Im wilden Paschtunistan: Der Westen hat den Kampf am falschen Schlachtfeld geführt

Der Westen muss erkennen, dass er Taliban und Al Kaida jahrelang am falschen Schlachtfeld bekämpft hat. Der wahre Krieg findet in einem unbekannten Land statt, das weder Staat noch Grenzen anerkennt: Afpak.

Von Martin Staudinger

Es ist ein Land, das sich so auf keiner Karte findet: Von den Salz-Ton-Ebenen der Wüste Dascht-e Margoh reicht es hinüber bis zum Fluss Indus, vom Sulaiman-Gebirge in Belutschistan bis hinauf an den Hindukusch. Weder kennt es eine Regierung, noch anerkennt es international verbriefte Grenzen. Seine 33 Millionen Bewohner begreifen sich nicht als Nation und bilden doch eine Einheit. Von der Geschichte wurden sie zu Bürgern zweier Staaten gemacht, Afghanistan und Pakistan. Selbst verstehen sie sich als Angehörige von mehr als zwei Dutzend Stämmen, die einander durch Blutsverwandtschaft verbunden sind. Ihr Ehrenkodex gilt ihnen alles, das Wort der Obrigkeit nichts.

Das erste Gesetz heißt für sie „Melmastia“: Gastfreundschaft. Das zweite „Badal“: Rache. Sie selbst würden ihre Heimat wohl am ehesten als Paschtunistan bezeichnen. Westliche Militärs und Diplomaten haben eine knappere, weitaus weniger wohlklingende Bezeichnung dafür gefunden: Afpak. Das Wort steht im Wesentlichen für das Siedlungsgebiet der Paschtunen im Süden und Osten Afghanistans respektive im Norden und Westen Pakistans. Und es steht für eine neue Betrachtungsweise des Afghanistan-Kriegs, die sich in den vergangenen Monaten durchgesetzt hat. Nach dem überraschend schnellen Fall des radikalislamischen Taliban-Regimes im Herbst 2001 hatten die USA und ihre europäischen Verbündeten geglaubt, Afghanistan binnen Kurzem befrieden zu können. Und zwar mit einem Grundkonzept, das heute recht naiv anmutet. Als sich die Strategen des Pentagon über ihre Stabskarten beugten, sahen sie damals penibel eingezeichnete Staatsgrenzen, innerhalb derer sie ihre Pläne entwickelten – genau wie die UN, die der NATO-Schutztruppe ISAF (International Security Assistence Force) das Mandat gab, auf dem Territorium der Islamischen Republik Afghanistan für Sicherheit zu sorgen.
Inzwischen sehen sie die Realität.

Der Krieg gegen Taliban und Al Kaida findet nicht dort statt, wo Globus und Atlas Afghanistan verorten. Sondern eben im unbekannten Land Paschtunistan alias Afpak. „Afghanistan ist ein sehr komplexer Einsatzraum, und ein überwiegender Teil des Landes ist friedlich“, sagt ISAF-General Richard Blanchette gegenüber profil (siehe Interview Seite 80): „70 Prozent der Vorfälle passieren auf lediglich zehn Prozent des Staatsgebiets – konzentriert im Osten und Süden des Landes.“ Die Gefallenenstatistik der Koalitionstruppen bestätigt diese Aussage. Von 47 westlichen Soldaten, die zwischen Jahresanfang und Ende vergangener Woche bei Kampfhandlungen oder Anschlägen ums Leben kamen, starben 45 im paschtunischen Teil des Landes.

Rund ein Drittel der Attentäter , schätzt ein Bericht des US-Kongresses, kommt über die Grenze aus Pakistan: aus Belutschistan, wo in der Stadt Quetta der Hohe Führungsrat der Taliban und das militärische Kommando für den Süden und Westen Afghanistans residieren; aus den Stammesgebieten (FATA – Federally Administered Tribal Areas), zu denen beispielsweise Waziristan zählt. Oder aus der Nordwestprovinz mit seiner Hauptstadt Peshawar, wo die Taliban ihren Aufstand im Osten Afghanistans organisieren.

Kontrollverlust. Über große Teile dieser Gebiete hat die pakistanische Regierung die Kontrolle längst verloren. Im Distrikt Swat, einem früher äußerst populären Tourismusgebiet, musste sie einem lokalen Taliban-Führer erst vor wenigen Tagen die Macht zugestehen. Die Armee hatte es nicht geschafft, für Ordnung zu sorgen. Jetzt wird dort jene der Taliban eingeführt, in Form der Scharia. Weiter südwestlich gelegene Stammesgebiete hatte das pakistanische Militär bereits im Herbst 2006 aufgegeben – es verpflichtete sich, dort keine Operationen mehr durchzuführen. Im Gegenzug sollten die ansässigen Clanchefs selbst die Bekämpfung von Taliban-Milizen und Al-Kaida-Terroristen übernehmen. Es geschah genau das Gegenteil. Die Region wurde zum wichtigsten Rückzugs- und Ruheraum für die Aufständischen. Hier konnten sie ungestört trainieren, sich mit Nachschub versorgen, ihre Familien unterbringen und Verwundete behandeln – alles unter dem Schutz des Gesetzes der „Melmastia“ (Gastfreundschaft) und ihrer Stammesbeziehungen.

Zudem ist die radikale Taliban-Bewegung ursprünglich hier entstanden: in den Flüchtlingslagern, in denen sich während der sowjetischen Besatzungszeit hunderttausende Afghanen in Sicherheit gebracht hatten. Die Staatsgrenze – Ende des 19. Jahrhunderts als Durand-Linie von den Briten mitten durch das Paschtunengebiet gezogen, um die aufsässigen Clans und Stämme auseinanderzudividieren – hatte für die Bewohner der Region im Zweifelsfall nie reale Bedeutung.

Sie zu überqueren stellte im unübersichtlichen Gelände keine Schwierigkeit dar. Entweder gab es uralte Schleich- und Schmugglerpfade oder korrupte Zöllner. Das ist auch weiterhin die Realität im Land Paschtunistan, dessen Existenz der Westen erst nach und nach zu akzeptieren lernte. Die erste Reaktion war gewaltsam. Mitte 2008 begann die US-Armee, flüchtenden Aufständischen auf pakistanisches Gebiet nachzusetzen und Luftangriffe auf vermutete Stützpunkte der Taliban durchzuführen. Zu diesem Zweck dürften die Amerikaner eine pakistanische Luftwaffenbasis in Belutschistan als Stützpunkt für ihre „Predator“-Drohnen nutzen. „Seit Oktober 2008 hat fast jeden Tag ein Predator-Angriff auf militante Ziele in Pakistan stattgefunden“, hält ein aktueller Bericht des Congressial Research Service fest, der den US-Kongress mit Informationen versorgt. Das vielfach mit den bereits zur Gewohnheit gewordenen Kollateralschäden: tote Kinder, tote Frauen, tote Unbeteiligte.

Auch das ist Realität in Paschtunistan alias Afpak. An der Strategie der Amerikaner, die in der Zeit von Präsident George W. Bush entstanden ist, hat sich auch unter Barack ­Obama bisher nichts geändert. Der neue Mann im Weißen Haus schickt erst einmal mehr Soldaten nach Afghanistan – 3000 sind bereits dort, weitere 17.000 sollen in den nächsten Wochen und Monaten folgen und zum größten Teil in den Grenzprovinzen stationiert werden. Bislang hat die Erfahrung allerdings gezeigt, dass mit der Zahl der ausländischen Soldaten im Land auch die Intensität des Widerstands stieg.

Gleichzeitig erhöht das pakistanische Militär von Osten den Druck auf die Aufständischen. ISAF-General Blanchette lobt die Zusammenarbeit mit der Armee des Nachbarlandes, die bislang unter Verdacht stand, eher mit den Taliban und der Al Kaida zu kooperieren als mit der West-Koalition.
Die militärische Verantwortung liegt auf US-Seite bei General David Petraeus. Die Hoffnung ebenfalls. Immerhin wird es ihm angerechnet, dass sich die Lage im Irak seit 2007 deutlich entspannt hat. Das Erfolgsrezept aus Sicht der Amerikaner: eine Kombination aus Truppenaufstockung und Verhandlungen mit aufständischen Stämmen.

Jetzt wartet alles gespannt darauf, welche Strategie Petraeus für Afghanistan präsentiert. Vermutlich wird er beim NATO-Gipfel Anfang April unter anderem vorschlagen, Dorfmilizen zu trainieren, die sich gegen die Taliban stellen wollen. Das würde wohl auch ihre Bewaffnung durch die afghanische Regierung einschließen. Ein gefährliches Konzept, wenn man an die US-Unterstützung afghanischer Widerständler gegen die Sowjet-Besatzung zurückdenkt. Immerhin sind aus den Verbündeten von gestern zum Teil die Feinde von heute geworden. Vorderhand machen die USA, die NATO, die ebenso schwache wie korrupte afghanische Regierung und die Taliban aber weiter wie gehabt. In den vergangenen Wintermonaten hat es im Unterschied zu früheren Jahren keine merkliche Kampfpause gegeben.

Verhandlungen. Die Zahl der Selbstmordattentate war nie höher als 2008. Die Zahl der improvisierten Sprengfallen ebenfalls – sie lag laut US-Kongress bei 2000, also mehr als fünf pro Tag. Gleiches gilt für die zivilen Opfer: Im vergangenen Jahr kamen nach Zählung der Vereinten Nationen in Afghanistan 2118 Unbeteiligte* bei Kämpfen und Anschlägen um (2007 waren es 1523 gewesen). 828 davon wurden von der afghanischen Armee, den Amerikanern oder NATO-Truppen getötet, zumeist bei Luftangriffen. Der Rest starb durch die Taliban, die auch 271 afghanische Regierungsbeamte töteten. Gleichzeitig kamen rund 1000 afghanische Polizei- und Armeeangehörige sowie 294 westliche Soldaten ums Leben. Was sich im pakistanischen Teil von Afpak abspielt, ist dagegen weitgehend unbekannt.

Inzwischen gibt es auch zivile Sonderbeauftragte für die Region. Der Diplomat Richard Holbrooke, bekannt geworden als Vermittler am Balkan, soll im Auftrag von US-Präsident Obama die politischen, militärischen und diplomatischen Aktivitäten in Afpak koordinieren. Auch Deutschland hat inzwischen einen Emissär ernannt. Immer deutlicher wird auch die steigende Bereitschaft, mit den Aufständischen Verhandlungen aufzunehmen und eine politische Lösung anzustreben. Sie sind nämlich bei Weitem nicht so geschlossen und straff organisiert, wie es die unterschiedslose Verwendung des Begriffs Taliban in der Berichterstattung suggeriert (profil 38/08).

Die ultrareligiösen Kader des ehemaligen Taliban-Regimes, die sich nun zum größten Teil in der Stadt Quetta aufhalten dürften, bilden nur einen – und beileibe nicht den größten – Teil des Widerstands. Daneben gibt es hunderte kleine und größere, wichtigere und unwichtigere Gruppen mit unterschiedlichen Motiven und unterschiedlicher Radikalität. Und die wenigsten haben tatsächlich Verbindungen zur Al Kaida.

Die einen greifen zur Gewalt, weil sie sich von der Regierung in Kabul übervorteilt fühlen; die anderen, weil sie jeden von außen kommenden Einfluss verhindern wollen. Manche haben Blutrache geschworen, weil sie die westlichen Truppen für den Tod von Familienmitgliedern verantwortlich machen; manche wollen sich bloß nicht bei ihren lukrativen Opiumgeschäften stören lassen. Was sie eint, sind eine rigide Auslegung des Islam und eine streng patriarchalische Gesellschaftsordnung. Militärexperten schätzen die Zahl der bewaffneten Gruppen in Afghanistan auf rund 1800, „einige hundert“ davon werden als „bedeutsam“ betrachtet, 162 haben sich bislang zur Entwaffnung bereiterklärt. Auch hier wieder gilt: Die Lage im pakistanischen Abschnitt von Afpak entzieht sich weitgehend jeder Kenntnis.

Eines aber ist inzwischen klar: Es wird weniger am militärischen Druck liegen, wie sich der Aufstand weiterentwickelt, sondern an den Afghanen selbst. „Es sind die Menschen, die entscheiden müssen, dass es genug ist“, sagt ISAF-General Blanchette. Die Frage ist bloß, ob für diese Menschen auch genug getan wird. Bisher hat der Krieg der USA laut Kongress-Bericht 173 Milliarden Dollar gekostet. Den größten Teil davon haben die Militäreinsätze der Amerikaner verschlungen. Nur 31 Milliarden gingen an Afghanistan, der Löwenanteil dieser Summe wiederum an die afghanischen Sicherheitskräfte. Von dem, was für zivile Projekte blieb, versickerte ein guter Teil in der korrupten Bürokratie.

Die Bewachung von Präsident Hamid Karzai kostete im Jahr 2008 6,3 Millionen Dollar. Für den Posten „Aufbau der Zivilgesellschaft“ veranschlagte das US-Hilfsbudget lediglich vier Millionen. Bis sich dieses Unverhältnis ändert, wird sich wohl nicht viel ändern im Land Paschtunistan alias Afpak.