Eli Pariser: „Jeder ist in seiner Blase allein”

Der amerikanische Bestsellerautor Eli Pariser über Internet-Filter, die uns die Sicht auf die Welt verstellen, das mysteriöse Verschwinden seiner Online-Freunde und die Bedrohung der Demokratie.

Interview: Edith Meinhart

profil: Sie halten das offene, demokratische Netz für einen Mythos. Wir kriegen nur mehr das zu sehen, was personalisierte Filter zu uns durchlassen. Was bedeutet das?
Pariser: Bei vielen Begriffen ist das kein Problem. Aber nehmen Sie einen Begriff wie "Barack Obama“. Die meisten Internet-User werden zuerst bei seiner Homepage und seinen Wikipedia-Einträgen landen. Andere sehen möglicherweise zuerst die Seiten vom rechten politischen Rand, die behaupten, er sei kein Amerikaner und deshalb zu Unrecht Präsident.

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Zwei meiner Kollegen haben verschiedene Begriffe gegoogelt und exakt dieselben Ergebnisse bekommen.
Pariser: Das überrascht mich nicht. Als mein Buch auf den Markt kam, war ich in einer Radioshow zu Gast. Den ersten beiden Hörern, die in der Sendung angerufen haben, ging es wie Ihren Kollegen - identische Treffer. Ich habe gedacht: Na, fein, das ist ja eine tolle Promotion für mein Buch. Aber beim nächsten Hörer waren sie völlig anders. Das ist ja das Interessante. Wer was zu sehen bekommt und was nicht, entscheidet ein Algorithmus, auf den wir keinen Einfluss haben.

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Meine Kollegen sind nun allerdings überzeugt, dass Suchmaschinen unvoreingenommen funktionieren und Sie ein wenig paranoid sind.
Pariser: Mag sein, dass ihre Computer die gleiche IP-Adresse haben und im Hintergrund ein ähnliches Nutzerprofil steht. Doch selbst das weiß man nicht, und das ist für mich der springende Punkt. Unser Verhalten im Internet steht unter ständiger Beobachtung. Alles, was wir machen, fließt in ein Profil ein. Je mehr Daten wir liefern, desto genauer wird es. Eine Software nimmt uns die Entscheidung ab, wofür wir uns interessieren. Das passiert im Verborgenen und ist nicht im Geringsten nachvollziehbar. Deshalb kann man es leicht für eine Ausgeburt der Fantasie halten.

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Die meisten Menschen scheinen sich freilich weniger vor Filtern zu fürchten als davor, an der Überfülle an Informationen zu verzweifeln. Was spricht dagegen, dass intelligente Software uns davor bewahrt?
Pariser: Die Bequemlichkeit geht auf Kosten einer umfassenden Sicht von der Welt. Wenn uns nur mehr präsentiert wird, was unseren Vorlieben und Ansichten entspricht, die wiederum aus unseren Abfragen geschlossen werden, können wir als Bürger keine fundierten Entscheidungen treffen. Denn dafür ist es wichtig, dass wir uns auch mit abweichenden Meinungen konfrontieren.

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Filter gibt es auch in der analogen Welt. Zeitungen und Fernsehstationen wählen Nachrichten aus, die sie für wichtig und interessant halten.
Pariser: Aber das machen sie nach bekannten professionellen und ethischen Richtlinien. Bei Facebook oder Google weiß ich nicht, wie mein Profil ausschaut und was die Software zu mir durchlässt. Hier überlassen wir einem Algorithmus Macht und Einfluss.

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Haben Sie jemals recherchiert, was Amazon, Google oder Facebook über Sie wissen?
Pariser: Ja, aber leider ist das, was man als User in die Finger bekommen kann, bestenfalls die Spitze eines Eisbergs. Der größte Teil der Daten über mein Verhalten auf den Seiten - was ich angeklickt, von wo aus ich mich eingeloggt habe und vieles mehr - ist nicht verfügbar.

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Menschen suchten immer schon eher die Bestätigung als den Widerspruch. Was ist neu an der Filterblase?
Pariser: Erstens sitzt jeder in seiner eigenen Blase, allein. Wenn man eine Fernsehshow anschaut oder eine Zeitung liest, kann man sich über die Inhalte austauschen. Das schafft gemeinsame Erfahrungen. Filterblasen hingegen sind eine zentrifugale Kraft. Zweitens sind sie unsichtbar. Wenn ich eine TV-Station oder eine Zeitung aufschlage, weiß ich in der Regel, wie ich sie politisch einzuordnen habe. Google sagt mir nicht, welches Bild es sich von mir macht. Seine Agenda liegt im Dunkeln. Und viele Menschen glauben sogar, Google habe gar keine, sondern liefere allen die gleichen Inhalte. Drittens kann man es sich nicht aussuchen, ob man die Blase betritt oder nicht, weil man die personalisierten Filter in den meisten Fällen nicht an- und abschalten kann.

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Google will Gratisstrom an Konsumenten abgeben, im Gegenzug für Verbraucherdaten, die über intelligente Stromzähler gesammelt werden. Ist das der nächste Schritt?
Pariser: Ja, das werden sicher viele nützen, und das ist auch nicht per se schlecht. Es geht um etwas anderes: Wir müssen begreifen, dass es nichts gratis gibt, sondern wir dafür etwas von uns verkaufen. Google ist auf jedes Fuzerl Daten aus, das sie nur kriegen können, und sie sind sehr gut darin, es sofort wieder zu Geld zu machen. Wie? Je personalisierter die Daten, desto gezielter kann man damit Werbekunden ansprechen.

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Das erklärt, warum man von Schuhwerbung verfolgt wird, wenn man im Internet einmal Sandalen gesucht hat?
Pariser: Genau. Die treibende Kraft ist die Werbewirtschaft. Welche Seite Sie aufrufen, wie lange Sie darauf verharren, was Sie anklicken, wird genau beobachtet, ausgewertet und sofort an andere Websites weiterverkauft. Google zum Beispiel identifiziert User anhand von 67 verschiedenen Signalen, von der Internet-Adresse des Computers über den verwendeten Browser bis hin zu vorher aufgesuchten Seiten, und kann die User fortan unsichtbar verfolgen.

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Das gilt inzwischen als die Goldgrube im Internet schlechthin. Wie stehen die Chancen, dass sich das Rad zurückdrehen lässt?
Pariser: Es gibt kein Zurück. Je relevanter Informationen sind, die einem User vorgeschlagen werden, desto öfter werden sie angeklickt. Und wenn er oder sie dann immer wieder zu dieser Seite zurückkehrt, steigen dort die Werbeeinnahmen. Diese Dynamik ist nicht zu stoppen. Die entscheidende Frage ist: Was ist relevant? Was am häufigsten angeklickt wird, ist oft nur wertloses Informations-Junkfood. Und das betrifft uns längst nicht mehr nur als Konsumenten, sondern auch als Bürger, weil immer mehr Menschen sich über personalisierte Newsfeeds wie Facebook auf dem Laufenden halten.

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Sie meinen, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sei das gefährlich.
Pariser: Natürlich, eine funktionierende Demokratie braucht einen "public space“, einen Raum, in dem Einverständnis über die Tatsachen herrscht, und es braucht die Fähigkeit der Bürger, Interessen auszuhandeln und um Entscheidungen zu ringen. Das geht nicht, wenn jeder in seiner eigenen Blase sitzt.

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Für junge Menschen ist das Internet mitunter schon die einzige Informationsquelle. Was bedeutet das für die Zukunft?
Pariser: Das könnte zu einem echten Problem werden, wenn wir nicht gegensteuern. Es liegt auf der Hand, dass eine Umgebung, die nur mehr Informations-Junkfood serviert, nicht sehr gesund ist. Ich setze meine Hoffnungen darauf, dass sich eine neue Generation von Programmierern und Ingenieuren darum kümmert und bessere Filter entwickelt.

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In der Zwischenzeit versuchen Google, Facebook & Co, so viele User wie möglich an sich zu binden, sie in einer Filterblase "einzusperren“, wie Sie schreiben. Gibt es daraus ein Entkommen?
Pariser: Es beginnt damit, dass man versteht, wie Filter funktionieren. Erst dann kann man überhaupt entscheiden, welche Tools sich für welche Zwecke eignen. Und zweitens sollte man absichtlich nach unterschiedlichen Ansichten und Meinungen suchen. Twitter eignet sich dafür hervorragend.

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Facebook hingegen weniger. Sie berichten in Ihrem Buch, wie Ihnen im Laufe der Zeit Ihre konservativen Freunde abhandenkamen.
Pariser: Ja, alle, die nicht meine politische Meinung teilen, sind nach und nach aus meinem Newsfeed verschwunden. Ich habe mich immer bemüht, mit Leuten Kontakt zu halten, die nicht so denken wie ich. Ich wollte ihre Postings lesen und wissen, was sie treiben. Dank der Software war ich am Ende von Gleichgesinnten umzingelt.

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Konnten Sie das wieder umdrehen?
Pariser: Auf Facebook nicht, ich bin zu Twitter gewechselt. Dort kann man Andersdenkenden einfacher folgen und ein breites Spektrum von Meinungen abdecken.

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Was ist die Lösung? Weg mit den Filtern?
Pariser: Ich glaube nicht, dass man sie abschaffen sollte. Sie haben durchaus ihren Sinn. Aber wir sollten dafür sorgen, dass sie richtig eingesetzt werden. Das bedeutet aus meiner Sicht erstens volle Transparenz, wann und wie sie angewendet werden. Zweitens sollen User selbst entscheiden können, wann sie die Personalisierung verwenden. Drittens braucht es mehr soziale Verantwortung aufseiten der Unternehmen, die sich ernsthaft darum bemühen sollten, dass Themen, die wichtig sind, nicht hinter jene zurücktreten, die wir sympathisch finden. Facebook könnte einen "Important“-Knopf einführen, zum Beispiel.

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Was soll das bringen?
Pariser: Bei einem Posting "Habe soeben den Marathon geschafft“ klickt man schnell einmal auf den "Like“-Button. Bei der Nachricht "Genozid in Darfur“ fällt das nicht so leicht. Das führt dazu, dass manche Informationen seltener verteilt werden als andere. Das würde sich ändern, wenn es einen "Important“-Button gäbe, auf den man klicken könnte.

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Was kann der Einzelne gegen die Bevormundung durch Filter tun?
Pariser: Das Wichtigste ist, dass die Konsumenten aufwachen und anfangen, sich dagegen zu wehren. Man kann die Browser wechseln und die Suchergebnisse vergleichen. Man kann auf Internet-Dienste zurückgreifen, die dem User die Kontrolle lassen. Man kann gegoogelte Begriffe anderswo gegenchecken. Und neuerdings kann man bei Google auch die personalisierte Suche ausstellen.

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Soll man sich im Netz mehrere Identitäten zulegen? Facebook-Gründer Mark Zuckerberg argumentiert ja, im richtigen Leben hätte jeder Mensch auch nur eine, es sei nicht integer, online mehrere zu haben.
Pariser: Dieses Verständnis ist wirklich nicht Stand der Wissenschaft. In den vergangenen 50 Jahren wurde unter vielen verschiedenen Blickwinkeln erforscht, wie wir kommunizieren und uns präsentieren: am Arbeitsplatz, zu Hause, in Liebesbeziehungen und Freundschaften. Wir spielen überall eine andere Rolle, und das muss uns auch online möglich sein.

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Haben Sie noch Hoffnung, dass das Internet das demokratiepolitische Versprechen seiner Anfangsjahre noch einlösen kann?
Pariser: Ja sicher. Wenn User aufhören, sich nur als Konsumenten zu verstehen, und beginnen, sich als "digital citizens“ zu begreifen. Die Online-Welt gehört uns allen, und wir müssen dafür sorgen, dass sie auch unsere gesellschaftlichen Bedürfnisse erfüllt und nicht nur der werbetreibenden Wirtschaft dient.

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Gibt es dafür schon ein Bewusstsein?
Pariser: Da ist noch sehr viel zu tun. Ich hoffe, mein Buch trägt dazu bei.

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Woran arbeiten Sie im Moment?
Pariser: An etwas, das durchaus mit dem Thema zu tun hat. Upworthy ist eine neue Internet-Seite, die sich damit beschäftigt, jene Inhalte und Themen, auf die es ankommt, auf andere Seiten - etwa Facebook - zu verlinken. Wir haben damit gerade erst begonnen. Aber die ersten paar Monate liefen bereits sehr gut. Wir halten derzeit bei vier Millionen Usern pro Monat.


Eli Pariser, 31,

wuchs im US-Bundesstaat Maine auf und studierte Rechtswissenschaften und Politik. In der Internet-Community wurde er schlagartig berühmt, als er nach den Anschlägen von 9/11 eine erfolgreiche Online-Petition gegen den "War on Terror“ ins Leben rief. Die Initiative mündete in die Internet-Plattform MoveOn.org, die Aktivisten aus dem demokratischen und progressiven Lager vereint und eine neue Ära politischer Online-Mobilisierung einläutete. 2004 machte sich MoveOn.org im Präsidentschaftswahlkampf für progressive und demokratische Kandidaten stark. Inzwischen kann die Internet-Initiative auf fünf Millionen Mitglieder und 120 Millionen Dollar Spenden für politische Hoffnungsträger und Lobbyingarbeit zählen.

Bei Recherchen im Internet bemerkte Pariser, dass User mit liberaler Einstellung andere Treffer erhielten als Konservative. Das gab den Anstoß für sein Buch "The Filter Bubble. What the Internet Is Hiding from You“. Es erschien 2010 und wurde im Jahr darauf auf Deutsch übersetzt (erschienen im Hanser Verlag). Pariser rechnet darin mit Suchmaschinen und personalisierten Filtern ab. Seine These: Das offene, demokratische Netz, in dem alle Menschen Zugang zu allen Informationen erhalten, mutiere zusehends zu einem Tummelplatz für jeweils Gleichgesinnte. Was unseren Ansichten und Vorlieben zuwiderlaufe, werde ausgeblendet. Der einzelne User mag das behaglich und bequem finden, auf gesellschaftlicher Ebene gefährde es den Zusammenhalt. Eine Demokratie lebe von Bürgern, die sich mit verschiedenen Interessen auseinandersetzen könnten. Stattdessen verschwinde jeder in seiner eigenen Blase. Für den Buchautor schlich sich die neue, unsichtbare Zensur zunächst fast unbemerkt ins Leben der Internet-Community ein - mit einer kleinen, unscheinbaren Notiz am 4. Dezember 2009: "Personalisierte Suche für alle“, postete Google damals auf seinem Unternehmensblog. Seither entscheidet ein eigens entwickelter Algorithmus, wer mit welchen Recherche-Ergebnissen beliefert wird. "The Filter Bubble“ hielt sich wochenlang in der Bestsellerliste der "New York Times“.

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