Insolvenzen: Aufwind ohne Tragkraft
Mehr Pleiten trotz Konjunkturaufschwung

Wirtschaftsforscher prophezeien für 2004 einen spürbaren Konjunkturaufschwung. Und doch gehen derzeit so viele Unternehmen Pleite wie kaum zuvor.

Die Expansionsfreude kannte kaum Grenzen. Ein Grundstückskauf folgte dem anderen, kaum eine Woche verging ohne ein neues Projekt. Kontinuierlich wiesen die Bilanzen der Bauträger Gassner Immobilien GmbH mit Sitz in Zell am See Gewinne aus, den krönenden Höhepunkt der Erfolgsserie sollte schließlich eine Appartementanlage an der Küste Floridas bilden. Im Herbst vergangenen Jahres gerieten die Geschäfte jedoch zusehends aus dem Ruder. Geplante Bauvorhaben konnten nicht realisiert, einige Immobilien nicht verkauft werden. Das US-Engagement wurde zum Fass ohne Boden und verschlang über vier Millionen Euro. Auch ein rasch gezimmertes Sanierungskonzept brachte nicht mehr die erhoffte Trendwende.

Anfang 2004 kam das bittere Ende. Die Banken stellten die offenen Kredite fällig, am 27. Februar musste Geschäftsführer Andreas Gassner mit 70 Millionen Euro Gesamtschulden den Gang zum Konkursrichter antreten. Mittlerweile werden Zweifel an der Richtigkeit der früheren Bilanzen laut. Tatsächlich schrieb die Unternehmensgruppe offensichtlich bereits seit Jahren steigende Verluste.

Ohne Perspektive. Für Masseverwalter Wolfgang Lirk wurde schnell klar, dass die massive Schieflage des Unternehmens einen Weiterbestand unmöglich macht. „Wir haben geprüft, ob eine Fortführung möglich ist, und mussten den Betrieb am 31. März schließen“, berichtet Lirk.

Auch die im Jänner eröffnete Insolvenz des Safari- und Abenteuerparks Gänserndorf hat eine langwierige und von gescheiterten Sanierungsansätzen geprägte Vorgeschichte. Im September vergangenen Jahres hatte Geschäftsführer Georg Scheifinger versucht, die Kosten durch Umstrukturierungen zu senken. Im Dezember präsentierte er schließlich ein umfangreiches Sanierungskonzept, für dessen Umsetzung allerdings 1,3 Millionen Euro zusätzlich nötig gewesen wären. Geld, das weder die Gesellschafter noch externe Financiers oder Banken bereitstellen wollten. Angesichts sinkender Besucherzahlen spitzte sich die Finanzlage weiter zu. Am 21. Jänner 2004 musste der Safaripark mit 4,7 Millionen Euro Schulden Konkurs anmelden, zwei Wochen später wurde die Anlage vorläufig geschlossen.

Trotz bereits erfolgter Umstrukturierung und neuer Eigentümer wurde der burgenländische Mineralwasserabfüller Güssinger am 19. Februar mit Verbindlichkeiten von 5,5 Millionen Euro insolvent. 2001 hatte die Brau-Union-Gruppe das Unternehmen an die Aqua Montana Handels- und Betriebs GmbH, heute Aqua Blue, verkauft. Laut deren Geschäftsführer Karl Prantl wurden seither zwar fünf Millionen Euro investiert. Die hohen Personalkosten und der stärker werdende Konkurrenzdruck auf dem Mineralwassermarkt hätten das Unternehmen aber nur noch tiefer in die roten Zahlen geführt. Trotzdem hofft Prantl einen Zwangsausgleich bewerkstelligen und das Unternehmen weiterführen zu können. Die Zahl der Beschäftigten wurde derweil von 25 auf acht gesenkt.

Drei Fälle von vielen. Im ersten Quartal 2004 schlitterten in Österreich 1503 Unternehmen in die Insolvenz. Bei 760 Fällen, also mehr als der Hälfte, reichten die Mittel nicht einmal mehr, um ein Verfahren abzuwickeln. Dass dies just in einer Zeit passiert, da die Konjunktur langsam wieder in Gang kommt, mag auf den ersten Blick verwundern, hat aber durchaus seine Begründung. Hans-Georg Kantner, Leiter der Insolvenzabteilung des Kreditschutzverbandes (KSV): „Wir registrieren bereits seit Jahren einen Nachlaufeffekt von vier bis zehn Monaten.“ Gerade in der Zeit des beginnenden Aufschwungs haben diese Unternehmen vielfach nicht mehr die Kraft, um noch einmal durchzustarten. Rainer Kubicki vom Wirtschaftsinformationsdienst Creditreform sieht ein Hauptproblem darin, „dass die Unternehmen in Österreich vielfach eine sehr schlechte Eigenkapitalausstattung haben“. Diese Schwäche und Anfälligkeit spiegelt auch eine Statistik des Beratungsunternehmens A. T. Kearney wider: Demnach wurden in Österreich im vergangenen Jahr 1,73 Prozent aller existierenden Unternehmen insolvent. Ein Wert, der europaweit nur noch von Schweden übertroffen wird.

Am stärksten von der aktuellen Insolvenzwelle betroffen sind einmal mehr Bauwirtschaft und Baunebengewerbe: Allein die drei größten Fälle – Gassner, die niederösterreichische Buhl GmbH und Strasser Steinbau in Oberösterreich – zeichnen für 107 Millionen Euro Schulden, ein Viertel der insgesamt angefallenen Verbindlichkeiten, verantwortlich. KSV-Experte Kantner sieht die seiner Ansicht nach „verfehlte Vergabepolitik der öffentlichen Hand“ als Hauptgrund dafür: „Die Vergabe nach dem Billigstbieterprinzip ruiniert nicht nur die Preise, sondern zieht auch die Moral und die Substanz der gesamten Bauwirtschaft in Mitleidenschaft“ (siehe Kasten). Umgekehrt sehen Experten die Baubranche auch als den stärksten Motor der sich langsam erholenden Konjunktur. Für Otto Fellermayr, Insolvenzreferent des Alpenländischen Kreditorenverbandes (AKV), ist das nur bedingt ein Widerspruch: „Die Großen werden immer größer, und die kleineren Unternehmen kommen unter die Räder.“

Immer auf die Kleinen. Indizien dafür finden sich auch in der Statistik des ersten Quartals: Während die Zahl der Insolvenzen um 15,4 Prozent höher liegt als jene des Vorjahrs, stieg die Summe aller Verbindlichkeiten „nur“ um 9,2 Prozent. Die Zahl der von den Insolvenzen betroffenen Dienstnehmer lag sogar um 0,5 Prozent unter dem Vorjahrswert. Am stärksten betroffen sind also die klein- und mittelständischen Unternehmen.

Wirtschaftsminister Martin Bartenstein steht der Tendenz zur Verstärkung des Prinzips „Stirb und werde“ in der heimischen Unternehmenslandschaft prinzipiell positiv gegenüber. Mut zum Risiko als unternehmerischen Charakterzug zu fördern, entspricht seiner Grundphilosophie, und das impliziert nun einmal nicht nur Gründungsinitiative, sondern auch die Bereitschaft, im Fall des Scheiterns die Konsequenzen zu tragen. Wobei dies jedoch für Bartenstein nicht bedeutet, unternehmerische Winzlinge des Typs „neue Selbstständige“ ins existenzielle Wagnis drängen zu wollen.

AKV-Experte Fellermayr sieht hingegen sehr wohl das Problem, dass viele Leute regelrecht in die oftmals aussichtslose Selbstständigkeit getrieben würden: „Ich weiß noch von einem Maler aus dem Burgenland, der keinen Job finden konnte. Aus der Not heraus hat er sich selbstständig gemacht und stand ein Jahr später mit einer Million Euro Schulden vor der Pleite.“

Schützenhilfe für Bartenstein kommt hingegen von Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl: „Im Grundsatz bin ich natürlich der Auffassung, dass Unternehmertum etwas mit Risiko zu tun hat. Freilich handelt es sich bei manchen der neuen Selbstständigen um einen Kleinunternehmertypus, dem ein völliges Fehlen von Sicherheitsnetzen schwer zumutbar ist. Deshalb plädiere ich zum Beispiel für eine Arbeitslosenversicherung für Selbstständige.“

Von Bartenstein ist eine solche derzeit geplant.

Stärker noch als Leitl führt – naturgemäß – Arbeiterkammerpräsident Herbert Tumpel das Argument ins Treffen, dass es sich bei vielen der „neuen Selbstständigen“ in Wahrheit um ehemalige Dienstnehmer von Unternehmen handle, die diese am Weg des so genannten „Outsourcing“ bestimmter Leistungen kündigten. Wobei dann diese Ex-Dienstnehmer als eigene Kleinstunternehmer praktisch dieselben Tätigkeiten für das Unternehmen ausführten wie zuvor, vom Unternehmen auch genauso „abhängig“ seien wie zuvor – allerdings mit dem Unterschied, dass sie nun ein „ungleich höheres Risiko“ trügen. Tumpel: „Das ist ein schwer erträglicher Zustand. Deshalb verlangen wir von der Regierung mehr Schutz für Arbeitnehmer, die ausgegliedert werden.“

AKV-Referent Fellermayr ortet aber auch eine Art „moralischen Verfall“: „Einige Unternehmer nehmen den Konkurs sehr leichtfertig in Kauf oder beschwören ihn fast herauf. Seit sogar die Wirtschaftskammer eine Broschüre aufgelegt hat, dass ein Konkurs kein Gewerbeausschließungsgrund mehr ist, betreiben das manche fast schon als Sport: Firma gründen, selber ordentlich verdienen, Konkurs anmelden, und dann beginnt alles wieder von vorn.“

Bedingte Entspannung. Die Gläubigerschutzorganisationen rechnen zwar durch die Bank mit einer spürbaren Entspannung der Situation im zweiten Halbjahr. Die Hoffnung, mit den Pleiten der ersten drei Monate sei das Gröbste schon überstanden, könnte jedoch verfrüht sein. Hans-Georg Kantner: „Die erste April-Woche zeigt, dass die Zahl der mangels Vermögen Abgewiesenen unverändert hoch ist.“ Hinzu kommt, dass der Druck durch die EU-Osterweiterung am 1. Mai weiter steigen dürfte. Auch wenn der Zuzug von Arbeitskräften aus den neuen EU-Ländern anfänglich reglementiert ist, so gelte dennoch die Dienstleistungsfreiheit, warnt der KSV-Experte: „Nichts wird ab dem 1. Mai das Anbieten von Dienstleistungen über die Grenzen hinweg behindern. Auf diese neue Herausforderung haben sich viele Unternehmer offenbar noch nicht eingestellt.“