Interview: „Absolut totalitäres Land“

Der Psychiater Alexander Asmolow über die autoritätshörigen Russen, die Sehnsucht nach dem Volksfeind und die „Farce“ der kommenden Wahl.

profil: Handelt es sich bei Iwan Rybkins Verschwinden um einen Einschüchterungsversuch oder um einen persönlichen Zusammenbruch?
Asmolow: Sein Mentor, der Exil-Oligarch Boris Beresowski, hat sich als Regisseur eine Figur gewählt, die er zum Oppositionspolitiker aufbauen wollte. Es erinnert an Lion Feuchtwangers „Falschen Nero“, der sich am Ende als echter Nero sieht und aus der vorgegebenen Rolle kippt. Wobei mir ebenso wenig klar ist wie allen anderen, ob die Idee, fünf Tage zu verschwinden, auf Beresowskis oder Rybkins eigenem Mist gewachsen ist.
profil: Könnten Rybkins wirre Stellungnahmen nach seiner Rückkehr nicht ein Hinweis darauf sein, dass er eingeschüchtert wurde?
Asmolow: Der Geheimdienst FSB wäre doch blöd, einen derart unwichtigen Kritiker unter solchen Mühen zum Schweigen zu bringen. Der FSB hat ruhigere Methoden, man hätte Rybkin ja auch die Zulassung zur Wahl verweigern können. Es ist vielmehr so, dass Präsident Putin bei diesen Wahlen aus kosmetischen Gründen ein paar echte Gegenkandidaten braucht. In Wahrheit sind diese Wahlen ja keine Wahlen. Das Parlament ist ein Sklavenhaus. Und Russland ist ein absolut totalitäres Land.
profil: Wieso sind die Russen so autoritätshörig, dass sie trotz furchtbarer Armut der Massen und einem andauernden Krieg mit den Tschetschenen immer noch zu 70 Prozent hinter ihrem Präsidenten stehen?
Asmolow: Die Russen wollen keine Gesellschaft sein, sondern Teil eines Staates. Putin wählen alle jene, die auf Macht und Nomenklatura und Sicherheit bauen, und die, die nach Theodor W. Adorno „autoritäre Personen“ sind. 80 Jahre lang wurde in Russland mit der Herausbildung dieser autoritären Persönlichkeit experimentiert. Auch davor wurden liberale Reformen schon immer mit totalitären Mitteln eingeführt, wie etwa von Peter dem Großen. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus wurden liberale Reformen ebenfalls wieder diktiert und nicht vom Volk gefordert. Boris Jelzin etwa hat die Todesstrafe gegen den Willen der Mehrheit ausgesetzt, weil Russland damals in den Europarat wollte. Anlässlich der jüngsten Bombenattentate wird die Einführung der Todesstrafe für die Drahtzieher der Anschläge leider wieder gefordert.
profil: Zwei Drittel der Russen zählen sich nach den jüngsten Umfragen zum Mittelstand. Kann man nicht erwarten, dass diese Bürger mehr und mehr nach politischer Partizipation und einer Zivilgesellschaft rufen?
Asmolow: Was heißt schon „Mittelstand“? Ich würde eher von einer Lumpenklasse sprechen. Das psychologische Profil entspricht leider auch nicht dem liberalen Bürgertum, das Sie aus dem Westen kennen. Der Homo sovieticus braucht einen Feind: Am Anfang war das der Kapitalist, unter Stalin dann der Volksfeind. Jetzt identifiziert Putin den Feind für das Volk: einen ethnischen Feind, den Tschetschenen. Obwohl sich die Tschetschenen nicht zum Metro-Anschlag bekannt haben, gibt es für die Bevölkerung überhaupt keinen Zweifel daran, wer schuld ist. Putin, so suggeriert der Präsident, ist der Retter vor dieser Gefahr. Alles eine Frage der Dramaturgie. So gewinnt man in Russland Wahlen – die eine komplette Farce sind.