochen, noch ehe Ihre erste Salzburg-Saison überhaupt begonnen hat. Musste das sein?
Pereira: Da sind mir ein wenig die Pferde durchgegangen. Wir haben uns im Kuratorium hinter den Kulissen inzwischen angenähert, der Donner sollte vorbei sein. Ich habe die Konfrontation nicht gesucht, weiche ihr aber auch nicht aus. Ich hoffe, dass die Dringlichkeit meines Anliegens verstanden wurde. Um die massiven Tariflohnerhöhungen abzufangen, müssen wir in das Programm investieren und es erweitern, um dadurch mehr Kartenerlöse und mehr Sponsorgelder zu erwirken.

profil: Wie definieren Sie Ihren Auftrag?
Pereira: Ich schultere den Rucksack der Tradition, gehe mit dessen Gewicht und Weisheit voran. Ich will eine Atmosphäre schaffen, die Künstler vorantreibt, muss sie weiter herausfordern. Jetzt muss das Zeitgenössische den Mainstream erobern. Ich wünsche mir, dass „Die Soldaten“ von denen gesehen werden, die auch in der „Bohème“ sitzen. Darauf wäre ich stolz.

profil: Es gab viel Kritik an überhöhten Kartenpreisen.
Pereira: 58 Prozent der Karten liegen unter 90 Euro, auch deshalb, weil ich mehr spiele. Wirklich teuer ist nur das, was sowieso überbucht ist – und da arbeite ich nur gegen den Schwarzmarkt. Das ist Salzburgs Glück: Die Leute glauben, die Qualität sei hier noch höher als in New York oder Berlin. Das müssen wir gerade bei den großen Traditionsstücken erst beweisen. Nur so kann ein Festival sich behaupten: mit Einmaligem und Außergewöhnlichem.

profil: Wo soll die Oper hin? Kann Salzburg da noch einmal ein Knotenpunkt sein?
Pereira: Ohne unverschämt zu sein: Salzburg hat wieder Boden zurückzugewinnen. Wir müssen Mozart-Aufführungen produzieren, die man anderswo nicht besser hören kann. Es wird Themen geben wie das Wagner-Jahr, auch da muss auf höchstem Niveau gearbeitet werden. Verdi wird thematisch weitergedacht. 2014 ist Strauss-Jahr, 2015 soll ein großes russisches Jahr werden, und ein wichtiger Sängerdirigent wie der Brite Antonio Pappano muss endlich in Salzburg zu sehen sein. In den Produktionen muss sich eine Grundqualität herstellen lassen, gerade in der Zusammenarbeit von Regisseur und Dirigent. Dieses Problem ist immer noch sehr groß. Schon vor 20 Jahren wollten sie kaum miteinander reden, sich vom jeweils anderen nicht dreinreden lassen. Inzwischen ist es ein Kampf, sie zueinander zu bringen.

profil: Wie kommen Sie mit Ihrer Präsidentin Helga Rabl-Stadler klar?
Pereira: Ich glaube, dass ich ihr und dem Kuratorium gezeigt habe, dass ich im ersten Jahr mit dem Budget auskommen werde. Ich versuche sie nun zu überzeugen, dass wir beide um eine zukünftige Tariflohnerhöhung, mehr Sponsoren und attraktive Programme kämpfen müssen. Und für die Residenzhofüberdachung hat die Präsidentin ja sehr gekämpft und Geld aufgetrieben.

profil: Sie wollen das Schauspielprogramm internationalisieren?
Pereira: Das ist ein Anliegen von Sven-Eric Bechtolf, dem neuen Chef. Bisher konnten wir im Schauspiel nur mit deutschsprachigen Besuchern rechnen. Das müssen wir öffnen. Und wir müssen Erfah­rungen machen. Das wird ästhetisch schwierig, aber das Publikum wird dar­über urteilen und Karten kaufen. Salzburg soll auch ein Ort der Begegnung werden. Wir fangen heuer mit Irina Brook an. Salzburg muss internationaler, nicht nur lokaler Kunstschiedsrichter sein. Wir werden uns hier neu vermessen.

profil: Stört es Sie, dass Sie von der Presse oft ein wenig abschätzig behandelt werden?
Pereira: Nein. Denn nur wer unterschätzt wird, kann auch überraschen. Insofern lasse ich mich gern als Zirkusdirektor titulieren. Ich bin’s ja auch, im schönsten Zirkus der Welt! Ich gelte eben als intuitiver Mensch, nicht als Intellektueller. Damit kann ich leben.

profil: Die Öffentlichkeit unterschätzt Sie?
Pereira: Ja, das begann schon, als ich 1984 als Generalsekretär ins Wiener Konzerthaus gewählt wurde, da versuchte das Establishment um den damaligen Bürgermeister Helmut Zilk, mich zu verhindern. Damals hieß es: „Diesem jungen Herrn, dem Sohn einer ­alten Adelsfamilie, könnt ihr das nicht ­geben. Der wird das Haus auf traditionelle Weise ruinieren.“ Aber ein junger Herr muss kein Vollidiot sein.

profil: Sie fühlten sich also schöngeistig qualifiziert, obwohl Sie aus der Wirtschaft kamen?
Pereira: Ja, wie typisch, einer aus dem Verkauf, der konnte ja nur ein Hai sein. Dabei waren es die Künstler, die mich damals gedrängt und vorgeschlagen hatten, das Konzerthaus zu übernehmen: Rudi Buchbinder, Heinrich Schiff, das Alban Berg Quartett, all diese Lokalmatadoren, mit denen ich bis heute eng verbunden bin, hatten mich nach Wien empfohlen. Mit 17 zu 16 Stimmen wurde ich gewählt – da sollte ich dann gleich wieder abgeschossen werden. Aber ich blieb – acht Jahre lang. Und am Ende sagte der berühmte Kritiker Franz Endler: „Er hat dem Konzerthaus nicht geschadet.“

profil: Ist das nicht etwas wenig?
Pereira: Man muss das österreichische Wesen verstehen. Ich reüssierte eben mit gutem Programm, denn den Glanz hatte immer der Musikverein. Der damalige Präsident, Albert Moser, der auch bei den Salzburger Festspielen Präsident war, hatte die Parole ausgegeben, wer im Konzerthaus auftrete, werde weder in den Musikverein noch nach Salzburg eingeladen. Ich habe in Wien sehr gekämpft, etwa um die Philharmoniker. Die großen Namen mussten ins Konzerthaus, und sie kamen: Leonard Bernstein und Claudio Abbado, auch Maurizio Pollini und Arturo Benedetti Michelangeli. So brach das langsam auf – zur Wut des Musikvereins. Das Wiener Konzertleben wird seitdem von den Intendanten beider Häuser beherrscht.

profil: Sie haben in Zürich unüblich viele Konzerte veranstaltet.
Pereira: Mir hat am Opernhaus die Konzertwelt doch sehr gefehlt. So wurde ich der zweitgrößte Konzertveranstalter vor Ort. Es ist mir eine Riesenfreude, dies jetzt in Salzburg wieder im großen Stil tun zu können. Ich bin aber gegen bunte Gemischtwarenprogramme, arbeite gern mit wenigen Künstlern, dafür so oft wie möglich: Daniel Barenboim macht heuer – nach hartem Kampf – erstmals alle drei posthumen Schubert-Sonaten, sein Westöstliches Divan-Orchester kommt auch, und er wird das Verdi-Requiem mit dem Scala-Orchester dirigieren. So kann man einen herausragenden Künstler einen ganzen Sommer lang verfolgen. Auch der Dirigent Christoph Eschenbach wird dreimal mit sehr unterschiedlichen Projekten zu hören sein, und das Hagen Quartett kriegt einen eigenen Zyklus.

profil: Wonach streben Sie in Salzburg?
Pereira: Das Ziel ist Signalwirkung. Das ist mein Auftrag, deshalb muss man als Journalist auch nach Salzburg, selbst wenn man das Festival nicht mag. Dinge, die dort passieren, haben, wenn sie spannend sind, automatisch Signalwirkung.

profil: Was meinen Sie damit genau?
Pereira: Alle meine Vorgänger versuchten Uraufführungen zu kreieren. Es gab aber keine Kontinuität. Ich habe nun sehr viel Mühe darauf verwendet, dafür Geld aufzutreiben, für die kommenden vier Jahre je eine Opern-Uraufführung in die Wege zu leiten. Ich hoffe nur, dass die Komponisten rechtzeitig fertig werden. Aber wenn alle pünktlich sind, wird es vielleicht sogar noch eine fünfte Opern-Uraufführung geben.

profil: Aber was wollen Sie neu erfinden?
Pereira: Das Festival geistlicher Musik als Vorspiel beispielsweise, als „Ouverture spirituelle“. Wenn Salzburg nun so etwas vorgibt, werden sich auch andere überlegen, es zu machen. Die Kirchengemeinden können es nicht bezahlen, Konzertveranstaltern ist es oft zu teuer. Aber zum christlich-katholischen Salzburg passt das. Und jedes Jahr wird dann der Dialog mit einer anderen Religion gesucht.

profil: Wie laufen die Kartenbestellungen für Ihre erste Saison?
Pereira: Bisher plus 24 Prozent.

profil: Was wird gebucht?
Pereira: Die geistliche Musik läuft sehr gut. Anna Netrebkos „La Bohème“-Auftritt und „Die Zauberflöte“ natürlich. Es gibt überraschend viele Buchungen für Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“, die Premiere ist fast ausverkauft. Und natürlich stürzt man sich auf die Wiener Philharmoniker und das Verdi-Requiem. Selbst „Ariadne auf Naxos“ läuft gut, die ist sonst so schwer zu verkaufen.

profil: In Zürich haben Sie die Aktualität der Oper stets betont.
Pereira: Oper muss lebendig sein. Da müssen Novitäten stattfinden, über die man spricht. Sonst steht man als Intendant irgendwann vor Dekorationslagern, die nur noch Schrott enthalten: uralte Inszenierungen, die keiner mehr sehen will, die abgespielt und verschlissen sind. Die Ästhetik ändert sich heute schnell, dem muss auch ich folgen. Man muss das Hauptrepertoire ständig erneuern. Aber es werden oft eher Raritäten gespielt, das ist desas­trös, denn die Hauptstücke werden dabei immer älter.

profil: Gibt es auch deswegen in Salzburg nur noch Premieren?
Pereira: Ich will Exklusivität. Wir können in Salzburg gar nicht mehr anders. Wir sind dabei, jedes Jahr 600.000 Euro Tariferhöhung zu verlieren. Das System wäre keine zwei Jahre mehr zu halten gewesen. Ich kann die Budgetverluste nur mit neuen Sponsoren und Premieren ausgleichen. So spielen wir mehr und verdienen auch mehr. Das ist eine Investition in die Kunst. Deshalb muss das Budget steigen.

profil: Ist es schwer, Sponsoren zu finden?
Pereira: Manchmal ist es ganz einfach. Wenn Leute wie Cecilia Bartoli mithelfen, zum Beispiel. Viele Intendanten finden es unanständig, Geld einzutreiben, haben sich allzu lange auf den Staat verlassen. Und dieser hat seine Unverzichtbarkeit in Sachen Kunst und Wissenschaft genossen. Nun sind alle unflexibel, wenn das Geld, wie früher auch, wieder verstärkt von privater Seite kommen muss. Ich bin da jovial, denn Sponsoren wollen spüren, dass sie ernst genommen werden, dass man ihnen vermittelt, man brauche sie.

profil: Viel Geld für die Oper auszugeben ist nicht besonders populär.
Pereira: Die Leute glauben doch, dass ein Operndirektor jeden Morgen mal kurz das Fenster aufmacht und 10.000 Euro auf die Straße schmeißt.

profil: Denken Sie denn auch ans Sparen?
Pereira: Sicher, ich teile meinen Regisseuren auch mit, dass sie sich etwas überlegen müssen, wenn sie 90.000 Euro über Budget sind. Das geht dann schon, das sind Diskussionen, die wichtig sind. Auf der großen Bühne, denken viele Regisseure, könne man aus dem Vollen schöpfen. Das führt aber oft auch zu Verspannung, dann wird geklotzt, und es bleibt doch geistig leer.

profil: Sie wollen auch in Salzburg Sänger-Ensembles bilden?
Pereira: Ja, bei Mozart ist mir das besonders wichtig, denn da gibt es erstklassige Aufführungen nur, wenn die Sänger schon länger gemeinsam auftreten, auch in unterschiedlichen Rollen. Das muss wie im Traum harmonisieren, wie eine verschmelzende Stimme klingen. Wo sonst außer in Zürich hat es in Europa in den letzten 20 Jahren den Versuch gegeben, ein Mozart-Ensemble aufzubauen?

profil: Ist Ihnen Österreich inzwischen fremd?
Pereira: Nicht wirklich, ich war ja acht Jahre lang in Wien. Auf den Schmäh und das falsche Schulterklopfen falle ich nicht ­herein. Da muss man sehr vorsichtig sein. Ich bin immer eisern bei der Sprache geblieben, die ich habe, habe mich bei den Schweizern nie angebiedert. Man muss nur diese Harmoniesehnsucht der Österreicher manchmal gehörig abschmettern – und darf sich nicht wundern, wenn sie dann wütend zurückschießen.

profil: Diagnostizieren Sie da einen Minderwertigkeitskomplex?
Pereira: In Wien fühlt man sich immer noch wie 1918, als die regierende Elite plötzlich nur noch für sieben Millionen Menschen zuständig war. Es herrschte Missmut, man musste ins Ausland, um erfolgreich zu sein. Ich ging mit 20 nach Frankfurt, konnte dort viel freier atmen. Erst durch die Öffnung des Ostens hat Wien etwas von seiner alten geistigen Stellung zurückerhalten, das lüftet sich jetzt durch, dauert aber noch ein, zwei Generationen.

profil: Fühlen Sie sich als Österreicher?
Pereira: Ich bin und bleibe mit ganzem Herzen Österreicher, das bedeutet aber nicht, dass ich auf meine Heimat nicht auch kritisch schauen könnte, denn auf dem Ruhm, den Österreich als Kulturland genießt, ruht man sich allzu leicht aus, macht es sich in vielen Fällen zu leicht. Ich lege die Latte dorthin, wo sie sein sollte – ob ich dann in der Lage sein werde, drüberzuspringen, ist eine Frage, die ich zusammen mit meinem Team noch zu beantworten haben werde.

profil: Wollen Sie die Tradition der Salo­nièren fortsetzen, die Ihre Urururgroß­mutter Fanny von Arnstein ja einst begründete?
Pereira: Das wäre schön. Ihr zuliebe fange ich mit der „Schöpfung“ an, weil sie einst die erste Haydn-Akademie bezahlte und eine der Mitgründerinnen des Musik­vereins war. Sie brachte den ersten ­Weihnachtsbaum nach Mitteleuropa und feierte große Feste – vielleicht veranstalte ich auch deshalb diesen Ball, der den Festspielen eine halbe Million Euro Gewinn bringen kann. Mit diesem Geld werde ich jedes Jahr eine Uraufführung finanzieren. Kann etwas Besseres passieren?

profil: Stellen Sie eine Hassliebe zwischen Wien und Salzburg fest?
Pereira: Ich habe angekündigt, regelmäßig Koproduktionen mit Staatsoper und Burgtheater machen zu wollen, sie bekommen die Produktionen fertig in die Wiege gelegt. Es wäre Unsinn, das nicht zu nützen. Es ist gute Tradition, gegen die alte Rivalität vermittelnd tätig zu sein.

profil: Sie wollen offenbar auch weg vom Image des Festivals für die Schönen und Reichen.
Pereira: Ich sehe alle gern, will aber unbedingt auch neue Besucher, daher habe ich 40.000 Karten mehr aufgelegt – den Großteil davon für mein neues Minifestival geistlicher Musik. Ich bin sicher: Auch das wird Opinion Leader zurück nach Salzburg locken.