„In der Formel 1 fliegen viele Messer“

Alexander Wurz über sein Formel-1-Comeback nach sechs Jahren, seine Chancen im Williams-Team, die Rangkämpfe abseits der Rennpisten und Niki Laudas großen Irrtum.

profil: Sie waren 23 Jahre alt, als Sie die ersten Formel-1-Rennen bestritten haben. Jetzt sind Sie 33. Was hat sich mit dem Alter verändert?
Wurz: Es hat sich natürlich viel verändert: ich als Person, die Formel 1, aber im Prinzip ist das Alter irrelevant. Nigel Mansell war 39, als er Weltmeister wurde, Alonso ist mit 23 Weltmeister geworden. Wichtig ist nur, wie schnell du von A nach B kommst. Fürs Alter gibt es keine Punkte.
profil: Es fällt aber auf, dass Formel 1-Fahrer immer jünger werden.
Wurz: Heuer hat es einen Sprung gegeben, weil einige junge Fahrer nachgekommen sind. Da ist kein System dahinter. Das Alter ist nebensächlich, jeder will gewinnen. Aber wenn man neu anfängt, ist die Umstellung schwer. Man muss sich vor Augen halten, dass alle Fahrer, die neu in die Formel 1 kommen, bis dahin immer gewonnen haben, immer die Besten waren. Und dann trittst du gegen die weltbesten 18, 20 Piloten an. Auf einmal kämpfst du um den zwölften oder 16. Platz wesentlich härter, als du früher um den Sieg kämpfen musstest. Es geht auch nicht mehr nach oben, weil du bist ja schon ganz oben. Und plötzlich hast du einen Teamkollegen, der gleich stark ist oder vielleicht sogar stärker. Das macht ständig Druck, ist aber auch das Geile an der Formel 1.
profil: Williams hat ein vergleichsweise kleines Budget und war letztes Jahr nur Achter in der Konstrukteurs-WM. Was ist heuer drin?
Wurz: Geld hilft nicht immer. Es kommt darauf an, wie man es einsetzt. Wir brauchen uns nicht zu verstecken mit dem Auto. Es ist besser als im Vorjahr. Aber für uns wird es wahnsinnig hart. Im Augenblick gibt es vier Top-Teams: Ferrari, McLaren, BMW und Renault. Die sind einen Schritt vor uns. Wenn die im Zeittraining keinen Blödsinn machen, ist eine Startposition unter den Top Ten schon fast unmöglich. Und wenn sie alle ins Ziel kommen, sind die Punkteränge besetzt. Das heißt, du kämpfst als Williams-Fahrer gegen die Riesen-Werkteams von Honda und Toyota, die ein enormes Budget haben und gute Leute. Red Bull hat Adrian Newey als Konstrukteur unter Vertrag …
profil: … Trotzdem waren die Testergebnisse von Red Bull schlecht.
Wurz: Ja, weil sie auch ganz nach vorne wollen, aber jetzt wie wir im undankbaren Mittelfeld feststecken. Sie sind im Prinzip dort, wo wir stehen. Das verspricht einen harten Kampf um die goldene Ananas. Wir müssen darauf hoffen, mit Glück einmal die Nase vorn zu haben. Ich will das nur vorausschicken, weil auch meine Freunde sagen: Ah, das wird super, und du wirst auf dem Podest stehen. Ich sag ihnen dann: Burschen aufpassen, so einfach wird das nicht.
profil: Sie hoffen gar nicht auf Podestplätze?
Wurz: Mein Ziel ist, mit dem Team vom 8. Platz aufzusteigen und eine gesunde Basis zu bilden, auf der man aufbauen kann. Und wenn wir dann in der Lage sind, aufs Podest zu fahren und Rennen zu gewinnen, möchte ich der sein, der es schafft. Ich glaube nicht, dass wir im Augenblick so weit sind, um aus eigener Kraft aufs Podest zu fahren. Es wird schon hart genug, Punkte zu holen.
profil: Niki Lauda behauptet gerne, dass jeder Trottel Formel 1 fahren kann. Hat er Recht damit?
Wurz: Da muss ich dem Niki widersprechen. Okay, reinsetzen und wegfahren ist kein Problem. Man kann sich nicht verschalten, man kann den Motor beim Start nicht abwürgen, da hilft die moderne Elektronik.
profil: Und ab wann wird es schwierig?
Wurz: Sogar Niki Lauda ist vor vier Jahren in Valencia bei einer Testfahrt in der zweiten Kurve rausgeflogen, und als mehrfacher Champ ist er erwiesenermaßen ein begnadeter Autofahrer. Wenn du zu langsam fährst, kühlen die Reifen ab, der Motor wird zu heiß, dann stellt das Auto automatisch ab. Man muss das Auto im Sinne des Erfinders bewegen können, und da reden wir von ein paar Sekunden Spielraum. Sonst funktioniert das Gerät nicht.
profil: Seit Ayrton Sennas Tod 1994 gab es in der Formel 1 keinen tödlichen Unfall mehr. Für die Piloten ist das sicher beruhigend. Aber wird nicht mittelfristig die Attraktivität des Sports darunter leiden, weil das Publikum eigentlich darauf wartet, dass es ordentlich kracht?
Wurz: Seien wir ehrlich: Wenn ich mir irgendein Rennen anschaue, sehe ich auch gerne einmal ein Missgeschick oder einen Unfall. Aber ich hoffe doch, dass die wenigsten vor dem Fernseher sitzen und auf schwere Verletzungen und Todesfälle warten. Im Schnitt kracht es jetzt vielleicht sogar öfter als früher, aber es passiert weniger. Das ist eine Folge der technischen Weiterentwicklung.
profil: Ist die Formel 1 überhaupt noch gefährlich?
Wurz: Absolut, sogar saugefährlich. Es braucht dir nur ein Reifen auf den Kopf zu fliegen. Oder es passiert so etwas wie beim Unfall von Senna, wo die Aufhängung durch den Helm gedrungen ist. Das ist immer noch möglich. Ich hatte vor zwei Jahren bei McLaren einen Reifenschaden und bin mit 300 km/h in die Mauer gekracht. Vorne war alles weg, meine Füße waren im Freien. Das Auto hat sich dann gedreht und ist 700 Meter weiter noch einmal mit 100 km/h woanders eingeschlagen – zum Glück nach hinten. Wäre ich vorne aufgeprallt, wo meine Beine raushingen, wäre das eher ungesund gewesen. Angeblich war das der schnellste Unfall, bei dem ein Fahrer unverletzt davongekommen ist.
profil: Wie verarbeiten Sie so ein Erlebnis?
Wurz: Mir hat nichts gefehlt. Am nächsten Tag war ich hier in Monaco surfen. Ich habe keine Technik, so etwas zu verarbeiten, und schaffe es irgendwie, vielleicht unbewusst. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich mir noch nie was getan habe, ich war kein einziges Mal verletzt.
profil: Sie wohnen seit Ende 1997 in Monaco. Wie muss man sich den Alltag in dieser Umgebung vorstellen?
Wurz: Als ich hierhergekommen bin, war das zuerst ein ziemlicher Kulturschock, auch weil ich vorher nie in der Stadt gelebt habe. Aber ich habe mich relativ schnell zurechtgefunden. Wir haben einen Haufen Freunde hier, und die Infrastruktur passt auch. Logisch, dass Wetter, geografische Lage und Steuervorteil Monaco besonders attraktiv machen. Ich habe meine Fahrtechnikfirma hier, meine Frau hat ihre PR-Firma. Wir sind total verwurzelt.
profil: Ihre Frau ist Britin, in Monaco wird Französisch gesprochen. In welcher Sprache unterhält sich Ihr 5-jähriger Sohn Felix?
Wurz: Hauptsächlich in Englisch und Französisch. Deutsch versteht er auch, aber weil er mitbekommen hat, dass ich ihn auch auf Englisch verstehe, weicht er oft in die Muttersprache aus. Wenn er bei den Großeltern in Österreich ist, dauert es immer ein paar Tage, bis er wieder locker Deutsch redet. Dass er drei Sprachen spricht, oder mit ein bisschen Italienisch sogar vier, wird später ein unglaublicher Wettbewerbsvorteil für ihn sein.
profil: Dafür wachsen Ihre zwei Söhne unter lauter Millionären auf und bekommen ein ziemlich verzerrtes Bild von der Welt.
Wurz: Ganz so ist es ja nicht. Es gibt in Monaco auch Menschen, die keine Millionäre sind. Aber man muss natürlich aufpassen, wenn die zwei in die Schule kommen und vielleicht mit Kindern von wirklich sehr reichen Leuten zusammen sind. Es kann schon sein, dass es dann nur noch darum geht, die richtigen Markensachen zu tragen und mit Geld anzugeben. Die Gefahr ist uns bewusst. Das kann aber auch in einer anderen Stadt passieren. Und die Kinder von reichen Leuten müssen ja nicht immer schlecht erzogen sein und vor einem falschen Weltbild sitzen.
profil: Sie galten als einer der bestbezahlten Testfahrer. Wie wichtig ist Ihnen Geld?
Wurz: Ich habe gut verdient und verdiene auch jetzt noch gut. Ich weiß das auch zu schätzen. Was ich nicht beantworten kann, ist, ob ich ohne das Einkommen genauso glücklich wäre, wie ich es jetzt bin. Ich denke schon. Die Harmonie mit meiner Familie ist mein größtes Glück. Aber es ist sicher einfacher, wenn man sich um den nächsten Tag, die nächste Woche, das nächste Jahr nicht sorgen muss. Wenn man sagen kann, okay, ich hätte genug Kapital, um weiterzuleben.
profil: Haben Sie ausgesorgt?
Wurz: Wenn ich halbwegs normal lebe, müsste es reichen.
profil: Vor ein paar Jahren sollen Sie angeboten haben, gratis zu arbeiten, wenn Sie dafür wieder Rennen fahren dürfen.
Wurz: Ich mache den Sport nicht, um Geld zu verdienen. Aber wenn mir ein Angebot gemacht wird, wäre ich blöd, es nicht anzunehmen. Ich verhandle da auch beinhart und versuche, mich möglichst teuer zu verkaufen.
profil: Wie lange läuft Ihr Vertrag mit Williams?
Wurz: Das ist geheim. Steht ganz oben im Vertrag, dass darüber nicht geredet wird.
profil: Warum ist die Laufzeit ein Geheimnis?
Wurz: Na ja, das ist so ein Schachspiel in der Formel 1. Es ist besser, wenn andere nicht genau wissen, wie die Vertragsbedingungen sind.
profil: Wie eng ist Ihre Beziehung zu Österreich noch?
Wurz: Ich komme von dort, ich spreche die Sprache, ich esse gerne Palatschinken und trinke gerne Apfelsaft gespritzt, ich schreibe meine SMS im Dialekt … sonst noch Fragen zum Nationalstolz?
profil: Das hört sich nicht so an, als müssten Sie oft heimfahren.
Wurz: Nur gelegentlich, hauptsächlich aus Zeitgründen.
profil: Als es seinerzeit bei Benetton nicht mehr gut lief, wurden Sie in Österreich heftig verspottet. Es gab böse Wurz-Witze, und Ö3 machte sich fast täglich über Sie lustig. Sind Sie nachtragend?
Wurz: Ich bin überhaupt nicht nachtragend. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, muss man so etwas aushalten. Ich hätte es selbst vielleicht auch besser machen können mit gezielter Medienarbeit. Aber ich wollte mich nicht verstellen, nur um ein paar Witze zu verhindern.
profil: Gab es Momente in den vergangenen sechs Jahren, in denen Sie selbst nicht mehr dran glaubten, noch einmal Rennen zu fahren?
Wurz: Natürlich. Einige Male war ich so verdammt knapp dran, dass nur noch eine Unterschrift unter dem Vertrag fehlte. Und als es dann doch scheiterte, kamen mir natürlich Zweifel, ob das noch was wird. Aber aufgegeben habe ich nie.
profil: Angeblich scheiterte Ihr Engagement bei Jaguar daran, dass der damalige Rennsportleiter Niki Lauda so viel Geld kostete und nichts mehr übrig war, um Ihre Ablöse bei McLaren zu finanzieren.
Wurz: Nein, es hatte mit Niki gar nichts zu tun. Das Problem lag auch nicht bei Jaguar.
profil: Der Laie stellt sich den Job des Testfahrers ziemlich simpel vor. Was genau war Ihre Aufgabe?
Wurz: Vorausschicken möchte ich: Ein Testfahrer ist kein Crashtest-Dummy, sondern macht einen wichtigen, saucoolen Job. Meine Aufgabe war, vereinfacht gesagt, die schlechten Stellen am Auto zu finden und sie in engster Zusammenarbeit mit den Ingenieuren zu verbessern. Wenn man heute mit einem Auto das erste Rennen der Saison gewinnt und bis zum vierten Rennen ohne technische Verbesserungen antritt, wird man Schwierigkeiten haben, in die Top Ten zu kommen. Die Entwicklung geht rasend schnell. Es kommt aber selten vor, dass man irgendwas Neues ans Auto schraubt, und das ist auf Anhieb besser. Ein cleverer Fahrer erkennt dann, ob das neue Teil Potenzial hat oder nicht. Und dann muss der Testfahrer das, was er spürt, für den Ingenieur in dessen Sprache übersetzen. Dabei sollte man keinen Fehler machen. Weil du bist derjenige, der den Technikern die Richtung vorgibt.
profil: Sie hatten einige Trainingsbestzeiten. Tat es weh, dann nicht fahren zu dürfen?
Wurz: Weh hat es nicht getan. Nicht Formel 1 zu fahren würde meine Lebensfreude nicht mindern. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist super, wieder zurückzukommen. Am Start zu stehen ist eine absolut geile Geschichte.
profil: Was halten Sie von Christian Klien? Wurde er unter seinem Wert geschlagen?
Wurz: Christian war vor der Formel 1 sehr gut und ist meines Erachtens zu schnell in die Formel 1 gekommen. Noch dazu zu Jaguar, das damals ein sehr schwieriges Team war. Dann hat er sich entschieden, seinen eigenen Weg zu gehen – gegen seinen langjährigen Unterstützer Red Bull. Das war ein mutiger Schritt. Es wird jetzt an ihm liegen, wie er sich als Testfahrer bei Honda platziert. Da zählt jeder Tag Arbeit, jedes Telefonat, das man macht. Da musst du pushen, musst dich verkaufen, positionieren, platzieren. Die müssen von dir abhängig werden. In der Formel 1 fliegen viele Messer hinter deinem Rücken. Und das Rennen abseits der Strecke ist oftmals das härtere. Formel 1 ist wie Politik. Wo es um viel Geld geht und um viel Macht, sägen alle an deinem Sessel.
profil: Die Formel 1 galt früher als Spielwiese für Playboys. Jetzt sind die meisten Piloten verheiratet oder verlobt und pflegen, wie Sie, ihr Familienleben. Ist die Zeit der Boxenluder vorbei?
Wurz: Die gibt es schon noch. Aber die Wahrheit ist: Wenn ein Mädchen leicht bekleidet herumrennt, stürzen sich alle Kameras darauf, und der Fernsehzuseher glaubt, da sind ständig die feschen Hasen unterwegs. In Wirklichkeit ist es eiskaltes Business. Ich bin dort, um Leistung zu bringen. Und wenn ich heimgehe, habe ich mein privates Leben.
profil: Gibt es noch Fahrer, die nicht sofort heimgehen?
Wurz: Ja, aber das wird nicht mehr so transportiert wie früher. Früher mussten die Journalisten viel Zeit mit den Fahrern verbringen, haben eine Art Freundschaft aufgebaut. Und dann schreibt und berichtet man halt nicht alles. Heutzutage musst du sehr aufpassen als Fahrer. Das ist ein Spagat. Solange du schnell bist, kannst du alles machen. Aber wenn du nicht mehr schnell bist, wird alles gegen dich verwendet. Dann heißt es gleich, der schnackselt herum, und der säuft sich ständig an. Oder es wird kritisiert, dass du ein fader Typ bist.
profil: Wenn Sie eine Zwischenbilanz ziehen: Welche Zeit im Motorsport war die schönste?
Wurz: Die unbeschwerteste Zeit war in der Formel Ford im Team vom Walter Lechner. Da sind wir von einem Sieg zum nächsten gefahren, von einer Pole-Position zur nächsten. Ohne Probleme, da gab es nur Erfolge. Das war fantastisch. Und Le Mans hat mir auch irrsinnig getaugt.
profil: Die Formel 1 steigt in der Bilanz der guten Zeiten ziemlich schlecht aus.
Wurz: Die Formel 1 ist die ultimative Herausforderung. Da wollte ich immer hin. Sie verlangt dir alles ab, saugt dich aus und spuckt dich zum Schluss irgendwann kaltblütig aus. Das ist nicht schön, aber das ist auch der Reiz daran.

Interview: Rosemarie Schwaiger