Integration: Die bösen Moslems. Religiöse Fanatiker, entmündigte Frauen & Töchter?

Bis vor Kurzem pflegte die ÖVP den respektvollen Dialog mit dem Islam. Dann änderte die Innenministerin den Tonfall. Plötzlich sind die bösen Moslems ein Wahlkampfthema. Was ist dran an den Vorurteilen?

Die Pressemeldung kam völlig aus dem Off. Am 5. Mai warnte der Wiener Akademikerbund: „Islam – nicht integrierbar“ und geißelte „Willkürherrschaft, Despotismus, geringschätzige Stellung der Frau“. Zahlreiche Probleme, welche die Welt heute mit dem Islam habe, seien „direkt im Koran und der gesamten islamischen Tradition der letzten 1400 Jahre begründet“, fuhr die VP-nahe Vereinigung fort. Mit dem „zerstörerischen Phantasma einer multikulturellen Gesellschaft“ müsse nun Schluss sein.

Eine Woche später, Freitag vorvergangener Woche, klagte Innenministerin Liese Prokop der „Tiroler Tageszeitung“ unter Berufung auf eine Studie, 45 Prozent der in Österreich lebenden Moslems wollten sich nicht integrieren. Was die Ministerin mit der Bemerkung ergänzte: „Wer sich nicht integriert, hat bei uns nichts zu suchen.“

Zwei Tage nach Prokops Zeitungsinterview griff Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) das Integrationsthema in seiner „Rede an die Nation“ auf: Zuwanderer müssten die deutsche Sprache lernen und die österreichischen Traditionen respektieren. Dazu gehöre die Gleichheit von Mann und Frau; Zwangsehen und Ehrenmorde würden „beinhart verfolgt“.

Morgenland. In Kürze soll ein Buch des wegen seiner Schmutzkübel-Kampagne gegen Thomas Klestil berüchtigten Cartellverband-Bruders Ernst Hofbauer erscheinen, in dem dieser vor der seiner Einschätzung nach „rasch wachsenden radikal-islamistischen Szene“ in „Wiens Morgenland“ warnt (siehe Kasten Seite 24).

So viel Islam-Kritik aus ÖVP-Kreisen gab es noch nie. Bis vor Kurzem hatte die Parteispitze das Verbindende über das Trennende gestellt: Am Ostersonntag etwa war Nationalratspräsident Andreas Khol zu einer Geburtstagsfeier für den Propheten Mohammed in die Stadthalle geeilt. EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner betonte bei der Eröffnung der Imame-Konferenz Anfang April die gemeinsamen Wurzeln der Religionen. Kanzler Schüssel empfahl das Modell der friedvollen Partnerschaft sogleich als „Exportartikel“. Außenministerin Ursula Plassnik pries Österreich als „Ort der Begegnung und des zukunftsorientierten Gesprächs“.

Wie kam die Innenministerin darauf, fast jeder zweite in Österreich lebende moslemische Zuwanderer pfeife auf Integration? Freitag vergangener Woche, sieben Tage nachdem ihr Interview erschienen war, reichte Prokop die dazugehörige Studie nach. Dass 45 Prozent der zugewanderten Moslems Integration kategorisch ablehnen würden, ließ sich daraus nicht ableiten. Der Autor, der Erlanger Islam-Experte Mathias Rohe, schätzt die Lage als entspannt ein: Österreich habe bei Problemen nicht weggeschaut wie Großbritannien, und seine Zuwanderer nicht in Ghettoviertel abgedrängt wie Frankreich. Zwar stünden 45 Prozent der Moslems der Mehrheitsbevölkerung reserviert gegenüber – aber sind sie deswegen „integrationsunwillig“? Rohe: „Das Wort taucht so nicht auf.“

Aus gutem Grund. Die Wiener Soziologin Hildegard Weiss befragte tausend Migranten zwischen 16 und 26 Jahren und stieß auf Aufstiegsblockaden, Bildungsmängel und soziale Isolation. Eine ausgeprägte Unlust, sich zu integrieren, sei ihr neu. Ähnlich urteilt die Grazer Theologin Inge Strobl, die ihre Dissertation vor zehn Jahren dem Islam in Österreich widmete und derzeit an einer Neuauflage ihrer sozialwissenschaftlichen Analyse arbeitet. Ärgerlich an der Debatte findet sie vor allem, wie religiöse, kulturelle und soziale Fragen vermischt werden.

Studienautor Rohe qualifizierte den Diskurs als „Angstdebatte“. Zwei Drittel der Österreicher glauben, dass der Einfluss des Islam zunimmt; fast ebenso viele finden diese Vorstellung bedrohlich. Konkrete Ängste vor Radikalismus, Fanatismus und Fundamentalismus verschmelzen mit diffusen Ängsten vor Überfremdung und dem Verlust von Freiheiten.

Zerrbilder. Als Wahlkampfthemen eignen sich Stereotypen und Zerrbilder allemal: ein gewaltbereiter Patriarch, der seine Frau entrechtet und Töchter unters Kopftuch zwingt; ein rückständiger Antidemokrat, der seine Söhne in Ehrenfehden hetzt, westliche Werte mit Inbrunst verachtet und nach dreißig Jahren im Land noch kaum Deutsch spricht; ein fanatischer Anhänger Allahs, der kein Freitagsgebet auslässt und unter dem Schutz der liberalen Gesellschaft an der Errichtung des Gottesstaates arbeitet.

Laut einer Analyse von mediawatch im Auftrag des Innenministeriums mutierte das „Ausländerthema“ zum „Moslemthema“ (siehe Grafik Seite 21). Noch ist die Mehrheit der Österreicher überzeugt, Moslems hätten es hierzulande besser als sonst wo. Fragt man diese selbst, fällt die Zustimmungsrate niedriger aus: Immerhin die Hälfte der Bosnier und 40 Prozent der Türken sind der gleichen Meinung.

Dejan Petrovic, ein serbischer Kulturmanager, und Maximilian Hüler, ein österreichischer Fotograf, erforschten für ihre Wanderausstellung „360 Grad“ den Alltag von Moslems. In London und Paris hätten sich viele nicht einmal getraut, mit den Ausstellungsmachern zu reden. „In Wien hatten wir dieses Problem nicht“, erzählt Petrovic: „Hier fühlen sich Moslems anerkannt und sicher.“

Doch der Aufschrei – „Integriert euch!“ –, der seit dem 11. September 2001 durch Europa geht, erreichte auch Österreich. Habituell beschworen die Spitzen der Republik den respektvollen Umgang der Religionen. Dabei kam die Auseinandersetzung mit Problemen zu kurz, klagt Integrationsexperte Hikmet Kayahan. „Wir brauchen einen Dialog auf Augenhöhe“, fordert er. Denn, ja, es gebe Probleme. „Lasst uns reden. Aber nicht in diesem diffamierenden Tonfall.“

Die 400.000 Moslems – vertreten von der Islamischen Glaubensgemeinschaft – sind eine uneinheitliche Gruppe: „Der überwiegende Teil will in Ruhe leben und ein paar Mal im Jahr in die Moschee gehen“, sagt der Wiener Rechtsphilosoph Jürgen Wallner. Nur jeder Zehnte gilt als streng religiös. Das Gros der Moslems – etwa 45 Prozent – ist türkischer Herkunft, 30 Prozent stammen aus Ex-Jugoslawien. Ihre Identitäten sind vielschichtig, die wenigsten wollen sich darauf reduzieren lassen, Moslem zu sein.

„Ich werde immer mehr zur Moslemin. Was ich sonst alles bin – Österreicherin, Türkin, Europäerin –, zählt das nichts?“, fragt die Chefin des Wiener Migrantenberatungszentrums Peregrina, Gamze Ongan. Nun werde Moslemin zu sein auch noch mit Integrationsunwilligkeit gleichgesetzt. Dabei sind die Sprachkurse, die Peregrina anbietet, bis auf den letzten Sessel ausgebucht. Was überhaupt ist mit Integration gemeint?

Als Österreich in den sechziger Jahren Gastarbeiter anwarb, war das kein Thema. Die Behörden achteten weder auf Ausbildungsniveau noch Sprachkenntnisse. Viele, die damals ins Land kamen, haben in Österreich Kinder, dann Enkel und schließlich einen Pass bekommen. Die Forderung nach Integration tauchte erst später auf: Sie sollten ihre Mädchen auf Schikurse schicken und aufhören, alle Grillplätze auf der Donauinsel zu belegen. Verbindliche Kriterien für eine gelungene Eingliederung gab es nicht. Verbittert fragt ein Türke: „Es heißt immer, wir sollen uns integrieren. Aber wohin, verdammt?“

Zuwanderer stehen unter dem Generalverdacht, dazu einfach keine Lust zu haben: Das Meinungsforschungsinstitut OGM fragte im Auftrag von profil, welche Gruppen als integrationswillig gelten. 66 Prozent orten bei Zuwanderern aus Ex-Jugoslawien Eingliederungswillen, aber nur 19 Prozent bei türkischen Migranten (siehe Grafik Seite 17).

Letztere gelten als besonders anfällig für Abschottung. Im Nachhinein ist nicht leicht festzustellen, was zuerst war: die Frustration über die nicht gelungene Integration oder die Abschottung. Dass Konflikte im Zusammenleben entstehen, ist unleugbar – und sie entstehen oft an den gleichen Stellen: Der Sohn kommt von der Schule und erzählt, dass er vom Basketballplatz geht, sobald „die Türken“ kommen. Lehrer klagen, türkische Eltern kämen nicht zum Sprechtag. Sozialarbeiter berichten, der permantene Druck, anständig zu sein, sich anzupassen, überfordere die Migranten. Hinzu kämen Existenzangst, Probleme mit den Kindern und die negative Berichterstattung in manchen Massenmedien.

Schuldzuweisung. Wenn Österreichs Schüler beim PISA-Vergleichstest schlecht abschneiden, sind die Migranten schuld; wenn den Migranten der Aufstieg nicht gelingt, liegt das nicht an einer Jahrzehnte forcierten Gastarbeiterpolitik, sondern an ihrer rückständigen Religion. Soziale Konfliktzonen werden zu religiösen Aufmarschgebieten, das ärgert die Wiener Soziologin Weiss: „Integration ist eine soziale Frage.“ Auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft gingen gesundheitsgefährdende, schlecht bezahlte Jobs verloren. Die türkischen Hilfsarbeiter traf der Strukturwandel doppelt. Ihre Söhne schafften den Aufstieg auch nur zum Teil, ein Drittel blieb auf dem Qualifikationsniveau ihrer Väter. Um sie machen sich Integrationspolitiker jetzt Sorgen: Sie haben kaum Perspektiven am Arbeitsmarkt, und es fehlt ihnen an Vorbildern. Nicht ausgeschlossen, dass auf solchem Humus irgendwann religiöser Fanatismus gedeiht.

Integrationsunwilligkeit ist so etwas wie die subjektive Tatsache einer gescheiterten Eingliederung. Jeder Mensch antwortet auf die Frage, ob Zuwanderer die Sprache lernen sollten, mit Ja, konstatiert Weiss. Erst bei der Religion scheiden sich die Geister. Für jeden zweiten moslemischen Jugendlichen spielt sie eine wichtige Rolle. Bei den Österreichern sagt das nicht einmal jeder zehnte. 46 Prozent der Moslems wollen einen Ehepartner der gleichen Religion, bei den Nicht-Moslems bestehen nur 16 Prozent darauf. Erfahrungen in klassischen Einwanderungsländern zeigen, dass es mindestens drei Generationen dauert, bis sich die Ethnien durch Heirat vermischen.

Kaum hatte Innenministerin Prokop ihre These von den 45 Prozent Integrationsunwilligen lanciert, zog der freiheitliche EU-Abgeordnete Andreas Mölzer den Schluss, da sehe man, wie weit die Entwicklung der Parallelgesellschaft fortgeschritten sei. Anthropologen, die auf der Suche danach ins Feld zogen, haben bisher keine „abgetrennten, kulturellen Systeme gefunden“, berichtet die Wiener Forscherin Sabine Strasser: „Der Begriff muss halt für jede Abschließung herhalten.“

Klein-Istanbul. Gerade in Wien vermieden die Stadtentwickler Wohnghettos. Anders als in Deutschland oder Holland, wo Tabuzonen für Einheimische entstanden, wohnten die Gastarbeiter hier zwar in Substandardwohnungen, aber Tür an Tür mit eingesessenen Wienern. Stadtteile, die abzudriften drohten, wurden städteplanerisch aufgewertet. Junge Wiener zogen etwa in Lofts rund um den von Türken bevölkerten Brunnenmarkt.

Es entwickelte sich eine Infrastruktur für die spezifischen Bedürfnisse der Migranten: Türken betreiben Lebensmittelläden, Reisebüros, Kreditvermittlungen; konsultieren ihre eigenen Ärzte und leben in Wohngrätzeln unter sich. Seit einem Jahrzehnt beobachtet der Wiener Sozialarbeiter Bülent Öztoplu eine stärkere Hinwendung auf die eigene Gruppe. „Die erste Generation kauft mit dem ersparten Geld dem Enkel einen Döner-Stand, weil der keine Lehrstelle findet.“ Und dort kaufen dann andere Türken ein – aus Solidarität, nicht weil ihnen McDonald’s zuwider wäre.

Von einer Parallelgesellschaft würde die Soziologin Weiss reden, wenn zu solchen Phänomenen weitere kommen: Wenn ein Jugendlicher nur in türkische Vereine geht, streng traditionell erzogen wurde, ihm Religion sehr wichtig ist, er nur türkische Medien konsumiert und Kontakte mit Österreichern meidet. In ihrer Untersuchung trafen alle fünf Kriterien nur auf 0,2 Prozent der Jugendlichen zu.

In den Familien festigen Rückzugstendenzen die patriarchalen Strukturen. Gesellschaftliche Kränkungen werden durch Überhöhung der eigenen Werte kompensiert: Das christliche Abendland mag uns schmähen, aber seht nur, wie ihre Familien zugrunde gehen an Alkohol, Drogen und Einsamkeit. Gewalt in den eigenen Reihen, Zwangsehen und Ehrenmorde werden dabei oftmals ausgeblendet. Anfang Juni tritt ein Gesetz in Kraft, das Zwangsehen zum Offizialdelikt macht. Experten rechnen mit einer Sensiblisierung für das Thema, andererseits könnte es auch zu Denunzierungen kommen. Nicht jede Türkin, die ihren Cousin heiratet, wird dazu gezwungen.

Und nicht jede Moslemin, die ein Kopftuch trägt, macht das auf Geheiß ihres Vaters. Seit einigen Jahren studieren vermehrt Mosleminnen, die Kopftücher tragen. Gleichzeitig wird die traditionelle Rollenzuschreibung gerade von Türkinnen abgelehnt. „Sie befreien sich gerade“, konstatiert Weiss. Der Ausstieg aus dem Rollengefängnis gelingt über die Bildung. Weit verbreitet, wenn auch empirisch nicht nachweisbar, ist das Vorurteil, Moslems hätten ein verkorkstes Verhältnis zur Demokratie. Integrationsexperte Kayahan fühlt sich bloß von einem einzigen Präsidenten vertreten, und das ist nicht jener seiner Glaubensgemeinschaft: „Mein Präsident heißt Heinz Fischer.“ Die Mehrheit der Moslems denke wie er. Sollte irgend jemand von einem Gottesstaat träumen – „hey, hallo, dagegen gibt es Gesetze“.

Der Islam ist in Österreich seit 1912 anerkannt. Die aktuell rund 350 Religionslehrer werden von der Glaubensgemeinschaft ausgesucht, aber vom österreichischen Staat bezahlt. Unterrichtssprache ist Deutsch, nur an konfessionellen Privatschulen darf auch in Arabisch gelehrt werden. Das Modell habe sich bewährt, sagt Rechtsphilosoph Wallner, „weil hier Transparenz herrscht“.

Im Unterschied zu den Moscheen. Die meisten gelten als liberal, einige jedoch werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Anwesenheit von „Hasspredigern“ wurde von der Glaubensgemeinschaft bestätigt. Der Integrationsbeauftragte und SPÖ-Gemeinderat Omer al-Rawi nannte fünf Moscheen, in denen radikale Prediger auftreten würden. Auf die Auswahl solcher Imame habe aber die Glaubensgemeinschaft keinerlei Einfluss. Was so nicht stimmt. So deckte profil im Jahr 2002 auf (profil 9/02), dass ein Angehöriger der „Hisb-al Tahrir“-Bewegung, die in Zentralasien für Terroranschläge verantwortlich gemacht wird, in Wien die radikale Zeitschrift „Explizit“ herausgab.

Der Herausgeber war für die Auswahl von islamischen Religionslehrern verantwortlich.

Von Edith Meinhart