Im Winter gibt Hollywood sein Bestes: Kein Wunder, die Oscars stehen vor der Tür

Brad Pitt altert sich jung, Angelina Jolie kämpft um ihr Recht, und ein Ex-Präsident stürzt ab: Im Winter gibt Hollywood traditionell sein Bestes. Kein Wunder: Die Oscars stehen vor der Tür.

Von Stefan Grissemann

Klassizismus hat im Kino keinen schlechten Ruf. Die Nominierungen für die diesjährige Oscar-Gala, die am 22. Februar in Hollywood über die Bühne gehen wird, zeigen dies deutlich: Historische Melodramen, märchenhafte Ausstattungsfilme und traditionelle Psychostudien dominieren die Liste. Die Qualität einiger Hauptanwärter auf die Academy Awards 2009 lässt sich in österreichischen Kinos bereits überprüfen: Mit David Finchers epischer Fabel „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ startet Ende dieser Woche der mit 13 Nennungen meistnominierte Film dieses Jahres. Auf Danny Boyles zehnfach nominierte Bollywood-Mimikry „Slumdog Millionaire“, den Vierfach-Abstauber bei den Golden Globes vor zwei Wochen, wird man noch bis Ende März warten müssen, dafür läuft Ron Howards Polit-Rekons­truktion „Frost/Nixon“, für immerhin fünf Oscars vorgeschlagen, bereits Anfang Februar an – und Clint Eastwoods jüngstes Melodram „Der fremde Sohn“, für drei Academy Awards nominiert, hat soeben Österreichs Leinwände erreicht.

Es zeigt vor allem eines: Man kann die Liebe zum Altbewährten auch übertreiben. Eastwood genießt als Old-School-Regisseur („Unforgiven“) zwar längst Weltgeltung. Mit seinem jüngsten Drama ramponiert er seinen exzellenten Ruf jedoch merklich. Los Angeles, 1928: Eine allein erziehende junge Mutter (Oscar-Aspirantin 2009: Angelina Jolie) findet abends, als sie von der Arbeit heimkehrt, ihren neunjährigen Sohn nicht mehr vor. Monate später wird ihr von der lokalen Polizei, die gute Schlagzeilen dringend nötig hat, ein Kind gebracht. Es ist nicht ihres. Sie weigert sich, es anzuerkennen – und stößt auf den massiven Unwillen einer korrupten Exekutive, die davon ausgeht, die Widerrede einer machtlosen Frau ohne stichhaltige Argumente qua Autorität im Keim ersticken zu können: Wenn man ihr nur lange genug einredet, dass sie bloß überspannt auf die Rückkehr ihres einzigen Sohnes reagiert, wird sie das auch selbst glauben müssen. Sie tut es nicht – und landet in der Psychiatrie. Der Feldzug der Frau, unterstützt nur von einem manierierten Geistlichen (John Malkovich), gegen all jene, die ihr Unrecht tun, beginnt. Das ist der Stoff, aus dem die Tränen sind. Weepie nannte man diese Art des Kintopps in den zwanziger und dreißiger Jahren: anrührendes ­Material aus dem großen Buch der menschlichen Tragödie – Filme zum Heulen.

Spielfreude. Um Rührung ist auch David Fincher, Regisseur zynischer Gewaltuntersuchungen („Fight Club“) und hartgekochter True-Crime-Stories („Zodiac“), neuerdings bemüht. „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ erlaubt sich aber, anders als Eastwoods Film, eine gewisse formale Spielfreude. In seiner fast dreistündigen Feinzeichnung eines alten, von F. Scott Fitzgerald geliehenen Gedankenspiels – ein Mensch kommt 1918 als Greis zur Welt, altert rückwärts und stirbt 2003 als Säugling – gelingt Fincher ein überraschend stimmiges, leise utopisches Amerika-Porträt. Der Film nimmt Jugendwahn, die prekäre Kinofiktions­arbeit und eine multikulturelle US-Gesellschaft kritisch in den Blick, wobei Fincher den historischen Rassismus strategisch ausblendet: der erste große Film für die Ära Obama. Brad Pitt, selbstredend ebenfalls für einen Oscar nominiert, verlässt sich dabei keineswegs nur auf seine technisch virtuosen Maskierungen, sondern verleiht den verschiedenen Altersphasen mit erstaunlichem Understatement und einiger Ironie das jeweils korrekte Bild – stimmlich, gestisch und mimisch.

Verfehlungen. Noch deutlicher – und damit auch: noch klassischer – auf seine Schauspieler ist Regisseur Ron Howard konzen­triert. In „Frost/Nixon“ bearbeitet er eine Fußnote der amerikanischen Politgeschichte – jenes legendäre vierteilige Fernseh­interview, das der britische Talkshow-Entertainer David Frost im Frühling 1977 auf eigene Kosten und gegen all jene, die ihm politische Tiefe nie zugetraut hatten, mit Ex-Präsident Richard Nixon führte. Howards pseudodokumentarische Inszenierung ist konventionell, aber effizient – und auf intelligente Weise unterhaltsam: Wie der Playboy Frost (Michael Sheen) den selbstgefälligen Nixon, stählern-sonor dargestellt von Frank Langella, zu einem Eingeständnis seiner politischen Verfehlungen zu bewegen sucht, gewinnt in der Ruhe und Genauigkeit der Regie schnell an Dramatik.

Während der Postmodernist Fincher und der Auftragsfilmer Howard alten Hollywood-Traditionen somit ungeahnt souverän begegnen, scheitert gerade der, dem man dies am wenigsten zugetraut hätte, an den Geboten des Klassizismus: Clint Eastwood pflastert seinen Film mit mehr Klischees, als das Genre erlaubt, besetzt ihn mit Karikaturen, so weit das Auge reicht. Ambivalenzen duldet Eastwood nicht, wohl auch, um seine Arbeit nicht unnötig zu komplizieren, wie nicht zuletzt sein manipulativer, selbst komponierter Emotions-Soundtrack zeigt: alles Gefühl und kaum Verstand. Dabei wird er zur bloßen Hilfskraft seines Superstars, der in tausendundeiner Großaufnahme sein (leider arg beschränktes) Leidensrepertoire durchspielen darf. So gerät „Der fremde Sohn“, in Überlänge, zu einem abgekarteten Historienspiel mit dem Ikonenstatus Angelina Jolies, komplett mit ironischem Verweis auf die Oscar-Nacht 1935: Da weiß man wenigstens, worauf alle Beteiligten hier hinarbeiten.