In der Ciné-Zone: Seit 50 Jahren bringt die Viennale rares Weltkino nach Wien

Seit einem halben Jahrhundert beliefert die Viennale die Bundeshauptstadt mit Filmraritäten. Heute verfügt das Festival über internationale Strahlkraft. Das war nicht immer so.

Die bescheidenen Anfänge jenes Filmfestivals, das sie alsbald Viennale nannten, sind in den wenigen existierenden Fotos festgehalten, die vor einem halben Jahrhundert, im Frühling 1960, im Zuge der Eröffnung der „Ersten Wiener Filmfestwoche“ im Künstlerhaus geschossen wurden: ein Schwarm ratlos im Raum stehender Mädchen, als geplanter Blickfang in Dirndl-Montur angetreten, vergeblich auf weitere Anweisungen hoffend; der Initiator der Festwoche, Sigmund Kennedy, an einem spärlich gedeckten Tisch, neben ihm ein unidentifizierter jüngerer Herr mit sauertöpfischer Miene. Die vom Verband österreichischer Filmjournalisten ins Leben gerufene Filmfestwoche wurde dennoch – mit Erstaufführungen von Produktionen aus 18 Ländern – ein moderater Erfolg, der Bürgermeister Franz Jonas dazu gebracht haben soll, den Begriff „Viennale“ zu erfinden.
Institutionelle Stabilität garantierte das allerdings (noch) nicht: 1961 fiel die Festwoche aufgrund budgetärer Engpässe gleich wieder aus. Ein Jahr später wurde das Festival Teil der bereits etablierten Wiener Festwochen – aber die Filmschau ging im Wust der Festwochenkultur unter. 1963 wurde die Viennale folgerichtig wieder selbstständig gemacht; in Sigmund Kennedy fand man einen passenden Direktor. Es dürfte in jenen Tagen nötig gewesen sein, sich an sein Publikum geradezu verzweifelt anzubiedern: Unter dem Motto „Festival der Heiterkeit“ brachte Kennedy seine Viennale, die er bis 1967 leitete, an den Start. An renommierten Gästen mangelte es nicht: Der große alte Fritz Lang besuchte in den sechziger Jahren ebenso wie Silvana Mangano und Alberto Sordi das jeweils achttägige Wiener Komödienfest in der Urania. Nach Kennedys Tod übernahm 1968 Otto Wladika die Viennale, sie wurde merklich staatstragender; Wladika fasste das Festival in den fünf Jahren seiner Leitung thematisch enger, veranstaltete Werkschauen zum aktuellen osteuropäischen und heimischen Kino. 1971 zog die Viennale in das damals größte Lichtspielhaus der Stadt, ins Forum-Kino, um, 1973 wurde Edwin Zbonek Direktor des Festivals; er setzte in den 15 Jahren seiner Arbeit die Internationalisierung der Viennale zügig fort, fand im Gartenbaukino ein neues Zentrum. 1978 wurde das Festival in den Oktober verlegt und auf 15 Spieltage verlängert.

Erratisch.
Helmuth Dimko, der seit 1981 schon an Zboneks Seite gearbeitet hatte, übernahm 1988 mit Veronika Haschka die Festivalleitung. Drei Jahre später versuchte man es mit einem internationalen Regiestar als Führungspersönlichkeit: Die erratische Programmarbeit Werner Herzogs, der neben Reinhard Pyrker 1991 die Viennale dirigierte, hielt jedoch nicht lange. 1992 traten der Filmkritiker Alexander Horwath (heute Chef des Österreichischen Film­museums) und ORF-„Kunststücke“-Mann Wolfgang Ainberger als Leitungsduo an. Horwath blieb bis 1996 im Amt, Ainberger nur bis 1994. In den frühen neunziger Jahren erhielt die Viennale ihre bis heute gültige (und erfolgreiche) Form: ein nahezu undurchdringliches Hauptprogramm aus Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Avantgardefilmen, flankiert von Tributes, Retrospektiven, Special Programs, unzähligen Diskussionsveranstaltungen und allabendlichen Partys.

In den neunziger Jahren wurde das Festival endgültig zum Blockbuster, stieg zum Tanker auf: Mit knapp 100.000 Besuchern an 13 Spieltagen in sechs Kinos rechnet die Viennale inzwischen – bei einer Gesamtauslastung, die ernstlich an der 80-Prozent-Marke kratzt, und einer Dichte an ausländischen Journalisten, von denen die meisten vergleichbaren Festivals in großen europäischen Städten nur träumen können. Dies ist umso erstaunlicher, als das von Hans Hurch seit 1997 kompilierte Programm keineswegs um schnellen Publikumszuspruch buhlt. Auch die diesjährige Festival­ausgabe bietet neben den Fixbuchungen aus Cannes, Venedig und Berlin (und den zwar gänzlich unnötigen neuen Filmen von Woody Allen und François Ozon) einiges an Verstörungspotenzial – an Geduld fordernden, exotischen, avantgardistischen oder sonstwie spröden Programmeinträgen. Aber Hurch vertraut, sehr zu Recht, auf die streng cinephile Basis seines Kernpublikums, das sich von gröberen Zugeständnissen an den internationalen Kino-Mainstream eher abgestoßen als angezogen fühlen würde.

Handverlesen.
Um Glamour im banalen Sinn des Begriffs ist Hans Hurch ohnehin nicht bemüht. So wird die Gästeabteilung des Festivals heuer keine Limousinenflotte nach Schwechat schicken müssen, um die Herren Cruise und Clooney oder die Brangelina-Delegation in Empfang zu nehmen. Die Prominenz der handverlesenen Gäste ist bei der Viennale glücklicherweise relativ – und eine Frage des Blickpunkts: Für Menschen mit pophistorischer Schlagseite hat vermutlich der einstige Warhol-Intimus Lou Reed, der sich im Festivalfinale in Wien erstmals als Filmdokumentarist präsentieren wird, den höchsten Legendenkoeffizienten dieses Jahrgangs; dem cinephilen Geist werden dagegen eher Filmemacher wie der Cannes-Gewinner Apichatpong Weerasethakul, europäische Regiestars wie Mike Leigh und Olivier Assayas oder auch Underground-Solitäre wie Nina Menkes oder John Gianvito ins Auge stechen.

Genau das ist nach wie vor die Stärke der Viennale: Hier werden nicht alle Geschmacksrichtungen befriedigt und bedient, hier geht es nicht um faule Einigkeit, hier darf man auch geteilter Meinung sein – und im Dickicht eines hochklassigen Programms kurzfristig verloren gehen.

Viennale 2010: 21.10.–3.11. www.viennale.at