„Im Grunde bin ich Bastler“

Vinton G. Cerf, der vor 30 Jahren das erste grundlegende Protokoll für den Aufbau des World Wide Web verfasste, über die Anfänge des Internet, seine Liebe zu Science Fiction und die Vernetzung des Weltalls.

Mitten im Kalten Krieg, als sich Amerika für einen nuklearen Angriff rüstete, sollte ein unzerstörbares, sich jederzeit selbst erneuerndes Computernetzwerk erdacht werden, um im Ernstfall die Kommunikation aufrecht zu erhalten. Der amerikanische Mathematiker Vinton G. Cerf war einer jener Wissenschafter, die den dafür grundlegenden Netzwerkplan entwickelten. 1974 legte er mit dem TCP/IP-Protokoll ein Regelwerk fest, mit dem sich handliche Datenpakete zwischen Computern transferieren lassen. Cerf legte damit den Grundstein für das Internet, das im heurigen Mai sein 30-jähriges Bestehen feiert. Heute nutzen weltweit 727,1 Millionen Menschen das World Wide Web, 55 Prozent aller Österreicher sind online. Im profil-Gespräch erzählt Cerf jene Technologiegeschichte, die die Welt in den vergangenen 30 Jahren verändert hat.

profil: Mister Cerf, Sie werden oft als Vater des Internet bezeichnet, mögen aber diese Bezeichnung nicht. Warum?
Cerf: Das Internet hat viele Väter. Bob Kahn und ich haben 1974 nur ein grundlegendes Protokoll geschrieben, auf dessen Basis Computer erstmals miteinander kommunizieren, also Daten austauschen konnten. Ich bin nicht der Vater, aber ein Pionier des Internet.
profil: Dieses von Ihnen verfasste TCP/IP-Protokoll ist aber doch die Grundlage für unser heutiges Internet.
Cerf: Zum damaligen Zeitpunkt dachten wir natürlich überhaupt nicht an solche Dimensionen. Unsere primäre Aufgabenstellung war einfach, Netzwerke zusammenzuführen. Das war nur ein technisches Problem.
profil: Wie sahen denn damals die Computer aus, mit denen Sie arbeiteten?
Cerf: Es waren extrem teure, riesengroße Maschinen, die speziell gekühlt werden mussten und die gefilterte, staubfreie Luft benötigten. Weil sie so teuer waren, war es ganz normal, sie gemeinsam in einem Time-Sharing-System zu nutzen.
profil: Was faszinierte Sie an der Arbeit mit Computern?
Cerf: Ich hatte den Eindruck, ein eigenes Universum ganz für mich alleine zu schaffen. Der Computer machte nur Dinge, die ich ihm durch meine Programme befahl. Es war wie Spielen im Sandkasten, jedes Sandkorn war unter Kontrolle.
profil: Wie sahen denn die Anfänge der Vernetzung aus?
Cerf: Es gab die Anfänge des ARPANET, eines Netzwerks aus so genannten IMP (Anm.: Interface Message Prozessor)-Mini-Computern der Honeywell Corporation. Die hatten die Aufgabe, Informationsblocks, die „Messages“, von den großen Zentralcomputern in Teile zu zerlegen und zu einem Zielcomputer im Netzwerk zu schicken. Ich war für das Programmieren des Sigma-7-Computers im Netzwerk-Messzentrum der University of California in Los Angeles (UCLA) verantwortlich.
profil: Welche Dimensionen hatte denn dieses erste Netzwerk?
Cerf: Es gab vier Knoten, die UCLA war der erste, dann das Forschungsinstitut SRI International im kalifornischen Menlo Park, die Universität von Santa Barbara in Kalifornien und die Universität von Utah. Wir erzeugten Datenverkehr vom Sigma-7-Computer zu den Computern im ARPANET. Wir haben das Verhalten des Netzwerkes und seiner Schaltstellen gemessen. Wir erzeugten künstlich Datenverkehr, um den Datenfluss im Netzwerk zu steigern. Es sollte abgeschätzt werden, was passiert, wenn großer Andrang herrscht.
profil: Wann haben Sie zum ersten Mal begriffen, dass Sie an etwas arbeiteten, das die Welt verändern würde?
Cerf: Sicherlich nicht 1973 und 1974. Das kam erst viel später. Ich erinnere mich, dass ich 1988 auf einer Messe in San Francisco war, wo Firmen plötzlich Hardware für Computernetzwerke verkauften.
profil: Bis dahin gab es Computer eigentlich nur an Universitäten, beim Militär und in Forschungseinrichtungen.
Cerf: Natürlich, aber auf der Messe in San Francisco dämmerte mir, dass das Internet auch kommerziell genutzt werden könnte. Ich holte mir die Erlaubnis der Regierung, dass Mail-System des Informationstechnologie-Anbieters MCI ans Internet anschließen und ein E-Mail-Service einrichten zu dürfen. Das war der Schlüsselmoment für die kommerzielle Nutzung.
profil: Hätten Sie damals nicht die TCP/IP-Spezifikationen mit Bob Kahn festgelegt, hätte das jemand anderer getan?
Cerf: Wir wissen, dass es damals auch an anderen Stellen Anstrengungen in diese Richtung gab. Forscher des Xerox Palo Alto Research Center (PARC) arbeiteten an einem Netzwerk namens XNS, doch dieses unterschied sich in ganz entscheidenden Punkten vom TCP/IP-Protokoll. Dann gab es eine Initiative namens „Open Systems Interconnection specification“ (OSI), die von der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO) betrieben wurde. Diese beiden Projekte galten damals für uns als Konkurrenzprojekte.
profil: Warum, glauben Sie, hat dann Ihr Protokoll das Rennen gemacht?
Cerf: XNS war nur auf Computer von Xerox maßgeschneidert, und deshalb bei Konkurrenzfirmen wenig willkommen. OSI hingegen erschien für die Verfechter der Standardisierung viel versprechend, wurde aber nicht so weit reichend wie das TCP/IP-Protokoll implementiert. Letztendlich war die Verbreitung auch der Grund, warum sich das TCP/IP-Protokoll durchgesetzt hat.
profil: Was waren dann die entscheidenden Entwicklungsstufen zum WWW?
Cerf: Die erste Dekade war zwischen 1972 und 1982. In dieser Zeit wurde das Netz erdacht, getestet und die grundlegende technologische Basis geschaffen. In der zweiten Phase ging es darum, dieses Netz zu konsolidieren und es zu vermarkten. In der dritten Phase begann dann erst wirklich die breite Verwendung, also das World Wide Web.
profil: Wie wird es jetzt weitergehen?
Cerf: Das Internet wird sich immer weiter ausbreiten und zur wichtigsten Kommunikations-Infrastruktur werden, und zwar für alles. Unternehmen werden ihre Bestellsysteme ausschließlich über das Internet abwickeln. Ich glaube auch, dass das Internet nicht mehr lange ein Teil des Telefonsystems sein wird, sondern umgekehrt, das Telefonsystem wird ein Teil des Internet werden.
profil: Inwiefern?
Cerf: „Voice over IP“, also das Übertragen von Telefongesprächen via Internet-Leitungen, wird sich allmählich durchsetzen. Ein Telefongespräch kann so wie Datenverkehr auch in Datenpakete aufgeteilt und durchs Netz an den Empfänger geschickt werden. Das ist billiger, als all die Leitungen zu belegen, die derzeit ausschließlich für Sprachtelefonie reserviert sind.
profil: Aber Sie haben wiederholt davor gewarnt, dass die Adressen für Computer im WWW knapp werden.
Cerf: Jeder Computer hat eine Adresse, die so genannte IP-Adresse, die ihn einzigartig und damit ansteuerbar macht. Derzeit sind 4,3 Milliarden Adressen verfügbar, das ist im so genannten IPv4-Protokoll geregelt. Das ist zu wenig. Wir brauchen Adressen für wesentlich mehr Geräte. Das neue Protokoll, IPv6, lässt 1038 Adressen zu. Damit werden wir auskommen.
profil: Was ist dafür ausschlaggebend, dass aus einer technologischen Neuerung eine Revolution wird?
Cerf: Technologie hat die Eigenschaft, sich ins Leben einzuschleichen. Anfänglich ist sie teuer, aber sobald die Kosten fallen und die Technologie für viele Menschen erschwinglich wird, setzt sie sich durch und löst alte Technologien ab. In der Physik gibt es für diese Prozesse den Ausdruck Phasenwandel. Genau das ist mit dem Internet passiert.
profil: Sind Sie ein Visionär?
Cerf: Ich überlege gerne, was eines Tages alles möglich sein wird. Im Grunde meines Herzens bin ich aber ein Bastler, der Sachen zusammenschraubt und sehen will, was passiert. Die Liebe zum Experiment treibt mich, die Visionen weniger.
profil: Sind technische Entwicklungen überhaupt vorhersagbar?
Cerf: Nein, es ist immer nur im Rückblick leicht, Entwicklungsschritte zu erklären. Gegenwärtig gibt es tausend Wege in die Zukunft. Welchen wir nehmen, ist so unvorhersehbar wie die Erfindung des Transistors 1948 oder die des integrierten Schaltkreises 1958. Doch jede Entwicklung bringt unerwartete, überraschende, manchmal verwirrende Wendungen. Sie alle treiben uns weiter hinauf auf den digitalen Berg, der noch vor uns liegt.
profil: Welchen Rat würden Sie heute Menschen geben, die in der IT-Welt arbeiten?
Cerf: Ich rate zu vernünftigen Risiken. Die Herausforderung zählt und ist immer lehrreich.
profil: Viele Unternehmen haben während des Internet-Hypes die Herausforderung gesucht, sind aber gescheitert …
Cerf: Nur Risiko eingehen reicht nicht. Man braucht für tragbare Business-Modelle vernünftige Einfälle. Gambling ist kein Ersatz für klares Denken und sorgfältige Analyse von neuen Geschäftsmöglichkeiten.
profil: Was ist die größte Hoffnung, was die größte Gefahr für das Internet?
Cerf: Meine größte Hoffnung ist, dass der Zugang zum Internet für alle Menschen dieses Planeten möglich und erschwinglich sein wird. Meine größte Sorge ist, dass wir das nicht schaffen.
profil: Es gibt aber doch zunehmend Stimmen, die behaupten, im WWW sammle sich eine Unmenge an Datenmüll an, sodass man sich auf Information aus dem Netz nicht mehr verlassen könne.
Cerf: Es geht um das „Mehr“ an Information. Das ist immer eine gute Sache. Wer meint, das Internet wäre ein Elfenbeinturm, der nur dann gut ist, wenn alles, was drin ist, auch gut ist, hat Unrecht. Das WWW ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wenn uns das dort Gesehene nicht gefällt, dann geht es nicht darum, den Spiegel zu verbessern, sondern unsere Gesellschaft.
profil: Momentan engagieren Sie sich in der Vernetzung des Weltalls. Warum?
Cerf: Meine Kollegen und ich arbeiten seit fünf Jahren im US Jet Propulsion Laboratory der NASA daran, die Roboter-Bauteile, die wir in unser Sonnensystem geschickt haben, miteinander zu vernetzen. Diese neue Kommunikationsplattform sollte zu einer intensiven, langfristigen Erforschung des Sonnensystems führen.
profil: Wie konkret ist dieses Projekt?
Cerf: Die Grundlagen des interplanetaren Internet-Protokolls existieren bereits an Bord des Mars-Landefahrzeuges Spirit. Wir hoffen, dass wir 2009 so weit sein werden, einen Orbit um den Mars zu haben, der ein ganzes Set an interplanetaren Internet-Protokollen tragen kann. Gegen 2010 hoffen wir, über ein 2-Planeten-Internetsystem zu verfügen. Es würde Forschern auf der Erde die Möglichkeit bieten, direkt mit dem Mars zu interagieren.
profil: Das klingt nach Science Fiction. Sie gelten als Science-Fiction-Fan.
Cerf: Science-Fiction-Romane inspirieren mich, vor allem dann, wenn sie mit solider wissenschaftlicher Kenntnis geschrieben sind.
profil: Welche Science-Fiction-Autoren lesen Sie am liebsten?
Cerf: Da gibt es viele. Die wichtigsten Bücher sind Isaac Asimovs Roboter-Serien, frühe Werke von Robert Heinlein, Orson Scotts „Das Große Spiel“, der „Orbit-Hospital-Zyklus“ von James White, fast alle Romane von Hal Clement, ganz besonders „Unternehmen Schwerkraft“. Ich schätze aber auch Tolkiens „Herr der Ringe“.
profil: Wie nutzen Sie heute persönlich das Internet?
Cerf: Mein Haus ist drahtlos mit Wireless LAN vernetzt, und fast überall stehen Computer. Damit senden wir E-Mails, nutzen Instant Messaging, surfen im Web, zahlen Rechnungen, schreiben Texte, arbeiten, manchmal wird auch ein Spiel gespielt.
profil: Schätzen Sie es, manchmal „unplugged“, also ohne Verbindung zum Internet, zu sein?
Cerf: Überhaupt nicht, je mehr Internet, umso besser.
profil: Gibt es für Sie eine Technologie, die Sie mehr fasziniert als das Internet?
Cerf: Ich trage seit 37 Jahren einen Hörapparat und konnte nur dadurch in der Welt der Hörenden eine Rolle spielen. Noch viel fantastischer sind allerdings Cochlear-Implantate, ein Computer, der in die Schädeldecke implantiert wird und Gehörlose zu Hörenden macht. Meine Frau war 50 Jahre lang, seit ihrem dritten Lebensjahr, gehörlos. Seit 1996 kann sie dank des Cochlear-Implantats sogar telefonieren. Das ist die wunderbarste und erstaunlichste Geschichte, die ich erlebt habe.