Im Würgegriff der Liebe

Das Phänomen „Stalking“ beschränkt sich längst nicht mehr auf die Verfolgung von Stars durch obsessive Fans. Mittlerweile ist es zu einem weit verbreiteten Alltagsproblem geworden, auch in Österreich.

Wenn du heute als Star keinen Stalker mehr hast“, witzelte der US-Talkmaster Jay Leno, selbst Opfer eines fanatischen Fans, einmal, „weißt du, dass mit deiner Karriere etwas ziemlich schief läuft.“ Der Begriff „Stalking“ existiert seit Jahrhunderten und stammt aus der englischen Jägersprache. Er bezeichnet das Heranpirschen an die vermeintliche Beute und deren Ausspionieren. Vor rund 20 Jahren tauchte das Wort verstärkt in der US-Boulevardpresse auf, im Zusammenhang mit kontinuierlichem Psychoterror, dem frustrierte Fans ihre „Lieblings“-Stars aussetzen. Die Stalking-Dramen der Prominenten gehören inzwischen, ebenso wie ihre Scheidungen und Suchtprobleme, zum Fixinventar der Yellow Press.
Die jüngsten spektakulären Fälle: Der religiös verwirrte Obdachlose Zach Sinclair, der mehrmals versucht hatte, in die Häuser von Hollywood-Star Mel Gibson einzudringen, wurde Anfang März zu 16 Monaten Haft verurteilt. – Eine von der unerwiderten Liebe zu Michael Douglas zermürbte 33-jährige Afroamerikanerin drohte Ende vergangenen Jahres, dessen Frau Catherine Zeta-Jones „bis zu den Knochen aufzuschlitzen“, wenn diese ihr „den Weg zu Michael“ nicht freigebe. Der Prozess ist noch im Gang. Paradoxon am Rande: Douglas spielte in dem Thriller „Fatal Attraction“ (1987) das Opfer einer obsessiven Liebenden (Glenn Close). – Der obdachlose William Lepeska, der die in Florida lebende russische Tennisspielerin Anna Kournikova über Monate hinweg bedroht hatte, wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

Waris Dirie. Auch Österreich war vor einem Jahr Schauplatz eines schlagzeilenträchtigen Stalking-Falles. Das somalische Ex-Supermodel Waris Dirie, die ihr Leben heute dem Kampf gegen die rituelle Genitalverstümmelung junger Mädchen in Afrika widmet, wurde in ihrer neu bezogenen Wiener Wohnung von einem besessenen Fan brutal niedergeschlagen. Der arbeitslose Portugiese, dessen fortgesetzter Psychoterror der Grund für Diries Umzug von England nach Wien gewesen war, war der UN-Sonderbotschafterin nachgereist, um seine unerwiderte Liebe gewaltsam einzufordern. Wie der Mann die Adresse ausfindig machen konnte, blieb im Dunkeln. In der Regel sind Stalker jedoch überdurchschnittlich intelligente Menschen, deren Wahnvorstellungen sie zu taktischen Höchstleistungen treiben.
Das Phänomen beschränkt sich indes längst nicht mehr auf die fanatische Verfolgung Prominenter durch neurotische Fans. Studien belegen, dass Stalking auch im Alltag „Normalsterblicher“ immer öfter vorkommt. Opfer sind vor allem Frauen, Täter meist Ex-Partner.
Die Mannheimer Psychiater und Stalking-Spezialisten Harald Dreßnig und Peter Gass unterscheiden in ihrem Anfang Juni erscheinenden Buch „Stalking“ (im Berner Huber Verlag) den am häufigsten auftretenden Typus der „Zurückgewiesenen und Beziehung Suchenden“ von den „wahnhaften und Identität suchenden“ Tätern, zu denen beispielsweise der John-Lennon-Mörder Mark Chapman zählte.
Im Auftrag des Wiener Frauenbüros befragte das Meinungsforschungsinstitut Ifes, parallel zur ersten Konferenz zum Thema Psychoterror im Wiener Rathaus im November 2003, 1000 Wienerinnen telefonisch über ihre einschlägigen Erfahrungen. Die Wiener Studie ist das bislang einzige statistische Material, das in Österreich zu dem in den USA seit 20 Jahren wissenschaftlich erforschten Phänomen Stalking vorliegt.
„In unserem Beratungsalltag haben sich die Klagen über Psychoterror, vor allem von Ex-Partnern, seit 2001 merklich gehäuft“, erzählt Karin Spacek, Leiterin des Wiener Frauennotrufs. Viele Frauen hätten jedoch „aus einem falschen Schamgefühl, ähnlich wie bei Gewaltvorgängen in der Familie, erst sehr spät den Mut gefunden, uns um Hilfe zu bitten“.

Wien-Studie. Die Ergebnisse der Wiener Ifes-Studie dokumentieren klar, dass fortgesetzte Kontakt-Attacken bedrohlicher Art bereits Alltag geworden sind und von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Ähnlich wie bei Gewaltverbrechen sind 80 Prozent der Opfer Frauen, und sie kennen oft den Mann, der ihr Leben allmählich in einen Albtraum verwandelt.
Ein Viertel der befragten Frauen war schon über längere Zeit mit unerwünschten Telefonanrufen torpediert worden. Sieben Prozent waren bereits mit Drohungen oder Einschüchterungen sowie mit der Beschädigung von persönlichem Eigentum konfrontiert. Sechs Prozent wurde vor der Wohnung oder dem Arbeitsplatz aufgelauert. Einem Drittel der Frauen war ihr Stalker bekannt. In 37 Prozent der Fälle handelte es sich um einen verlassenen Ex-Partner, der sich dem Ende der Beziehung nicht fügen wollte; bei 23 Prozent war es ein flüchtiger Bekannter, bei 18 Prozent ein Nachbar und bei sieben Prozent ein Arbeitskollege.
Bei 44 Prozent der Betroffenen hinterließ der Psychoterror gravierende Spuren im Alltag. Über zwei Drittel gaben an, dass „die unüberwindliche Nähe“, wie der Dichter Botho Strauß die obsessive Liebe nannte, zu psychischen Beschwerden führte. Schlafstörungen, Angstzustände, Panikattacken und Depressionen gelten in der medizinischen Psychologie als die häufigsten Begleiterscheinungen bei Stalking-Opfern. „Man wird ganz langsam verrückt, so verrückt wie der Mensch, dem man ausgesetzt ist“, erzählt die holländische Schriftstellerin Connie Palmen. „Dieser Mensch raubt mir alle Lebensenergie“, erklärt ein Wiener Wirtschaftstreuhänder, der gemeinsam mit seiner Frau im Fadenkreuz ihres Ex-Mannes steht, „und je mehr Energie er mir abzapft, desto mehr kriegt er selbst für seine schrecklichen Taten.“
Elf Prozent der Ifes-Befragten bekamen Probleme in der Familie und acht Prozent Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. Nicht jede Frau kann dabei mit dem Verständnis des Dienstgebers rechnen, so wie die Verkäuferin Anna F., deren Chef auch die ihm anonym zugesandten Intimbilder von Anna mit höchster Diskretion behandelte. Ein Drittel der befragten Frauen unternahm nichts gegen diese subversive Zersetzung ihres Lebens. „Ich habe mich lange geschämt, so wie es wahrscheinlich auch Vergewaltigungsopfer tun“, erzählt die Verkäuferin Anna F. „Ich fühlte mich als minderwertig und wie beschmutzt.“

Gesetzesohnmacht. Ein Viertel der Befragten meldete die Vorfälle bei der Polizei, wobei 52 Prozent dort nicht geholfen werden konnte. Der Rechtsanwalt Nikolaus Lehner beklagt, dass das strafrechtliche Delikt der „gefährlichen Drohung“ im Gesetz bislang so angesiedelt ist, dass ein Satz wie „Ich werde dich vernichten“ in der Regel nicht entsprechend zu ahnden ist: „Da müssten schon konkrete Grässlichkeiten wie ,Ich werde dir ein Messer ins Herz rammen‘ ins Spiel gebracht und auch bewiesen werden können.“ Lehner erinnert sich an ein besonders drastisches Beispiel: Ein Klient war so besessen von seiner Ex-Partnerin und deren Liebesaktivitäten, dass er sich im Kofferraum ihres Wagens einschloss, um jede ihrer Bewegungen aus nächster Nähe mitverfolgen zu können. Risiken wie Sauerstoffknappheit schreckten ihn von seinem Vorhaben nicht ab. „Stalker,“ so der Wiener Polizeipsychologe Alexander Knoll, „scheuen keine Mühen und keinen Aufwand, um ihren Drang zu befriedigen.“ Der fanatische Madonna-Fan Robert Dewney Hoskins etwa drang vor zehn Jahren in das Anwesen des Popstars ein und wurde von einem Leibwächter angeschossen. Bei der Gerichtsverhandlung, an deren Ende er zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, erklärte er lächelnd: „Es hat sich ausgezahlt. So nah war ich ihr noch nie.“

Harmloser Beginn. In der Regel beginnt Stalking vergleichsweise harmlos. Telefonterror, SMS-Attacken, Geschenklawinen, Briefladungen und Pirschgänge rund um den Wohn- und Arbeitsplatz sind laut einer großen Stalking-Studie der Universität Darmstadt von 2004 die am häufigsten angewendeten Methoden. Die Opfer können sich dagegen meist weder direkt noch indirekt zur Wehr setzen. Im schlimmsten Fall müssen die Täter mit zivilrechtlichen Konsequenzen wie Geldbußen rechnen, in der Regel kommen sie straffrei davon. „Ähnlich wie in Deutschland wird jede zwölfte Österreicherin schon Stalking-Erfahrungen gemacht haben, obwohl bundesweit leider noch keine Zahlen existieren“, meint Karin Spacek vom Frauennotruf. Ein Viertel der vom Ifes-Institut befragten Stalking-Opfer suchte die Aussprache mit dem Täter, was jedoch unter allen Umständen zu vermeiden ist.
„Der Versuch, dem Stalker ins Gewissen zu reden, ist ganz falsch. Jeglicher Kontakt zum Täter, jede Art von Verständnis bestärkt ihn nur in seiner Allmachtfantasie und animiert ihn fortzusetzen“, sagt Stalking-Experte Alexander Knoll vom Kriminalpolizeilichen Beratungsdienst. Die Motivation, „die diese unglaublichen Energien ins Rollen bringt“, sei mit „dem Täterwunsch nach Macht und Kontrolle“ zu erklären.
Dass die zwischen Liebesbezeugungen und Drohungen pendelnden Kontaktaufnahmen sehr leicht „chronisch“ werden, hängt laut Knoll damit zusammen, dass Stalking wie jede Suchtkrankheit funktioniert: „Man versucht wie Sisyphos einen Gipfel zu erreichen, der nie zu erreichen ist. Und die ständige Frustration nährt den Vernichtungs- und Zerstörungswillen.“ Die Dauer der Verfolgung beträgt im Durchschnitt etwa 26 Monate, so das Ergebnis der Darmstädter Studie, wobei sich allerdings „eine große Spannweite von einem Monat bis zu 30 Jahren ergibt“, so Studienleiter Jens Hoffmann.
Fest steht, laut den Autoren Dreßnig und Grass in deren Buch „Stalking“, dass die „zurückgewiesenen“ und „identitätssuchenden“ Täter größte Gewaltbereitschaft miteinander verbindet.
„Wie viele Morde in Österreich die Konsequenz von Stalking-Phänomenen sind, wissen wir nicht, weil bei der Aufklärung die Vorgeschichte meist unzureichend berücksichtig wird“, berichtet Polizeipsychologe Alexander Knoll.
Die Verkäuferin Anna F. setzt all ihre verbliebene Hoffnung in die Gesetzesreform: „Vielleicht kann ich dann endlich mein ganz normales, kleines Leben zurückkriegen.“

Von Angelika Hager