Identifikation: Sisyphusarbeit

Die DNA-Analytik ist hochpräzise und das effizienteste Instrument, um Opfer zu identifizieren – die praktischen Hürden sind allerdings enorm.

Die Aufgabe ist hochkomplex und in diesem Ausmaß noch nie bewältigt worden: 300 Experten aus 19 Ländern, organisiert in DVI-Teams (Desaster Victim Identification) operieren zurzeit allein in Thailand von der Basis in Phuket aus. „In Thailand arbeiten 30 unserer Erkennungsdienst-Spezialisten und auf Sri Lanka 14“, berichtet Gerald Hesztera vom Bundeskriminalamt.

Die Fachleute erfassen von jeder geborgenen Leiche zunächst eine Fülle von Daten – Fotos, Fingerabdrücke, Kleidungsstücke, eventuell vorhandene Uhren, Schlüssel, Schmuckstücke, Geldbörsen und Dokumente, allfällige Narben, Tätowierungen, Piercings, alte Knochenbrüche, den Zahnstatus. Jeder Körper erhält einen Code, der eine laufende Nummer trägt und den Fundort angibt. Alle Informationen werden in einem „Post-mortem-Formular“ zusammengefasst.
Mit DNA-Kits entnehmen die Experten außerdem Muskelzellen, Stücke aus dem Oberschenkelknochen oder Zähne. Diese mit einem Barcode versehenen Proben fliegen per Kurier zu gerichtsmedizinischen Labors. Das Gerichtsmedizinische Institut in Innsbruck wird dabei sämtliche Proben aus Sri Lanka analysieren, die von österreichisch-deutschen DVI-Teams genommen wurden.

„Wir werden zunächst bei jeder Probe 16 DNA-Abschnitte analysieren“, sagt Walther Parson von der Innsbrucker Gerichtsmedizin. „Wir halten jetzt Laborkapazität frei und arbeiten, wenn nötig, rund um die Uhr“, so Parson. Zwar bietet die DNA-Analytik einzigartige Präzision. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Muster der 16 Systeme bei einem zweiten, unverwandten Menschen auftritt, liegt bei eins zu mehreren Milliarden“, erklärt Parson. Doch der unumstrittenen technischen Zuverlässigkeit stehen enorme logistische Hürden gegenüber. Zum einen entzieht sich eine erhebliche Zahl der Flutopfer überhaupt jeder Analyse: Menschen wurden in Massengräbern bestattet, verbrannt, ins Meer gerissen. Bei den geborgenen Leichen ist überdies schon nach wenigen Tagen kaum feststellbar, ob es sich um einen Asiaten oder einen Europäer handelt. „Wie viele Personen identifiziert werden können, wird vor allem von der Möglichkeit der Spurensicherung vor Ort abhängen“, meint die Wiener Gerichtsmedizinerin Christina Stein. „Das wird sehr schwierig werden. Die Zeit läuft, und die Chancen schwinden mit jedem Tag“, so Stein.

Anschließend müssen die Proben in Form von erst neu aufzubauenden Datenbanken zentral erfasst werden. Interpol plant eine internationale Datenbank, in Thailand existiert ein vergleichbares Modell in Ansätzen. „Der Dokumentationsaufwand ist riesig“, so Stein. Um danach einen DNA-Abgleich durchführen zu können, benötigen die Experten Vergleichsmaterial Vermisster, das in einem zweiten Datenspeicher erfasst sein muss – Proben von Gegenständen wie Zahnbürsten, die Körperzellen der Vermissten enthalten, oder zumindest Speichelproben von Verwandten. „Daraus ergibt sich ein vollkommen offenes System mit ungeheurer Komplexität und vielen Variablen“, sagt Parson. „So ein Vergleich zwischen zwei DNA-Datenbanken ist noch nie in diesem Ausmaß unternommen worden. Hier leisten wir Pionierarbeit.“

In der Praxis müssen die Experten gewärtigen, dass etwa in Innsbruck Proben von Opfern aus Sri Lanka einlangen – ohne dass in diesen Fällen Vergleichsmaterial verfügbar wäre, weil die Gendaten der betreffenden Personen noch gar nicht erfasst sind. Umgekehrt können DNA-Proben von Österreichern beispielsweise nach Australien geschickt werden, und erst wenn entsprechendes Vergleichsmaterial in multinationale, nach einheitlichen Standards normierte Datenbanken eingespeist wurde, ist eine Zuordnung möglich.

Experten bezweifeln nicht, dass dies theoretisch möglich und die DNA-Analytik deshalb das zurzeit effizienteste Instrument ist. Dass jedoch, wie mehrfach angekündigt, in einigen Wochen Gewissheit über die Identität einer nennenswerten Zahl von Opfern herrschen wird, ist mehr als fraglich. Australische Experten meinten bereits, die Arbeit werde zumindest „mehrere Monate“ in Anspruch nehmen. Je nach Kapazität der einzelnen Labors kann es auch sein, dass Proben eingefroren und erst sukzessive analysiert werden können – dies wäre vermutlich eine Aufgabe für Jahre. Zudem sei es „sicher nicht realistisch zu glauben“, so Stein, „dass es möglich sein wird, alle Opfer zu identifizieren“.

Ein anderes Beispiel vermittelt zumindest eine Ahnung davon, wie schwierig die Mission der Experten ist: Beim Anschlag auf das World Trade Center waren 2749 Opfer zu beklagen – bis heute konnten knapp 1600 davon offiziell identifiziert werden.