Im Tränenpalast von Antony Hegarty:
Herzerweichendes Album des Queer-Poeten

Mit seinem neuen Album „The Crying Light“ erbringt der New Yorker Queer-Poet Antony Hegarty den endgültigen Beweis: Weinen kann man auch vor Glück.

Die menschliche Tränendrüse (lat.: Glandula ­lacrimalis) ist ein winziges, elastisches Organ, das seitlich über dem Augapfel liegt, ausgesprochen drastisch auf äußere (Feinstaub) wie innere (Feinnervigkeit) Reize reagiert, dabei aber nur wenig Aufschluss über den jeweils aktuellen Anlass gibt. In Momenten tiefster Verzweiflung wird sie ebenso aktiv wie bei ­erhöhtem Glücksempfinden oder schlichter metaphysischer Überwältigung. Zu ihren wirksamsten Stimuli zählt deshalb die ­Musik des New Yorker Queer-Poeten Antony Hegarty. Schließlich ­bedient diese, vom Feinstaub ­abgesehen, jeden einzelnen der genannten Tränengründe. Gleichzeitig.

Neue Maßstäbe. Im Frühsommer 2005 erschien „I Am a Bird Now“, Hegartys zweites Album mit seiner Band The Johnsons und das erste, das von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Es wurde zum wichtigsten Album des Jahres. Weil es neue Maßstäbe setzte. Grenzen einriss. Und, ganz banal: ­bezauberte. Mit einem Sound, der zwischen Kitsch und Pathos, Klassik und Pop, Avantgarde und Mainstream schwebte und doch etwas ganz anderes, Eigenes war. Mit einer Stimme, wie man sie seit vielen Jahren, zumindest aber seit Björks „Debut“ 1993 nicht mehr gehört hatte: eigenartig, erschütternd, nicht einzuordnen; kein echter Diskant, kein Falsett und schon gar kein Tenor; eine fragile, mädchenhafte Stimme, die von Unsicherheit und Zerbrechlichkeit sang – und einem untersetzten, knapp zwei Meter hohen Kerl gehörte. Selbst ­musikferne Formatradio-Nebenbeihörer konnten nicht anders, als gerührt zu sein. „I Am a Bird Now“ wurde mit dem prestigeträchtigen Mercury Prize ausgezeichnet und verkaufte sich sensationelle 500.000-mal. Es folgten Duette mit Björk, Marianne Faithfull und Herbert Grönemeyer, Auftritte mit dem London Symphony Orchestra und Lou Reed, eine Beyoncé-Coverversion („Crazy in Love“) sowie, gemeinsam mit der New Yorker Neodisco-Gruppe Hercules And Love Affair, der Dancefloor-Hit des Jahres 2008: „Blind“. Antonys neues Album „The Crying Light“ wird, das lässt sich ohne großes Risiko prophezeien, seinen Ruhm noch deutlich vergrößern.

Antony Hegarty , 1971 in eine katholische Familie aus Sussex, Großbritannien, hineingeboren, wuchs in Amsterdam und Kalifornien auf und entdeckte schon als Kleinkind, dass er im falschen Körper steckte. Auf „I Am a Bird Now“ sang er davon: „One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman / But for today I am a child, for today I am a boy.“ Zu Beginn der neunziger Jahre ging er, erwachsen geworden, nach New York und engagierte sich im örtlichen Queer-Underground. Aids hatte die Stadt, vor allem ihre schwule Community, verwüstet; aus einem Lebensstil war eine Überlebensfrage geworden. Antony Hegarty suchte den Kontakt zur Cabaret- und Performance-Szene, trat in Clubs im East Village auf und lernte dabei zwei Dinge, die bis heute seine Kunst ausmachen: Man muss sich nicht groß verkleiden, um zum Tragöden zu wachsen – und die Tragödie ist kein verzweifeltes, sondern ein erbauliches Genre. Sein Publikum lernte schnell: Weinen kann man auch vor Glück.

Das Coverbild von „The Crying Light“ zeigt den – inzwischen 102-jährigen – japanischen Tänzer Kazuo Ohno in klassischer Maske: ein irritierend künstlicher Schädel, irrlichternd zwischen Mann und Frau, Tod und Leben, eine einzige Grenzüberschreitung. Ein passenderes Bild ist schwer vorstellbar. Mit den zehn Stücken seines neuen Albums reißt Antony die letzte Barriere ein, die sein Werk bislang intakt gelassen hatte: jene zwischen Kunst und Natur. Wo früher Gospel-Hymnen auf seine Geliebten, zutiefst persönliche Lieder von Sehnsucht und Hingabe standen, singt Hegarty heute von Bruder Sonne und Schwester Mond, von der Apokalypse und der Metaphysik der Biene. Dazu erklingt fast schon klassische Kammermusik: Klavier, Geige, Oboe, Harfe. Trotzdem ist „The Crying Light“ beim besten Willen kein versponnen ökologisches Manifest, kein konservatives Zurück-zur-Natur, sondern ein durch und durch heutiges Popalbum. Ein Werk, das eben mehr kennt als Schwarz und Weiß, Stadt und Land, Glück und Trauer. Ein Album, das im Dazwischen zu sich findet.

Von Sebastian Hofer