„In der Liebe muss es was zu kaufen geben“

Regisseur und Schriftsteller Alexander Kluge, einst Schüler Theodor W. Adornos, über die Käuflichkeit von Kunst und Liebe, über Kitsch und die Musikalität großer Philosophie.

profil: In Ihrer monumentalen „Chronik der Gefühle“ gibt es eine kleine Erzählung, die von Adornos Tod handelt. Da ist auch die Rede von einem Streit, dem Adorno noch an seinem letzten Tag nicht aus dem Weg geht. Haben Sie ihn denn als Streitbaren erlebt? Er war ja durchaus auch, speziell in seiner Beziehung zu Max Horkheimer, zu Unterordnung, zu Demut fähig.
Kluge: Adorno war kein streitsüchtiger, aber ein sehr entschiedener Mensch. Er hätte auch gegenüber Horkheimer niemals nachgegeben, wenn er nicht der Überzeugung gewesen wäre, Horkheimer habe Recht gehabt. Insofern sind auf Adorno Begriffe wie streitbar oder friedfertig gar nicht anwendbar.
profil: In den fünfziger Jahren hat Max Horkheimer am Frankfurter Institut für Sozialforschung den Marxismus, der ihn und Adorno stark geprägt hatte, heruntergespielt, fast verheimlicht. Hat Adorno darunter gelitten? Oder hatte er ein ähnlich zwiespältiges Verhältnis zum Marxismus?
Kluge: Adorno war doch kein dogmatischer Marxist. Er hat Karl Marx wie auch Immanuel Kant oder Ökonomen wie Adam Smith als Kernzelle eines Denkens genommen, das rekonstruiert gehörte. Ich glaube auch, dass Horkheimer die marxistischen Wurzeln des Instituts nie verheimlichen wollte. Er wollte vielmehr gewisse verbale Spitzen aus der Diskussion nehmen – auch, weil diese Worte von der studentischen Protestbewegung vereinnahmt worden waren. Damit hatte sich der Sinn der Worte Marx’ verändert, sie verloren ihren klassischen Sinn.
profil: Adorno war kein großer Empiriker und als Philosoph vielleicht nicht einmal besonders systematisch. Neigte er deshalb so stark zu essayistischen und aphoristischen Formen?
Kluge: Adorno war ein sehr gründlicher, durchaus auch systematischer Philosoph, als solcher aber auch ein antirhetorischer Mensch, der stets darauf aus war, seine Texte immer weiter zu verdichten. Ich glaube nicht, dass ihm Empirie fremd war, nur glaubte er nicht, dass man mit Stofffülle eine Theorie befüttern kann. Theorien sind keine praktischen Rezepte, wie sie ein Arzt anwenden könnte, auch keine Rechtsprechungsdaten, wie ein Jurist sie vertritt. Insofern braucht man in der Theorie zwar ein hohes Maß an Genauigkeit, aber keine Waggonladungen an Realität. Adorno war kein Positivist.
profil: Adorno sprach auf unverwechselbare Weise, melodisch und doch auch seltsam eckig. War das Manierismus oder eine Manifestation seines Denkens?
Kluge: Es ist eine musikalische und literarische Komponente in Adornos Ausdruck, aber das ist bei jeder großen Philosophie so. Wenn Sie Hegel laut vorlesen, werden Sie merken, wie dichterisch die Sprache dieses Philosophen ist. Auch die Texte Kants haben eine künstlerische Präzision. Dass Philosophie strohig und ungeschickt erzählt werden muss oder besonders prosaisch sein müsste, steht ja nirgendwo geschrieben.
profil: Sie haben gesagt, nichts von Adorno sei überholt, haben seine Arbeit auch als Flaschenpost bezeichnet. Wie maßgeblich ist seine „Ästhetische Theorie“ denn für Ihr Schaffen?
Kluge: Adornos Grundhaltung teile ich vollkommen. Ich schreibe zwar Erzählungen, also etwas ganz anderes als er, bin kein Philosoph, aber meine Erzählungen gehorchen den gleichen Haltungen – ich will nicht sagen: Grundgedanken, denn es gibt ja keine Prinzipien, nach denen man Erzählungen schreibt. Aber die Frage der Authentizität, dass man Gegensätze nicht verkleistert, wie man Sätze montiert: Das alles ist bei mir vollkommen identisch mit dem, wie Adorno denkt. Übrigens auch identisch mit den Kriterien, die die moderne Musik anwendet.
profil: Hat Adorno dem Gefühl in der Kunst nicht auch misstraut? Vor allem gegen die Gefühle, die durch die Populärkultur mobilisiert werden, hat er sich doch stets energisch verwehrt.
Kluge: Ja, wenn sie organisiert sind: Die programmierte Öffentlichkeit verachtet er. Wo Gefühle ausgeschlachtet werden, in Form von Schlagern etwa, prüft Adorno sehr ernst, ob da nicht bloß menschliches Material benutzt wird, um daraus Kitsch zu machen. Wenn aber Menschen Gefühle haben und so durch die Kulturindustrie ausbeutbar sind, so attestiert Adorno, dass diese Gefühle etwas Wirkliches sind. Das nimmt er ernst, hier verteidigt er den Kitsch.
profil: Dennoch: Adorno hat seinen Hass auf die Popmusik so vehement formuliert, dass es nahe liegt, ihm ein starkes Interesse am Pop zu unterstellen.
Kluge: Adorno beobachtet etwa bei der Musik Mahlers, wie ganz Einfaches, Populäres sich der großen Musik anverwandelt. Von der k. u. k. Militärkapelle bis zum Volkslied: Alle einfachen, im Rohstoff kitschigen Materialien werden hier auf brillante Weise in große Musik verwandelt. Das beschreibt Adorno. Das heißt, er war nicht ständisch gesinnt, und er war darin auch nicht konservativ. Er verwandelt sich in einen Konservativen erst gegenüber der organisierten, formierten Kultur.
profil: Weil sie verkaufbar, zur Ware wird?
Kluge: Die Verkäuflichkeit ist nicht der Punkt. Adorno würde sagen, sogar in der Liebe muss es irgendwas zu kaufen geben. Aber wenn große Organisationen sich der Interessen der Menschen und ihrer Musik bemächtigen, dann ist er gegen deren Arbeit.
profil: 1968, kurz vor seinem Tod, kam es zum Bruch Adornos mit der Studentenbewegung. War er darüber tatsächlich so tief verletzt, wie seine Biografen das zuweilen darstellen?
Kluge: Er war sicher verletzt, hatte dann aber auch die innere Kraft, sich dagegen abzuschotten. Ich glaube nicht, dass er daran gestorben ist.