Industrie: Image, wechsle dich

Mirko Kovats hat in nur zehn Jahren aus dem Nichts einen respektablen Industriekonzern aufgebaut. Mit teils rauen Methoden. Jetzt setzt er alles daran, den Ruf einer Heuschrecke abzustreifen.

Zum vereinbarten Interview kommt Mirko Kovats fast auf die Minute pünktlich. Was er dafür braucht, hat er im Kopf: Keinen Aktenkoffer, nicht einmal eine Mappe führt er bei sich. Die Kleidung dezent und unauffällig, die Brille zweckmäßig. Einzig die Uhr an seinem Handgelenk, ein Exemplar einer limitierten Auflage aus der deutschen Edelmanufaktur Lange & Söhne, lässt erkennen, dass der 58-Jährige zweifelsohne den Betuchteren zuzurechnen ist.

Geduldig stellt er sich trotz gleißender Hitze 20 Minuten lang dem Fotografen. Er, der knallharte Investor, der sein Konterfei vor wenigen Jahren noch am liebsten gar nicht in der Zeitung finden wollte. Und wenn schon, dann doch bitte so, „dass es wie ein Schnappschuss wirkt“, den er nicht hatte verhindern können.

Heute sind ihm neue Fotos offenbar ein Anliegen. Nur solche vor und in seinem Privatflugzeug, einem Learjet des kanadischen Herstellers Bombardier, mag er nicht mehr. „Weil ich heute einen neuen habe, einen größeren“, sagt er und presst dann kurz die Lippen zusammen. So als wollte er sich selbst am Weiterreden hindern.

Große Töne sind einem makellosen Image nicht eben zuträglich.

Denn genau darum scheint es dem Sohn ungarischer Einwanderer neuerdings zu gehen. Als Unternehmer hat er zweifelsohne einiges zuwege gebracht. Genau zehn Jahre sind vergangen, seit er mit dem Einstieg beim maroden Salzburger Maschinenbauer Emco erstmals als Investor von sich reden machte. Im abgelaufenen Jahr erwirtschaftete seine A-Tec-Industries-Gruppe mit weltweit 11.000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von immerhin 1,6 Milliarden Euro (siehe Grafik Seite 50). Auch an der Börse macht A-Tec mittlerweile gute Figur: Seit der Erstnotiz Anfang Dezember 2006 hat die Aktie nahezu 90 Prozent an Wert gewonnen.

So umtriebig er auf dem ökonomischen Parkett auch war, so sehr blieb ihm die gesellschaftliche Akzeptanz verwehrt. Mirko Kovats stand sinnbildlich stets für den Eigenbrötler, den Ausbeuter, den Streitbaren. Weil er Unternehmen billig kaufte, filetierte, Mitarbeiter rausschmiss. Weil er dabei selbst meist einen kräftigen Schnitt machte. Und letztlich auch, weil er nie um markige Ansagen verlegen war. Etwa: „In der Wirtschaft setzt sich der Stärkere durch. Was zählt, sind Gewinne.“ Oder: „Es gibt keine Verpflichtung für einen Unternehmer, Arbeitsplätze zu schaffen.“ Aber auch: „Wir brauchen in Österreich einen Niedriglohnsektor. Die Leute werden nicht in Wohlstand und Luxus schwelgen, sollen aber wenigstens irgendeine Arbeit haben.“

Streitbarer Unternehmer. Journalisten, Anlegerschützer oder Geschäftspartner: Wer ihm in die Quere kam, wurde nicht selten mit Klagen eingedeckt. Wilhelm Rasinger zum Beispiel: Der Präsident des Interessenverbandes für Anleger (IVA) hat in der Vergangenheit wiederholt Kritik an Kovats’ Geschäftspolitik geübt und potenziellen Investoren mitunter zur Vorsicht geraten. Nicht nur einmal standen die beiden Kontrahenten einander deshalb vor Gericht gegenüber.

Wer derart beherzt austeilt, kriegt mithin auch selbst sein Fett ab. Andreas Treichl, Chef der Erste Bank, etwa apostrophierte Kovats vor nicht allzu langer Zeit öffentlich als „Mini-Heuschrecke“; Gewerkschaftsfunktionäre warfen ihm unter anderem vor, Mitarbeiter „auf schäbige Weise im Stich gelassen“ zu haben; Veit Sorger, Präsident der Industriellenvereinigung (IV), wiederum meinte, Kovats’ Tun ergebe „kein sehr opulentes Bild“.

2005 zog Kovats gegen Widerstände in den Bundesvorstand der Industriellenvereinigung ein, 2006 brachte er gegen Widerstände die A-Tec-Gruppe an die Börse.

Seither scheinen zumindest einige seiner prononcierten Kritiker das Bild ein wenig zurechtgerückt zu haben. „Ich habe Kovats als sehr engagierten Unternehmer kennen gelernt“, doziert Veit Sorger heute. „Er ist nie einer, der droht, aus Österreich abzuwandern, wenn nicht dies oder jenes passiert.“ Und obendrein habe Kovats „ein offenes Ohr und Herz für Mitarbeiter“. Das sehen Nämliche mittlerweile auch so. „Wir haben das Glück, dass Herrn Kovats unser Werk offenbar ans Herz gewachsen ist“, sagt Michael Leitner, Betriebsrat der A-Tec-Tochter ATB. Kollege Werner Knoll von den Montanwerken Brixlegg meint sogar: „Man kann mit ihm immer auf Augenhöhe reden.“

Ruhigere Gangart. Keine schlechte Leistung für einen Mann, der sich einst mit Botschaften wie „Die Leute sind heute sehr verwöhnt. Man kann auch in Jesolo statt in Übersee entspannen“ zum Gottseibeiuns der Arbeiterbewegung gemacht hatte.

Kovats hat nicht mehr viel auf den 60er. Mag sein, dass selbst der härteste Hund mit fortschreitendem Alter handzahmer wird. Kovats über Kovats: „Wie ich gesehen werde, müssen andere beurteilen. Ich bin meinen Weg gegangen, von den Anfängen mit Emco bis hin zum Börsegang.“ Heute laufe alles sehr gut bei A-Tec, er verfüge über ein „Topmanagement“ in allen Bereichen und habe deshalb auch „keinen Grund“ zu harten Aussagen. Dass er sich etwas mehr um sein Image bemüht als einst, lässt er dann indirekt auch durchblicken: „Ein gutes Image ist immer angenehmer als ein schlechtes“ (siehe Interview Seite 51). Vor einigen Jahren noch wäre ihm das herzlich egal gewesen.

Sinneswandel. Heute tritt er leiser, gibt sich diplomatischer und sucht auch Halt in Netzwerken wie eben jenem der Industriellenvereinigung. So wie er nicht mehr lautstark poltert, so ist auch die Kritik an ihm leiser geworden. Vielleicht weil jemand, der weniger austeilt, auch weniger rasch zum Ziel von Attacken wird. Vielleicht ist ihm schlicht, wie manche meinen, die Trennung von seinem langjährigen Partner Ronny Pecik letztlich ganz gut bekommen (siehe Kasten). Zum Teil dürfte es aber auch daran liegen, dass Kovats’ unternehmerisches Agieren heute weniger Angriffsfläche bietet. Bis zu seinem Börsegang hatten Kritiker wie Anlegerschützer Rasinger immer wieder auf die schwache Eigenkapitalausstattung des Konzerns hingewiesen und kritisiert, ein Gutteil seiner Erträge komme nur dadurch zustande, dass er marode Firmen um einen Bettel kaufe und dann in seiner Bilanz aufwerte. Der Blick in Geschäftsberichte und Anlegerprospekte machte wiederholt deutlich, welch große Risiken der A-Tec-Chef auf seiner Expansionstour einging, mit welch hohen Verbindlichkeiten er seinen Konzern über Kredite und Anleihen belastete. Auch im Vorfeld des Börsegangs wollte diese Kritik nicht verstummen. Letztlich musste die Aktie mangels Anlegerinteresses um 100 Euro, dem untersten Ende des gesetzten Preisbandes, angeboten werden.

Nun, da sich der Kurs gut entwickelt, die Gruppe 2006 quer durch alle Sparten auch substanzielle Ertragssteigerungen erwirtschaften konnte und den Aktionären eine ansehnliche Dividende zuteilwurde, scheint Kovats in der Gunst vieler deutlich gestiegen.

Auf die Frage, ob er im Licht all der Turbulenzen der vergangenen zehn Jahre heute nicht doch einiges anders machen würde, blitzt dann doch wieder der „alte“ Kovats auf: „Ich würde nichts anders machen. Den Neid kriegt man ohnehin nicht weg, wenn man Erfolg hat.“

Von Martin Himmelbauer