Interview: „Alle Koalitionen haben ein Problem“

Salzburgs Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler über ihre Heimatstadt, ihren Traumberuf Journalismus und ihre Überlegungen bei der Wahl der neuen ORF-Führung.

profil: Frau Rabl-Stadler, ab sofort schwappt die Mozart-Welle über Salzburg. Was würde Mozart dazu sagen?
Rabl-Stadler: Er würde vor Begeisterung in den nächsten drei Stunden noch eine 23. Oper komponieren.
profil: Sie wollen sich in den kommenden Wochen seine 22 Opern ansehen. Wie lange werden Sie danach Mozart-abstinent bleiben?
Rabl-Stadler: Überhaupt nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass man sich an Mozart nicht satt hören kann. Es muss jemand Schweinsohren haben, wenn er das nicht mehr hören mag. Ich habe in meinem Leben sicher über fünfzigmal den „Figaro“ gehört und bin immer wieder zu Tränen gerührt.
profil: Da können Sie ja schon mitsingen.
Rabl-Stadler: Kann ich leider nicht. Ich bin eine schlechte Sängerin. Interessanterweise singe ich heute noch schlechter als früher.
profil: Was wäre Ihre Kunst, wären Sie eine Künstlerin?
Rabl-Stadler: Schauspielerin im Sprechtheater.
profil: Als ehemalige Journalistin könnten Sie ja auch zur Literatur tendieren.
Rabl-Stadler: Vielleicht kann ich es noch einmal unter Beweis stellen, dass ich fähig bin, ein gutes Buch zu schreiben.
profil: Ihre Memoiren?
Rabl-Stadler: Memoiren sind entweder fad, eitel oder sie verletzen andere Leute. Aber manchmal ärgere ich mich, dass ich nicht konsequent Tagebuch schreibe. Ich habe ja manchmal in Schulhefte geschrieben. Jetzt habe ich grad eines mit dem Eintrag gefunden, als ich mit Peter Rabl, der damals schon mein Freund war, bei Bruno Kreisky war und er uns die Olah-Geschichte aus seiner Sicht erzählt hat. Es war ein Winterabend im Bundeskanzleramt, es ist früh dunkel geworden, Kreisky hat das Licht nicht aufgedreht. Über den Museen ist rot die Sonne untergegangen. Das war einer der Momente, wo ich mir gedacht habe, wie gut geht es mir, dass ich mit so interessanten Menschen zu tun habe.
profil: Die gibt’s in der Festspiel-Zeit auch in Salzburg. Danach ist die Stadt für den Rest des Jahres ein Museum. Das Schicksal aller Festspiel-Städte?
Rabl-Stadler: Es ist das Schicksal vieler Festspiel-Städte, aber für Salzburg stimmt das nur bedingt. Wer kulturell interessiert ist, hat das ganze Jahr viel zu hören und zu sehen. In Galerien, Museen, in der Mozart-Woche, bei den Osterfestspielen, zu Pfingsten, bei den Kulturtagen und bei einer Alternativszene, die im Widerstand gegen die Festspiele groß geworden ist. Trotzdem stimmt es, dass es schon sehr ruhig wird, sehr kleinstädtisch. Und gerade die Kleinstadt ist oft schwer zu ertragen.
profil: Sie haben kürzlich die „Verramschung der Altstadt“ kritisiert, in der sich eine „Ballermann-Stimmung“ breit mache. Ist es so schlimm?
Rabl-Stadler: Ob Florenz, Venedig oder Salzburg – alle schönen Städte laufen Gefahr, von ihren Verehrern erdrückt zu werden. Ich würde am liebsten einen Zaun herum ziehen, dort schwarze Hosen und schwarze Leiberln ausgeben und sagen, nur so dürft ihr hinein nach Salzburg, weil es so grässlich ist, die Elefantengrößen mit Spaghetti-Trägern und Shorts zu sehen.
profil: Das traut sich die Kommunalpolitik nie.
Rabl-Stadler: Ich schätze unseren Bürgermeister, aber in einer Frage kommen wir nicht zusammen: Er glaubt, dass Kultur und Sport in Salzburg gleichrangig nebeneinander bestehen können. Und das glaube ich nicht. Es ist unmöglich, während der Festspiele ein Beachvolleyball-Turnier zu machen. Beachvolleyball passt überhaupt nicht hierher. Da geht es zu wie auf einem schlechten Kirtag. Das bringt uns gar nichts. Mir kommt vor, die Politik hat eine furchtbare Angst vor der Leere. Aber es schafft keine urbane Stimmung, wenn ich in einer Stadt Blumentröge hinstelle, wo keine hingehören. Die beste Möglichkeit, eine Innenstadt zu beleben, ist, dafür zu sorgen, dass wieder Einwohner reinkommen. Die hat man rausgeekelt durch zu starke Beschränkung des Verkehrs und zu wenig Parkgaragen.
profil: Wie kommen Sie eigentlich mit der roten Landeshauptfrau Gabi Burgstaller zurecht?
Rabl-Stadler: Meine Zusammenarbeit mit der Landeshauptfrau ist nicht bloß reibungslos, sie ist sehr konstruktiv. Wir verstehen uns auch menschlich sehr gut. Ich mag ihre Art, auf andere Leute zuzugehen. Das ist nicht gespielt. Sie sucht das Gespräch, und das hilft über ideologische Barrieren hinweg.
profil: Wie sehen denn die ideologisch unterschiedlichen Zugänge zu den Salzburger Festspielen aus?
Rabl-Stadler: Natürlich sind die Salzburger Festspiele mit ihrer Hochpreispolitik für einen sozialistischen Politiker problematischer als für einen liberalen. Aber auch der sozialistische Politiker tut sich im Fall Salzburg sehr leicht, weil wir ja eine Arbeitsplatzmaschine sind. Und wir kriegen im Verhältnis zu unserer Bedeutung und zu unserem Budget so wenig Subventionen wie sonst kein Kulturbetrieb.
profil: Um den Preis, dass Sie das ganze Jahr Leute anschnorren müssen. Ist das nicht manchmal ein wenig erniedrigend?
Rabl-Stadler: Wenn ich es für so etwas Schönes wie für die Festspiele mache, nicht.
profil: Sie haben immerhin ein Drittel der Kosten des Umbaus des Kleinen Festspielhauses erbettelt.
Rabl-Stadler: Mehr. Wir haben insgesamt 13 Millionen aufgetrieben und brauchen noch dringend weiteres Geld. Ich möchte daher die Politik warnen, den Bogen nicht zu überspannen.
profil: Außerdem gibt es Geschmacksgrenzen. Wer für eine der drei großen Bronzetüren auf der Balustrade 150.000 Euro spendet, bekommt eine Plakette mit seinem Namen neben der Tür. Das ist gewöhnungsbedürftig.
Rabl-Stadler: Stört Sie das? Das finde ich überhaupt nicht schrecklich. Wir haben am Anfang sicher Fehler gemacht. Gérard Mortier hat den großen Spender Alberto Vilar gebracht, der uns 42 Millionen Schilling gab. Damals hat Mortier in jedes Programm ein Bild von Vilar einlegen lassen, auf dem stand: Er subventioniert die Salzburger Festspiele. Das wollte Alberto Vilar von uns, aber das war natürlich ganz schrecklich.
profil: Der jetzige Hauptsponsor Donald Kahn hat für den Umbau immerhin fast fünf Millionen Euro hergegeben. Warum macht er das?
Rabl-Stadler: Wir haben ein großes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Ich habe ihn als junge Abgeordnete kennen gelernt. Ein Freund hat zu mir gesagt: Du, es gibt einen Amerikaner, der ist völlig vernarrt in Salzburg, er ist mit seiner 85-jährigen Mutter da, könntest du nicht einmal mit denen wohin fahren? Mein Mann Peter Rabl hat auf die zwei Babys aufgepasst, ich habe mir den Mercedes meiner Mutter ausgeliehen und bin mit den Kahns nach Fuschl gefahren. Ich bin schon immer ein bissl im Dienste des Tourismus gestanden. Dann hat er einmal 10.000 Schilling für die Festspiele gegeben, dann sind Jahre vergangen, und er hat 100.000 gegeben. Die Beträge sind immer größer geworden.
profil: Sie haben einmal gesagt, Ihre Zeit als Journalistin sei die glücklichste Ihres Lebens gewesen. Warum sind Sie nicht Journalistin geblieben?
Rabl-Stadler: Aus familiären Gründen. Ich war die Tochter des damaligen Generalintendanten Gerd Bacher und Frau des aufstrebenden Journalisten Peter Rabl. Österreich ist sehr klein, wir sind uns alle irgendwie im Weg gestanden. Und dass ich nicht ewig Kolumnistin bleiben, sondern auch einmal Chefredakteurin werden wollte, können Sie sich bei Kenntnis meiner Person denken. Die zweite Sache war, dass meine Mutter 1977 gesagt hat, sie könne das Geschäft nicht mehr alleine machen, wenn ich es nicht mache, müsse das Familienunternehmen verkauft werden. Aber ich halte den Journalismus für den schönsten Beruf, den es gibt. Beruf und Hobby waren für mich dasselbe. Ich möchte ja den ganzen Tag lesen und schreiben.
profil: In der Politik war es nicht so toll?
Rabl-Stadler: Bei Weitem nicht. Ich war eine zu eingefleischte Journalistin, um dieses Schwarz-Weiß-Denken aushalten zu können. Ich wollte nicht, dass die Opposition immer Unrecht und die Regierung immer Recht hat. Und dieses wahnsinnig langsame Durchsetzen. Ich habe mich gleich zu Beginn auf das Thema Teilzeitarbeit gestürzt, das mir als junge Mutter sehr nahe war. Wir haben dann die Teilzeit für pragmatisierte Bundesbeamte beschlossen. Franz Löschnak von der SPÖ war Beamtenstaatssekretär. Ich war bei der Verabschiedung des Gesetzes unglücklich, weil es halt ein Kompromiss war. Da hat Löschnak gesagt: Frau Abgeordnete, ich habe noch nie gesehen, dass jemand schon im ersten halben Jahr im Parlament ein Gesetz durchbringt, auf dem sein Name steht. Aber mir ging immer alles zu langsam.
profil: Wie gefällt Ihnen die Performance des jetzigen ÖVP-Bundeskanzlers?
Rabl-Stadler: Für mich ist Wolfgang Schüssel der beste Bundeskanzler. Ich fand auch seine Performance als EU-Vorsitzender perfekt. In den ausländischen Medien kommt das auch ganz toll weg, in den inländischen nicht. Schüssel ist der erste Kanzler seit Langem, der europaweit anerkannt ist.
profil: Ganz so war es nicht. Die ausländischen Medien haben die Inszenierung gerühmt, aber viele haben kritisiert, dass nichts weitergegangen ist.
Rabl-Stadler: Das finde ich realitätsfremd. Der Finanzminister hat die Mehrwertsteuer-Geschichte gut rübergebracht, Bartenstein hat den Kompromiss in dieser total festgefahrenen Dienstleistungsrichtlinie erzielt. Was soll denn ein kleines Land mehr erreichen?
profil: Gibt es eigentlich einen von Kultur durchdrungenen Politiker nach Ihrem Geschmack?
Rabl-Stadler: Wir haben einen Bundeskanzler, der so musisch ist wie kaum ein Politiker. Er ist eine Mehrfachbegabung, schreibt und zeichnet hervorragend, spielt mehrere Instrumente. Aber mir tut es leid, dass wir nur einen Staatssekretär haben und keinen echten Kulturminister. Ich bin überzeugt, dass sich Franz Morak als Minister anders entwickelt hätte denn als Staatssekretär.
profil: Sie haben als Journalistin und Politikerin viele Regierungskombinationen erlebt. Welche würde Ihnen denn für die nächste Regierungsperiode gefallen?
Rabl-Stadler: Regierungsformen sind sehr stark von den Persönlichkeiten geprägt. Ich möchte hier keine Wünsche und keine Anregungen abgeben, weil alle Koalitionen ein Problem haben: Warum sollen jene Politiker, die vor einem Jahr noch etwas völlig anderes wollten, jetzt umschwenken, nur weil sie in einer Koalition sitzen? Ich war immer eine Vertreterin des Mehrheitswahlrechts. Da gibt es eine Partei in der Regierung und damit klare Linien. Nachher kann man dann beurteilen, was durchgesetzt wurde.
profil: Alleinregierung wird es keine geben. Aber wäre Schwarz-Grün für Sie eine denkbare Konstellation?
Rabl-Stadler: Auf jeden Fall. Wir in Salzburg haben der Grün-Bewegung viel zu verdanken, etwa dass die Wiesen neben der Hellbrunner Allee nicht verbaut wurden, die die rot-schwarzen Baugesellschaften eben verbauen wollten. Aber in der Regierung mit der ÖVP geht es selbstverständlich nur mit einer Grün-Bewegung, die nicht am äußeren linken Rand angesiedelt ist.
profil: Als ORF-Stiftungsrätin haben Sie ja noch einen quasipolitischen Job. Wissen Sie schon, wen Sie Mitte August zum Generaldirektor wählen werden?
Rabl-Stadler: Ich werde die Persönlichkeit wählen, bei der ich den öffentlich-rechtlichen Auftrag am besten wahrgenommen fühle. Wir haben einen großen Fehler gemacht: Wir haben das Programmschema aus der Ära Zeilers einfach übernommen, das viel zu verwechselbar mit dem der kommerziellen Sender ist. Gerhard Weis und Monika Lindner sind diesen Weg leider weitergegangen. Ich habe immer zugestimmt und nur gesagt: Bringts mir bitte die Kultursendungen nicht mitten in der Nacht! Aber das waren Marginalien, man hätte viel früher sagen müssen, so geht das nicht.
profil: Die Forderung nach öffentlich-rechtlichem Profil und mehr Kulturzugewandtheit ist ja edel. Aber wie verträgt sich das mit den Erwartungen auf dem Markt?
Rabl-Stadler: Es ist eine ungeheure Vernaderung des öffentlich-rechtlichen Gedankens, wenn man immer so tut, als müsse öffentlich-rechtliches Fernsehen fad sein.
profil: „La Traviata“ können Sie halt nur einmal im Jahr übertragen, und das auch dann nur mit guter Quote, wenn die Frau Netrebko singt.
Rabl-Stadler: Sicher. Aber ich glaube an niveauvolle Unterhaltung. Der ORF produziert zu oft unter seinem Niveau. Da sind so viele kreative Leute, da muss mehr kommen. Ich verstehe auch nicht dieses blöde Credo mit den 12- bis 49-Jährigen. Nicht weil ich 58 bin. Aber es ist ja von der Werbebranche längst erwiesen, dass wir Älteren ein Riesenmarkt sind. Ich hab doch jetzt mehr Geld als damals, als ich meinen Kindern das Studium zahlen musste.
profil: Wählen Sie jetzt Monika Lindner noch einmal oder nicht?
Rabl-Stadler: Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich warte auf Vorschläge, ich möchte gerne sehen, wie das Programm und das Team aussehen.
profil: In der letzten Zeit sind einige Geschichten über Sie als begehrte Single-Frau erschienen.
Rabl-Stadler: Das ist ja ein tolles Kompliment in meinem Alter.
profil: In einem Magazin waren Sie sogar von Herren mit nacktem Oberkörper umringt.
Rabl-Stadler: Ja, in „News“. Das war nicht sehr gescheit von mir. Wir sind zufällig bei den Arbeitern vorbeigegangen, die für den „Jedermann“ aufbauen. Die sind mit nacktem Oberkörper dagestanden, weil es so heiß war. Der Fotograf hat mich gefragt: Lassen Sie sich da fotografieren? Und ich hab mich fotografieren lassen. Ich hab mich dann wirklich geniert, weil das nicht die Umgebung ist, in der sich ein Single fotografieren lässt.
profil: Was ist die passende Umgebung für einen Single?
Rabl-Stadler: Vielleicht ein gutes Buch?

Interview: Herbert Lackner