Im Wendekreis des Spargels

Nach dem moralischen hat Alfred Gusenbauer nun auch noch ein politisches Fiasko erlitten. Und statt Klarheit bietet er nur Klarstellungen.

Alfred Gusenbauer ist beleidigt. Weil man ihn verkennt. Weil man ihm nichts zutraut. Weil man ihm ständig in den Rücken fällt. Weil er einfach keine Chance hat, immer wieder keine Chance. Dabei: Hat nicht ER die SPÖ in den vergangenen fünfzehn Monaten zu teilweise überwältigenden Wahlsiegen geführt? Ist nicht ER die Lichtgestalt, die eine nach dem Klima-Schock und der schwarz-blauen Wende 2000 zutiefst demoralisierte Partei wieder aus der Lethargie herausgestemmt hat? Hält nicht ER den an allen Ecken und Enden sperrigen, morschen und disparaten roten Laden zusammen?
Eben.

Und deshalb ist Alfred Gusenbauer beleidigt. Wenn einer meine, er könne es besser, dann solle er beim nächsten Parteitag antreten – „und zwar gegen mich“, raunzt der Vorsitzende. „Unsere Strategie, die wir eingeschlagen haben, trägt massive Früchte und wird nicht geändert. Punkt.“

Das Problem ist nur: Die Früchte sind offenbar so massiv, dass sie Gusenbauer zu erschlagen drohen. Noch schlimmer: Die Früchte, von denen er spricht, werden nicht einmal ihm zugeschrieben, sondern im Zweifelsfall praktisch ausnahmslos anderen. Gusenbauers Funktion erschöpft sich im Grunde weitgehend darin, in regelmäßigen Abständen dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, dass die SPÖ allen Regionalerfolgen zum Trotz noch immer nicht die Bundesregierung anführt. Da wird man doch mal kurz schmollen dürfen.

Das Kärntner „Chianti“-Drama offenbart Gusenbauers ganze Misere. Nach dem Erdrutschtriumph in Salzburg und den namhaften Zugewinnen in Kärnten hat die SPÖ das bemerkenswerte Kunststück geschafft, ein Zerrbild politischer Konfusion, ja Verheerung zu bieten. Und das ist in erster Linie Alfred Gusenbauers persönliches Verdienst. Sein Beitrag zur Chronik der laufenden Ereignisse besteht im Wesentlichen darin, sich laufend davon zu distanzieren. Er war, stellt er nachträglich klar, in die Verhandlungen zwischen FPÖ und SPÖ nicht involviert. Er hat, stellt er nachträglich klar, Jörg Haider bei einem Telefongespräch unmittelbar vor der entscheidenden Gesprächsrunde in Klagenfurt nicht zum blau-roten Pakt ermuntert. Er sieht, stellt er nachträglich klar, im Kärntner Modell keinerlei Signalwirkung für die SPÖ-Politik auf Bundesebene. Er hat, wird er sicher bald klarstellen, auch niemals Spargeln mit Jörg Haider gegessen (es war vielmehr wohl genau so wie jüngst in Alfred Dorfers ORF-„Donnerstalk“ klargestellt: Anwesend waren damals lediglich Florian Scheuba alias Gusenbauer und – Florian Scheuba alias Haider).

Gusenbauer versagt doppelt: auf moralischer wie auf politischer Ebene. Erstens hat er selbst den Tabubruch der Annäherung zwischen Rot und Blau initiiert, im Wendekreis des Spargels (sogar André Heller, bis vor kurzem sozusagen ein streng loyaler Gusenfreund, spricht mittlerweile von einem „radikalen Sündenfall“). Und wenn man sich auf Gusenbauers strategisches Kalkül, wonach die Rückkehr an die Macht ohne Flankenschutz durch die FPÖ nicht zu bewerkstelligen sei, einlässt, kann man – zweitens – nur ziemlich irritiert fragen, warum der große Stratege diese Position dann nicht wenigstens mit allem ehrlichen Nachdruck vertritt.

Dass die härteste Kritik an Gusenbauer in diesen Tagen von jenen kommt, die sich als Proponenten der ,Zivilgesellschaft‘ und des Widerstandes gegen die ,Schande Europas‘ (profil 2000) verstehen, ist nur allzu nachvollziehbar“, schreibt Christian Ortner im aktuellen „Format“ mit genießerischer Häme. Er unterschlägt dabei vorsätzlich einen zentralen Aspekt: Die Proponenten der „Zivilgesellschaft“ rekrutierten sich in jenem denkwürdig heißen Februar 2000 nicht zuletzt aus den Reihen der SPÖ, die vor heller Empörung über Wolfgang Schüssels „beispiellosen“ Tabubruch gleichsam kollektiv hyperventilierte. Daran sollen die Sozialdemokraten nun plötzlich nicht mehr erinnert werden dürfen? (Gerade dann, wenn etwa SPÖ-Klubobmann Josef Cap europäische Spitzenpolitiker heute in einer Weise abkanzelt, die vor vier Jahren selbst Peter Westenthaler zur Ehre gereicht hätte?!) Und wenn, wie Ortner weiter schreibt, die „politischen Notwendigkeiten“ sich tatsächlich geändert haben und „die Moral von gestern zum Ärgernis von heute“ geworden ist, dann soll der potenzielle Nutznießer dieser neuen Verhältnisse – nämlich Alfred Gusenbauer – zumindest eines bieten: ein klares, unmissverständliches Bekenntnis genau dazu.

Die „Proponenten der Zivilgesellschaft“ haben es vermutlich längst aufgegeben, österreichischen Politikern Rückgrat zuzutrauen. Das muss sie allerdings nicht daran hindern, von ihnen Ehrlichkeit zu erwarten – weniger noch: Klarheit. Mehr nicht.

Doch von Alfred Gusenbauer kommen lediglich Klarstellungen, immer wieder und immer verzweifelter. Das süffisante Grinsen ist ihm inzwischen zum zweiten Gesicht geworden: Es ist die Verlegenheitsmimik eines Mannes, der aus der selbst verschuldeten Defensive partout nicht herausfindet und sich trotzig in einem Panzer von Bräsigkeit einmummt. Irgendwie muss er sich ja vor dem schmerzhaften Aufprall der massiven Früchte schützen.