Internet: Klick die Clique!

Für Teenies zählt das soziale Online-Netzwerk Facebook heute zum überlebensnotwendigen Kommunikationsmittel. Wie die Freundschaftsbörse das soziale Verhalten und die Zukunft des Netzes beeinflussen wird.

Updated: Michi, Yvonne, Victoria und Saskia, alle 13 Jahre alt, sind innerhalb der letzten zwölf Stunden der Gruppe „Delphine sind schwule Haie“ beigetreten. Im Vergleich zum diskussionswürdigen Schnösel-Forum „Sprengt die Brücken über die Donau – für ein Prolo-freies Wien“, das inzwischen über 632 Mitglieder verfügt, ein zäher Zustrom.

Dem Gefühl einer Gruppenzugehörigkeit, das einen quintessenziellen Teil des Wohlfühlfaktors der Facebook-Community ausmacht, ist natürlich auch das Prinzip der Ab- und Ausgrenzung systemimmanent. Ach ja, und wenn es irgendjemand von Michis 180 virtuellen Freunden nicht interessieren sollte – so was von keine Chance. Sie hat sich gestern die Haare gefärbt – blonde Strähnen. Danny, Mitglied der Facebook-Leidensaustauschgruppe „I’m a victim of a Jewish Mother“, hatte ihr beim Färbungsprozess in der Wohnung einer Freundin geholfen.

Auch an solchen intimen Details kann sich oder besser muss sich das virtuelle Freundesrudel delektieren. Apropos Event. 27 von Michis „Friends“ werfen sich am Samstag in den Club Hochriegl auf die „Von House aus Geil“-Party. Die Administration des Cliquen-Amüsements, die bis vor Kurzem noch mit langwierigen SMS-Bombardements abgehandelt werden musste, wird mit Facebook zum Kinderspiel. Ganz abgesehen davon ist es für Michi zwar kein wirklich großer, aber ein guter Facebook-Tag: Sieben Pokes (Stupser, was der Kommunikationsaufforderung von Freunden entspricht) sind eingegangen, fünf Knaben haben sich mit ihr flirtend auseinandergesetzt.

Die Spielwiese für so viele, bisweilen dadaistisch anmutende soziale Interaktionen ist gerade erst einmal eineinhalb Jahre allgemein zugänglich und entwickelt sich gleich einem Flächenbrand. Nach den User Foren MySpace, YouTube und Wikipedia präsentiert sich Facebook mit Sicherheit als das breitenwirksamste Phänomen der Web-2.0-Revolution. Jenen Begriff prägte der US-Cyberspezialist und Computerbuch-Verleger Tom Reilly, als er 2004 in einer Entwicklerkonferenz ein Schlagwort für das Ende des passiven Surfens und den Beginn der User-Ära im Netz suchte.

Ungefähr drei- bis viermal täglich sehen die von profil befragten Teenies in ihre Online-Community; sehr vorsichtig unterschätzt verbringen sie eineinhalb Stunden am Tag mit ihrem „updating“.

Für Scheintote, also Repräsentanten der 40-plus-Generation, klingt vorangegangener Exkurs wie ein Ausflug in das wilde Absurdistan. Für die Altersgruppe der 13- bis 35-Jährigen zählt Facebook inzwischen nicht nur zum Lifestyle-Fixinventar wie für die Babyboomer der „Bravo“-Starschnitt, sondern zur kommunikativen Überlebensstrategie. Denn wer nicht drinnen ist, hat sich freiwillig zum sozial mausetoten Gebiet deklariert.

Und wer schon für eine Weile drinnen ist, aber nur unter hundert Freunde „geadded“ hat, sollte sein Persönlichkeitsprofil einem dringenden Relaunch unterziehen.

Rapide Expansion. Dennoch ist Facebook beileibe nicht nur das Vernetzforum und die Hormon-Börse wild pubertierender Teenager; fast 40 Prozent der weltweiten Benutzergemeinschaft bewegen sich im Altersschnitt zwischen 30 und 35 Jahren. „Freunde sind die Familie des 21. Jahrhunderts“, seufzte die „Sex and the City“-Protagonistin Carrie Bradshaw einst.

Und in Zeiten einer expansiven Scheidungsrate, wachsender Single-Kultur und eines stetig bedrohlicheren Existenzkampfes auf dem Schlachtfeld Karriere scheint das verunsicherte Individuum in der Gruppe nach jener Wärme zu suchen, die es in Beziehungen nicht zu finden imstande war.

Die Chancen, der sozialen Dynamik von Facebook auch nur irgendwie zu entgehen, sind in jedem Fall schwindend gering. Einer Einschätzung des US-Meinungsforschungsinstituts Forrester zufolge könnte das virtuelle Netzwerk bis Ende des Jahres weltweit 200 Millionen User zählen. Zu seinem Gründungszeitpunkt im Februar 2004 in einem Wohnheim der US-Eliteuniversität Harvard registrierte das Unternehmen gerade einmal 1500 Mitglieder. Gründer der nach MySpace (mit heutigem Stand über 200 Millionen User weltweit) am schnellsten expandierenden Online-Plattform ist ein 23-jähriger, melancholisch blickender Ex-Psychologiestudent namens Mark Zuckerberg, dessen Verachtung für das Establishment sich auch im Tragen von Adidas-Badeschlapfen bei Pressekonferenzen und anderen öffentlichen Auftritten manifestiert. Früher liebte er es auch, Visitkarten mit der Aufschrift „I’m the CEO ... you bitch“ an Kaufinteressenten zu verteilen.

Als der damals 19-jährige Sohn eines Zahnarztes und einer Psychologin neben seinem Studium an Computerprogrammen tüftelte, entstand die Idee zu einer Online-Variante jener Harvard-Tradition, die unter dem Begriff Facebook alljährlich an die Studenten des gleichen Jahrgangs verteilt wurde. In diesem Heftchen bekam jeder Gelegenheit, sich mit Fotos, Vorlieben, Ideologie und Hobbys zu präsentieren. Zuckerberg, seit seinem zehnten Lebensjahr im Erstellen von Programmen geübt, übertrug dieses Konzept ins Internet. Mit dem Vorteil, dass die Menschen hinter den „profiles“, so der Terminus für die Persönlichkeitsbeschreibungen, miteinander kommunizieren konnten.

Nur vier Monate nach dem Start der anfangs Harvard-spezifischen Plattform hatten schon vierzig weitere US-Universitäten Zugang zu Facebook. Firmen wie Microsoft und Siemens zogen mit betriebsinternen Netzwerken nach. So ein permanentes Gemeinschaftsgefühl kann – aus dem Blickpunkt des Arbeitgebers – für die Betriebspsyche eines international agierenden Konzerns durchaus nützlich sein. Ende 2006 wurde das revolutionäre Online-Netzwerk jedem Bewohner des globalen Dorfs zugänglich gemacht. Heute „poken“, „adden“ und „removen“ – unliebsame Freunde können auch entsorgt werden – weltweit 60 Millionen Facebook-User.

Die Voraussetzung für die Entstehung von „Cyberfamilias“, so die „New York Times“ über das virtuelle Hordensystem, ist denkbar einfach: Ein Mitglied bietet einem anderen die Freundschaft an, welche per Klick angenommen werden muss. Ab diesem Zeitpunkt werden die beiden virtuell zusammengeschmiedet und haben Zugang zu den jeweilig neu annektierten Freunden und Freundesfreunden.

Wahrung individueller Intimsphäre in dieser Cliquenstruktur war gestern.

Neues Beziehungstheater. Sollte ein Jeff befinden, dass seine Jennifer eine verfluchte Schlampe ist, dürfen an diesem Beziehungsmobbing alle Hordenmitglieder teilhaben. Wer mit und dann wieder gegen wen – was immer an rudelinternen Romanzen und Melodramen anfällt, wird auf dem virtuellen Dorfplatz per „News-Feed“ automatisch ausgeplaudert. Vorhang also auf für eine Reality-Soap, Marke Eigenbau. „Hier entsteht ein Beziehungstheater ganz neuen Typs“, konstatierte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Ein reich bebildertes Beziehungstheater, denn täglich laden die Facebook-Kommunarden 14 Millionen Fotos ins Netz. Das häufigste Motiv unter Teenagern dokumentiert das aufgeweckte Partytreiben des jeweiligen Rudels.

„Für Jugendliche gleicht Facebook einem Park oder Schulhof“, so die kalifornische Medienwissenschafterin Dannah Boyd, Leiterin mehrerer Studien über soziale Online-Netzwerke, „hier tun sie, was sie in jeder Art von Öffentlichkeit machen: herumhängen, rittern – um Beziehungen, den sozialen Status – und an ihrer Form der Selbstdarstellung arbeiten.“ Die Gefahr bestünde in der Grenzaufhebung zwischen „Privatheit und Öffentlichkeit“, so Boyd, „für den Umgang damit haben wir alle noch keine Sprache, keine Strukturen und keine sozialen Normen gefunden.“

Im vergangenen November wurde eine britische Erasmus-Stipendiatin im italienischen Universitätsstädtchen Perugia in ihrem Zimmer brutal ermordet. Die 21-jährige Meredith Kercher hatte eine rege Facebook-Existenz gelebt – sie hatte 188 Freunde registriert, unauslöschlich kursieren von ihr bis heute Fotos, die sie mit Theaterblut überströmt in einem Vampirkostüm zeigen. Die örtliche Polizei, die den Täter bis dato nicht stellen konnte, ist mittlerweile überzeugt, dass er innerhalb Kerchers Web-Gemeinschaft zu orten ist. Möglicherweise präsentiert dieser Fall ein tragisches Beispiel für Boyds These: Die ständige virtuelle Zugänglichkeit von Personen, wie sie in Facebook zum Alltag gehört, vermittelt eine Illusion, die in der Realität nicht eingelöst werden kann. Und somit die Gefahr von Frustrationen und in nächster Folge Aggressionen zur Konsequenz hat.

Generell ist der wesentlichste Unterschied von Facebook gegenüber den herkömmlichen User-Netzwerken wie MySpace jedoch die kontrollierte Überschaubarkeit, die jeder Teilnehmer über seine privaten Daten hat.

Da es sich eben um kein allgemein zugängliches Netzwerk für alle und jeden handelt, sondern um einen Zusammenschluss von zigtausenden, in sich abgeschlossenen Freundeskonglomeraten, bleibt die Information jeweils auf die entsprechende Gemeinschaft beschränkt.

Während auf MySpace exzessiv über Länder- und Sprachgrenzen hinweg geplaudert wird, konzentriert sich Facebook auf real existierende Gruppenformationen, welche die regionale Herkunft, den Besuch derselben Lokale, die gemeinsame Schule oder den gemeinsamen Arbeitgeber als bindenden Hintergrund haben.

Eine Freundschaftsinflation à la MySpace, wo besonders kontaktfreudige User gut und gern hunderttausende Kumpane ansammeln können, ist in Facebook nicht vorgesehen.

Im Zweifelsfall werden übereifrige Freundesammler von Facebook sogar darauf hingewiesen, sich doch bitte zurückzuhalten, weil dies dem Geist der Plattform widerspreche.

Denn Facebook zielt nicht auf die reine Masse, sondern die Qualität der Beziehungen – und damit auch der Informationen, die dort getauscht werden. „Anstatt mit massenhaft verschickter heißer Luft handelt Facebook mit konzentrierter, hochgradig persönlicher – und damit auch ziemlich wertvoller – Information“, so Zuckerberg, der sich gerne als Kreuzung aus neuem Bill Gates und sozialem Web-Messias apostrophiert sieht.

Das ist auch den großen Playern der Internetbranche keineswegs entgangen.

Noch bevor das Wunderkind mit Online-Werbung überhaupt nennenswert Geld verdiente, erhielt Zuckerberg Übernahmeangebote in unwahrscheinlichen Größenordnungen: Im Jahr 2006 bot Viacom 750 Millionen Dollar für Facebook, Yahoo wenig später sogar eine Milliarde – beide Angebote lehnte der damals 21-jährige Badeschlapfenträger mit nonchalanter Arroganz ab. Offenbar zu Recht: Microsoft zahlte im vergangenen Oktober 270 Millionen Dollar für einen Firmenanteil von 1,6 Prozent; potenziell entspräche Facebook also einem Verkehrswert von rund 15 Milliarden Dollar. Umgerechnet ist jeder User der Online-Sippenbildung also 300 Dollar wert.

Datenschutz-Proteste. Damit steigt allerdings auch der Druck, den großen Publikumserfolgen und den noch größeren Investitionen auch entsprechende Gewinne folgen zu lassen. Zwar erwirtschaftet Facebook mit Bannerwerbung inzwischen mehrere Millionen Dollar pro Monat, die erhoffte Gelddruckmaschine stellt dies aber beileibe noch nicht dar. Versuche, aus dem enormen Fundus an gespeicherten Benutzerdaten Kapital zu schlagen, schlugen bislang weitgehend fehl: Anfang November wurde etwa ein Programmzusatz eingebaut, der Facebook-Nutzern auch abseits der Plattform nachspioniert – und zum Beispiel alle Freunde eines Users automatisch über dessen Einkaufsverhalten bei Ebay informiert.

Nach heftigsten Protesten musste Facebook die automatisierte Mundpropaganda nach nur einem Monat zerknirscht zurücknehmen. Aber auch die bloße Verwendung von Nutzerdaten zu Werbezwecken – etwa wurden deklarierte U2-Fans besonders nachdrücklich über allfällige neue U2-DVDs informiert – steht im Kreuzfeuer der Kritik. Zuletzt kündigte die Europäische Union sogar an, solche Praktiken auf ihre datenschutzrechtliche Zulässigkeit hin überprüfen zu wollen.

Windows-Attacke. Zuckerberg, der Bill Gates insofern geschlagen hat, als er seine erste Dollarmilliarde mit 23, zumindest auf dem Papier, verdient hatte, sieht die wirtschaftliche Zukunft von Facebook in einer Entwicklung zu einem internetbasierten Betriebssystem und findet in nachvollziehbarem Größenwahn, dass die Tage von Windows bereits gezählt sind.

Schneller wird jedoch die Verlinkung mit anderen Medien stattfinden. Eine erste Zusammenarbeit mit dem US-Sender ABC fand vergangene Woche anlässlich der Vorwahlschlacht in New Hampshire statt, wo auf Facebook in der neuen Kategorie US-Politik erstmals statt Partygekreische ABC-Reporter ihre Wahlanalysen zur Diskussion stellten. In sehr naher Zukunft wird das Online-Network auch mit diversen Handyvertreibern verlinkt werden. „Im Mobiltelefon der Zukunft“, so Medienforscherin Danah Boyd, „sind soziale Netzwerke bereits eingebaut.“ In die Praxis umgesetzt wird das zum Beispiel so aussehen: Man betritt ein Lokal und wird via Handy sofort darüber informiert, welche Netzwerkmitglieder ebenfalls an der Bar abhängen.

Die Kassandrarufe der Pädagogen und Psychologen, dass die ständige Online-Präsenz der Teenies sich negativ auf ihre Fähigkeit, Freundschaften jenseits des virtuellen Raums zu pflegen, auswirken könne, werden jedoch immer virulenter. „Blödsinn“, erklärt der 17-jährige Facebook-User Danny, „ich habe zu all meinen Online-Freunden auch realen Kontakt. Es gibt keinen, den ich noch nicht einmal wirklich getroffen habe.“

Amerika hat es in diesem Fall schlechter. An der New York University wird erstmals ein Einführungskurs mit dem Titel „Facebook in the Flesh“ angeboten. Onlineverseuchten Erstsemestrigen soll dort ganz behutsam beigebracht werden, dass außerdigitale Kontaktaufnahme nicht zwingend wehtun muss. Im dazugehörigen Script steht zu lesen: „Lächeln Sie, und gehen Sie auf einen Menschen Ihrer Wahl zu!“

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer