Ikea: Schweden, wie es singt und lacht

Eine Ausstellung in Wien versucht, das Erfolgsgeheimnis von Ikea zu erklären. Alexander Bartl über die windschiefe Billig-Ästhetik des populären Möbelproduzenten.

Man sollte meinen, dass die blauen Containerburgen, mit denen Ikea die Vorstädte der Welt möbliert hat, geräumig genug sind, um das Phänomen des schwedischen Möbelherstellers in der Länge, der Breite und der Höhe zu fassen. Wie ins Gigantische vergrößerte Umzugskisten wurden die Märkte an den Ausfallstraßen postiert. So gesehen ist schon das Design jeder Filiale ein Statement: Ikea bietet handlich verpacktes Drive-in-Mobiliar für die Burn-out-Generation, die in den zu Freizeitparks aufgerüsteten Geschäften entspannen und vor allem einkaufen kann.
Dass sich das Konzept seit Jahrzehnten bewährt, belegen imposante Zahlen: Das 1943 von Ingvar Kamprad gegründete Unternehmen bringt es inzwischen auf 271 Häuser in 25 Ländern. Allein auf Österreich entfallen sieben, das jüngste wurde vor zwei Jahren in Klagenfurt eröffnet. Und wie es sich für ein florierendes Unternehmen gehört, ist kein Ende der Expansion in Sicht. Ikea, längst Branchenprimus in seinem Segment, will noch höher hinaus. Schließlich ist die Kundschaft willig, das Sortiment umfassend wie nie und der Himmel nach oben offen.

Doch neuerdings dringt Ikea sogar in kulturelle Sphären vor: Nach Ausstellungen in Deutschland wird nun das „Phänomen Ikea“ im Wiener Hofmobiliendepot gewürdigt. Das Möbelhaus habe das Leben der Menschen in den vergangenen 50 Jahren mit massentauglichem Design geprägt, heißt es in der Vorankündigung. Was den Regalen, Sesseln und Betten bislang allerdings fehlte, war die Aura des Besonderen, eventuell sogar des ästhetisch Relevanten. In einem solchen Fall kann eine Ausstellung, in der Möbelstücke wie Skulpturen in Szene gesetzt werden, natürlich nachhelfen.
Der Schweizer Autor Alain de Botton hat einmal geschrieben, dass wir uns nicht so einrichten, wie wir sind, sondern so, wie wir sein wollen. Das Mobiliar ist demnach die Idealform unserer nach außen gestülpten Persönlichkeit. Insofern besänftigt es das Gemüt, wenn der Einrichter des Eigenheims museale Weihen empfängt. Schließlich kann man sich fortan im erweiterten Bekanntenkreis getrost zu Ikea bekennen, ohne von dem unschönen Gefühl beschlichen zu werden, man setze seinen guten Ruf aufs Spiel.

Die Leistung des Konzerns soll hier nicht geschmälert werden. Immerhin gelang es ihm von Anfang an, Möbel zu Preisen zu verkaufen, für die man anderswo allenfalls einen Bettpfosten bekommt. Der Konzern hat die Schnäppchenphilosophie in der Möbelbranche erfolgreich zum Prinzip erhoben. Für wenig Geld lassen sich verhältnismäßig große Flächen mit Mobiliar vollräumen. Dass auch die Leere zwischen Tisch und Bett als Gestaltungselement ihren Reiz hat, dass sie zum ­Interieur gehört wie die Pause zur Musik, weil sie dem Raum Rhythmus und Struktur gibt, spielt für Ikea hingegen eher keine Rolle. Die in den Märkten präsentierten Musterzimmer sind angefüllt bis zum Anschlag. Wo noch Platz ist, muss mindestens ein Ficus um 4,99 Euro hin, der im Übertopf Flanör (3,99 Euro) gleich doppelt so viel hermacht.

Um den Verdacht der Kundschaft zu zerstreuen, sie richte sich möglicherweise unter ihrem Niveau ein, versteht es die Möbelkette wie keine andere, ihre Waren mit Atmosphäre aufzuladen: Ikea, das ist Schweden, wie es singt und lacht. Wer einen Karlstad-Sessel kauft, holt sich damit ein Stück Bullerbü-Idylle ins Eigenheim. Und mit dem Kerzenständer Björkefall gibt es für fünf Euro extra ein bisschen Inga-Lindström-Romantik als Zugabe.

Anfangs mochte man sich über die Ikea-Sitte gewundert haben, im Möbelkaufhaus beim Vornamen angesprochen zu werden. Doch dem konsequenten Kuschelkurs, der beim Kampfduzen beginnt und beim Hotdog mit Röstzwiebel­garnitur im hauseigenen Restaurant längst nicht aufhört, verdankt der Konzern letztlich seinen Sympathiebonus. Inzwischen heißen selbst die Kinder von Ikea-Fans mitunter so wie die Regale und Matratzen. Die Marke ist im Herzen ihrer Kunden angekommen, auch deshalb, weil sie sich immer halbwegs auf der Höhe der Zeit befand.

In den siebziger Jahren war das Billy-Regal ein Symbol für die Befreiung von der wertkonservativen Eichendielen-Behäbigkeit der Elterngeneration. Ikea schuf etwas Leichtes und Schnörkelloses, das der bodenständigen Jagdstube mit ihren gedrechselten Arabesken und dem Hirschgeweih an der Wand Paroli bot. Man konnte Billy zudem flink wieder einpacken und an anderer Stelle neu zusammenbasteln. In dem Regal mit den praktisch verstellbaren Fächern materialisierte sich gelenkiger Aufbruchsgeist, ein Denken, das sich in überkommene Traditionen keinesfalls fügen wollte. Natürlich wurde damals ein idealisierter Billy beschworen, denn der reale lehnte zumeist schon nach dem zweiten Aufstellen ziemlich ausgemergelt an der Wand. Obendrein folgte die Billigbauweise knallharten marktwirtschaftlichen Prinzipien. Die von Bauhaus und Werkbund ausgegebene Losung vom erschwinglichen und damit urdemokratischen Design für alle wurde an die Kapitalismus-Kandare genommen.

Immer ging es darum, „Design auf Basis dezidiert unternehmerischer und ökonomischer Strategien zu verwirklichen“, wird im Begleittext zur Ikea-Ausstellung erklärt. Eine Augenweide waren die Ergebnisse daher oft leider nicht: etwa der Sessel Poäng. Dass sich der Name nach einem halb verschluckten Pjöngjang anhört, erscheint nur konsequent, denn das Sitzmöbel sieht fast so aus, als hätte ein nordkoreanischer Designer damit den Thonet-Freischwinger von Marcel Breuer als Klassenfeind verunglimpfen wollen.

Die Zeiten, in denen Ikea junge Leute mit dem ideologisch aufgeladenen Starterset für den Schritt in die Selbstständigkeit versorgte, sind vorbei. Heute liefert das Unternehmen die passenden Requisiten für eine Generation, die sich im Glanz ewiger Jugend sonnen will. Die ihr Leben als Provisorium zelebriert, stets flexibel, immer offen für das Neue im Ikea-­Katalog der kommenden Saison. An die Stelle des individuellen Geschmacks tritt ein Einrichtungsstil unter Vorbehalt, eine Möbelmode mit Hang zur Beliebigkeit: Was heute gefällt, kann morgen schon einer anderen Laune zum Opfer fallen. Ikea macht Neuanfänge in Serie bezahlbar.

Wer allerdings daran erinnert, dass Möbel auch ästhetisches Vergnügen bereiten können und nicht nur Platzhalter für die nächste und übernächste Ikea-Couch sind, wird gern der Arroganz, sogar der Dekadenz bezichtigt. Dabei muss eine edel gestaltete Lebenswelt nicht zwangsläufig ­einem kleinen Kreis vorbehalten bleiben, sonst wäre etwa der Computerkonzern Apple längst bankrottgegangen. Das Gegenteil ist der Fall: Die enorme Beliebtheit seiner Geräte beweist, wie groß die Sehnsucht nach hochklassigem Design nach wie vor ist – das selbstverständlich seinen (nicht geringen) Preis ­haben darf.

In einem Punkt kann es Ikea aber selbst mit Apple und anderen Herstellern von Luxusgütern aufnehmen: Der Kunde erhält auf den Cent genau die Qualität, für die er bezahlt. Zudem kommt dem Möbelkonzern ein psychologisches Phänomen zugute, das der US-Verhaltensökonom Dan Ariely treffend als Ikea-Effekt bezeichnet hat. Gemeint ist damit die besondere Wertschätzung von Produkten, in die man selbst Arbeit investiert. Das ist bei Ikea der Fall, sobald man die Kartons öffnet und die zerlegten Kleiderkästen irgendwie in die Vertikale bringen soll. Der Aufbau ist ein Ritual, das an die Substanz gehen kann. Doch wenn alle Schrauben verschraubt und alle Klammern verklammert sind, wird das vollendete Werk ins Herz geschlossen. Dank der Tatkraft seiner Kunden stärkt Ikea deren emotionale Bindung an die Marke, mag die Kommode Edland noch so windschief im Raum stehen. Sollte sie irgendwann unter der Last des übertopften Ficus kollabieren, ist es ohnehin höchste Zeit für Ersatz. Denn Edlands Gefährten Hemnes, Aspelund und Engan warten bei Ikea schon ungeduldig darauf, endlich abgeholt zu werden.

„Phänomen Ikea“, 9. April bis 11. Juli im Hofmobiliendepot, Andreasgasse 7, 1070 Wien. hofmobiliendepot.at