Indien: Das Opfer der heiligen Sonia

Mit dem Verzicht auf die Macht hat Sonia Gandhi das Land vor Chaos bewahrt. Der neue Regierungschef Manmohan Singh gilt als Garant für Stabilität.

Es war eine der turbulentesten Wochen in der jüngeren indischen Geschichte. Sie begann mit einem „schwarzen Montag“. Der Gandhi-Clan war wieder an der Macht. Die mit ihrer Kongresspartei wider alle Prognosen siegreiche Sonia Gandhi – die aus Italien stammende Witwe des ermordeten Premiers Rajiv Gandhi und Schwiegertochter der ehemaligen Regierungschefin Indira Gandhi – wollte sogar eine Koalition mit den Kommunisten eingehen. Die indische Börse reagierte darauf mit dem größten Kurssturz aller Zeiten. Der Leitindex, der Bombay Stock Exchange Sensitive Index, brach zeitweise um 15 Prozent ein. Aufgebrachte Kleinanleger demonstrierten zu tausenden gegen die künftige Regierung.

Am Dienstagvormittag bahnte sich dann ein Polit-Drama an. Präsident Kamal hatte Sonia Gandhi überraschenderweise nicht mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Am Nachmittag erklärte Gandhi bei einem Treffen der Abgeordneten ihrer Partei im Parlament in Delhi, doch nicht Premier werden zu wollen. Auf die Schocksekunden folgte der Aufschrei der Abgeordneten. Wild gestikulierend drängten sie ans Rednerpult. Sonia Gandhi ließ sich nicht beirren. „In den letzten sechs Jahren, in denen ich in der Politik war, war eines für mich klar“, erklärte sie ruhig. „Der Posten des Premierministers war nie mein Ziel. Ich war mir immer sicher, dass ich, wenn es so weit kommen sollte, meiner inneren Stimme folgen werde. Heute sagt mir diese Stimme: abtreten.“

Als sich die Nachricht von Gandhis Amtsverzicht verbreitete, war der Teufel los. Vor ihrer Residenz in New Delhi, 10 Janpah, versammelten sich wütende Sonia-Fans. Die Demonstration geriet außer Kontrolle, als der frühere Kongressabgeordnete Gangacharan Rajput sich zu erschießen drohte, sollte Sonia Gandhi den Posten tatsächlich ablehnen. Fast die gesamte Führung der Kongresspartei trat zurück. Das sensationelle Comeback der Partei der indischen Unabhängigkeit drohte im Chaos sein vorschnelles Ende zu finden.

Als sich jedoch abzeichnete, dass der ehemalige Finanzminister Manmohan Singh, ein Sikh aus dem Punjab, die neue Regierung führen solle, kehrte allmählich Ruhe ein. Die Kongresspartei, die fast auseinander gebrochen wäre, gab sich wieder einig, die linken Parteien waren mit Singh als Premier einverstanden. Und auch die Börse atmete auf: Binnen kurzer Zeit waren die Verluste des „schwarzen Montag“ wettgemacht.

Mittwochnachmittag trat eine entspannte Sonia Gandhi Seite an Seite mit Manmohan Singh vor die Presse. Auf den Kommentar einer Journalistin, sie sehe relaxt aus, erwiderte sie strahlend: „Ja, ich stand unter enormem Druck, jetzt ist alles vorbei.“ Und sie fügte hinzu: „Indien ist bei Mr. Singh in guten Händen.“

Und das glauben ihr viele im Land: Singh gilt als Vater jener Wirtschaftsreform, die Indien Anfang der neunziger Jahre für den internationalen Markt öffnete und aus der ökonomischen Isolation herausführte. Und er versicherte gleich in dem ihm eigenen sanften Tonfall, es werde keinen Privatisierungsstopp geben, die Reformen würden fortgesetzt, aber es würden Reformen mit menschlichem Antlitz sein.

„Hausfrau“. Am Freitag wurde Singh in Delhi angelobt. Die indische Demokratie hatte gesiegt. Ein Unbehagen bleibt dennoch. Und die bange Frage, ob die Kapitulation Sonia Gandhis nicht doch noch ein später Sieg der Hindu-Nationalisten von der BJP war, die seit 1996 regierten und nun eine schwere Schlappe hatten hinnehmen müssen – und zwar ausgerechnet gegen eine Frau, die die Nationalisten im Wahlkampf als „inkompetente Hausfrau“ und „katholische Italienerin“ diffamiert hatten, unwürdig, „die stolze Hindu-Nation“ auf der Weltbühne zu vertreten.

Allem Anschein nach erkannte Gandhi, dass sie als Regierungschefin zum symbolischen Fixpunkt für eine politische Reorientierung der BJP werden könnte. Die Partei, die in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren mit radikal-nationalistischer und antiislamischer Agitation (Indien hat zehn Prozent Moslems) einen rasanten Aufstieg erlebte, hat seit Mitte der neunziger Jahre – in den Regierungsjahren unter der Führung des eher gemäßigten greisen Premiers Atal Bihari Vajpayee – ihre Hindutva-Ideologie aufgeweicht: als Preis für den Zusammenhalt einer disparaten Koalition.

Rechter Weg. Als vorvergangene Woche die ersten niederschmetternden Wahlergebnisse veröffentlicht wurden, meldeten sich die Vertreter der Partei-Kaderorganisation zu Wort: Die BJP sei vom rechten Weg abgekommen, habe ihre Prinzipien verraten. Nach der BJP-Ideologie ist ein guter Inder ein Hindu, Minderheiten wie Muslime und Christen werden akzeptiert, „aber sie müssen sich“, so heißt es in einem Grundsatztext der Organisation, „dieser Ehre würdig erweisen“. Es musste befürchtet werden, dass jeder politische Schritt Sonia Gandhis von der Rechtsopposition auf ihre ausländische Herkunft zurückgeführt würde. Sie hätte es schwer gehabt, meint der Journalist Siddarth Vardarajan, bei den Verhandlungen über Kashmir etwa für Konzessionen zu plädieren, ohne dass die BJP den Vorwurf des Landesverrates erhoben hätte.

Einen Vorgeschmack dessen, was sie erwarten würde, bekam Gandhi unmittelbar nach ihrem Sieg: Die BJP-Führung kündigte Anfang der Woche, als Gandhi noch als sichere Regierungschefin gehandelt wurde, eine landesweite Kampagne gegen die „fremdstämmige Premierministerin“ an und drohte, die Angelobungszeremonie zu boykottieren. Die Partei wolle, so hieß es, damit „der Empörung von Millionen patriotischer Inder Ausdruck verleihen“. Nationalistische Hysterie schien die rechte Polit-Szene zu ergreifen: Die Abgeordnete Sushma Swamaji drohte, ihr Mandat zurückzulegen und sich zum Zeichen der Trauer den Kopf zu scheren – und zwar solange Gandhi im Amt bleibe.

Doch nicht nur politische Überlegungen dürften ausschlaggebend für Sonia Gandhis Rückzug gewesen sein. Hat es die Familie wegen der Drohungen von hindu-fundamentalistischen Organisationen mit der Angst zu tun bekommen?, fragten sich viele. Das Risiko, nicht nur ihre Großmutter Indira und ihren Vater Rajiv, sondern bald womöglich auch ihre Mutter durch ein Attentat zu verlieren, soll Sonia Gandhis Kinder, Tochter Priyanka und Sohn Rahul, dazu bewogen haben, ihre Mutter zu drängen, die Regierung nicht zu übernehmen.

Zugpferd. Außerdem, so eine weitere Hypothese der Medien, sei Sonia Gandhi klug genug, um ihre Grenzen zu kennen. Schließlich hatte sie immer wieder beteuert, dass sie nur in die Politik gegangen sei, um die Kongresspartei wieder an die Macht zu bringen. Die zurückhaltende Frau, die seit der Ermordung ihres Mannes Rajiv Gandhi im Jahr 1991 als Zugpferd der Partei agierte, bewegte sich auf dem politischen Parkett immer äußerst vorsichtig. Seit ihrer Wahl zur Parteichefin vor sechs Jahren hat sie ausländischen Medien Interviews verweigert. Gerüchte sagen, sie wolle sich keine Blöße geben. Wird sie auf Italienisch angesprochen, reagiert sie aggressiv. Sie beherrscht Hindi, spricht es aber holprig. Sie gilt auch nicht gerade als charismatische Rednerin und beschränkt ihre öffentlichen Auftritte auf das Nötigste.

Während die Tageszeitung „Mid Day“ vergangenen Dienstag noch die Frage stellte, ob Sonia nun eine Verräterin sei, die das Amt des Premierministers beschmutzen würde, schlug die Stimmung bereits um: Ihr Rückzug wurde als Triumph gefeiert. Die „Times of India“ bemerkte, Gandhi und ihre politischen Berater hätten bewiesen, dass sie die Regeln der indischen Politik und Mentalität glänzend verstünden. Mittlerweile wird bereits von der „heiligen Sonia“ gesprochen. Und in der Tat dürfte sie nun alle Chancen haben, von den indischen Massen regelrecht vergöttert zu werden. Der Verzicht auf die politische Macht wird als ultimative Aufopferung interpretiert: Das ist der Stoff, den das Publikum liebt – und aus dem in Bollywood Filme gemacht werden. Die Verherrlichung des Machtverzichts hat ihre Wurzeln in dem hinduistischen Epos Bhagavatigita: Ein ganzes Kapitel ist darin dem Helden Arjuna gewidmet, wie er von Gott Krishna in dieser Disziplin unterrichtet wird.

Indien genießt in diesen Tagen auch international eine gute Presse. Die wirtschaftliche Performance dieses Subkontinents war schon in den vergangenen Jahren Anlass für allgemeine Bewunderung gewesen. Sukzessive liberalisiert und befreit von den Hemmnissen des indischen Entwicklungssozialismus, begannn die lange Zeit stagnierende Ökonomie zu boomen – auch unter der Regierung der BJP, die entgegen ihrer Ideologie voll auf Globalisierung setzte. Dieses Jahr soll die Wachstumsrate bei über acht Prozent liegen. Viele indische Städte, zuvor Inbegriff von Dritte-Welt-Elend, haben sich zu dynamischen Zentren der Informationstechnologie entwickelt (siehe auch Reportage Seite 92). Und es wird vorausgesagt, dass Indien, was die Wirtschaftskraft betrifft, in nicht allzu ferner Zukunft China überholen werde.

Die jüngste Wahl und die darauf folgenden Ereignisse haben die Weltöffentlichkeit wieder auf die erstaunliche Tatsache hingewiesen, dass in diesem so riesigen, ethnisch und religiös zerklüfteten Entwicklungsland seit langem eine funktionierende Demokratie herrscht. Die glatte Abfuhr, die die Wähler der hindunationalistischen Regierungspartei erteilt haben, obwohl ihr Spitzenkandidat und Expremier Vajpayee großes Ansehen genießt, wird allenthalben respektvoll vermerkt.

Reifezeugnis. Symptomatisch die „Financial Times“, die unter dem Titel „Indiens Reifezeugnis“ geradezu schwärmerische Töne anstimmt. „In welchem anderen Land der Welt könnte eine wenig charismatische, politisch kaum erfahrene Frau gewählt werden, die zudem im Ausland geboren wurde?“, fragt das britische Blatt. Das seien keine Persönlichkeitswahlen gewesen, die Bürger hätten politisch entschieden: „Für ein Land, in dem nach wie vor ein Drittel der Wähler unter dem Existenzminimum lebt und viele von ihnen weder lesen noch schreiben können, ist das sensationell.“

Selbst neoliberale Blätter wie der britische „Economist“ reagieren positiv: Mr. Singh als Premier mache die internationale Geschäftswelt sicher, dass der Reformkurs beibehalten werde, auch wenn die marxistische Linke an Einfluss gewonnen habe. Ohnehin seien die Kommunisten nicht so schlimm. Selbst dort, wo die Kommunistische Partei seit Jahren regiert, im Bundesstaat Kerala, sei inzwischen ein investitionsfreudiges Klima etabliert worden, analysiert der „Economist“. Und hofft, dass der liberale Reformkurs an Kraft und Stabilität noch gewinnt, wenn eine Mitte-links-Regierung dafür sorgt, dass die Ärmsten künftig am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben dürfen.