Infarktzone beim Sotschi-Projekt

Russland. Die Olympischen Winterspiele Sotschi 2014 drohen ein Katastrophenprojekt zu werden. Ex-Präsident Wladimir Putin wird es dennoch mit allen Mitteln durchziehen.

Der Strand ist schwarz wie das Meer. Auf dem dunklen Sand liegen weiß und dickleibig ein Mann und eine Frau aus Murmansk. Sie sind zur Erholung hier. Ein paar Meter weiter sitzt der greise Garik vor dem offenen Kofferraum seines Autos und fischt. „Die Olympischen Spiele sind sicher gut für uns“, meint der ehemalige Installateur, „wenn die Machthaber das sagen.“ Er schaut aufs Meer. Sotschi im Mai 2008 ist immer noch sehr postsowjetisch. Am Strand um den Flughafen Adler reihen sich heruntergekommene Industrieanlagen an hässliche Schrebergartenhäuschen. Dahinter liegt ein Sumpf. Bis zu den Winterspielen 2014 soll hier ein funkelnagelneues olympisches Dorf gebaut werden. Der russische Unternehmer Oleg Deripaska und die österreichische Strabag wollen modernste Eisstadien und Fünfsternehotels bauen. Die Gäste können dann vor dem Frühstück am Strand spazieren gehen, schwärmt der Chef des Organisationskomitees „Sotschi 2014“, Dmitri Tschenyschenko. „Moderne Architektur und die großartige Natur in unserer Region werden sich perfekt ergänzen“.

Die Landschaft lässt tatsächlich wenig zu wünschen übrig. Vom Strand aus scheinen die schneebedeckten Bergspitzen des Kaukasusgebirges zum Greifen nah. Im subtropischen Klima an der Küste soll genauso um olympisches Gold gekämpft werden wie im 40 Kilometer entfernten Skiort Krasnaja Poljana in den Bergen. In Tschenyschenkos Computer und in Wladimir Putins Kopf stellt sich die Region im Jahr 2014 prächtig dar. Der russische Ex-Präsident und nunmehrige Premier ist der ambitiöse Schirmherr der Sotschi-Spiele.

Kalte Füße. In Wahrheit jedoch haben selbst überzeugte Anhänger und Profiteure der Olympischen Spiele kalte Füße bekommen. Im April warf der Chef der staatlichen Baugesellschaft Olympstroi, Semjon Weinstock, das Handtuch. Dem Vernehmen nach war dem von Putin entsandten ehemaligen Transneft-Chef das megalomane Unternehmen in Südrussland zu schlecht geplant. Er forderte eine Verdreifachung des Baubudgets von bisher 8,7 Milliarden Euro und wurde daraufhin verabschiedet. Panik statt Spatenstich lautet seither die Devise. „Ohne einen Hochseehafen in Sotschi ist das Vorhaben nicht realisierbar“, ließ Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner Anfang Mai verlauten. Die Strabag stellt zwar den neuen Terminal am Flughafen fertig und baut große Teile des olympischen Dorfs. Der Zugang von der Küste ins Skigebiet aber ist mit einem Bergsträßchen völlig unzureichend. Die Infrastruktur um den russischen Kurort kann 200.000 Besucher auf einmal nicht verkraften. „Wir haben vor einem Jahr gesagt: Fangt sofort mit dem Bau einer Bahn an!“, heißt es in der Strabag. Die neuen Schienen sollen zehn Kilometer durch einen Tunnel führen. Diesen zu bauen dauert allein schon drei Jahre. Haselsteiners Alarmruf war freilich kühl kalkuliert – er will sich offenbar später nicht die Schuld am Scheitern in die Schuhe schieben lassen. Man habe in Moskau offene Ohren gefunden, meint Haselsteiner nun gegen­über profil: „Schade, dass bisher nicht mehr passiert ist. Aber wenn sich jetzt alle ins Zeug legen, dann ist Sotschi 2014 machbar.“

Doch der Weg dahin ist weit. Und die Straßen in Sotschi sind schon heute verstopft. Wie in der Metropole Moskau sitzen die Autofahrer auf der Hauptstraße von Sotschi, dem Kurortni Prospekt, eine Stunde im Stau, wenn sie vom einen Ende der Kleinstadt zum anderen wollen. Mächtige, aus Sowjetzeiten stammende Sanatoriumsburgen breiten sich hier entlang der Straße aus, dazwischen springen kleine Sushi-Bars ins Auge. Im Hafen fischen schrumpelige Alte vor blitzweißen Luxusyachten in der untergehenden Frühsommersonne. Die Hauptsaison hat noch nicht begonnen, und das Nachtleben beschränkt sich auf Prostitution in halb leeren Kneipen. Neben dem Vergnügungspark „Riviera“ im Zentrum leuchtet ein großes Lenin-Mosaik in roten Steinen, als stünde Sotschi immer noch im Bann der Bolschewiken.

Putins Vision. Die wichtigs­ten Infrastrukturprojekte für die Winterspiele in sechs Jahren sind „noch in der Planungsphase“, erklärt Efim Bitenew vom Organisationskomitee in Sotschi. Für Bitenew und viele andere junge Menschen aus Sotschi sind die Olympics Chance und Herausforderung. Doch auch junge Unternehmer schauen immer noch Richtung Kreml, bevor sie private Initiative zeigen. Putin hat als Präsident private Geschäfte gefördert, immer aber auch deutlich gemacht, dass der Staat diese zunichtemacht, wenn sie den vorgegebenen Rahmen sprengen. Deshalb passiert auch in Sotschi noch wenig. Wer ohne obersten Segen loslegt, riskiert seine Existenz. „Von dort oben können Sie bis hinunter aufs Schwarze Meer sehen“, sagt Juri Tobias und zeigt von der Mittelstation auf die Bergspitze. Der Bauleiter der Aktiengesellschaft Gornaja Karussel in Krasnaja Poljana glaubt an Putins Vision. Die Region Krasnodar, zu welcher Sotschi ge­hört, finanziert die neue Seilbahn außerhalb des Olympia-Projekts. Heute gleiten die aus Frankreich importierten Gondeln erst bis zur Mittelstation, aber in der Wintersaison 2010/11 sollen die Alpinskifahrer bereits von 2420 Metern abfahren können. Obwohl es noch an Investoren für den geplanten Park von Chalets neben der Mittelstation mangelt, ist der Wald für die Hauptabfahrt schon gerodet.

Umweltaktivisten laufen Sturm. „Dieses Megaprojekt entsteht inmitten unseres Nationalparks“, empört sich Dmitri Kaptsow von der Ökologischen Wacht, einer russischen Greenpeace-Filiale. „Die Organisatoren von Sotschi 2014 haben keine Rücksicht auf ökologische Studien genommen. Bereits heute ist die Region an einem kritischen Punkt angelangt: Transport, Müll, Kanalisation – alles ungeklärte Fragen.“ Hier werde keinesfalls ein eleganter Kurort entwickelt, in dem die Gäste zwischen den Sanatorien an der Küste im subtropischen Klima und einem nach ökologischen Standpunkten errichteten Skigebiet im Nationalpark pendeln können. Das Gegenteil sei der Fall: Sotschi werde eine Infarktzone.

Gazprom-Gondel. Um die teuren Spiele überhaupt finanzieren zu können, erleichtert Wladimir Putin die ob der hohen Ölpreise prall gefüllten Staatskoffer um einige Milliarden Euro. Noch als Präsident hat er die Spiele zu seinem persönlichen Prestigeprojekt erklärt. Wer nicht für sie ist, ist gegen Putin. Einige seiner besten Oligarchenfreunde wurden daher gerne Hauptinvestoren. Strabag-Miteigentümer Oleg Deripaska bot sich als Bauherr an. Wladimir Potanin dagegen war kein logischer Kandidat. Der Investmentbanker und Nickel-König kann sich keinen großen Gewinn mit dem Bau des Alpinskigebiets Rosa Chutor in Krasnaja Poljana ausrechnen. Trotzdem macht er mit bei Olympia 2014. Auch der Energieriese Gazprom übernahm nicht gerade freiwillig die Rolle des Hoteliers und Liftbetreibers. Auf Drängen des sportlichen Patrioten Putin begann Gazprom jedoch bereits 2002 mit dem Bau eines Luxushotels außerhalb des 3500 Seelen zählenden Dorfes Krasnaja Poljana. Der Bau schleppte sich dahin und wurde erst vorigen Herbst, kurz nach der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) vorigen Juli, fertig gestellt. Im Winter konnten die ersten Gäste bereits Hütten für 1200 Euro pro Nacht mieten und morgens mit der Gazprom-Gondelbahn hinauf in die Berge gleiten. Skipisten sind dort zwar noch Mangelware, aber „manche unserer Gäste waren so begeistert, dass sie mehrfach gekommen sind“, meint Irina Semonowa, die PR-Chefin des Grand Hotel.

Enteignungen. „Wir wollen nur exklusive Gäste ansprechen“, verteidigt sie die exorbitanten Preise. Architektonisch wie atmosphä­risch bleibt das Luxushotel allerdings noch einiges schuldig. Die Sicherheits­truppe bewacht das Hotel derart intensiv, dass Gäste am Eingang des Areals zehn Minuten auf ihren „Propusk“, den Passierschein, warten müssen, um bis in die lusterbestückte Eingangshalle vorzudringen. „Das lokale Personal muss sich erst an unsere Anforderungen anpassen“, entschuldigt sich die Moskauerin mit gewinnendem Lächeln. Im Hallenbad paddelt einsam ein Mann. Außerhalb der Skisaison ist das Hotel leer. An Umsatz werde hier sowieso derzeit nicht gedacht, sagt Frau Semonowa: „Wir arbeiten für die Zukunft. Es handelt sich um ein Prestigeprojekt.“ Nicht für alle sieht diese Zukunft rosig aus. Gleich nach der Entscheidung des IOK für Sotschi explodierten die Grundstückspreise in der Region. Wie immer, wenn es in Russland Gewinne zu machen gibt, kam es zu massiver Korruption, begleitet von Drohungen gegen unwillige Grundstücksbesitzer, notfalls auch Enteignungen. Auch Pjotr Nikolajewitsch Fedin wurde ohne viel Federlesens um sein Eigentum gebracht. „Im Februar war’s vorbei“, erzählt der Geschäftsmann aus Krasnaja Poljana.

Fedin hatte Anfang der neunziger Jahre den ersten Doppelsessellift in Krasnaja Poljana gebaut. Vergangenes Jahr war der 58-Jährige noch der größte Arbeitgeber im Dorf, mit insgesamt 300 Beschäftigten beim Lift, auf den Pisten und im Erholungsheim „Bergluft“. Der Alpika-Service-Besitzer erhoffte sich von den Olympischen Spielen einen weiteren Aufschwung.
Doch Fedin hatte sich mit dem Gou­verneur von Krasnodar angelegt. Dieser wollte Luxus-Chalets auf Fedins Grund errichten. Fedin verweigerte sich. Prompt begannen die bürokratischen Schikanen gegen den Alpen-Oligarchen. Erst kam die Feuerwehr, gefolgt vom Gesundheitsamt und dem Mi­nisterium für Katastrophenschutz. Fedin musste den Lift sperren, weil er seine Gäste nicht ausreichend vor Lawinen gewarnt hatte. Im Februar schließlich wurde Alpika von Gazprom übernommen, für einen symbolischen Preis, wie Fedin lächelnd meint: „Sie kamen, sahen und siegten.“

In Russland ist es nicht üblich, sich gegen die Staatsmacht zu stellen. Sonst riskiert man die Abschiebung nach Sibirien. Das Schicksal von Ex-Jukos-Chef Michail Chodorkowski ist allen unabhängigen Geistern eine Warnung. Putin wird seine Spiele gegen alle Widerstände durchsetzen und den Widerspruch zwischen Plan und Wirklichkeit in gewohnt postsowjetischer Manier überwinden. Ökologische Bedenken werden vom Tisch gewischt. Geld und Arbeitskraft gibt es ausreichend. Sweta Dolgowa gibt sich vorsichtig abwartend. Die Pensionistin sitzt vor ihrem Häuschen unten an der Küste. Sie wurde am 9. Mai 1945 geboren, am Tag des Sieges über Nazi-Deutschland. Da sie und ihr Mann von der kargen staatlichen Rente nicht leben konnten, bauten sie vor zehn Jahren ihr Häuschen am Strand zu einer kleinen Pension um.

Seit vorigem Juli sitzen sie hier und warten – im Rücken das virtuelle olympische Dorf, vor sich das Schwarze Meer. „Wenn jemand uns einen guten Preis anbietet, dann verkaufen wir gerne“, sagt Frau Dolgowa. Bisher kam nur einer von Deripaskas Leuten vorbei. Den schickten sie wieder weg. Er hatte kein ernst zu nehmendes Angebot gemacht.

Von Tessa Szyszkowitz/Sotschi