Industrie / RHI: Die Feuertaufe

Der Geschäftsmann Martin Schlaff übernimmt mit einem Schlag die Kontrolle über den RHI-Konzern – die Hintergründe des 465 Millionen Euro schweren Deals.

Um ein Unternehmen zu kaufen, braucht es im Wesentlichen dreierlei: Geld, Geheimhaltung und Geduld. Je mehr davon vorhanden ist, umso größer die Perspektive. Martin Schlaff gehört zu den wohlhabendsten Männern des Landes. Sein Privatvermögen wird auf gut und gern zwei Milliarden Euro taxiert. Dass er es bis heute nicht in einschlägige Rankings geschafft hat, erklärt sich aus seiner sorgsam gepflegten Öffentlichkeitsscheu. Einst hat er Geschäfte in der DDR gemacht, später in Palästina, Bulgarien und Serbien – und dabei eine gewisse Beharrlichkeit entwickelt.

Mitte vergangener Woche hat der 53-jährige Wiener Unternehmer das Management des börsenotierten RHI-Konzerns davon in Kenntnis gesetzt, dass er über seine MS Privatstiftung 3,6 Prozent der Aktien des Herstellers feuerfester Werkstoffe erworben hat. Zusätzlich hat er sich über Optionen und Wandelanleihen Zugriff auf etwa 26 Prozent des Grundkapitals gesichert. In Summe kontrolliert der Geschäftsmann damit fortan fast 30 Prozent des RHI-Konzerns. Preis des gesamten Aktienpakets zum aktuellen Börsenkurs: schlanke 465 Millionen Euro.

In dürren Worten teilte der neue RHI-Chef Andreas Meier noch am vergangenen Donnerstag mit, dass der neue Hauptaktionär keine kontrollierende Beteiligung „im Sinne des Übernahmegesetzes“ anstrebe. Laut geltender Rechtslage muss jeder, der bei einem börsenotierten Unternehmen 30 Prozent aufwärts erwirbt, den übrigen Aktionären ein Abfindungsangebot machen. Schlaff kann sich das getrost sparen. Er hat bei RHI künftig ohnehin uneingeschränkt das Sagen. Zum einen kam bislang kein anderer Aktionär auf mehr als fünf Prozent. Zum anderen waren in der Hauptversammlung – sie wählt etwa den Aufsichtsrat, der wiederum den Vorstand bestellt – zuletzt kaum mehr als 15 Prozent des Kapitals vertreten.

Kommandoaktion. Schlaff, einer ausgewählten Öffentlichkeit unter anderem durch seine Reise mit Altbundeskanzler Wolfgang Schüssel nach Sofia 2003 bekannt, hat die Übernahme von einem der größten Industriekonzerne Österreichs (1,2 Milliarden Euro Umsatz, 6500 Mitarbeiter) über Monate vorbereitet. Ausgerechnet im Frühsommer 2006, als wilde Spekulationen um seine Geschäftsbeziehungen zur Bawag und deren Generaldirektor Helmut Elsner die Runde machten, hatte er klammheimlich begonnen, RHI-Aktien und -Optionen am Markt aufzukaufen. Gleichzeitig gelang es ihm, Bawag, Erste Bank und Bank Austria Creditanstalt jene Wandelanleihen abzuluchsen, welche die Institute 2002 zur Rettung der damals angeschlagenen Gruppe gezeichnet hatten. Wie viel Martin Schlaff das kleine Abenteuer bislang gekostet hat, lässt sich nicht präzise sagen. Er selbst schweigt dazu. Wie so oft. Als ihn profil im November des Vorjahres mit seinen RHI-Wertpapierdeals konfrontierte, ließ er über einen Sprecher nonchalant dementieren (profil Nr. 46/06).

Nach vorliegenden Informationen soll dem gesamten Paket ein Stückpreis je Aktie von knapp unter 25 Euro zugrunde gelegen haben. Ergibt bei insgesamt 11,6 Millionen Aktien einen Kaufpreis von gut 280 Millionen Euro. Immerhin: Die RHI-Aktie ist seither auf zuletzt 40 Euro gestiegen. Schlaff hat damit rein rechnerisch mehr als 180 Millionen Euro Gewinn gemacht.
En passant, quasi.

Der RHI-Konzern ist fraglos eines der Aushängeschilder Österreichs. Nach schwierigen Jahren und massiven Ausfällen in den USA gilt der Laden heute als saniert und schreibt dicke Gewinne. Das allein vermag Schlaffs plötzliches Interesse allerdings nicht zu erklären.

Sein Stammgeschäft war bislang der Handel mit Waren aller Art, vornehmlich Holz, Papier und Textilien. Die übrigen Aktivitäten waren eher vergänglich. 1998 etwa eröffnete Schlaff mit Bawag und Casinos Austria das Oasis Casino in Jericho im palästinensischen Autonomiegebiet. 2002 erwarb er mit Partnern den bulgarischen Mobilfunkbetreiber Mobiltel, welchen er 2005 mit sattem Gewinn der Mobilkom Austria vehökerte. Im gleichen Jahr stieg er bei der serbischen Mobtel ein, die 2006 an die norwegische Telenor-Gruppe ging.

Sein Kauf-, mehr noch sein Verkaufsverhalten haben zuletzt Gerüchte genährt, Schlaff sei bei RHI im Namen Dritter, konkret: russischer Investoren, eingestiegen (profil berichtete). Er lässt auch das dementieren. „An den Gerüchten ist nichts dran“, so Michael Fink, Sprecher der MS Privatstiftung, „es handelt sich um ein langfristiges industrielles Investment der Stiftung.“ Dem Vernehmen nach will der neue Hauptaktionär anlässlich der nächsten ordentlichen RHI-Hauptversammlung am 1. Juni den Aufsichtsratsvorsitz beanspruchen. Aussichtsreichster Kandidat: Schlaffs langjähriger Geschäftspartner Herbert Cordt, ehedem Sekretär von Finanzminister Hannes Androsch und Vorstand der Länderbank.

Die Wahrheit ist bekanntlich eine Tochter der Zeit. Oder anders gesagt: Auch die Zukunft von RHI ist eine Frage von Geld, Geheimhaltung und Geduld.

Von Michael Nikbakhsh