Infektionen: Erreger mit Biss

Jüngste Meldungen über eine angeblich neue Zeckenkrankheit sind zwar überzogen - dennoch raten Mediziner zu genauerer Diagnostik dieser Ehrlichiose.

Die Meldung klang Unheil verkündend: "Erste Ehrlichiose-Fälle auch in Tirol", berichtete der Onlinedienst des ORF Anfang der Vorwoche. Studien hätten, so hieß es weiter, das Vorkommen dieser "erst kürzlich entdeckten Zeckenkrankheit" bestätigt. In Österreich, wo die Angst vor Zecken ohnehin überdurchschnittlich stark ausgeprägt ist, stoßen derlei Nachrichten auf besondere Resonanz.

Grund zur Panik besteht freilich nicht. "Die meisten Fälle von Ehrlichiose verlaufen unbemerkt ohne Symptome oder wie eine Sommergrippe", sagt Reinhard Würzner vom Hygiene- Institut der Universität Innsbruck. Nach einigen Tagen mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen ist die Sache meist ausgestanden. Gefährlich werden können die Erreger der Krankheit allerdings für ältere und immungeschwächte Menschen. Nur in Ausnahmefällen können Patienten daran sterben.

Blutanalysen. Dass die Ehrlichiose zurzeit überhaupt debattiert wird, liegt keineswegs an einer Häufung neuer Erkrankungsfälle oder - wie behauptet - daran, dass das Leiden erst jüngst entdeckt worden wäre: Zwei Innsbrucker Forscher hatten nun bloß die Publikation einer neuen Studie angekündigt. Um herauszufinden, ob bestimmte Bakterien aus der nach dem Nobelpreisträger Paul Ehrlich benannten Bakterienfamilie, zu der mindestens neun verschiedene Arten zählen, auch in Österreich vorkommen, hatten Würzner und dessen Kollege Gernot Walder seit zwei Jahren systematisch Blutproben von Patienten in westösterreichischen Spitälern getestet.

"Jeder siebente Tiroler hat Antikörper gegen die Bakterien ", fasst Würzner das Ergebnis zusammen - was bedeutet, dass solche Infektionen recht häufig vorkommen, ohne dass die Infizierten es überhaupt bemerken. Den neuen Daten zufolge tritt Ehrlichiose damit etwa so oft auf wie die Borreliose, deren Erreger in Österreich etwa jede siebente Zecke in sich trägt. Zum Vergleich: Selbst in durchseuchten Regionen ist maximal jede hundertste Zecke mit den gefürchteten Viren der Frühsommer- Meningoenzephalitis (FSME) infiziert, gegen die rund 80 Prozent der Österreicher geimpft sind und die Virologen zufolge heuer bundesweit bereits in rund 60 Fällen diagnostiziert wurde.

Heimische Fälle. Die ersten zwölf Fälle von Ehrlichiose - korrekt Humane Granulozyten- Ehrlichiose (HGE) - diagnostizierten amerikanische Ärzte zwischen 1990 und 1993. Zwei Patienten waren an Komplikationen der Erkrankung verstorben. Drei Jahre später entdeckten slowenische Ärzte den ersten HGE-Fall in Europa. Fast zeitgleich ergaben Laboranalysen bei Patienten in Süddeutschland, dass von Zecken gebissene Personen auch Antikörper gegen Ehrlichien gebildet hatten. In Österreich diagnostizierten die Innsbrucker Hygieneärzte die Erkrankung erstmals im Vorjahr bei einer Patientin in Lienz. Zwei weitere Krankheitsfälle traten heuer im Raum Innsbruck auf.

Der wichtigste Hinweis auf eine mögliche Infektion ist der Zeckenbiss selbst, wobei allerdings jene Stelle, an der die Zecke zugebissen hat, unauffällig bleibt - anders als bei einer Infektion mit Borrelien, welche mit einer Rötung der Haut um die Bissstelle einhergeht.

Tückische Angreifer. Bei einer Infektion mit Ehrlichien wehrt das Immunsystem die Bakterien zwar ab. Weiße Blutkörperchen, die Granulozyten, "fressen" die Krankheitserreger auf und lagern sie in kleine "Verdauungsbläschen " ein, um die Keime darin abzutöten - oft ohne Erfolg. Denn die Ehrlichien sind gegen die Angriffe so gut gewappnet, dass sie sich just in diesen Bläschen besonders vermehren. Sie überfluten die Abwehrzellen, und diese gehen zugrunde. Nach dem Zeckenbiss kann es bis zu zwei Wochen dauern, bis die Symptome beginnen.

Trotz der weiten Verbreitung der Ehrlichien ist die Diagnose "Ehrlichiose" äußerst selten. "Die Dunkelziffer der Erkrankung ist sicher hoch", so Würzner. "Grippeähnliche Symptome lassen nicht gleich an Ehrlichiose denken." Ist die Infektion einmal erkannt, lässt sie sich mit Antibiotika bestens behandeln. Eine Impfung gibt es nicht - dafür ist noch zu wenig über die Erreger bekannt.