Im Wendekreis des Tschicks

Wandern wir Raucher jetzt nach Asien ab? Eine Kulturüberlegung.

„Ich rauche, also bin ich.“ Winston Churchill

Szenischer Aufbau: vier Männer und eine Frau, Kopfarbeiter mittlerer Bedeutung und Intelligenz, treffen einander in der besten und nobelsten Trafik der Welt an der Ecke Graben und Kohlmarkt in der Wiener City. Manches erinnert an die Verfilmung der kostbaren Episoden Paul Austers („Smoke“), in der Harvey Keitel die Hauptrolle spielt. Die Grundstimmung ist heiteres Entsetzen.

Der Wortführer, ein Bankkaufmann: „Stellts euch vor, der Depperte, der – wie heißt er, dieser Nachfolger vom Giuliani? –, eh wurscht, der wahnsinnige Bürgermeister von New York will jetzt die ganze Stadt besenrein von allen Rauchern befreien, sozusagen null Toleranz bei Tschicks. Kein Nikotin in Amtsstuben, Aufzügen, Restaurants und Bars wie schon bisher – und jetzt auch noch: keine Zigarette auf der Straße, im Hafen, im Battery Park, nicht einmal in Greenwich Village und Chinatown, kein Zug auf dem obersten Balkon des Empire State Building, kein Inhalierer in Sichtweite der Freiheitsstatue, nichts, nirgends, Wahnsinn.“

Chor der restlichen vier: „Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn.“
Die Frau: „Ausgerechnet mein New York.“
Einer der Männer: „Unser New York, meine Liebe. Ist ja unser aller Stadt gewesen. Der Große Apfel und so. Der Melting Pot, der Schmalztiegel beziehungsweise Schmelztiegel! Mein Gott, der Central Park!“
„Das Moma!“
„Der Broadway, das Plaza, die Fricks Collection, Woody am Montag in ,Michael’s Pub‘ an der Klarinette, tieftraurig wie Martin Heidegger, wenn er den Blick aufs Ganze warf.“
Chor: „Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn.“
Ich, einer der vier: „Uns bleibt immer noch Shanghai.“

Unter Rauchern, was Nichtraucher ex logo nicht verstehen, werden die letzten Airlines gehandelt, die noch Raucherflüge anbieten, beziehungsweise die ersten, die sie schon wieder als Nischen-Chance offerieren, und Städte, die noch raucherfreundlich sind: meist reizvolle Reiseziele wie Ulan Bator, Kharthoum und Timbuktu.

Man überbietet sich im Entsetzen, dass neben den USA ausgerechnet Irland im vorauseilenden Gehorsam als Nikotinkiller päpstlicher ist als der Papst – dieses Land der feinsinnigsten Raucher und Trinker à la James Joyce. Man versteht die Welt nicht mehr und sammelt die letzten Argumente für die voraussichtlich letzten Schlachten eines höchstwahrscheinlich verlorenen Krieges.

Beispielsweise: Einmischung in die individuelle persönliche Gesundheit sei immer schon ein beliebtes faschistoides Mittel gewesen, einen Fuß in die Tür der Seelen zu stellen. Bald wird kollektives Turnen angesagt sein, weil es erstens lustig und zweitens gesund ist. Zu guter Letzt wird man uns Messgeräte um die Hüften binden, die jede konvulsivische Zuckung an das Statistische Zentralamt weitermelden. Man wird sozusagen Flensburger Schlechtpunkte sammeln. Ab fünf GVs wird verwarnt, ab zehn eingesperrt, ab zwanzig sterilisiert, weil das Vögeln heutzutage bekanntlich ziemlich riskant ist, und wie kommen die Nichtvögler eigentlich dazu, die Aidskranken finanziell mitzuschleppen? Das Einzige, was man zumindest in der EU niemals angreifen wird, ist der Wein. Der Alkohol bringt zwar mehr Leute um als das Nikotin, ist aber wirtschaftlich zu wichtig.

Nutzlos dies alles, weil zu kompliziert. Selbst der schlichte, gemeinsame Versuch der Tabakindustrie und der Raucher, eine nikotinfreie Welt als geistesarm und unkreativ darzustellen, scheiterte.

Churchill meinte, die Diskussion übers Rauchen mache selbst Raucher, die bekanntlich ausnahmslos Geistesriesen und Glühbirnen sind, zu Deppen: „Ein leidenschaftlicher Raucher, der immer von der Gefahr des Rauchens für die Gesundheit liest, hört in den meisten Fällen auf – zu lesen.“ Was nützen uns armen, schandbar verfolgten Rauchern herrliche Testimonials berühmter Leute? Gar nix.
Wirkungslos ein wissenschaftlicher Einwand des trefflichen Torberg: „Auch Nichtraucher müssen sterben.“ Wirkungslos der Feinsinn Oscar Wildes: „Die Zigarette ist das vollendete Urbild des Genusses: Sie ist köstlich und lässt uns unbefriedigt.“ Wirkungslos der Hinweis, ohne Zigarette werde es keine Literatur mehr geben – Thomas Mann, Max Frisch, Ernst Jandl, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Georges Simenon hätten ohne Zigarre oder Zigarette oder Pfeife keine Zeile geschrieben. Die einzige Wirkung ad Literaturangst gäbe es in Österreich allenfalls, wenn einer nachwiese, dass es nach einem Nikotinverbot keine „Kronen Zeitung“ mehr gäbe, weil die dortigen Genies am Stängel hängen, was aber nicht der Fall ist. Die „Krone“-Redaktion ist bekannt für ihren hohen Anteil an Nichtrauchern.

Die Anti-Raucher-Kampagne wird die Reisegewohnheiten drastisch ändern, und damit die Reisenden selbst. Es gibt bereits Raucher (Namen sind der Redaktion bekannt), die das Unheil der Bushs und Rumsfelds als Ausrede nützen, nie mehr die USA zu bereisen, diese widerwärtige, heuchlerische, bigotte Anti-Raucher-Hochburg.
Sie werden voraussichtlich Asien entdecken. Man weiß gar nicht, wohin das noch führen wird. Der eine wird statt preiswerter Big Macs die komplizierte Wok-Küche entdecken oder gar süchtig werden nach sauteuren Sashimis, Shabu-Shabus, Tempuras und Teppanyakis. Man wird vom Bourbon in den Yasmintee fallen und statt des allgegenwärtigen US-Fernsehens im Schatten der Großen Mauer Lu Xüns „Wilde Gräser“ lesen. Eine Völkerwanderung steht vor der Tür, die Welt wird nimmer sein, was sie war.