Industrie: Operation Europaplatz

Ein Jahrhundert-Deal und dessen Hintergrund: wie Oberösterreichs Raiffeisen-Boss die Milliarden-Übernahme von Böhler-Uddeholm durch den VoestAlpine-Konzern inszenierte.

So schnell kann sich das Blatt wenden. Noch vor wenigen Monaten galt Claus Raidl als einer der einflussreichsten Manager des Landes. Berater eines ÖVP-Regierungschefs, Vordenker und Verfechter des Neoliberalismus, Stammgast auf politischem Parkett, bei wirtschaftlichen Enqueten, publicityträchtigen Society-Events und laut Wirtschaftsmagazin „trend“ immerhin drittwichtigster Manager Österreichs 2006.
Ein Hannes Androsch in Schwarz, quasi.

Seit zwei Monaten residiert ein roter Kanzler am Wiener Ballhausplatz, der – wenig überraschend – auf andere hört.

Tröstlich, dass der heute 64-jährige Raidl im Brotberuf Generaldirektor und Vorstandsvorsitzender eines der größten Industrieunternehmen des Landes ist: des börsenotierten Edelstahlerzeugers Böhler-Uddeholm mit drei Milliarden Euro Umsatz und 14.300 Mitarbeitern in weltweit 50 Ländern.
In wenigen Monaten könnte ihm auch das genommen werden.

Am Donnerstag vergangener Woche, Schlag 14.45 Uhr, kündigte eine mit der Dringlichkeit „Vorrang“ versehene Meldung der Austria Presse Agentur den spektakulärsten Deal in der an spektakulären Deals nicht armen Nachkriegsgeschichte Österreichs an: die geplante Übernahme von Böhler-Uddeholm durch den doppelt so großen Stahlerzeuger VoestAlpine um 3,519 Milliarden Euro.

Niemals zuvor wurde ein derart hoher Preis für ein österreichisches Unternehmen veranschlagt. Schon gar nicht von einem heimischen Bieter.

Die Fakten. VoestAlpine und Böhler-Uddeholm, das heißt: ein Umsatz von nahezu zehn Milliarden Euro und 38.000 Mitarbeiter. Das entspricht vier Prozent der gesamten österreichischen Wirtschaftsleistung und der Einwohnerzahl der Stadt Steyr.

Damit rangiert der Konzern künftig auf Rang zwei hinter dem Energieversorger OMV.

Auch Raidl wird sich mit einer neuen Rolle anfreunden müssen. Weil VoestAlpine-Chef Wolfgang Eder Böhler-Uddeholm vollständig integrieren will, fällt Raidl um seinen Job als Generaldirektor um. Er muss sich fortan mit einem einfachen Vorstandsmandat im neuen Konzern bescheiden.
Schlimm? Es hätte noch schlimmer kommen können.

Bis Mittwoch vergangener Woche hatte es so ausgehen, als würde das international tätige Investmenthaus CVC Capital Partners bei Böhler das Rennen machen.

Am 21. März tat der vom Oberösterreicher Christian Wildmoser vertretene Fonds kund, was Tage zuvor bereits für wilde Spekulationen an der Wiener Börse gesorgt hatte (siehe Kasten).

Die Geschichte. Wildmoser präsentierte einer staunenden Öffentlichkeit eine Vereinbarung mit dem bislang größten Einzelaktionär bei Böhler, der BU-Industrieholding um den Badener Rechtsanwalt Rudolf Fries. Der zufolge wollte CVC zunächst das 21-prozentige Böhler-Paket der Investoren erwerben, um anschließend die Mehrheit am Edelstahlerzeuger zu übernehmen (profil berichtete).

Ein beispielloses politisches Theater um den erneuten Ausverkauf heimischen Vermögens ans Ausland war die Folge. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer etwa nannte die Idee schlicht eine „Katastrophe“, selbst innerhalb der schwarzen Reichshälfte hielt sich die Begeisterung in Grenzen.

Auftritt Wolfgang Eder: Seiner Darstellung nach will das Voest-Management überhaupt erst durch den CVC-Vorstoß auf die Idee gekommen sein, selbst aktiv zu werden. Innerhalb weniger Tage, so Eder, habe er zunächst den eigenen Vorstand konsultiert, um dann mit Raidl und Fries zu konferieren und sich schließlich am Morgen des 29. März das Pouvoir vom Aufsichtsrat der VoestAlpine zu holen.

Es hat in Österreichs Industrie schon deutlich länger gebraucht, um deutlich kleinere Summen in Bewegung zu setzen. Eder bleibt dabei: „Wir hätten eine Akquisition dieser Größenordnung bis vor zwei Jahren aus finanziellen Gründen nicht machen können“, so der VoestAlpine-Chef, „die gute Konjunktur und die Tatsache, dass wir de facto schuldenfrei sind, haben uns diese Dimension erst ermöglicht.“ Weshalb man sich „erst in letzter Zeit“ mit der Idee auseinandergesetzt habe, ein Unternehmen wie Böhler-Uddeholm zu kaufen (siehe Interview).

Die Fakten. Wahr ist, dass VoestAlpine und Böhler-Uddeholm eine gemeinsame verstaatlichte Vergangenheit haben; Eder, Raidl und deren Umfeld zudem eine gemeinsame Gegenwart teilen. Seit Mai vergangenen Jahres etwa sitzt Eder im Aufsichtsrat von Böhler-Uddeholm. Der amtierende Böhler-Aufsichtsratspräsident Rudolf Streicher wiederum wirkte zuvor an der Spitzte des VoestAlpine-Kontrollgremiums. Die Herren kennen und schätzen einander seit Jahr und Tag.

Wahr ist aber auch, dass die beabsichtigte Übernahme – VoestAlpine bietet den Böhler-Aktionären 69 Euro je Aktie in bar – wirtschaftlich keinesfalls naheliegt.
Stahl ist nämlich nicht gleich Stahl.

Der VoestAlpine-Konzern erzeugt und verarbeitet hauptsächlich so genannten Flachstahl für die Auto- und Bauindustrie. Daneben werden Eisenbahnschienen, -weichen und Rohre gefertigt.

Böhler-Uddeholm dagegen fabriziert Edelstahlteile für den Werkzeug- und Kraftwerksbau.

Entsprechend mager nehmen sich die so genannten Synergieeffekte aus, jene Einsparungen also, die durch den Zusammenschluss realisiert werden sollen. Eder und Raidl beziffern diese mit gerade einmal 65 Millionen Euro auf drei Jahre. Das ist bei einem Konzern mit zusammen zehn Milliarden Euro Umsatz und über einer Milliarde Gewinn nachgerade ein Bettel.

Auch das Konzept, Böhler-Uddeholm kurzerhand zu einer neuen Konzernsparte („Division“) umzufunktionieren, die es bei VoestAlpine bislang so nicht gegeben hat, erscheint ein wenig an den Haaren herbeigezogen.

Mehr noch: Raidl und Eder haben über die Jahre unabhängig voneinander gebetsmühlenartig betont, dass Böhler und Voest gar nicht zusammenpassten. Wozu also 3,5 Milliarden Euro ausgeben?

Die Antwort ist so erschreckend wie banal.
Der eine österreichische Konzern soll den anderen nur deshalb kaufen, damit dieser nicht in die Mäuler marodierender Heuschrecken ausländischer Herkunft gerät. Und das war keineswegs Herrn Eders Idee allein.

Die Fäden der Milliardentransaktion laufen in der Linzer Innenstadt zusammen, genauer: an einem wuchtigen Eichentisch im dritten Stock eines Glaspalasts am Europaplatz Nummer 1a. Daselbst gebietet Ludwig Scharinger als Generaldirektor über die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich und deren umfangreiches Portefeuille, darunter auch ein rund 15-prozentiges Aktienpaket an der VoestAlpine.

Die Hintermänner. Scharinger, enthusiasmierter Blasmusiker, trägt seit Jahren das Banner österreichischer, wenn geht: oberösterreichischer, Lösungen vor sich her. Ein unermüdlicher Bewahrer der heimatlichen Scholle.

Man musste ihn offenbar nicht erst auf den Plan rufen. „Wir haben uns Böhler schon seit Längerem im Stillen angeschaut“, so ein involvierter Berater, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Der Ausstieg der Investorengruppe Fries kam für uns keineswegs überraschend. Wir waren vorbereitet.“

Ähnlich sieht das auch Peter Doralt, Vorsitzender der Übernahmekommission – einer Einrichtung, die darauf achtet, dass Kleinaktionäre bei Übernahmen und Fusionen wie dieser nicht übervorteilt werden. Doralt gegenüber profil: „Ich glaube, dass man im Vorfeld schon bei einigen Großinvestoren ausgelotet hat, ob die zu diesen Konditionen verkaufen“ (siehe Interview).

Diese Wahrnehmungen stehen freilich in krassem Widerspruch zur offiziellen Lesart, wonach der Deal quasi über Nacht zustande gekommen sein soll.

Das heißt: Ludwig Scharinger und seine Partner, unter ihnen auch Oberbank-Generaldirektor Franz Gasselsberger (die Regionalbank hält 7,7 Prozent an VoestAlpine), hatten Böhler-Uddeholm wohl schon sehr viel länger auf der to-do-Liste.

Der Raiffeisen-Chef wollte das gegenüber profil nicht kommentieren.

Die Verbindungen. Das CVC-Offert, vor allem aber die darauffolgende kollektive Ausverkaufshysterie nebst politischem Druck, dürfte den Herren jedenfalls durchaus zupassgekommen sein. Zufall oder nicht: CVC-Manager Christian Wildmoser ist der Bruder eines gewissen Gerhard Wildmoser. Dieser ist Rechtsanwalt zu Linz und darf sich zum engsten Kreis um Ludwig Scharinger zählen. Kaum ein Event, bei dem der Advokat und der Banker nicht gemeinsam gesehen, kaum ein Geschäft der Landesbank, bei demjuristische Fragen nicht in Wildmosers Kanzlei in der Linzer Hopfengasse erörtert werden.

Nach außen hin will Gerhard Wildmoser keine tragende Rolle gespielt haben. „Ich habe seit etlichen Tagen vermutet, dass es in Richtung VoestAlpine gehen könnte“, so der Rechtsanwalt. Mit seinem Bruder Christian habe er darüber allerdings nicht geredet: „Wir haben nur theoretische Möglichkeiten diskutiert, und die VoestAlpine war eine davon.“

CVC-Manager Christian Wildmoser wiederum sagt inzwischen überhaupt nichts mehr. Er verfügte sich bereits am Mittwoch vergangener Woche, also am Tag vor dem Coming-out der VoestAlpine, in die USA. Und hinterließ ein denkwürdiges Presse-Communiqué. Wildmoser im Wortlaut: „Die … Entscheidung für eine mehrheitliche Übernahme durch die VoestAlpine AG als strategischen Partner für die Böhler-Uddeholm ist für die Zukunft des Unternehmens sicherlich eine interessante Perspektive. Für den Fall, dass das Übernahmeanbot … erfolgreich sein sollte, wünscht CVC Capital Partners der neu geformten Unternehmensgruppe für die Zukunft viel Erfolg.“
Oder anders gesagt: Dann halt nicht.

Dass ein Fondsmanager, der drauf und dran war, das größte Geschäft seines Lebens anzulanden, derart gleichgültig reagiert, lässt jedenfalls Fragen offen.

Ludwig Scharinger und Kompagnons bleiben nur Vorteile. Sie dürfen sich jetzt nicht nur als Bewahrer österreichischen Industrieguts feiern lassen. Die Politik – vom Kanzler abwärts – ist hochzufrieden und voll des Lobes.

Die Argumente. Dass der VoestAlpine-Konzern Böhler-Uddeholm vor wenigen Monaten noch deutlich billiger hätte haben können – Ende des Vorjahres etwa stand der Böhler-Kurs noch bei 50 Euro, heute bei 72 Euro –, steht auf einem Blatt.

Dass die politischen Machtverhältnisse heute eine „österreichische Lösung“ begünstigen, auf einem anderen.

Man stelle sich das Geheul vor, hätte VoestAlpine Böhler-Uddeholm unter einer ÖVP-Regierung und ohne Heuschrecken-Alarm geschluckt.

Ganz nebenbei hat Ludwig Scharinger, unter Eingeweihten gerne auch „Luigi Monetti“ genannt, die Hausmacht im Land ob der Enns gefestigt.
Wohl nicht nur dort.

Von Martin Himmelbauer, Michael Nikbakhsh und Ulla Schmid
Mitarbeit: Ingrid Dengg