Immunitätsprinzip

Nach der Schweinegrippe-Impfung melden Schweden und Finnland vermehrt Fälle von Schlafkrankheit bei Kindern und Jugendlichen. In etlichen EU-Ländern grassieren wieder die Masern, weil die Impfdisziplin nachlässt. Wie sicher sind Impfungen? Und: Sind die Österreicher zu Recht Impfmuffel?

Mehrere schwere Infektionsfälle erschüttern Deutschland: Im vergangenen Herbst erkrankte in Aschaffenburg ein sechsjähriges Mädchen an SSPE, einer tödlichen Hirnkrankheit, die als Folge der Masern auftritt. Das Kind hatte sich im Alter von sieben Monaten bei einem Erwachsenen mit Masern infiziert, die Krankheit aber gut überstanden. Doch im Februar des Vorjahrs meldete sich das Virus zurück. Innerhalb weniger Wochen war die Kleine ein Pflegefall. „Sie kann weder laufen noch sprechen und muss künstlich ernährt werden“, berichtete die Mutter, bevor das Kind ins Koma fiel. Ende Oktober des Vorjahrs starb im deutschen Bad Salzuflen ein 13-jähriges Mädchen an SSPE, das sich ebenfalls als Baby mit Masern infiziert hatte. In Österreich wurden in den vergangenen elf Jahren 16 solcher Fälle registriert. Immer, wenn die Impfdisziplin nachlässt, steigt das Risiko derart schwerer Krankheitsverläufe.

Doch auch hohe Impfdisziplin kann zu Problemen führen. In Schweden und Finnland verzeichnen die Gesundheitsbehörden seit der Schweinegrippe-Impfaktion 2009/10 etliche Fälle von Narkolepsie (Schlafsucht) bei Kindern und Jugendlichen, eine Art neurologische Autoimmun­erkrankung. Ob zwischen der Impfung und den Krankheitsfällen ein kausaler ­Zusammenhang besteht, wird derzeit ­untersucht. Experten halten es für eher unwahrscheinlich, dass es gelingen wird, den Verursacher zu identifizieren. Im Verdacht steht ein so genanntes Adjuvans, ein Verstärker, den der Hersteller GlaxoSmithKline in seinen Impfstoff Pandemrix gemischt hatte, um die Immunantwort zu intensivieren.

Aber die Schweinegrippe-Impfung ist nicht ohne Weiteres mit der Entwicklung anderer Impfungen zu vergleichen. Da die Gesundheitsbehörden den Ausbruch einer Pandemie fürchteten, wenn sich das Schweinegrippe-Virus mit dem humanen Grippevirus zu einem neuen Supervirus verbindet, suchten sie nach einer wirksamen Vorbeugung gegen die Schweine­grippe. Da bei wachsender Infektionsgefahr Eile geboten war, gestatteten sie den Impfstoffherstellern ein abgekürztes, so genanntes „fast track“-Zulassungsverfahren. „Da ist die klinische Erfahrung zum Zeitpunkt der Zulassung ausreichend, aber limitiert“, erklärt Markus Müllner, für Arzneimittelprüfungen zuständiger Experte in der Agentur für Gesundheit und Arzneimittelsicherheit (AGES) in Wien.

In Österreich, wo gegen die Schweinegrippe ein anderer Impfstoff verwendet wurde, gab es bisher keine Meldungen über Fälle von Narkolepsie. Die Schweinegrippe-Impfaktion wurde hierzulande auch nicht besonders angenommen, wohl weil sich die Österreicher von der allgemeinen, von der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Pharmaindustrie geschürten Pandemie-Hysterie weniger anstecken ließen. Sie sind auch generell weniger impffreudig als Bewohner anderer Länder – zu Recht? Wie sicher sind Impfungen überhaupt?

Österreich hatte offenbar nicht nur Schwein mit der Schweinegrippe-Impfung, sondern auch mit der in weiten Teilen Europas grassierenden Masernepidemie, von der die Alpenrepublik bisher weitgehend verschont geblieben ist. Im Vorjahr wurden europaweit mehr als 30.000 Masernfälle gemeldet, doppelt so viele wie im Jahr davor. Frankreich allein registrierte 14.000 Erkrankungen. Auch Deutschland, Italien, Rumänien und Spanien waren stärker von der Epidemie betroffen als andere Länder.

In Österreich gab es im Vorjahr aufgrund eingeschleppter Infektionen doppelt so viele Masernfälle wie im Jahr 2010. Dabei können wir noch von Glück reden, denn wäre ein Fall in einer der ungeimpften „Enklaven“ aufgetreten, dann hätte sich das Virus rasch ausgebreitet und zu Hunderten Erkrankungen geführt, wie das schon im Jahr 2008 der Fall war. Damals brach, ausgehend von einer (bekannt impfkritischen) Rudolf-Steiner-Schule in Salzburg, eine Masernepidemie mit insgesamt mehr als 400 Krankheitsfällen aus, die sich nur durch sofortige Abschottungsimpfungen eindämmen ließ.

Viele Menschen halten die Masern für eine harmlose Kinderkrankheit, die man am besten ohne Impfschutz durchstehen sollte. Besonders impfkritische Eltern feiern bewusst so genannte Masernpartys, damit sich ihre Kinder anstecken. Aber die Infektion kann sehr unangenehm werden. Als Folgekrankheiten treten Lungen- und Mittelohrentzündung auf, in besonders dramatischen Fällen kommt es zur Enzephalitis, einer Entzündung, die zu bleibenden Hirnschäden führen kann. „Wir haben die Masern doch auch überstanden, können eben nur diejenigen sagen, die sie gesund überstanden haben“, erklärte Reinhard Berner, Professor für Kinderkrankheiten an der Uni Freiburg, gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Berner berichtet von an Masern erkankten Zwillingsschwestern: „Die eine geht heute aufs Gymnasium, aber die andere muss in einem Heim betreut werden.“

Im schlimmsten Fall kommt es als Masern-Spätfolge zu SSPE, einer Entzündung des ganzen Gehirns, gegen die es, wenn sie erst im charakteristischen Stadium ­diagnostiziert wird, kein Mittel gibt. Die Krankheit verläuft binnen Monaten oder Jahren tödlich. Laut dem deutschen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte zeigen die in jüngster Zeit aufgetretenen SSPE-Fälle, dass das Risiko offenbar höher ist als bisher angenommen. Gingen die Mediziner bisher davon aus, dass bei Masern eine schwere Komplikation auf 5000 Erkrankungsfälle kommt, so senken sie nun das Verhältnis auf 1:1200. Einer der Gründe ist der Rückgang der Impfdiszi­plin, der auch in Österreich zu verzeichnen ist.
In den USA hingegen, wo es seit vielen Jahren ein strenges staatliches Impfprogramm gibt, wurden die Masern ausgerottet. „Gerade bei Masern muss die Durchimpfungsrate 95 Prozent sein, damit sich die Krankheit nicht weiter verbreitet“, erklärt Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin an der Medizinischen Universität Wien sowie Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums. Wer seinen Sprössling in einem US-Kindergarten anmelden will, muss nachweisen, dass das Kind gegen Masern geimpft ist. Alljährlich geben die US-Gesundheitsbehörden eine Liste mit Ländern heraus, aus denen Masern eingeschleppt wurden, darunter findet sich regelmäßig auch „Austria“.

Im internationalen Vergleich sind die Österreicher nicht besonders impffreudig. Die OECD-Statistik „Health at a Glance 2011“ listet die Alpenrepublik mit einer Masern-Impfquote von 76 Prozent an letzter Stelle. Pamela Rendi-Wagner, Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium, hält diese Daten für falsch, „weil die Meldungen der einzelnen Bundesländer lückenhaft sind“.
Rendi-Wagner schätzt, dass die laut Impfplan im elften Lebensmonat vorgesehene erste Masern-Teilimpfung 95 bis 98 Prozent der österreichischen Kinder erhalten, die zweite 82 bis 85 Prozent. Das ist aber noch immer zu wenig, um den Ausbruch einer Masernepidemie zu verhindern, insbesondere auch deshalb, weil viele Kinder erst im Alter von vier oder fünf Jahren zur Impfung kommen, also viel zu spät.
Aber nicht bei allen Impfungen regis­trieren die Experten eine derartige Nachlässigkeit der Eltern. Die kostenlose Schluckimpfung gegen Rotaviren zum Beispiel, die laut staatlichem Impfplan als erstes Vakzin im frühen Säuglingsalter verabreicht werden soll, wird von Eltern sehr gut angenommen. Rotaviren verursachen starken Durchfall mit raschem Flüssigkeitsverlust, was bei Säuglingen nicht ungefährlich ist. Vor Einführung der Gratisimpfung im Jahr 2006 kam es aufgrund von Rotaviren-Infektionen zu etwa 4000 Spitalseinweisungen im Jahr. „Diese Zahlen sind dramatisch gesunken, sodass die Kosten-Nutzen-Analyse hoch positiv ausfällt“, freut sich Impfexpertin Wiedermann-Schmidt.
Auch die Impfung gegen die durch Zecken übertragene Frühsommer-Meningo­enzephalitis (FSME) wird von der Bevölkerung gut angenommen. Das auslösende Virus kann zur Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten, zu dauerhaften neurologischen Schäden oder sogar zum Tod führen. Vor Einführung der Impfung Mitte der achtziger Jahre gab es jährlich etwa 1000 Hospitalisierungen aufgrund von FSME, dazu viele Todesfälle. Danach sank die Zahl der Spitalseinweisungen allmählich unter 100, auch die Anzahl neurologischer Dauerschäden oder Todesfälle ging dramatisch zurück.
„Aber in Tschechien und in Slowenien, wo kaum gegen FSME geimpft wird, gibt es nach wie vor so viele Erkrankungsfälle wie bei uns in den sechziger Jahren“, berichtet der Epidemiologe Michael Kundi, Leiter des Instituts für Umwelthygiene der Wiener Medizinuniversität.

In den Anfangsjahren traten nach FSME-Impfungen teils erhebliche Nebenwirkungen, darunter auch Behinderungen, auf. Ein kausaler Zusammenhang mit dem Impfstoff ließ sich aber nie beweisen. Die Bevölkerung neigt jedoch dazu, Erkrankungen, die in zeitlicher Nähe zu einer Impfung auftreten, zuallererst der medizinischen Intervention anzulasten, ob zu Recht oder nicht. Manchmal sehen aber auch Wissenschafter Hinweise in diese Richtung. So kam es beispielsweise im zeitlichen Zusammenhang mit einer frühen Version der im Säuglingsalter verabreichten Sechsfachimpfung, die längst nicht mehr am Markt ist, zu vermehrten Fällen von plötzlichem Kindstod („Sudden Infant Death Syndrome“).

Epidemiologe Kundi, der diese Fälle näher untersuchen wollte, vermutete einen Zusammenhang mit einem bestimmten Antigen, das nur in dem speziellen Impfstoff, nicht aber in anderen Sechsfachimpfungen enthalten war. Aber letztlich beweisen konnte er seinen Verdacht nicht. Doch diese Pannen, die es in der Anfangsphase bei etlichen Impfungen gegeben hat, ob in direktem Zusammenhang mit dem jeweiligen Vakzin oder nicht – sie sind, bis auf extrem seltene Einzelfälle im Millionstelbereich, Vergangenheit. Heutige Impfungen haben mit den Frühformen, als noch sehr schlecht gereinigte Impfstoffe verwendet wurden, nichts mehr gemein. Moderne Impfstoffe werden zumeist „rekombinant“, das heißt in biologischen Systemen im Reagenzglas, hergestellt. Dabei werden spezielle Eiweißschnipsel gezielt zusammengesetzt, um im menschlichen Organismus eine maßgeschneiderte Immunantwort gegen einen bestimmten Erreger auszulösen. Experten bezeichnen die Impfungen als „die größte Erfolgsgeschichte der Medizin“. Der Innsbrucker Pathologe Georg Wick formuliert es simpel: „Ohne Impfungen wären viele von uns gar nicht am Leben.“

Die Pocken – längst ausgerottet. Erinnert sich noch jemand an Fälle von Kinderlähmung? Ausgerottet. Kinder mit Keuchhusten, Diphtherie, Mumps? Aber diese Erfolgsgeschichte ist vielen Menschen nicht bewusst. Wie in den USA könnten die Masern auch in Europa längst ausgerottet sein. Die WHO wollte dieses Ziel bis 2010 erreichen. Wegen der schwachen Durchimpfungsrate – besonders in Österreich – verschob sie dieses Ziel auf 2015. Die noch immer verbreiteten Impf­ängste der Österreicher könnten ihr einen Strich durch die Rechnung machen, auch wenn Markus Müllner, der für Arzneimittelsicherheit zuständige Abteilungsleiter in der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in Wien, heutige Impfungen für „extrem sicher“ hält – ­jedenfalls für sicherer als die meisten ­Arzneimittel, die heute auf dem Markt sind.

Lesen Sie außerdem im profil 11/2012: Der St. Pöltener Kinderprimar Karl Zwiauer über Impfgegner und -skeptiker, Impfpannen und die reale Gefahr, die mangelnder Impfschutz für Kinder und Jugendliche bedeuten kann.