Industrie: Die Straße der Sieger

Die KTM-Saga: wie der Sanierer Stefan Pierer die Mattighofener Motorradschmiede zur Kultmarke machte. Und warum er das Unternehmen jetzt um fast 100 Millionen Euro zur Gänze zurückkauft.

Mit dem Chef ist es irgendwie immer das Gleiche. Wenn sich der Tross der KTM-Werkteams zum Jahreswechsel Richtung Nordafrika in Bewegung setzt, befällt Stefan Pierer eine gewisse Unruhe. Manche seiner Mitarbeiter nennen es das Dakar-Fieber.

Am 1. Jänner 2005 werden sich wieder hunderte Auto-, Lkw- und Motorradpiloten der 27. Auflage der härtesten Werkstoffprüfung der Welt stellen: der Dakar-Rallye. Mehr als 9000 Kilometer wegloses Terrain in nur zwei Wochen. Wie jedes Jahr wird nur ein Bruchteil der Teilnehmer durchkommen; wie jedes Jahr wird es Verletzte en masse geben; und wie jedes Jahr wird Pierer, Chef der Mattighofener KTM-Sportmotorcycle AG, mit einem fiebrigen Glänzen in den Augen beim Zieleinlauf in der senegalesischen Hauptstadt Dakar stehen; weil es bei der Dakar 2005 – wie jedes Jahr – einen echten Sieger geben wird: KTM.

Die von Pierer und seinem Partner Rudolf Knünz geführte oberösterreichische Motorradschmiede ist in der Zweiradwertung seit vier Jahren ungeschlagen. Was einerseits daran liegt, dass KTM gute Werksfahrer ins Rennen schickt – andererseits aber noch bessere Motorräder baut. Von den rund 200 Profis und Amateuren werden nämlich ohnehin so gut wie alle auf Mattighofener Gerät antreten. Dass sein Unternehmen damit gleichsam den Sieg gegen sich selbst erringen wird müssen, entlockt Pierer ein breites Grinsen: „In unserem Geschäft geht es nur darum, am Ende des Tages ganz oben zu stehen. Das olympische Prinzip allein ist mir zu wenig.“

Erfolg macht selbstbewusst – und mitunter vorlaut. Was dem 47-jährigen Geschäftsmann noch nicht einmal wirklich verübelt werden kann.

Pierer und seinem für das Finanzwesen verantwortlichen Partner Rudolf Knünz ist es innerhalb weniger Jahre gelungen, aus dem einst schrottreifen Laden eines der erfolgreichsten Unternehmen des Landes zu machen. Im Wirtschaftsjahr 2003/2004 schaffte KTM mit 1600 Mitarbeitern einen Umsatz von 403 Millionen Euro und ein Ergebnis vor Steuern von 40 Millionen Euro – ergibt eine Umsatzrendite von beachtlichen zehn Prozent. Von den insgesamt 77.000 verkauften Motorrädern gingen 96 Prozent in den Export, hauptsächlich nach Deutschland und in die USA. Bei Geländesportmotorrädern ist KTM heute bereits Europas Nummer eins, gemessen am gesamten europäischen Herstellermarkt, hinter BMW die Nummer zwei.

Kühne Pläne. Pierer wäre nicht Pierer, gäbe er sich damit allein zufrieden. „Wir wollen“, sagt er, „mittelfristig Marktführer in Europa werden.“

Grundlage dafür soll eine neue Straßenmotorrad-Serie auf Basis eines selbst konzipierten Zweizylindermotors sein, dessen Entwicklung allein rund 20 Millionen Euro verschlang (siehe Kasten „Glatter Asphalt“). Die Budgets erscheinen jedenfalls gewagt: In den kommenden fünf Jahren soll der Umsatz auf 800 Millionen Euro verdoppelt werden. Pierer: „Wir haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass wir das können. Warum soll das nicht auch in Zukunft so sein?“

Vor ziemlich genau zwölf Jahren war KTM noch ein Fall für den Konkursrichter. Im Dezember 1991 war das damals vom Industriellen und ehemaligen ÖVP-Obmann Josef Taus kontrollierte Unternehmen mit Schulden von einer Milliarde Schilling (730 Millionen Euro) in die Insolvenz geschlittert.

Pierer, zu diesem Zeitpunkt zarte 35 Jahre alt, hatte sich bis dahin mit durchaus überschaubarem Erfolg an der Sanierung kleinerer Unternehmen versucht. Doch er reagierte schnell: Zusammen mit den Geschäftsleuten Rudolf Knünz, Hans-Jörg Hofer und dem Welser Rechtsanwalt Ernst Chalupsky entwarf er binnen weniger Tage ein Konzept zur Weiterführung der Motorradproduktion. Und erhielt schließlich für rund 30 Millionen Schilling (2,2 Millionen Euro) den Zuschlag.

Im ersten vollen Jahr nach der Pleite fertigte KTM mit gerade einmal 300 Mitarbeitern 6000 Bikes und erlöste 300 Millionen Schilling. Heute sind es 400 Millionen – Euro wohlgemerkt. Rechtsanwalt Chalupsky: „Das ist natürlich zu großen Teilen Pierers Verdienst. Er hat den Wandel vom Sanierer zum Unternehmer geschafft und fühlt sich dem Unternehmen emotional sehr stark verbunden.“

Designoffensive. Obwohl Pierer unumwunden einbekennt, von Motorrädern anfangs „nichts verstanden“ zu haben, gelang es ihm, die Produkte nicht nur technisch, sondern vor allem optisch kompetitiv zu machen. Versprühten die KTM-Eisen bis Anfang der neunziger Jahre den spröden Charme ostdeutscher „Aktivist“-Traktoren, so tragen die Modelle aus Mattighofen heute ausnahmslos die Handschrift des vielfach ausgezeichneten Salzburger Industriedesigners Gerald Kiska.

Parallel dazu forcierte KTM das Engagement im Rennsport. Vor Jahren gelang es Pierer, den zweifachen Motocross-Weltmeister Heinz Kinigadner als Sportchef und lebendes Testimonial bei KTM zu installieren. Seither werden gut fünf Prozent des Umsatzes – zuletzt mehr als 20 Millionen Euro – alljährlich in die Teilnahme an prestigeträchtigen wie letztlich verkaufsfördernden Veranstaltungen à la Dakar-Rallye investiert. Pierer: „Die Rennstrecken sind quasi unsere Testlabors.“

Die Klientel scheint es jedenfalls zu goutieren. Und der eine oder andere Mitbewerber nicht minder. Vor wenigen Jahren erst hatte sich der legendäre US-Hersteller Harley-Davidson die oberösterreichische Motorradschmiede klammheimlich unter den Gashebel klemmen wollen. Ohne Erfolg. Pierer retrospektiv: „Wir wollten eine Kooperation, die Amerikaner eine Übernahme. Das war für uns inakzeptabel.“

Partnersuche. KTM notierte damals noch an der Wiener Börse – und Pierer entschied sich gegen Harley-Davidson und für einen bemerkenswerten Alleingang: Zusammen mit dem international tätigen Investmenthaus BC Partners kaufte er den gesamten Streubesitz auf und holte KTM vom Aktienmarkt. Seither waren die Briten mit 49 Prozent beteiligt, Pierer und Knünz hielten über ihre Welser Cross Holding AG (sie notiert seit November 2003 an der Börse) 40 Prozent, Partner Hans-Jörg Hofer elf Prozent.

Das Spielchen von damals dürfte sich nun, fünf Jahre später, unter geänderten Vorzeichen wiederholen. Denn jetzt wollen die Briten aussteigen. Pierer: „BC Partners waren immer reine Finanzinvestoren. Für solche sind fünf Jahre eine lange Zeit. Sie haben uns signalisiert, dass sie sich zurückziehen wollen, und wir haben uns entschlossen zuzugreifen.“

Echte Alternativen dürfte Pierer nicht gehabt haben. Zu groß ist inzwischen die Gefahr, dass ein Konkurrent durch die Hintertür ins Unternehmen schlüpft. Nach Abschluss der Transaktionen soll KTM wieder zur Gänze im Einflussbereich österreichischer Investoren stehen. Pierer: „Das ist so etwas wie eine Heimholung über drei Umwege.“

Wirklich preiswert ist das Unterfangen freilich nicht: Um die Briten bei KTM auszukaufen, werden Pierer und Co vorsichtigen Schätzungen zufolge an die 100 Millionen Euro auf den Tisch legen müssen.

Davon sollen nicht weniger als zwei Drittel über eine in der Vorwoche beschlossene Kapitalerhöhung der Cross Holding über die Börse beschafft werden. Gerhard Vogt, Generaldirektor der mit der Durchführung der Kapitalerhöhung befassten Raiffeisen Centrobank: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das Geld zu akzeptablen Konditionen aufbringen werden. Die Herrschaften von KTM sind No-Nonsense-Leute. Das schätzen Investoren in Zeiten wie diesen besonders.“