Infektionen: Reisefieber

Während die Vogelgrippe ganz Südostasien in Angst und Schrecken versetzt, wollen viele Urlauber wissen, wohin man noch gefahrlos reisen kann.

Die SARS-Epidemie ist noch gar nicht ausgestanden – erst Anfang Jänner gab es in China neue Erkrankungsfälle –, da sorgt schon die nächste Krankheitswelle für neue Ängste. Bis zum Freitag der Vorwoche waren zehn Länder Südostasiens von der Vogelgrippe betroffen, von Südkorea über Japan und Thailand bis nach Indonesien. Mindestens zehn Menschen sind bisher an der durch Hühner übertragenen Infektion gestorben. Auf Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden in den betroffenen Staaten bisher mehr als 20 Millionen Tiere getötet und anschließend verbrannt oder vergraben. Unterdessen warnen immer mehr Experten davor, dass sich der Erreger der Vogelgrippe mit einem humanen Grippestamm zu einem Supervirus vereinen könnte.

Das Schreckensbild, das die Experten dabei vor Augen haben, sind die Pandemien des vorigen Jahrhunderts, allen voran die spanische Grippe, die im Jahr 1918 weltweit mehr als 40 Millionen Todesopfer forderte. Auch damals hatte sich aus einem tierischen Hintergrund ein Supervirus entwickelt, das dann rasch weltweite Verbreitung fand. Vorderhand gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass auch die Vogelgrippe zu einer Pandemie unter den Menschen führen könnte. Bisher war eine Infizierung nur durch direkten Kontakt mit erkrankten Tieren oder mit deren Exkrementen möglich. Aber aufgrund der enormen Verbreitung und weil gleichzeitig auch humane Grippefälle auftreten, ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass sich das Vogelgrippe-Virus in ein bösartiges humanes Grippevirus verwandelt. „Dann schaut es schlecht aus“, sagt Norbert Nowotny, Virologe an der Wiener Universität für Veterinärmedizin.

Segmentiertes Genom. Warum diese Gefahr wächst, lässt sich rasch erklären: Die tierischen und die menschlichen Grippeviren sind jeweils nur verschiedene Varianten ein und desselben Stamms. Die Erbsubstanz dieser Viren besteht nicht aus einem durchgehenden Molekül, sondern aus acht Einzelsegmenten, die aus unterschiedlichen Typen der Enzyme Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N) gebildet werden. Nach der Mischung dieser Genomsegmente haben dann die Virentypen unterschiedliche Bezeichnungen: Die derzeit grassierende Vogelgrippe trägt das Kürzel H5N1, das gewöhnliche humane Influenzavirus heißt beispielsweise H3N2. Wenn nun in ein und derselben Körperzelle beide Varianten des Influenzavirus aufeinander treffen, so können sie durch Austausch von Genomteilen ein Supervirus kreieren, das sich milliardenfach vermehrt und sich von Mensch zu Mensch über die Welt verbreitet.

Kein Wunder, dass viele verunsichert sind, ob sie einen geplanten Urlaub in Südostasien antreten oder lieber abblasen sollen. Die WHO hat bisher keine Reisewarnung für Südostasien ausgesprochen, und der Wiener Reisemediziner Herwig Kollaritsch rät überhaupt dazu, „die Kirche im Dorf zu lassen. Unter allen Gefahren, die auf Fernreisen drohen, ist die derzeit grassierende Vogelgrippe die geringste Gefahr.“

Nicht hilflos. Zwar räumt auch Kollaritsch die mögliche Entstehung eines Supervirus ein, das nicht nur schwer krank machend, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragbar ist, „aber der wesentliche Punkt ist, das hat noch nicht stattgefunden. Und kein Mensch kann heute sagen, ob das jemals stattfinden wird.“

Denn erstens, so argumentiert Kollaritsch, sei das Vogelgrippe-Virus seit geraumer Zeit bekannt; zweitens sei es auch immer wieder zu Ausbrüchen der Krankheit gekommen, wie 1997 in Hongkong oder erst im Vorjahr in Holland, wo ebenfalls Millionen Hühner vernichtet wurden, ohne dass sich aus dieser vergleichbaren Situation ein Supervirus entwickelt hätte. Drittens könne man die heutige Situation in keiner Weise mit den Pandemien von 1918 oder in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vergleichen: „Wir sind nicht völlig hilflos.“
Denn im Unterschied zu früher gebe es heute hoch wirksame Grippetherapeutika wie Oseltamivir oder Tamiflu, die als reine Neuraminidasehemmer wirken, das heißt, sie greifen bei jedem Grippetyp, also auch bei der Vogelgrippe H5N1, die Neuraminidaseanteile des Genoms an und verhindern so die Ausbreitung der Viren. Außerdem wären heute Forschung und Pharmaindustrie dazu in der Lage, binnen kurzer Zeit auf das Auftauchen eines neuen Grippevirus-Typs zu reagieren und eine wirksame Impfung herzustellen.1)

Viel größere Gefahren für Reisende sieht Kollaritsch in anderen Krankheiten: „Die für uns wirklich drängende Gefahr ist das Dengue-Fieber. Die Erkrankungen nehmen in den letzten Jahrzehnten enorm zu und sind im Begriff, als Reiseinfektion die Malaria eindeutig zu überflügeln.“
Das durch Stechmücken übertragene Dengue-Fieber ist eine hoch fieberhafte Allgemeinerkrankung, die in seltenen Fällen in ein hämorrhagisches Fieber (Fieber mit inneren Blutungen) übergehen kann. Die in subtropischen und tropischen Regionen der ganzen Welt mit Ausnahme von Schwarzafrika verbreitete Krankheit grassiert im Lebensraum von zwei Milliarden Menschen. Im Unterschied zur Malaria, die von dämmerungs- und nachtaktiven Stechmücken übertragen wird, sind die Überträger des Dengue-Fiebers tagaktive Stechmücken, sodass sich der Zeitraum der Gefährdung weniger gut eingrenzen lässt. Es genügt ein Aufenthalt in einer ländlichen, ein wenig feuchten Gegend, etwa in Reisanbaugebieten, wo die Mücken ein ideales Biotop vorfinden und nach frischem Menschenblut für ihre Fortpflanzungsaktivitäten gieren. Ähnliche Parameter gelten übrigens für die Japan-Enzephalitis, eine mit unserer Zeckenkrankheit FSME verwandte, aber seltenere Erkrankung.

Verwechslungsgefahr. Das Dengue-Fieber ist aufgrund seiner Symptomatik – hohes Fieber, Glieder- und Muskelschmerzen, totale Abgeschlagenheit und heftige Kopfschmerzen – leicht mit anderen Erkrankungen verwechselbar. Es gibt dagegen weder eine Vorbeugung noch eine Therapie. Die Experten warnen vor Versuchen, das Fieber mithilfe von Aspirin zu senken, denn Aspirin enthält Salicylsäure, einen Stoff, der wie das Dengue-Fieber die Blutgerinnung herabsetzt. Dadurch erhöht sich die Gefahr von inneren Blutungen. Ersterkrankungen verlaufen zumeist ohne Komplikationen und sind nach etwa einer Woche ausgestanden.

Anders als beim Dengue-Fieber steht der Medizin zur Vorbeugung und Behandlung der Malaria ein ganzes Arsenal von Medikamenten zur Verfügung. Dennoch kommt es vereinzelt immer wieder zu schweren Erkrankungs-, ja mitunter sogar zu Todesfällen auch unter österreichischen Reisenden. „Früher war das Verhältnis zwischen der schweren Malaria tropica und leichteren Formen fifty-fifty, jetzt kommen wir bei den schweren Fällen auf bis zu 75 Prozent“, berichtet der auf die Behandlung von Malaria-Kranken spezialisierte Hermann Laferl, Oberarzt am Kaiser-Franz-Joseph-Spital in Wien.

Leichtsinn und Leichtgläubigkeit seien die Hauptgründe der meisten Erkrankungen; sei es, dass Reisende falsche Auskünfte von ihrem Reisebüro bekämen, sei es, dass sie nach mehrmaligen, ohne Vorbeugung glimpflich verlaufenen Urlauben in den Tropen sicher seien, „dass eh nix passiert“. Die Reisemediziner können aufgrund von Studien genauere Prognosen stellen: So beträgt etwa das Risiko, bei einem vierwöchigen Aufenthalt in Kenia ohne Prophylaxe an Malaria zu erkranken, exakt 2,5 Prozent. In Mittelamerika sind es nur 0,01 Prozent. Die meisten Infektionen holen sich österreichische Reisende laut Laferl in Schwarzafrika. Fälle der mitunter tödlich verlaufenden Malaria tropica haben vereinzelt ihren Ursprung aber auch in anderen Weltgegenden. So erinnert sich Laferl an einen von Fieberschüben gebeutelten Patienten, der nach einem Aufenthalt auf der indonesischen Insel Lombok ins Kaiser-Franz-Joseph-Spital eingeliefert wurde. Die ungeöffnete Packung Malaria-Prophylaxe fand sich in seiner Hosentasche, nachdem er verstorben war.

In manchen Fällen dürfte es die Erkrankung statistisch gar nicht geben. Der 42-jährige Wiener Fotojournalist Heimo Aga zum Beispiel hielt sich nur einen Tag im Süden Äthiopiens auf – ohne die vorbereiteten Repellents, weil sein Reisegepäck erst mit einem späteren Flugzeug nachgeliefert wurde. Daheim in Wien bekam er plötzlich einen Fieberschub, „dass du glaubst, es schüttet dir jemand heißes Öl in den Nacken“. Bei mehr als 40 Grad Fieber tropfte der Schweiß unten aus der Matratze. Er war an dem leichteren Malaria-Typus Plasmodium vivax erkrankt und wurde mit Resochin, einem Mittel, das auch zur Vorbeugung genommen wird, wieder kuriert. Zur Abtötung der in der Leber verbliebenen Vorstufen des Erregers schluckte er anschließend zwei Wochen lang das Medikament Primaquin.

Teures Präparat. Als Vorbeugung verschreiben die Reisemediziner heute zumeist Lariam, ein sehr wirksames Medikament, das allerdings bei neuropsychiatrischen Vorerkrankungen wie depressiver Verstimmung, Panikattacken etc. kontraindiziert ist, weil es diese Zustände wachrufen kann. Das sowohl zur Vorbeugung wie auch zur Behandlung hoch wirksame und praktisch nebenwirkungsfreie Präparat Malarone vernichtet sowohl die Erreger im Blut wie deren Vorstufen in der Leber. Es hat nur den Nachteil, dass man es täglich einnehmen muss und dass es mit einem Preis von 63,30 Euro für zwölf Tabletten unverschämt teuer ist. Zur Vorbeugung wie zur Behandlung wird auch gern ein altbekanntes Antibiotikum namens Doxycyclin verschrieben, das auch die australischen Soldaten in Südostasien verwenden und das man auch bei längeren Aufenthalten dauerhaft einnehmen kann. Und selbst dort, wo sich bereits Resistenzen gegen eines der Medikamente entwickelt haben, verfügt die Medizin heute über neue wirksame Mittel. „Das einzige Problem, das wir mit der Malaria haben, ist der Zeitfaktor“, sagt Tropenmediziner Kollaritsch. „Das Zeitfenster zwischen dem Auftreten der ersten Symptome und einer Erkrankung auf Leben und Tod kann sehr kurz sein, oft weniger als 24 Stunden.“

Andere fieberhafte Erkrankungen, von denen in den Medien hin und wieder Schreckensbilder gezeichnet werden, wie das Lassa-Fieber oder Ebola, sind für den gewöhnlichen Reisenden kein Thema. Die Gegenden, wo diese Krankheiten von Zeit zu Zeit ausbrechen, sind so entlegen, dass dort normalerweise kein Europäer hinkommt. Viel ernstere Themen sind Gelbfieber, die vielfach durch streunende Hunde übertragene Tollwut oder Hepatitis A und B, allesamt Krankheiten, gegen die es genauso dauerhaft wirksame Impfungen gibt wie gegen die Cholera. Das zur Immunisierung gegen die Cholera eingesetzte Mittel Dukoral hat noch dazu einen unschätzbaren Nebeneffekt: Es schützt gegen den wichtigsten Erreger des Reisedurchfalls.
Reisemediziner Kollaritsch, der tagtäglich mit ganz anderen Problemen konfrontiert ist als mit der Vogelgrippe, rät jedenfalls dazu, sich im Fall einer geplanten Reise eher mit nahe liegenden Problemen zu befassen und weniger mit einem eventuellen künftigen Supervirus: „Das ist reine Spekulation. Alle reden von der Vogelgrippe, und keiner redet von der ganz normalen, aber ordentlichen Grippewelle, die uns derzeit heimsucht.“