Industrie: Eiserne Hochzeit

Das geschickte Spiel von voestalpine-Chef Wolfgang Eder. Wie er öffentlich tiefstapelt und heimlich den größten Deal der österreichischen Industriegeschichte in trockene Tücher bringt.

Mittwochvormittag vergangener Woche: Es herrscht rege Betriebsamkeit im Wiener Ringturm, letzte Vorbereitungen für die anstehende Feierlichkeit werden getroffen. Die Sicherheitsleute nehmen an der Eingangstür Aufstellung, dahinter ein paar adrett gekleidete Empfangsdamen. Im Hintergrund ertönt ein Song von Dean Martin. Wenige Minuten vor zehn Uhr betritt Wolfgang Eder das Gebäude. Grauer Anzug, schwarz gerandete Brille, breites Lächeln. Der Vorstandschef des börsenotierten österreichischen Stahlkonzerns voestalpine durchmisst in wenigen Schritten die Lobby. Erst als er schon mit einem Bein im Festsaal mit der Bühne und dem Dean-Martin-Imitator beim Soundcheck steht, bemerkt er seinen Irrtum. „Hier sind wir falsch“, spricht er und macht kehrt.

Der rote Teppich war an diesem Tag tatsächlich nicht für Wolfgang Eder ausgerollt. Der Festakt in der Zentrale der Wiener Städtischen Versicherung galt dem 80. Geburtstag von Wiens Altbürgermeister und Städtische-Aufsichtsratspräsidenten Helmut Zilk. Und dennoch: Auch Wolfgang Eder hatte an diesem Mittwoch vergangener Woche allen Grund zum Feiern. Im Dachgeschoß des Ringturmes präsentierte er vor dutzenden Journalisten die Bilanz des voestalpine-Konzerns für das abgelaufene Geschäftsjahr: Rekordumsatz von 7,05 Milliarden Euro und erstmalig in der Unternehmensgeschichte ein Gewinn von knapp über einer Milliarde Euro.

Das Medieninteresse galt jedoch weniger der blitzsauberen Bilanz als vielmehr dem aktuellen Stand der Übernahme des gleichfalls börsenotierten Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm. Am 29. März hatte der Voest-Chef mit einschlägigen Absichten aufhorchen lassen. Mindestens 50 Prozent, möglichst 100 Prozent wolle die voestalpine erwerben, Böhler damit von der Börse nehmen und als fünfte Voest-Division integrieren, erklärte Eder damals unumwunden. Am Montag vergangener Woche endete eine erste Frist für ein Barabfindungsangebot von 73 Euro je Böhler-Aktie. Jetzt war der Zeitpunkt für ein erstes Resümee. Dass es „nur“ 54,6 Prozent der Böhler-Anteile geworden waren, sei für ihn keine Enttäuschung, erklärte Eder nun im Brustton der Überzeugung: „Wir haben immer gesagt, dass wir die Mehrheit an Böhler-Uddeholm wollen. Und dieses Ziel haben wir erreicht.“

Zweifellos hat Eder damit einen der größten Deals in der österreichischen Industriegeschichte auf Schiene gebracht. Der Börsewert der Böhler-Uddeholm AG liegt derzeit immerhin bei rund 3,7 Milliarden Euro. Nie zuvor wurde ein österreichisches Unternehmen von so einem Wert verkauft. Schon gar nicht an einen heimischen Bieter. voestalpine und Böhler zusammen markieren, zumindest für österreichische Verhältnisse, eine neue Dimension: 10,3 Milliarden Euro Umsatz, ein Ergebnis vor Steuern von 1,4 Milliarden Euro und insgesamt nahezu 38.000 Mitarbeiter in über 50 Ländern weltweit.

Ein Etappensieg.

Vom eigentlichen Ziel ist der voestalpine-Boss aber doch deutlich weiter entfernt als erwartet: von der Komplettübernahme von Böhler-Uddeholm. „Unser Ziel ist es, Böhler am Ende des Tages zu 100 Prozent zu integrieren“, sagt Wolfgang Eder dazu und schickt gleich nach, dieser Tag könne aber „sehr lang werden“.

Zurückhaltung. Da dürfte der 55-jährige Manager ein wenig tiefgestapelt haben. Unter Investoren wird kolportiert, die Voest könnte tatsächlich schon deutlich mehr Anteile in der Hand haben. Nicht direkt freilich, sondern über die Aktionäre der voestalpine. „Ich gehe davon aus, dass sich Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, Oberbank, Energie AG und Linz AG mit jeweils ein paar Prozent an Böhler-Aktien eingedeckt haben“, sagt Klaus Küng, Aktienanalyst der Raiffeisen Centrobank (RCB). Schließlich läge es auch in deren Interesse, dass die Voest Böhler bekommt. Solcherart sollen nach Küngs Meinung zumindest noch weitere zehn Prozent für Eder parat liegen.

Wozu aber dieses Versteckspiel?

Um Geld zu sparen. Montag vergangener Woche, Schlag 17.30 Uhr, endete die Annahmefrist für das Barabfindungsgebot der voestalpine. Hätte diese mit Ablauf dieser ersten Frist bereits zwei Drittel der Böhler-Anteile übernommen, wäre ziemlich rasch klar geworden, dass die Begehrlichkeiten der Linzer Stahlmanager auf die 100-Prozent-Marke deutlich größer sind als offiziell zugegeben. Logische Konsequenz: Anleger, die noch im Besitz von Böhler-Aktien sind, würden eine höhere Barabfindung einfordern. Zumal einige Aktienanalysten zuletzt einen Wert von rund 80 Euro je Aktie kalkulierten, und die Voest gleich zu Beginn einmal nachbessern musste (siehe „Chronologie der Ereignisse“). Schlimmer noch: Auf den schnellen Profit ausgerichtete Hedgefonds könnten kurzerhand große Stückzahlen aufkaufen und den Preis dadurch deutlich in die Höhe treiben. Vor wenigen Wochen erst erlebte die italienische Großbank UniCredit ein derartiges Schicksal, als sie die letzten Aktien der Bank Austria Creditanstalt von der Wiener Börse nahm. Hedgefonds kauften und forderten zuletzt einen deutlich höheren Preis ein. UniCredit zahlte zähneknirschend und sieht sich jetzt sogar noch mit Nachforderungen anderer Exaktionäre konfrontiert.

Dann doch lieber tiefstapeln. Solcherart kann Voest-Chef Eder sein lauthals vorgetragenes Credo, wonach die Mehrheit an Böhler genug sei, mit Zahlen unterlegen: Über 50 Prozent waren das Ziel, über 50 Prozent haben wir gekauft – that’s it. So gesehen war Eders Vorgehen vermutlich ein überaus geschickter Schachzug. Aus der Böhler-Aktie ist damit fürs Erste die Fantasie draußen, mangels erwartbarer Kurssprünge darf das Voest-Management darauf hoffen, die nun noch fehlenden gut 30 Prozent in den kommenden Monaten zu durchaus moderaten Preisen erwerben zu können. Dass diese Rechnung aufgehen könnte, lässt allein schon die Kursentwicklung der vergangenen Tage erkennen. Der Wert der Böhler-Aktie war zwar einigen Schwankungen unterworfen, blieb jedoch immer unter 73 Euro. Ein Zustand, den die Voest-Manager gerne noch für weitere drei Monate konservieren wollen. So lange läuft nämlich noch die gesetzlich vorgeschriebene Nachfrist für das Abfindungsangebot. Zu ebendiesen Konditionen.

Vorderhand reichen Wolfgang Eder die in direktem Voest-Besitz stehenden 54,6 Prozent ohnedies. Der Großteil der mit 65 Millionen Euro vorerst eher niedrig angesetzten Synergieeffekte lässt sich mit dieser knappen Mehrheit auch schon heben. Dabei geht es in erster Linie um die Bündelung der Einkaufsaktivitäten – von Schrott über Rohmaterial bis hin zu Gas, Öl und Strom. Bereits ab 1. Juli wird Böhler wie eine fünfte Konzerndivision (siehe Organigramm Seite 41) voll konsolidiert. Bis dahin sollte auch die Zustimmung der Kartellbehörden vorliegen. Mit Einwänden ist nicht zu rechnen, da die beiden Unternehmen in unterschiedlichen Segmenten der Stahlbranche tätig sind und sich damit keine Machtkonzentration ergibt. Sobald diese vorliegt, so Eder, „gehen wir die Integration an“ (siehe Interview).

Wechseljahre. Damit steht auch der Beförderung von Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl nichts mehr im Wege. Wenngleich sich darüber streiten ließe, ob der geplante Einzug in den Voest-Vorstand für Raidl tatsächlich einem Aufstieg gleichkommt. Derzeit steht der 64-jährige Manager als Generaldirektor nämlich an der Spitze von Böhler. Lange Jahre Berater von ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, gilt Raidl bis heute als einer der einflussreichsten und prononciertesten Manager des Landes. Kaum ein wirtschaftspolitisches Thema, zu dem er nicht gerne und ausführlich in der Öffentlichkeit Stellung bezieht. Strategische Entscheidungen konnte Raidl bisher weitestgehend allein fällen, die guten Ergebnisse von Böhler gaben ihm Rückhalt bei Aktionären und Aufsichtsräten. Künftig muss er seine und die Interessen der Konzerndivision Böhler dem großen Ganzen unterordnen. „Er ist dann genauso ein Divisionär wie die anderen auch“, sagt Wolfgang Eder. Schwierigkeiten mit Raidls Rolle in der zweiten Reihe will der Voest-Vorstandschef bereits im Vorfeld in einem Vieraugengespräch ausgeräumt haben. Mit seinen öffentlichen Kommentaren wird der Böhler-Boss künftig wohl etwas haushalten müssen. Zumindest in Bezug auf das eigene Unternehmen. „Ein Raidl macht viele Äußerungen, die mit seinem Job an sich gar nichts zu tun haben. Das hat Böhler-Uddeholm nicht geschadet und wird auch der voestalpine nicht schaden“, sagt Rudolf Streicher, Böhler-Präsident und langjähriger Voest-Aufsichtsrat. Dass Raidl, wie von Eder gewünscht, leisertreten werde, glaubt Streicher jedenfalls nicht und erinnert sich an eine der letzten Geburtstagsfeiern seines Freundes: „Dabei hab ich ihm scherzhaft gesagt, er sollte lieber mehr in der Firma als in der Zeitung stehen.“

Von Martin Himmelbauer und Josef Redl