„Ich hatte immer autistische Züge“

Arnulf Rainer über Künstlerneurosen und Kunstattentate, über die Arbeit an Gesichtern und seine neuen Freud-Übermalungen.

profil: Wann haben Sie sich dazu entschlossen, Freud-Porträts zu bearbeiten?
Rainer: Sigmund Freud hat für mich von meiner Jugend an eine bedeutende Rolle gespielt. 1947, da war ich 17, lebte ich bei Verwandten, die eine gut bestückte Bibliothek hatten. „Die Traumdeutung“ stand da herum, ich hab sofort begonnen, sie in mich hineinzufressen. Dieses Buch hat von da an in mir gearbeitet. Danach wurde ich vom Surrealismus gepackt – und bemerkte auch den Einfluss Freuds darauf. So hat Freud meine Arbeit stark gefärbt: von den Blindzeichnungen bis zum Prinzip der freien Assoziation, die 1968 auch für meine Masken- und Grimassenköpfe entscheidend war. Gefühl und Intuition ist da alles. Man muss sich allerdings dem Fluss hingeben können. Im Unbewussten sind nicht nur die Inhalte verankert, sondern auch ihre Formung, ihre Gestaltung.
profil: Dieses Interesse an Freud haben Sie nun konkretisiert. Was war für Sie dabei das Spannendste?
Rainer: Ich wollte Freud ins Gesicht blicken. Leider hat er nicht immer auf mich zurückgeschaut. Aber ich wollte ihn einmal selbst auf sein Unbewusstes prüfen, in seinem Gesicht lesen. Natürlich nicht mit den Mitteln der Analyse, sondern eben mit künstlerischen Mitteln, mit visueller Kommunikation.
profil: Wann haben Sie die Arbeit an den Freud-Porträts aufgenommen?
Rainer: Letztes Jahr. Aber das hat auch mit einem lebenslangen Interesse an der Form des Porträts zu tun. Und Freud hat schon ein starkes Gesicht, das hat mich fasziniert. Es gab mir immer einen Ruck.
profil: Sein Gesicht scheint sich mit zunehmendem Alter sehr zu verwandeln.
Rainer: Ja, in jungen Jahren sieht er mir auch ein bisschen zu normal aus, da hatte er noch nicht diese Selbstprägung im Gesicht.
profil: Es fällt auf, dass Sie in das Gesicht Freuds kaum eingegriffen haben.
Rainer: Da hab ich eine klare Regel: Die Gesichter von Zivilpersonen manipuliere ich nicht. Sie haben kein Anrecht darauf, von mir emotionalisiert zu werden.
profil: Wer wäre keine Zivilperson?
Rainer: Schauspieler etwa und Künstler. In deren Gesichter zeichne ich natürlich schon hinein. Da wird verzerrt, so gut es geht.
profil: Wonach haben Sie im Gesicht Freuds gesucht?
Rainer: Unter anderem nach den Spuren des Kokains. Ich glaube ja, dass er früh damit angefangen hat. Es gibt den Verdacht, dass auch sein blendender Schreibstil von der Droge geprägt war, dass er sich zu diesen Leistungen erst künstlich treiben musste. Allerdings zeichnen sich in seinem Gesicht vor allem die vielen Operationen ab, die er in höherem Alter hatte.
profil: Sie konstruieren eine Art Farbvorhang, durch den Freud kritisch blickt.
Rainer: Ja. Ich denke bei der Arbeit vor allem an die Farbigkeit. Das ist schwer zu verbalisieren, denn es ist eine ganz andere Ebene. Das einzige Prinzip dabei war, dass ich nie ins Gesicht hineinzeichnen wollte. Für mich war Freud auch eine Respektsperson.
profil: Wie reagieren Sie konkret auf ein Gesicht, das Sie bearbeiten?
Rainer: Man tritt in eine Kommunikation. Man blickt einander an. Dann wähle ich die Farbe, bin aber vorsichtig genug, das Gesicht nicht zu verdecken. Es sollte keinen Schleier kriegen, sondern zumindest schmal hinter der Farbe hervorlugen.
profil: Sie betonen das Gesicht Freuds durch die Umrahmung, durch den Vorhang sehr.
Rainer: Der Gesichtsausdruck wird durch die Farbe und die künstlerische Form, in die es gesteckt wird, viel stärker, bedeutungsvoller. Das ist eine Art Verdeutlichung. Als Porträttechnik ist „Einrahmung“ daher bestens begründet.
profil: Wie verfahren Sie mit den Porträts anderer, weniger berühmter Menschen?
Rainer: Bisweilen bringen mir Leute Fotos und bitten mich, sie zu bearbeiten. Ich sage immer, sie sollen bitte vorsichtig sein in der Auswahl dessen, was sie mir liefern. Denn alles, was schon im Foto selbst ist, wird in meiner Bearbeitung stärker. Manche, die sich nichts dabei denken, sind hinterher überrascht darüber, wie sie in der fertigen Arbeit aussehen. Dabei haben sie mir das Foto ja selbst gebracht. Ich hebe es sozusagen nur noch an: Es gewinnt durch die Kontraste an Intensität, Ausstrahlung.
profil: Haben Sie selbst je eine Psychoanalyse gemacht?
Rainer: Ich war Anfang der fünfziger Jahre mit einem Analytiker gut befreundet, mit dem ich über das Thema viel diskutiert habe, der mich auch mit Literatur dazu versorgte. Er meinte aber, ich hätte eine Analyse überhaupt nicht nötig, da ich diese als Künstler schon rein visuell, mit meinen Bildern, absolvierte.
profil: Sind Ihre Freud-Porträts auch als Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse zu verstehen – oder als bloße Arbeit mit einem Gesicht?
Rainer: Die Psychoanalyse fließt da natürlich immer wieder ein, auch unbeabsichtigt. Schon die assoziative Wahl der Farben kommt aus dem Unbewussten, einer tieferen Schicht, die einem selbst verbal kaum zugänglich ist.
profil: Viele der Begriffe, die man Ihrer Kunst unterstellen kann, deuten auf die Psychoanalyse hin: Übermalung, Verschleierung, Verdrängung, Selbstdestruktion.
Rainer: Ich glaube, dass die gesamte Nachkriegskunst in diesem Land von Freud entscheidend inspiriert wurde. Es hat immer zwei Richtungen gegeben: die ein bisschen marxistische – und die eher tiefenpsychologische. Und so sehr mich Freud beeindruckt hat: Als ich zu Wilhelm Reich, der Freud-Schüler war, gekommen bin, erschien mir das nicht sehr plausibel. Ich weiß natürlich, dass sich etwa die Wiener Aktionisten auf Reich mehr noch stützten als auf Freud selbst. Bei Reich hat die Körperanalyse begonnen: Demnach hat eben auch der körperliche Ausdruck einen therapeutischen Aspekt. Das immerhin hat in meinen Körperposen und Gesichtsfarcen einen Niederschlag gefunden.
profil: Eine Ihrer primären Inspirationsquellen ist die Kunst geistig Behinderter. Sie besitzen auch eine stattliche Art-brut-Sammlung.
Rainer: Geistig Behinderte haben eine sehr eigene, sehr originelle Fantasiewelt, und sie produzierten eine Art von Kunst, die es davor nicht gab. Dieses Eigene hat mich immer gebannt. Die wirklich interessanten Werke sind allerdings vor Einführung der Neuroleptika entstanden. Danach, durch die medikamentöse Beruhigung, reduzierte sich die künstlerische Fruchtbarkeit bei den meisten, nicht bei allen. Aber das muss so sein: Man kann ja nicht dafür plädieren, dass diese Leute ohne Medikamente leben, nur damit ihre Kunst besser wird. Und die Künstler von Gugging sind ein Sonderfall; das muss mit der Betreuung zu tun haben, denn statistisch ist es nicht möglich, dass die Niederösterreicher so viel mehr verrückte Begabungen haben als etwa die Tiroler. Aber auch so genannte „normale“ Menschen haben neurotische Eigenschaften. Ich etwa hatte immer autistische Züge, ging ungern zur Schule, wollte am liebsten allein sein. Dabei war ich stets der Klassenbeste. Ich hab gut gelernt, aber ich wollte das allein tun. Die Klassenatmosphäre und der Lehrer, das hat mir nicht gepasst. Natürlich war das nicht wirklich Autismus, aber es war ein Ansatz dazu. Zudem wollte ich als Künstler lieber Autodidakt sein, wollte meine Arbeit nicht der Akademie aussetzen.
profil: Wie passt diese Haltung zu Ihrer späteren Rolle als Lehrer, als Kunstprofessor?
Rainer: Als ich mit meiner Lehrtätigkeit angefangen habe, hatte ich ja schon Fortschritte in der Selbstheilung meines Autismus gemacht. Ich glaube, dass ich inzwischen über eine normale soziale Kompetenz verfüge, die nicht besonders sein mag, es mir aber erlaubt, etwa mit Journalisten zu reden – und ich lebe ja auch nicht ganz einsam; aber ich halte es mit mir alleine immer noch gut und lange aus.
profil: Waren Ihre Studenten Helfer am Weg dieser Sozialisation?
Rainer: Möglicherweise. Künstler, deren Werke Erfolg haben, werden meist soziokulturell integriert. Ich ließ meinen Studenten aber immer viel Freiheit. Es sollte zu mir nur kommen, wer Lust dazu hatte. Und ich hab übrigens auch Leute genommen, die keiner wollte: Die Elke Krystufek etwa, die zu jener Zeit mit ihrem Elternhaus zerstritten war, hat sich damals überall Medikamente mit Sicherheitsnadeln an ihre Kleidung gesteckt. So ist sie auch Straßenbahn gefahren und in die Schule gekommen. Anfangs erschreckt einen das, aber ich dachte, na ja, so unbekannt ist mir das nicht. Wenn sie ihre Neurosen damit verarbeiten kann, kann das kein so großes Problem in einer Kunstakademie sein.
profil: Wie hat sie sich als Studentin entwickelt? Sie wirkt ja auch heute noch mitunter ein wenig in sich selbst eingeschlossen.
Rainer: Ja, das war sie. Sie war auch immer um Grenzziehung bemüht: Vor ihrem Arbeitsplatz hat sie Schnüre gespannt, damit sich ihr niemand nähern konnte – weder die Kollegen noch der Professor. Aber das sind einfach neurotische Akzente, wie sie viele Künstler haben.
profil: Die kreative Arbeit selbst leidet unter solchen Eigenheiten selten – eher im Gegenteil.
Rainer: Ja, obwohl es schon manchmal schwierig sein kann. Ich hatte einen Studenten aus der Steiermark, der im Winter in der kniefreien Lederhose kam. Er pflasterte sich seinen Platz an der Akademie mit Fotos von BDM-Mädchen voll. Wir haben gesagt, er könne machen, was er will, aber das Hakenkreuz wollten wir dort nicht sehen. Daraus haben sich dann ziemlich heftige Konflikte ergeben. Das war auch so ein Sonderling, allerdings weniger begabt.
profil: Einer ihrer Zyklen, der sich – passend zu Freud – mit Tabus befasst, heißt „Schamgrafiken“. So nannten Sie Ihre Übermalungen der erotischen Zeichnungen des Barockkünstlers Fendi.
Rainer: Ja, die haben bekanntlich stark pornografischen Charakter. Die anstößigen Stellen hab ich alle grafisch überdeckt.
profil: Warum?
Rainer: Weil mir diese Stellen peinlich waren. Fendi war ein guter Künstler, aber für diese Arbeiten hat er sich zu sehr einem Markt angepasst, der eine gewisse Drastik wollte. Natürlich haben seine artistischen Konstruktionen trotzdem eine gewisse Originalität in der Geschichte der erotischen Grafik.
profil: Man hat Ihrer Arbeit auch „bildliche Bilderfeindlichkeit“ unterstellt.
Rainer: Ja, das hat man meinen schwarzen Übermalungen nachgesagt. Es mag auch eine Zeit lang so gewesen sein, dass ich keine Details in meinen Bildern wollte, dass die immer mehr verschwunden sind unter den schwarzen Vorhängen. Heute ist es aber im Gegenteil so, dass ich den Bildhintergrund zum Blühen bringen will. Er wird nicht mehr verlöscht, sondern eher in ein Geheimnis gestellt.
profil: Ein wenig greifen Sie bisweilen auch in Freuds Gesicht ein, allerdings sehr zart.
Rainer: Ich kontrolliere mich selbst nicht sehr, wenn ich arbeite. Wenn mein Unbewusstes doch etwas verdecken will, sogar bei Freud, geschieht das eben. Aber auch dabei geht es darum, nicht das Gesicht zu eliminieren, sondern dem Rest mehr Deutlichkeit zu verleihen.
profil: Ist es für Sie nötig, sich bei der Arbeit in einen Zustand der Unkontrolliertheit zu versetzen?
Rainer: Ich würde eher sagen: in einen intuitiven Zustand. Aber das machen alle Künstler so. Man begibt sich auf eine visuelle Ebene, vergisst alles Begriffliche und denkt in Strichen und Farbflecken. Wie man in der Musik eben in Noten denkt. Man muss nicht erst verbalisieren.
profil: Sie haben einmal, vermutlich ironisch, gemeint, Frauen seien „ein Ersatz für die Kunst“. Damit drehen Sie einen Freud’schen Begriff um, der die Kunst als Triebarbeit verstand.
Rainer: Das hat mich immer aufgeregt, wenn man Kunst als Ersatzhandlung bezeichnet hat. Über Sublimation kann man ja noch reden, aber Ersatzhandlung? Ich hab das Zitat deshalb einfach umgedreht. An sich gibt es ja das so genannte Leben gar nicht. Das Leben ist eine Nachahmung, eine Folge der Kunst. Was das Leben ausmacht, ist in der Kunst immer zuerst da. Ich glaube, das Leben ist mehr von der Kunst beeinflusst als die Kunst vom Leben. Aber natürlich ist das ein wenig überspitzt formuliert.
profil: Vor knapp zwölf Jahren wurden in Ihrem Atelier 30 Ihrer Bilder von einem Attentäter übermalt. Wurde der Vorfall jemals ganz aufgeklärt?
Rainer: Der Hauptverdächtige, ein psychisch labiler junger Mann aus einer rechten intellektuellen Gruppe, ein Ex-Student von mir, hat sich danach umgebracht. Ich hatte einen anonymen achtseitigen Brief erhalten, aus dem hervorgeht, dass man mein ganzes Werk vernichten wollte, aber nicht genug Farbe dazu vorgefunden hat.
profil: Man sagt, diese Zerstörungsaktion habe Sie in eine tiefe Krise gestürzt.
Rainer: Ja, das hat mich sehr aufgeregt.
profil: Hat der Vandalenakt Ihre Beziehung zur Technik der Übermalung verändert?
Rainer: Nein, das war ja grauenhaft übermalt, völlig amateurhaft. Nur eine Arbeit scheint etwas bedachter bearbeitet worden zu sein. Vielleicht waren es auch zwei Täter.
profil: Man hat versucht, die Bilder zu retten, wiederherzustellen.
Rainer: Das war aber nur teilweise erfolgreich. Ich habe Werke davon dann mit achtzig Prozent Rabatt verkauft, die Restaurierung kostete aber mehr.

Interview: Horst Christoph, Stefan Grissemann